Der Lohn treuer Haushalterschaft
Vielleicht hat der Titel dieses Artikels dich schon stutzig gemacht. „Lohn?“ Wovon ist hier die Rede? Protestanten – besonders aus der reformierten Tradition – reagieren auf das Wort „Lohn“ oft geradezu allergisch. In der mittelalterlichen und auch in der heutigen römisch-katholischen Theologie werden „Lohn“ und „Verdienst“ weitestgehend synonym verwendet. Dabei unterscheidet sie traditionell zwischen zwei Arten des Verdienstes: dem Verdienst aus Billigkeit (meritum de condigno) und dem Verdienst aus Angemessenheit (meritum de congruo).
Man könnte es sich so vorstellen: Jemand kauft ein Haus und bezahlt den vollständigen Kaufpreis. In einem strengen Sinn hat er sich das Haus verdient. Bringt er dagegen nur den größten Teil des Kaufpreises auf und erhält Unterstützung für den Rest, könnte man von einem Verdienst aus Angemessenheit (de congruo) sprechen. Der Katechismus der römisch-katholischen Kirche greift den Gedanken des Verdienstes aus Angemessenheit auf, um zu begründen, dass gute Werke notwendig sind, um das Heil zu erlangen oder zu verdienen – wobei Christus den größten Teil dazu beiträgt.
So erklärt der Katechismus zunächst, dass es „von seiten des Menschen kein Verdienst im eigentlichen Sinn [gibt]“, „denn wir haben alles von ihm, unserem Schöpfer, empfangen“. Zugleich erklärt er weiter, dass der Mensch etwas vor Gott verdienen kann, nachdem Gott zuvor in seiner Gnade gehandelt hat, und beruft sich dabei sogar auf Augustinus: „Die Verdienste sind Geschenke Gottes.“ Und weiter: Obwohl „niemand die erste Gnade verdienen [kann], aus der die Bekehrung, die Vergebung und die Rechtfertigung hervorgehen“, können Gläubige „vom Heiligen Geist und der Liebe dazu angetrieben, … uns selbst und anderen die Gnaden verdienen, die zu unserer Heiligung, zum Wachstum der Gnade und der Liebe sowie zum Erlangen des ewigen Lebens beitragen.“
Man beachte, wie das Heil hier in zwei Stufen verstanden wird: Es beginnt mit der Gnade und wird schließlich durch die vom Heiligen Geist gewirkten guten Werke vollendet. Die Gnade Gottes befähigt den Menschen also dazu, sich das ewige Leben angemessen zu verdienen, anstatt ihm das Heil von Anfang bis Ende als freie Gabe zu schenken. Alle Gläubigen müssen „mit der Gnade Gottes“ ausharren, um „die Freude des Himmels zu erlangen, als Gottes ewiger Lohn für die mit der Gnade Christi vollbrachten guten Werke“. Beachte, wie schnell „Verdienst“ zum Synonym für „Lohn“ wird. Sogar das Glossar im Anhang des römisch-katholischen Katechismus definiert „Verdienst“ als „den Lohn, den Gott denen verheißt und gibt, die ihn lieben und aus seiner Gnade gute Werke tun“. Kein Wunder, dass die reformierte Tradition sowohl den „billigen“ als auch den „angemessenen“ Verdienst zurückweist und so viele schon beim Klang von „Lohn“ zurückschrecken.
Gnade und Verdienst sind Gegensätze, die einander ausschließen. Gnade ist ein Geschenk – eine unverdiente, freie und bedingungslose Gabe Gottes in Christus Jesus, die Gott Unwürdigen gibt (vgl. Röm 5,6–8). Wir empfangen dieses Geschenk – und der einzige Weg, es zu empfangen, ist durch den Glauben als von Gott geschenktes Instrument (vgl. Eph 2,8; Phil 1,29). „Verdienst“ klingt jedoch danach, dass man seinen Wert beweisen, Bedingungen erfüllen und sich damit einen Lohn verdienen muss. Meine Frau und ich freuen uns jedes Mal, wenn wir feststellen, dass unsere Airline-Kreditkarte uns einen kostenlosen Inlandsflug eingebracht hat (besonders als sechsköpfige Familie) oder wenn unsere Cashback-Kreditkarte eine Gutschrift erzielt hat (die direkt in unser Lebensmittelbudget wandert). Aber das sind keine Geschenke. Wir mussten etwas tun, um uns diesen Lohn zu verdienen. Paulus zeigt uns in Römer 4,4–5 den Unterschied zwischen Gnade und Verdienst: „Wer aber Werke verrichtet, dem wird der Lohn nicht aufgrund von Gnade angerechnet, sondern aufgrund der Verpflichtung; wer dagegen keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet.“ Gnade und Verdienst widersprechen einander.
