Als China-Missionar getragen von der Freude an Christus
Hudson Taylor (1832–1905)
„Verlaßt euch darauf: Gottes Werk auf Gottes Weise getan, wird nie Gottes Versorgung missen.“[1] Als Hudson Taylor diesen Satz schrieb, dachte er dabei an jegliche Art von Versorgung, die wir benötigen – Geld, Gesundheit, Glauben, Frieden und Kraft. Ich bete beim Schreiben dieses Artikels, dass du neue Perspektiven für dein Leben entdecken und erleben darfst – mehr Glauben, mehr Freude, mehr Frieden, mehr Liebe und so viel Geld, wie du benötigst, um Gottes Willen zu tun (vielleicht also auch gar keines).
All das beruht auf deiner Einheit mit Christus, wie es so schön in einem von Taylors Lieblingsversen zum Ausdruck kommt: „Mein Gott aber wird allen euren Mangel ausfüllen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus“ (Phil 4,19). Deshalb bete ich, dass du ein neues Abenteuer wagst, einen Dienst beginnst, von dem du bisher nur geträumt hast, trotz all deiner tatsächlichen oder vermeintlichen Unzulänglichkeiten – zur Ehre Christi.
Bekehrung und Ruf nach China
Hudson Taylor wurde am 21. Mai 1832 in einem frommen methodistischen Elternhaus in Barnsley (England) geboren. Mit siebzehn Jahren erlebte er durch die Gebete seiner Mutter eine dramatische Bekehrung. Vier Jahre später, am 19. September 1853, segelte Taylor mit der Chinese Evangelisation Society nach China. Sein Schiff legte nach fünfeinhalb Monaten in Shanghai an.
Er lernte die Sprache schnell. Während seiner ersten beiden Jahre in China unternahm er zehn ausgedehnte Evangelisationsreisen ins Landesinnere. Am 20. Januar 1858, nach fast fünf Jahren in China, heiratete er die Missionarin Maria Dyer. Ihre Ehe währte zwölf Jahre. Maria gebar ihm acht Kinder, ehe sie im Alter von 33 Jahren starb. Drei dieser Kinder starben bereits bei der Geburt und zwei weitere im Kindesalter. Jene, die das Erwachsenenalter erreichten, wurden allesamt Missionare der Missionsgesellschaft, die ihr Vater gründete – der China Inland Mission.
Ein entscheidender Moment
Fünf Jahre nach der Gründung seiner Missionsgesellschaft – der China Inland Mission – und in einer Zeit, in der Taylor wegen seiner Versuchungen und seines Versagens in der Heiligung ständig frustriert war, machte er eine Erfahrung, die alles veränderte. Bemerkenswert ist, was er in der Zeit vor dieser großen Wende erlebte. An seine Mutter schrieb er:
„Ich habe Dich oft darum gebeten, mich im Gebet zu tragen, … und jedes Mal ist es sehr nötig gewesen. Doch nie ist die Notwendigkeit größer gewesen. Ich wäre wohl schwach geworden und zusammengebrochen, wäre nicht der Herr mir besonders gnädig gewesen und wäre ich nicht getragen worden von der Überzeugung, daß die Arbeit des Herrn ist und daß er mit mir ist … Denn ich werde von einigen beneidet, von vielen verachtet, von manchen gehaßt, bekomme die Schuld zugeschoben für Dinge, mit denen ich nichts zu tun habe, der ich ein Neuerer der jetzt fest verankerten Missionsregeln bin, ein Gegner mächtiger Systeme und heidnischer Gebräuche und Aberglaubens, der ich in vieler Hinsicht in noch nicht dagewesenen Situationen gearbeitet habe mit wenigen erfahrenen Helfern. Oftmals war ich krank an Leib und Seele und von den Umständen in Mitleidenschaft gezogen. Doch der Kampf ist des Herrn, und er wird siegen.“[2]
