Zu Besuch in Spurgeons Gottesdienst
Ein beeindruckender Erlebnisbericht
„Jeder will Mr. Spurgeon predigen hören – wenigstens einmal.“
So begann Henry C. Potter seinen Bericht über einen Sonntagabend im Metropolitan Tabernacle im Jahre 1877. Potter war nicht nur irgendein Beobachter: Er war Pfarrer der Grace Church in New York und schrieb über sein Erlebnis einen Bericht für Frank Leslie’s Sunday Magazine. Der Artikel war in Vergessenheit geraten, aber ein Freund, der zu Spurgeon forscht, hat ihn wiederentdeckt und mir zugeschickt.
Potters Bericht ist eine der anschaulichsten Beschreibungen aus erster Hand, die mir von Spurgeon in seiner Blütezeit begegnet sind. Man hat das Gefühl, selbst dabei zu sein – in der Pferdedroschke, vor dem Eingang, eingeengt in der Kirchenbank, während man 7000 Stimmen beim Singen zuhört. Am Ende seines Kommentars fasst Potter Spurgeons Predigtkraft in drei Wörtern zusammen, die mir im Gedächtnis geblieben sind.
Der Hinweg und das Gebäude
Das Metropolitan Tabernacle lag weit entfernt von den Unterkünften, in denen die meisten London-Besucher für gewöhnlich wohnten. Man musste die Themse überqueren und sich durch das von Dickens verewigte Viertel rund um die Taverne „Elephant and Castle“ hindurchschlängeln, bevor man vor einem gewaltigen steinernen Bauwerk ankam: 63 Meter lang, 32 Meter breit und vom Boden bis zur Laterne 27 Meter hoch. Es bot mit zwei Rängen von Emporen Platz für 7000 Besucher. Als Potter an einem trüben, diesigen Londoner Abend dort zu Besuch war, war jeder Platz besetzt.
Der Innenraum hatte die Form eines langgestreckten Ovals und war so gestaltet, dass jeder Platz „fast gleich gut zum Sehen und Hören“ war und der Pastor „mitten in seine Zuhörerschaft“ gerückt wurde. Potter fand seinen Weg zu einem reservierten Platz (den er sich, wie er feststellte, durch eine Spende gesichert hatte, die er auf dem Weg nach drinnen an Spurgeons Waisenhaus geleistet hatte) mit freiem Blick sowohl auf die Bühne als auch auf die Gemeinde. Es war eine gute Investition, wie sich herausstellte.
Die Menschenmenge, der Gottesdienst, die Gebete
Was Potter als Nächstes beschreibt, wirkt fast wie eine Filmszene. Zuerst treffen die regulären Gemeindeglieder nach und nach ein, einzeln und in Gruppen. Dann öffnen sich die großen Türen. Die Menschenmenge, die sich auf der Eingangstreppe versammelt hat, strömt herein, „einer schwarzen, fließenden Masse gleich, die sich in eine verschlungene Form ergießt und sich durch deren gewundene Windungen ihren Weg bahnt, bis jede Nische, jeder kleine Zwischenraum dicht gefüllt zu sein scheint“. Im selben Moment gehen die Gaslampen an, und zum ersten Mal offenbart sich die ganze Unermesslichkeit des Gebäudes.
Dann erschien Spurgeon selbst und stieg zusammen mit einem Amtskollegen die Treppe hinauf. Er bewegte sich, sichtlich beeinträchtigt von Gicht, nur mühsam zu seinem Platz. Während des Gebets stand er, mit einem Knie auf einen Stuhl gestützt.
Zwischen den Liedern las Spurgeon die Stelle aus dem Johannesevangelium vor, die von der Begegnung Christi mit Maria Magdalena nach der Auferstehung berichtet. Er lieferte dazu laufend Erläuterungen, was Potter als den beeindruckendsten Aspekt des gesamten Gottesdienstes empfand. Es lag, so schrieb er, „eine einzigartige Scharfsinnigkeit in seinen Kommentaren, und die treffende Wortwahl ließ eine feine Bedeutungsnuance besonders deutlich hervortreten“. Potter wünschte sich, er könne „den Geist der Zärtlichkeit und Ehrfurcht“ einfangen, „der über allem lag“.
Dann folgte ein kurzes Gebet – „nicht ausufernd [und doch] umfassend“ und bodenständig. Es war kein vorformuliertes Gebet, aber auch kein spontanes. Es war ein gut formuliertes Gebet, bemerkte Potter, „das unerwarteterweise frei von allem war, was selbst den etwas anspruchsvollen Geschmack eines Liturgikers hätte verletzen können“. Nach einem Kirchenlied folgte die Predigt.
