Leben als Christ

Der Tod des Iwan Iljitsch

Rezension von Benjamin Schmidt
3. September 2026 — 12 Min Lesedauer

Als ich gefragt wurde, ob ich eine kurze Buchbesprechung zu Leo Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch schreiben möchte, war ich zunächst unsicher. Von den großen russischen Klassikern kannte ich bisher nur einige der bekanntesten Werke Dostojewskis. Tolstoi hatte ich bislang gemieden. Ehrlich gesagt war es vor allem der schmale Umfang des Buches, der mich schließlich überzeugt hat.

Gereizt hat mich auch das Thema der Erzählung: das Sterben. Denn mal ganz ehrlich: Wer von uns beschäftigt sich schon gern intensiv damit? Als Christen erwarten wir die leibliche Auferstehung und das ewige Leben. Darum hat der Tod für uns einerseits seinen letzten Schrecken verloren. Andererseits hinterlassen Tod und Sterben auch bei uns tiefe Wunden. Das habe ich kürzlich wieder erlebt, als die 38-jährige Schwester einer meiner engsten Freunde starb – nicht plötzlich, nicht unvorbereitet und auch nicht ohne die Hoffnung auf Christus. Und trotzdem wurde schmerzlich deutlich: Auch für uns Christen bleibt der Tod ein Feind und wird niemals zum Freund.

In solchen Situationen frage ich mich immer häufiger: Wie werde ich mich verhalten, wenn ich weiß, dass die letzten Wochen oder Tage meines Lebens angebrochen sind? Dabei geht es nicht allein um die Frage: Was kommt danach? Als Christ habe ich darauf eine Antwort und eine Hoffnung, die stärker ist als der Tod. Ich hoffe, dass ich mich mit meinem ganzen Verstand und meinen Gefühlen auf die Zuverlässigkeit dieser Hoffnung verlassen werde. Der Punkt ist: Wir wissen erst, wie Sterben geht, wenn wir es am eigenen Leib erfahren.

Deshalb greift Tolstoi noch eine andere Frage auf: Wie werde ich auf mein Leben zurückschauen, wenn ich die letzten Tage oder Stunden davon erlebe? Werde ich sagen können: „Es war das, was es hätte sein sollen“?[1] Oder werde ich zu dem bitteren Schluss kommen, „dass ich alles zerstört habe, was mir beschieden ward, und nichts mehr gutmachen kann“?[2]

Zu eben diesem bitteren Schluss kommt Iwan Iljitsch, der Protagonist in Tolstois Erzählung. Der Tod des Iwan Iljitsch handelt nicht nur vom Sterben eines Mannes. Das Buch stellt die Sinnfrage, die vermutlich jeden Menschen betrifft: Was geschieht, wenn im Angesicht des Todes alle Antworten, mit denen wir bisher gelebt haben, mit einem Mal wie Seifenblasen zerplatzen?

Tolstoi beschreibt sehr eindrücklich die Furcht vor drei Dingen: vor der Sinnlosigkeit des Lebens, vor der Ausweglosigkeit des Todes und vor der Ungewissheit dessen, was danach kommt. Dabei zeigt er: Ein Leben ohne Gott kann äußerlich geordnet, angesehen und angenehm sein – und doch am Ziel vorbeigehen.

Ein ganz gewöhnliches Leben

Iwan Iljitsch ist ein ganz gewöhnlicher Mann. Interessanterweise beginnt die Erzählung nicht mit seinem Leben, sondern mit seinem Tod: Das erste Kapitel nimmt uns mit zu seiner Totenwache, wo wir erfahren, wie seine Familie, Freunde und Kollegen auf seinen Tod reagieren. Erst danach springt Tolstoi ungefähr 30 Jahre zurück und fasst einige Stationen von Iwans Lebensgeschichte zusammen. Der Literaturwissenschaftler Leland Ryken schreibt dazu: „Es ist, als könnten wir Iwans Leben nicht verstehen, ohne zuvor seinen Tod verstanden zu haben.“[3]

Iwan ist weder ein besonders schlechter noch ein besonders guter Mensch. Er ist gebildet, beruflich erfolgreich, gesellschaftlich angesehen, ordentlich und korrekt. Wahrscheinlich würden viele von uns sein Leben als anständig bezeichnen. Im Laufe der Erzählung bekommt dieses Bild allerdings einige Kratzer. Es zeigt sich, dass seine Ehe eher eine Zweckgemeinschaft ist. Sein Beruf als Jurist dient ihm mehr dazu, seine Stellung und Autorität zu steigern, als sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Seine Umgangsformen sind tadellos, aber angepasst. Iwan bleibt zwar treu – doch vor allem seinen eigenen Prinzipien und den Erwartungen seiner gesellschaftlichen Umgebung.