Der Boden war bereitet für die entscheidende Wendung, die er am 4. September 1869 in Zhenjiang erlebte. Was an jenem Tag geschah, war nichts Kurzlebiges. Als er fast dreißig Jahre später darauf zurückblickte, war er immer noch dankbar für die bleibende Erfahrung:
„Wir werden niemals den Segen vergessen, den wir vor fast dreißig Jahren durch das Wort aus Johannes 4,14 empfangen haben: ‚Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, DEN WIRD IN EWIGKEIT NICHT DÜRSTEN‘. Als wir verstanden, dass Christus buchstäblich das meint, was er sagt – ‚wird‘ bedeutet wird, ‚nicht‘ bedeutet nicht und ‚dürsten‘ bedeutet dürsten –, da floss unser Herz vor Freude über und wir nahmen dieses Geschenk an. Mit welchem Durst hatten wir uns niedergesetzt! Und mit welcher Freude sprangen wir nun von unserem Platz auf und lobten den Herrn, dass die Tage des Dürstens allesamt vorüber waren, für immer vorüber!“[3]
Wir sollten uns hier vor jeglichem Zynismus hüten. Taylor war nicht naiv. Er sprach im Rückblick auf dreißig Jahre, in denen er teils sehr schwere Zeiten zu bewältigen hatte. Dass „die Tage des Dürstens allesamt vorüber waren“, bedeutete nicht, dass er sich nie mehr nach Jesus sehnte. Wir werden gleich darauf zurückkommen, was es bedeutete. Zunächst sollten wir uns aber einfach bewusst machen, dass durch diese Erfahrung sein ganzes Leben „revolutioniert wurde“, wie sein gründlichster Biograf schrieb.[4]
Gehalten durch die Einheit mit Christus
Die Erfahrung kam genau zur rechten Zeit. Das folgende Jahr, 1870, war das schwerste Jahr seines Lebens. Sein Sohn Samuel starb im Januar. Im Juli brachte Maria einen Sohn zur Welt, Noel, der zwei Wochen später starb. Um Taylors Leid auf die Spitze zu treiben, starb Maria am 23. Juli an der Cholera. Sie wurde nur 33 Jahre alt und ließ den 38-jährigen Taylor mit vier Kindern zurück.
Gott hatte Taylor diese außergewöhnliche Erfahrung, dass Christus in jeglicher Hinsicht genügt, offenbar nicht einfach als eine Art Sahnehäubchen auf dem Kuchen der Bekehrung geschenkt. Dieses Geschenk gab ihm die Kraft, das schlimme Leid, das ihn wenig später traf, zu überstehen und daran zu wachsen.
Ein Jahr später trat Taylor die Schiffsreise nach England an. Während seines Aufenthalts dort heiratete er am 28. November 1871 die Frau, mit der er nahezu den Rest seines Lebens verbringen sollte – Jennie Faulding. Die beiden waren 33 Jahre lang verheiratet. Jennie starb 1904, ein Jahr vor Taylors Tod.
Im Februar 1905 reiste Taylor ein letztes Mal nach China. Nachdem er dort einige Missionsstationen besucht hatte, starb er am 3. Juni in Changsha (Provinz Hunan) im Alter von 73 Jahren.
Im Jahr 2015 wurde das 150-jährige Bestehen der Missionsgesellschaft gefeiert, die Taylor gegründet hatte. Gab es um 1900 etwa hunderttausend Christen in China, so sind es heute wohl um die 150 Millionen. Dieses Wachstum ist Gottes Werk: Jemand pflanzt, ein anderer begießt, aber Gott gibt das Gedeihen (vgl. 1Kor 3,6). Dennoch ist es auch die Frucht treuer Arbeit. Taylor arbeitete länger und härter als die meisten. Seine Arbeit war getragen von der Einheit mit Christus. Deshalb wollen wir uns nun damit befassen, was diese Einheit für Taylor bedeutete.
