Bibel und Theologie

Musik – eine Schöpfergabe Gottes

Artikel von Daniel Dangendorf
4. September 2026 — 9 Min Lesedauer

Seit jeher bringen Christen ihren Glauben im gemeinsamen Gesang zum Ausdruck. Der römische Schriftsteller Plinius etwa beobachtete als Zeitgenosse der frühen Christen, dass sie „sich an einem bestimmten Tage vor Sonnenaufgang zu versammeln und Christus als ihrem Gott einen Wechselgesang zu singen pflegten“.[1] Und nicht zuletzt erwarten wir als Christen aller Zeiten und Nationen den Tag, an dem wir vor Gottes Thron alle gemeinsam in das Lied des Mose und das Lied des Lammes einstimmen und bekennen: „Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr allmächtiger Gott!“ (Offb 15,1–4)[2]. An diesem Tag wird ein unfassbar einmütiger Wohlklang erklingen! Der gemeinsame Gesang ist im Gottesdienst der Moment, in dem die Gemeinde schon jetzt mit einer Stimme sprechen und singen kann und in dem die Einheit der Kirche hörbar wird.

Gottesgabe oder Gefahr?

Musik kann Menschen vereinen, aber manchmal auch entzweien. Die Kirchengeschichte bezeugt daher auch ambivalente Haltungen zur Musik. Manche scheuen sich etwa vor zu emotionsgeladener Musik, andere hingegen schütten ihre Seele vor Gott aus und gehen völlig darin auf, ihre Emotionen musikalisch zum Ausdruck zu bringen. In nahezu jedem kirchengeschichtlichen Streit um die (gottesdienstlich) angemessene Musik wird man beide Lager ausmachen können: Die einen erfreuen sich an den kreativen Möglichkeiten der Musik als Gottesgabe, andere wiederum beäugen die Entfaltung künstlerischer Freiheit kritisch und haben v.a. manipulierende Wirkungen der Musik im Blick. Doch wie kann uns die Schrift dabei helfen, mit Musik in einer guten und gesunden Art und Weise umzugehen?

Diese ambivalente Wahrnehmung von Musik lässt sich gut veranschaulichen anhand der Auslegungsgeschichte von 1. Mose 4. Die Bibel schreibt die Erfindung der Instrumente und weiterer kultureller Errungenschaften der Nachkommenschaft Kains zu und nennt Jubal als Stammvater der Instrumentenspieler (vgl. 1Mose 4,21). Während manche Ausleger bei den Nachkommen Kains eine ungesunde Kultur voller „Mehrweiberei“, „Musik in ihrem weltlichen Charakter“ und „Erz- und Eisenwerk zu offenbar unfriedlichem Gebrauch“[3] erblicken, deuten andere (wie z.B. Johannes Calvin[4]) diese kulturellen Errungenschaften zunächst als Ausdruck von Gottes allgemeiner Gnade und als Gottesgabe an die Nachkommen Kains. Letztlich bleibt die Urgeschichte aus Sicht vieler Ausleger hier ambivalent; einerseits entwickelt sich diese frühe Kultur nicht zum Guten (vgl. 1Mose 6,5ff.) und läuft in der Sintflut auf ihr Gericht zu, andererseits kann die Entdeckung des Erzabbaus und die Erfindung der Instrumente zunächst einmal positiv als Teil der Erfüllung des Schöpfungsauftrags Gottes an den Menschen gesehen werden (vgl. 1Mose 2,12).

Im Gegensatz zu anderen altorientalischen Kulturen verortet das Alte Testament die Entstehung der Musik bei den Nachkommen Kains zunächst ganz klar geschichtlich-kulturell und nicht innerhalb eines Götterpantheons.[5] Es gibt somit keinen unmittelbar göttlichen Musikstil und auch keine exklusiv göttlichen Instrumente. Doch ist die Musik damit ganz auf den Menschen zurückzuführen? Fehlt ihr wesentlich der Gottesbezug? Ist sie lediglich „ein weltlich Ding“, das völlig der kreativen Entfaltung des Menschen überlassen ist?

Menschenwerk oder Schöpfergabe?