Seine zwischenmenschlichen Beziehungen sind oberflächlich und eher von Konventionen als von echter Zuneigung geprägt. Nur sein Sohn hegt eine starke Zuneigung zu ihm, während seine Tochter zunächst kaum Interesse zeigt und später nur noch Mitleid mit ihm empfindet. Das Schlechteste, was man über Iwan sagen kann, ist vielleicht, dass er ein angepasster Opportunist ist. Aber gerade das macht die Erzählung so glaubwürdig – und so unangenehm. Iwan ist vielen von uns ähnlicher, als wir es gern wahrhaben möchten. Auch wir kennen den Hang zum Materialismus, die Versuchung, Äußerlichkeiten über innere Werte zu stellen, und den Wunsch, Erfolg und Anerkennung zu gewinnen. Auch unser Geltungsdrang kann größer sein als unser Wunsch nach Wahrheit.

Ein Leben, das nicht trägt

Nach einem zunächst scheinbar unbedeutenden kleinen Unfall wird Iwan von immer stärkeren Schmerzen geplagt. Sein Leben nimmt plötzlich eine ernste Wendung: Er ist unheilbar krank. Der Gedanke an die Sterblichkeit war ihm zwar nicht fremd, aber innerlich hatte er ihn nie auf sich selbst bezogen. Tolstoi verdeutlicht das anhand eines bekannten logischen Schlusses: „Cajus – alle Menschen sind sterblich; Cajus ist ein Mensch; also ist Cajus sterblich.“[4]

„Cajus“ steht für die Menschen im Allgemeinen, nicht aber für Iwan selbst – jedenfalls empfindet er es so. Schließlich ist er kein beliebiger Mensch. Er hat eine unverwechselbare Lebensgeschichte und Erinnerungen an seine Kindheit. Das alles kann doch nicht einfach einem statistischen Todestag weichen und spurlos ausgelöscht werden. Nun stellt sich für Iwan nicht mehr nur die Frage, ob und wie er sterben wird. Zum ersten Mal fragt er sich, ob er überhaupt richtig gelebt hat.

Während der langen Tage auf seinem Krankenlager lässt Iwan sein Leben Revue passieren. Mit einem Mal beginnen „all die früheren, scheinbaren Freuden [sich] vor seinen Augen … in etwas völlig Geringfügiges und häufig sogar Widerwärtiges“[5] zu verwandeln. Im Rückblick erscheint ihm sein Leben nicht deshalb schrecklich, weil es außergewöhnlich böse oder verdorben gewesen wäre, sondern weil es so erschreckend gewöhnlich war. Er hatte für das gelebt, was gesellschaftlich akzeptiert war und ihm selbst vorteilhaft erschien – aber nie für das, was wahr, edel oder von bleibendem Wert gewesen wäre.

Als sich Iwan schließlich fragt: „War mein Leben vielleicht nicht das richtige?“, bricht seine bisherige Welt zusammen. Der Tod bedroht nicht nur seine Zukunft, er stellt auch seine Vergangenheit infrage. Wenn das Leben lediglich aus Karriere, Anstand, Komfort und gesellschaftlicher Anerkennung bestand – was bleibt dann, wenn all das weggenommen wird? Iwans Todesangst ist deshalb nicht bloß die Angst vor dem Nicht-mehr-Sein. Sie ist zugleich die Angst, nie wirklich gelebt zu haben.

Der Theologe Helmut Thielicke schreibt, dass „das Verständnis des Todes entscheidende Konsequenzen für das Verständnis des Lebens, des Menschen, der Welt in sich“[6] hat. Genau darin liegt die Stärke von Tolstois Erzählung. Sie zeigt, dass ein Leben äußerlich gut aussehen und dennoch leer und ohne bleibende Bedeutung sein kann. Dass ein Mensch „die ganze Welt gewinn[en] und [doch] sein Leben verlier[en]“ (Mk 8,36) kann.