Wie Schuppen von den Augen
Am 4. September 1869 – Taylor war 37 Jahre alt – fand er in Zhenjiang einen Brief von John McCarthy vor. Gott verwendete diesen Brief, um Taylors Leben grundlegend zu verändern. „Als mein Seelenkampf seinen Höhepunkt erreichte, war es ein Satz in einem Brief des lieben McCarthy, der dazu gebraucht wurde, mir die Schuppen von den Augen zu nehmen. Der Geist Gottes offenbarte mir die Wahrheit unseres Einsseins mit Jesus, wie ich es zuvor nie gesehen hatte.“[5]
Das Gebet aus Epheser 1,18 um „erleuchtete Augen eures Verständnisses, damit ihr wisst“, wurde erhört wie nie zuvor. Taylor schreibt: „Als ich das las, sah ich es plötzlich! … Ich blickte zu Jesus und sah (und als ich es sah, wie überströmte da die Freude!), daß er gesagt hatte: ‚Ich werde dich nie verlassen.‘“[6]
„Ich sah nicht nur, daß Jesus mich nie verlassen wird, sondern daß ich ein Glied an seinem Leibe bin, von seinem Fleisch und Blut. Der Weinstock besteht nicht nur aus der Wurzel, sondern ist alles: Wurzel, Stamm, Zweige, Schosse, Reben, Blätter, Blüten und Frucht. Und Jesus ist nicht nur all das, er ist auch der Ackerboden und Sonnenschein, Sauerstoff und Regenschauer und zehntausendmal mehr als das, was wir uns erträumt, gewünscht und gebraucht haben. Ach, die Freude, diese Wahrheit zu erkennen!“[7]
Taylor wurde die unaussprechliche Realität der Einheit mit Christus derart mächtig offenbart – als unverrückbare und herrliche Tatsache, die Sicherheit, Wonne und Kraft bedeutet –, dass sie sich ganz von selbst als wirkmächtig erwies. „Doch wie sollte der Glaube gestärkt werden? Nicht, indem man nach Glauben strebt, sondern indem man in dem Getreuen ausruht.“[8]
Jahrzehnte des Ruhens in Christus
Es ist wohlbekannt, dass Taylor beträchtlich von der Keswick-Bewegung und ihrer Sichtweise der Heiligung beeinflusst war, deren extremste Repräsentanten durchaus problematisch waren. Meiner Einschätzung nach gehört Taylor aber nicht zu diesen extremen Repräsentanten. Er wurde durch seine Bindung an die Bibel, seine lebenslangen Leiderfahrungen und seinen Glauben an die Souveränität Gottes vor den schlimmsten Auswüchsen der Keswick-Bewegung bewahrt.
Erstens war Taylor stark in der Bibel verwurzelt, sodass seine Interpretation dessen, was er erlebte, durch die Bibel gezügelt wurde. Das bedeutet, dass sein Glaubensleben in der Praxis nicht so passiv war, wie es in seinen Worten wirkte.
Im Laufe der Jahre mäßigte Taylor auch seine Formulierungen. Er hörte aber nie auf, darüber zu staunen, dass er wirklich mit dem Weinstock vereint war. Sein Leben war eine eindrucksvolle Bestätigung, dass Gott Mittel gebraucht, um unsere Erfahrung der Einheit mit Christus zu bewahren, zu vertiefen und zu intensivieren. Taylor selbst schreibt: „Gemeinschaft mit Christus erfordert, zu ihm zu kommen. Wer über seine Person und sein Werk nachsinnen will, muss die Gnadenmittel eifrig gebrauchen, insbesondere das betende Lesen seines Wortes. Viele schaffen es nicht, in ihm zu bleiben, weil sie sich daran gewöhnt haben, zu fasten, statt sich zu laben.“[9] Taylor begann, früher schlafen zu gehen und dafür morgens um fünf aufzustehen, „um zum Bibelstudium und Gebet Zeit zu haben (oftmals zwei Stunden), bevor er mit seinem Tagewerk begann“.[10]
Zweitens hatte Taylors lebensverändernde Erfahrung Bestand, weil er Leid als Gottes Werkzeug ansah, durch das Gott seine Erfahrung der Einheit mit Christus vertiefte und bereicherte.