Die Predigt
Spurgeon betrat die Kanzel unter körperlichen Schmerzen. Während er predigte, stellte er Stühle zu beiden Seiten auf und stützte sich schwer auf sie.
Der Text war Psalm 42, das Thema geistliche Niedergeschlagenheit. Potter räumt ein, dass nichts an der Predigt originell war. Die Kraft lag in der „Unmittelbarkeit der Veranschaulichung, der eher konkreten als abstrakten Darstellung der Wahrheit sowie der Mischung aus Kraft und Sanftheit, mit der der Prediger nacheinander die alltäglichen Sorgen und Entmutigungen im Leben seiner Zuhörer skizzierte“. Spurgeon schien in dieser Phase seines Dienstes nur zwei Bücher zu lesen: „Das Buch der menschlichen Natur und die Bibel. Aber mit beiden war er offensichtlich bestens vertraut.“
Dann war da noch die Stimme – „klar, durchdringend und überzeugend“ –, die einen „trompetenhaften Klang“, wie Potter es nannte, mit einem Ton der Fürbitte und des Pathos verband. Und natürlich war da der Mann selbst: Spuren körperlichen Leidens zeichneten sein Gesicht, das nichtsdestotrotz „einen Ausdruck schlichter, ungekünstelter, zärtlicher Ernsthaftigkeit“ trug, „der einen sofort ergriff“. Niemand, der ihn beobachtete, konnte daran zweifeln, schrieb Potter, dass er „ein Mann war, der ganz in seiner Arbeit aufging, ohne dabei an sich selbst zu denken“. Das ist es, was Potter die Echtheit des Mannes nennt.
Drei Wörter
„Die Kraft von Mr. Spurgeon schien vorrangig in seiner Direktheit, seiner Überzeugungskraft und seiner Echtheit zu liegen. Ich denke, man wird zugestehen, dass dies ‚Kennzeichen‘ einer guten Predigt sind, wo immer sie gehalten wird.“
Direktheit. Überzeugungskraft. Echtheit.
Kein auffälliges Äußeres. Kein offensichtliches Genie. Keine besondere Beredsamkeit. Keine theologische Raffinesse. Was dieses Gebäude Woche für Woche füllte – was Bischöfe, Skeptiker und die arbeitende Unterschicht Südlondons gleichermaßen anzog –, war ein Prediger, der direkt sprach, der seine Zuhörer bewegen (und nicht nur informieren) wollte und der echt war. Die Gemeinde spürte, dass der Mann hinter der Predigt jedes Wort, das er aussprach, auch so meinte.
Spurgeons Worte hatten Gewicht, weil er tatsächlich derjenige war, der er zu sein vorgab.
Ein bleibender Eindruck
Potter schließt mit einer Beschreibung des Gemeindegesangs, bei dem Tausenden Stimmen in nahezu perfektem Einklang und Takt ein neues Kirchenlied Vers für Vers beigebracht wurde, bis die gesamte Versammlung es verinnerlicht hatte und „mit dem ‚Schwung‘ und der Inbrunst einer marschierenden Schar“ sang. Er kommt zu dem Schluss, dass Spurgeon es wert sei, gehört zu werden, dass aber gleich nach Spurgeon der Gesang seiner Gemeinde komme.
Diese letzte Beobachtung gefällt mir sehr gut. Die Kraft des Predigers führte zum Lobpreis der Gemeinde. Ist es nicht genau das, wonach sich jeder Prediger sehnt? Sich so sehr in die Predigt zu vertiefen, dass man sich selbst vergisst, und dabei eine überfließende Quelle der Wahrheit zu sein, die über die Zuhörer hinwegströmt, die wir anflehen und zu überzeugen suchen? Und das alles in der Hoffnung, dass sich all die Wasser der Wahrheit wieder sammeln, um schließlich als Fontäne des Lobpreises neu hervorzubrechen.
Ich bin dankbar, dass Potter diese Eindrücke niedergeschrieben hat. Das Porträt dieses Predigers hat mich beim Lesen des Berichts tief bewegt. Nur sehr wenige von uns werden jemals eine derart große Versammlungshalle füllen, aber alle, die zum Predigen berufen sind, können danach streben, direkt, überzeugend und vor allem echt zu sein.