Über weite Strecken der Kirchengeschichte waren Musiktheoretiker und auch Theologen einer anderen Überzeugung. Im Anschluss an u.a. Augustinus verstanden sie Musik als eine Gottesgabe. Wirkmächtig begründet wurde dieser Gedanke zudem mit einer Aussage aus dem apokryphen Buch Weisheit Salomos. Dort heißt es über Gott als Schöpfer (Weish 11,21): „Aber du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“ In der pythagoräisch und platonisch geprägten Musiktheorie der Antike und des Mittelalters bis hin in die Neuzeit galt die hörbare Musik als Abbild der Harmonie der Schöpfung, einer universellen „Sphärenharmonie“, wie sie etwa der lutherische Naturphilosoph und Wissenschaftler Johannes Kepler in seinem Hauptwerk Harmonices Mundi (1619) beschreibt.[6] Und auch wenn die für uns moderne Menschen äußerst spekulativ anmutende „Sphärenharmonie“ empirisch nicht belegbar ist, unterliegt das Phänomen des Tons und der Harmonie bis heute gültigen, grundlegenden physikalischen und mathematisch proportionalen Ordnungen von Gottes guter Schöpfung, deren Entdeckung dem Mathematiker und Philosophen Pythagoras zugeschrieben wird. Es wäre also zu kurz gegriffen, diesen Gedankengang im Buch der Weisheit gänzlich als apokryphe jüdisch-christliche Beanspruchung hellenistischer Philosophie abzutun. Gott ist auch in den Schriften des hebräischen Kanons ein Gott, der Maß nimmt, der allem sein rechtes Maß gibt.[7] Gott hält Ordnung: „Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage?“ (Jes 40,12). Und Hiob wird von Gott gefragt: „Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Messschnur gezogen hat?“ (Hi 38,4–5) Und diese Schöpfung, die von Gott Tag für Tag erhalten wird, verkündet mit unhörbarer Stimme seine Herrlichkeit und Ehre (vgl. Ps 19,1–7).

In der Musik aber wird die Herrlichkeit des Schöpfers, der die Welt in ihren Bahnen hält, hörbar. Ohne die mathematisch-physikalische Ordnung der Schöpfung, die hinter dem Phänomen der Harmonie steht, gäbe es keinen Wohlklang! Als Musiker darf ich mich auch an der wortlosen Instrumentalmusik erfreuen, in ihr ansatzweise die Herrlichkeit Gottes hören und erahnen, obwohl Gott in seiner Herrlichkeit der Unermessliche bleibt, ganz im Gegensatz zur Schöpfung, die den Unfassbaren nicht fassen kann und in der alles sein Maß und seine Grenze hat. Gottes gute Schöpfung ist Gabe an uns, ihm verdanke ich alles.[8] Ich darf die Gabe der Musik zu seiner Ehre gebrauchen, die Schöpfung zum Klingen bringen und Gottes Lob in all seiner Schönheit erklingen lassen. Die Musik verweist unweigerlich über sich hinaus auf den Schöpfer, den Erhalter und Ermöglicher aller Schönheit.

Selbstzweck oder Gotteslob?

Freilich unterliegt gerade unser Schaffen als Musiker der Gefahr, dass die Ehre nicht dem Schöpfer, sondern der Musik oder dem Musiker zufällt. Als Künstler erfreuen wir uns am Applaus des Publikums, das dankbar ist für ein schönes Konzert, eine besondere künstlerische Leistung oder für eine großartige Musik. Wenn diese Ehre aber dabei nicht zuallererst dem Schöpfer zukommt, wird die Musik schnell zum Selbstzweck. Augustinus bringt diese Gefahr in seinem berühmten Werk Über den Gottesstaat (De civitate Dei) in der grundlegenden Unterscheidung von uti (gebrauchen) und frui (genießen) zum Ausdruck, wenn er in seiner Auslegung der Geschichte von Kain und Abel festhält: „Die Guten gebrauchen nämlich die Welt, um Gott zu genießen, die Bösen wollen umgekehrt Gott gebrauchen, um die Welt zu genießen.“[9]