Ein Weingärtner kümmert sich auf vielerlei Weise um seine Reben. Die eine Tätigkeit jedoch, die Jesus in Johannes 15 herausgreift, ist das Reinigen oder Zurückschneiden. Beides zielt darauf ab, die Verbindung der Rebe zum Weinstock zu pflegen und zu stärken, damit reiche Frucht entsteht. Taylor sagte:
„Erst wenn Gottes Gnade auf die Probe gestellt wird, zeigt sich ihre Schönheit und Kraft. All unsere Prüfungen durch unser eigenes Gemüt, Umstände, Anfeindungen, Krankheit, Enttäuschung oder den Verlust eines lieben Menschen verleihen dann dem Spiegel einen noch größeren Glanz, damit wir die Herrlichkeit und Glückseligkeit unseres Meisters noch umfassender und vollkommener widerspiegeln.“[11]
Drittens war die köstliche Einheit mit Christus für ihn eine bleibende Erfahrung, weil er von Gottes vollkommener Güte und Souveränität überzeugt war, welche sowohl sein Leid als auch seine Einheit mit Christus einschloss. Als er im Alter von 52 Jahren ans Bett gefesselt war und sich wie auf dem Abstellgleis fühlte, schrieb er: „Erkenne nun an, dass Gott ein uneingeschränkter Herrscher ist und das Recht hat, mit den Seinen zu tun, was ihm gefällt, und dass er dir vielleicht tausend Dinge nicht erklären wird, die du verwirrend findest in seinem Handeln mit dir.“[12]
Der Weingärtner darf alles und jeden so gebrauchen, wie es ihm gefällt, um seine geliebte Rebe zu reinigen (vgl. Joh 15,1–2).
Von Gottes Fülle erfüllt
In der Lehre von Keswick wurden sicherlich oft die Passivität im Streben nach Heiligung und eine besondere Krisenerfahrung der völligen Hingabe als Eintritt in das „Higher Life“ überbetont. Dennoch bezeugt Taylors Leben, dass es möglich ist, auch in schweren Zeiten mehr Frieden und mehr Freude zu erleben, sowie mehr Frucht zu bringen als die meisten von uns.
Vielleicht schenkt Gott dir – wie damals Hudson Taylor – einen entscheidenden Moment der Erkenntnis, der dich dein Leben lang begleiten wird, vielleicht lässt er dich diese Dinge aber auch mit der Zeit immer tiefer erkennen. Wie dem auch sei: Gib dich nicht mit weniger zufrieden als mit dem, was Paulus in Philipper 4 erlebte und wofür er in Epheser 3,19 betete: dass „ihr erfüllt werdet bis zur ganzen Fülle Gottes“. Hör nicht auf, dich nach dieser Fülle zu sehnen und nach ihr zu streben.
Wenn Hudson Taylor hier wäre, würde er sagen: „In Christus gehört es dir. Nimm es in Besitz. Freu dich daran. Wer weiß? Vielleicht lässt Gott durch dich einen Dienst entstehen, den es noch in 150 Jahren geben wird.“
1 Howard und Geraldine Taylor, Das geistliche Geheimnis Hudson Taylors, Bad Liebenzell: Verlag der Liebenzeller Mission, 2. Taschenbuchaufl., 1984, S. 86.
2 Taylor, Das geistliche Geheimnis, S. 110.
3 J. Hudson Taylor, Separation and Service, London: Morgan & Scott, [o.J.], S. 79.
4 A.J. Broomhall, The Shaping of Modern China, Bd. 2, Carlisle: Piquant Editions, 2005, S. 109.
5 Taylor, Das geistliche Geheimnis, S. 117.
6 Taylor, Das geistliche Geheimnis, S. 117.
7 Taylor, Das geistliche Geheimnis, S. 118.
8 Taylor, Das geistliche Geheimnis, S. 117.
9 Hudson Taylor’s Choice Sayings: A Compilation from his Writings and Addresses, London: Morgan & Scott, 2018, S. 2.
10 Taylor, Das geistliche Geheimnis, S. 114.
11 Days of Blessing in Inland China: Being An Account Of Meetings Held In The Province Of Shan-Si, &c, London: Morgan & Scott, 1887, S. 62.
12 Jim Cromarty, It is Not Death to Die: A New Biography of Hudson Taylor, Ross–shire: Christian Focus, 2014, S. 8.