Die vergebliche Verdrängung des Todes

Ohne Gott kann ein Mensch vieles erreichen – aber er findet keinen festen Grund, auf dem er sein Leben loslassen und dem Tod entgegengehen kann. Als Iwan die Ausweglosigkeit seiner Lage erkennt, verliert er jeden Halt. Nichts von dem, was er sich aufgebaut hat, hilft ihm jetzt: weder seine Bildung noch sein gesellschaftliches Ansehen noch die sorgfältig eingerichtete Wohnung, die für ihn nun zu einem Ort des Leidens wird.

Die Ärzte reden professionell, geben ihm aber keine wirkliche Antwort. Seine Familie ist von seinem Leid überfordert, weicht ihm aus und versucht, einen möglichst normalen Alltag aufrechtzuerhalten. Alle spielen stillschweigend bei der Lüge mit, Iwan sei lediglich krank und müsse nur die richtige Behandlung finden. Niemand möchte aussprechen, was er längst weiß. So wird Iwan in seinem Sterben immer einsamer.

Tolstoi vergleicht seine Einsamkeit und Todesangst mit dem Gefühl, in einen schwarzen Sack hineingezogen zu werden. Iwan gerät in eine dunkle Enge, der er nicht ausweichen und aus der er sich nicht befreien kann. Dieses Bild ist so eindrücklich, weil es den Tod nicht als sanften Übergang beschreibt, sondern als Dunkelheit, Beklemmung und völligen Kontrollverlust.

Iwan empfindet hier etwas von dem, was selbst ein Gläubiger, der den Herrn liebt und ihm vertraut, in Psalm 116,3 so beschreibt: „Die Fesseln des Todes umfingen mich und die Ängste des Totenreichs trafen mich; ich kam in Drangsal und Kummer.“ Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, dass ein Christ solche Angst niemals kennt. Er liegt darin, dass der Gläubige in seiner Angst weiß, zu wem er rufen kann: Gott ist da und hört.

Die Unausweichlichkeit des Todes

Mitten in Iwans Einsamkeit tritt Gerasim, sein Diener. Er ist einer der wenigen Menschen, die Iwan nicht belügen. Während die anderen um den Tod herumreden, die Wahrheit vermeiden oder sich selbst vor Iwans Leiden schützen, dient Gerasim ihm auf ganz schlichte, ehrliche und barmherzige Art. Er hält stundenlang Iwans Beine, um seine Schmerzen zu lindern, und weicht dem Sterbenden nicht aus.

Gerasim kann helfen, weil er den Tod nicht verdrängen muss. Er weiß selbst um die Unausweichlichkeit des Todes und hofft, dass er, wenn er selbst einmal im Sterben liegt, von jemand anderem dieselbe Fürsorge erfahren wird, die er Iwan entgegenbringt:

„‚Alle werden wir sterben. Warum sich nicht ein bisschen Mühe geben?‘ Das sagte er und drückte damit wohl aus, dass die Mühe ihm darum nicht lästig fiele, weil er dies alles da für einen Sterbenden täte und hoffte, dass einst, wenn ihm sein Stündlein schlüge, jemand ihm ein Gleiches erweisen würde.“[7]

Gerade dieses Bewusstsein macht ihn nicht gleichgültig, sondern barmherzig. In Gerasim begegnet Iwan zum ersten Mal einem Menschen, der ihn nicht als Störung, Belastung oder peinliche Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit betrachtet. Gerasim sieht schlicht einen leidenden, verängstigten und sterbenden Mann – und hat Mitleid mit ihm. Darin verkörpert er etwas zutiefst Christliches: die Bereitschaft, beim Leidenden auszuharren und seine Last mitzutragen.

Ein bewegendes, aber unvollständiges Ende

Am Ende geschieht in Iwan eine innere Wendung. Noch während er in das tiefe Loch des Sterbens hinabstürzt, wie ein zum Tode Verurteilter in den Händen des Henkers kämpft, wohl wissend, dass es keine Rettung gibt, leuchtet etwas auf. Und zwar in dem Moment, in dem sein Sohn, der sich heimlich ins Zimmer geschlichen hat, seine Hand nimmt und sie küsst. Als er in das tränenüberströmte Gesicht seines Sohnes schaut, weicht die Dunkelheit dem Licht, und die Todesangst verliert ihre Macht. Es ist wie ein moralisches und inneres Erwachen. Iwan erkennt, dass sein Leben nicht richtig gewesen ist. Zum ersten Mal weicht sein Selbstmitleid dem Mitleid mit seiner Frau und seinem Sohn. Zum ersten Mal kreist er nicht mehr ausschließlich um sich selbst. Er sieht nun auch ihr Leiden und sehnt sich danach, nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie von seinem Leid zu befreien. Von diesem Moment an wird der Todeskampf für Iwan leichter. Die Todesangst ist verschwunden, „weil auch kein Tod mehr da war.“[8] An seiner Stelle waren Licht und Freude.