Auch die Musik soll und will als Teil von Gottes guter Schöpfung dem Genuss und der Anbetung Gottes dienen. Dass freilich die Nachkommen Kains auf lange Sicht daran scheiterten, die Gabe der Musik sowie ihre weiteren kulturellen Errungenschaften des Handwerks zu Gottes Ehre zu gebrauchen und den Schöpfer immer mehr aus dem Blick verloren, schmälert nicht die Gnade Gottes an den Nachkommen Kains und die gute Gabe der Musik als solche, sondern zeugt von der Einkrümmung unserer menschlichen Natur, die stets das Ihre sucht, anstatt den Blick auf den Schöpfer zu richten. Musik als Schöpfungsgabe und zugleich Kulturauftrag des Schöpfers anzunehmen, steht jeder Selbstverwirklichung des Künstlers und jedem Selbstzweck der Kunst diametral entgegen.[10] Ich darf als „Be-gabter“ zu Gehör bringen, was mir anvertraut ist, aber nicht mir gehört. Nicht nur im Hinblick auf die Rechtfertigung allein aus Gnade, sondern auch im Hinblick auf die eigene Existenz als schöpferisch tätiger Künstler, Poet oder kreativer Musiker gilt das Pauluswort: „Denn wir sind sein Werk [griech. poiēma], geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen“ (Eph 2,10). Nur im dankbaren Blick auf den, der sich selbst in Christus ganz uns schenkt und in dem die Schöpfung zur Ruhe kommt, findet die Musik ihr Ziel. Und in dieses immerwährende Lob der Schöpfung darf ich als Musiker voller Dank und Freude einstimmen, bis ich einst mit allen Glaubensgeschwistern vor Gottes Thron stehe.


1 Plinius, epistula X 96,7, zit. In Christoph Markschies. „Die Herausbildung des christlichen Liedes“, S. 211–229 in: Berliner Theologische Zeitschrift 2/2011 (Jh. 28), S. 215.

2 Alle Zitate aus der Schrift und aus den Apokryphen sind der Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart entnommen.

3 So formulieren es plakativ die lutherischen Theologen Wilhelm und Hans Möller, Biblische Theologie des Alten Testaments in heilsgeschichtlicher Entwicklung, Johannes Herrmann: Zwickau, 1938, S. 88f.

4 Johannes Calvin, Commentarii in quinque libros Mosis, Calvini Opera, Bd. 23, S. 99.

5 Vgl. Christoph Krummacher, Kirchenmusik, Neue Theologische Grundrisse, Tübingen: Mohr Siebeck, 2020, S. 301.

6 Vgl. ausführlicher zu Kepler Alister McGrath, Natural Philosophy. On Retrieving a Lost Disciplinary Imaginary, Oxford: Oxford University Press, 2023, S. 50ff.

7 Vgl. Karl-Wilhelm Niebuhr. „Die Sapientia Salomonis im Kontext hellenistisch-römischer Philosophie“, S. 219–256 in ders. (Hg.), Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), SAPERE 17, Tübingen: Mohr Siebeck, 2015, S. 252 ff. Niebuhr ist zuzustimmen, wenn er in einer aktuellen Analyse des Weisheitsbuchs differenziert die dezidiert alttestamentliche Prägung dieses Gedankens hervorhebt und sie nicht pauschal dem Hellenismus zuordnet, auch wenn das Weisheitsbuch darüber hinaus einige hellenistische Weiterführungen dieses Gedankens aufgreift (vgl. Weish 19,18).

8 Oswald Bayer verweist in dem Zusammenhang darauf, dass Martin Luther die Rechtfertigungslehre bewusst im ersten Glaubensartikel, der Lehre von Gott, dem allmächtigen Schöpfer, verortet. Schöpfung bleibt Gabe „ohne all mein Verdienst und Würdigkeit“, wie es Luther im Kleinen Katechismus im ersten Artikel formuliert (BSLK 511). Vgl. Bayer, Martin Luthers Theologie: Eine Vergegenwärtigung, Tübingen: Mohr Siebeck, 2015, S. 87ff.

9 Augustinus, De civitate Dei XV,7, zitiert aus Aurelius Augustinus. Über den Gottesstaat/De Civitate Dei, übersetzt von Carl Josef Perl. Zweiter Band. Paderborn: Schöningh, 1979, S. 17f.

10 Hier lässt sich nochmals an Bayer, Martin Luthers Theologie, S. 88, anknüpfen, der eindrücklich formuliert: „Das nicht nur in seiner existentiellen Tiefe, sondern auch kosmologisch und ontologisch in seiner Weite zu bedenkende rechtfertigende Schöpferwort Gottes widerspricht aufs schärfste dem allgemein menschlichen, besonders aber dem neuzeitlichen Willen zur Selbstkonstitution, zur Selbstverwirklichung.“