Der Schluss ist bewegend. Aber aus christlicher Perspektive bleibt er meines Erachtens unvollständig. Iwans Hoffnung richtet sich niemals ausdrücklich auf Christus, auf die Vergebung der Schuld und die Hoffnung der Auferstehung.

Für Iwan verliert der Tod seine Macht, als er von sich selbst weg auf andere blickt. Als er feststellt, dass sein Leben eben nicht sinnlos war, weil es Menschen gab, die ihn lieben und die seine Qual teilen.

Der Tod verliert seine Macht nicht dadurch, dass ein Mensch im letzten Augenblick zu einer tieferen Einsicht über vergängliche Dinge gelangt – so wichtig und tröstlich sie auch sein mögen. Er verliert seine Macht, weil Christus „dem Tod die Macht genommen hat und Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium“ (2Tim 1,10).

Dennoch zwingt Tolstoi seine Leser, dem Tod ins Gesicht zu sehen. Er bewahrt uns davor, uns vorschnell mit einfachen, vorgefertigten Lebensweisheiten zufriedenzugeben. Allerdings bleibt er die entscheidende Antwort auf Iwans verzweifelte Frage letztendlich schuldig: Was ist, wenn ich wirklich nichts mehr von dem wiedergutmachen kann, was ich in meinem Leben getan habe?

Die christliche Antwort lautet: Ich muss es nicht selbst wiedergutmachen, um vor Gott bestehen zu können. Der Tod ist ein Feind – aber ein besiegter Feind. Der Mensch muss weder verdrängen, dass er sterben wird, noch versuchen, sich durch ein anständiges Leben selbst zu rechtfertigen. Er darf zu Christus fliehen, der für Sünder starb und auferstand. Selbst wenn wir erkennen, dass die Folgen unserer Schuld uns überdauern, dürfen wir uns an Christus klammern und darauf vertrauen, dass wir in ihm von aller Schuld befreit sind. Seine Gnade währt ewig – unsere Schuld hingegen nicht.

In diesem Sinne stellt Tolstois Erzählung am Ende jedem Leser die Frage: Was für ein Leben trägt, wenn der Tod kommt? Die christliche Antwort lautet: nur ein Leben, das nicht auf Ansehen, Leistung, Besitz oder Selbsttäuschung gebaut ist, sondern auf Christus. „Als letzter Feind wird der Tod beseitigt“ (1Kor 15,26). Darum darf der Christ mit Paulus sagen: „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!“ (1Kor 15,57).

Um sich auf diese atemberaubende Botschaft neu zu besinnen und sich der eigenen Vergänglichkeit zu stellen, empfehle ich jedem, einen freien Tag mit Iwan Iljitsch zu verbringen: ihm in seinen letzten Stunden Gesellschaft zu leisten – und dabei zu bedenken, dass auch wir einmal sterben werden, auf dass wir klug werden.


1 Leo Tolstoi, Der Tod des Iwan Iljitsch, Ditzingen: Reclam, 2022, S. 89.

2 Tolstoi, Der Tod des Iwan Iljitsch, S. 85.

3 Leland Ryken, Christian Guides to the Classics: The Death of Ivan Ilych, online unter: https://www.thegospelcoalition.org/course/christian-guides-classics-death-ivan-ilych/#introduction-and-chapter-1-life-without-meaning (Stand: 07.08.2026).

4 Tolstoi, Der Tod des Iwan Iljitsch, S. 56.

5 Tolstoi, Der Tod des Iwan Iljitsch, S. 79.

6 Thielicke, Helmut, Tod und Leben, Tübingen: Mohr Siebeck, 1946, S. 9.

7 Tolstoi, Der Tod des Iwan Iljitsch, S. 66.

8 Tolstoi, Der Tod des Iwan Iljitsch, S. 90.