Bei Gnade und Belohnung ist das anders. Das Neue Testament spricht an vielen Stellen vom „Lohn“ (misthos). Jesus spricht von einem „Lohn“ im Himmel, der die erwartet, die im Leiden standhaft bleiben (vgl. Mt 5,12.46; Lk 6,23). Wer mit falschen Motiven handelt – wie die Pharisäer, die ihre Gerechtigkeit durch öffentliches Beten und Fasten vor den Leuten zur Schau stellen –, bekommt seinen „Lohn“ nicht vom Vater, sondern von Menschen (vgl. Mt 6,1.5–6.16–18). Positiver formuliert: Ein Gläubiger, der gute Werke tut – etwa einem anderen einen Becher kaltes Wasser reicht oder einen Feind liebt –, „der wird seinen Lohn nicht verlieren“ (Mt 10,42; vgl. Mk 9,41; Lk 6,35). Im Endgericht empfangen die Heiligen ihren „Lohn“ gemäß ihren guten Werken (vgl. Offb 11,18). Darum beschreibt der Verfasser des Hebräerbriefs Gott als den, der „die belohnen wird [misthapodotēs], welche ihn suchen“ (Hebr 11,6; vgl. Mt 6,18).
Manchmal wirkt es, als stünden Gnade und Belohnung im Widerspruch – vor allem, weil das griechische misthos oft mit „Lohn“ übersetzt wird. Im Gleichnis Jesu vom Weinberg heißt es: „Als es aber Abend geworden war, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Rufe die Arbeiter und bezahle ihnen den Lohn [misthon], indem du bei den Letzten anfängst, bis zu den Ersten“ (Mt 20,8). Als Jesus die Zweiundsiebzig aussendet, sagt er ihnen: „Der Arbeiter ist seines Lohnes [misthou] wert“ (Lk 10,7; vgl. auch 1Tim 5,18; Jak 5,4). Nachdem Paulus von denen gesprochen hat, die in der Evangeliumsverkündigung pflanzen und begießen, sagt er: „Jeder aber wird seinen eigenen Lohn [misthon] empfangen entsprechend seiner eigenen Arbeit“ (1Kor 3,8). Wer also auf dem Fundament Christi mit Gold, Silber und kostbaren Steinen baut, wird „Lohn“ (misthon) empfangen (1Kor 3,12.14). Denn wenn Jesus wiederkehrt, um Lebende und Tote zu richten, bringt er seinen „Lohn“ (misthos) mit – „um einem jeden so zu vergelten, wie sein Werk sein wird“ (Offb 22,12).
Bevor du nun meinst, das klinge doch sehr nach der römisch‑katholischen Lehre, solltest du Folgendes bedenken: Die reformierte Tradition bekennt einheitlich, dass allein die absolut vollkommene Gerechtigkeit Christi vor dem Gericht Gottes gilt – sie wird uns zugerechnet und allein durch den Glauben empfangen (vgl. Bekenntnis von Westminster 11; Röm 4,5–8; 2Kor 5,21). „Auch unsere besten Werke in diesem Leben sind alle unvollkommen und mit Sünden befleckt.“ (Heidelberger Katechismus 62; vgl. Bekenntnis von Westminster 16.6). Gleich darauf stellt der Heidelberger Katechismus die nächste Frage: „Verdienen aber unsere guten Werke nichts, wenn sie doch Gott in diesem und dem zukünftigen Leben belohnen will?“ Antwort: „Diese Belohnung geschieht nicht aus Verdienst, sondern aus Gnaden.“ (Heidelberger Katechismus 63). Gnade schließt jeden Verdienst aus. Darum bezeichnet Paulus das „ewige Leben“ als „Gnadengabe“ und nicht als „Lohn“ (Röm 6,23). Von Anfang bis Ende ist es ein unverdientes Geschenk – eine Gabe der Gnade: „Wenn aber aus Gnade, so ist es nicht mehr um der Werke willen; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade“ (Röm 11,6).
Dennoch empfangen Gläubige einen gnädigen Lohn. Mehrere Bibelstellen zeigen, dass Gläubige eine „Krone“ empfangen, wenn sie bis zum Ende treu bleiben (vgl. 1Kor 9,25; 1Thess 2,19; 2Tim 4,8; Jak 1,12; 1Petr 5,4). Und doch sehen wir auch die 24 Ältesten: „Sie werfen ihre Kronen vor dem Thron nieder und sprechen: Würdig bist du, o Herr, zu empfangen den Ruhm und die Ehre und die Macht; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen sind sie und wurden sie geschaffen!“ (Offb 4,10–11). Die Krone ist der Lohn für treues Ausharren, aber die Ältesten bekennen, dass sie dieses Lohnes nicht würdig sind. Warum? Weil Gott letztlich alleine würdig ist und er uns „völlig aus[rüstet] zu jedem guten Werk, damit [wir] seinen Willen [tun], indem er in [uns] das wirkt, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesus Christus. Ihm sei die Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ (Hebr 13,21; vgl. Heidelberger Katechismus 64).
In diesem Zusammenhang verdienen auch zwei ähnliche Gleichnisse unsere Beachtung: das von den Talenten (vgl. Mt 25,14–30) und das von den zehn Pfunden (vgl. Lk 19,11–27). In beiden Fällen überträgt ein Herr drei Knechten entweder „seine Güter“ (Mt 25,14) oder „Pfunde“ (Lk 19,13). Zwei von ihnen handeln als treue Verwalter und erwirtschaften für ihren Herrn Ertrag. Ihnen gegenüber steht ein untreuer Knecht. Er lässt die Pfunde seines Herrn ungenutzt, weil er sich vor dem strengen Mann fürchtet, der nimmt, was er nicht hinterlegt hat, und erntet, was er nicht gesät hat (vgl. Lk 19,20–21; Mt 25,24–25). Diesen „unnützen Knecht“ – offenkundig ein Ungläubiger – wird man in die „äußerste Finsternis“ werfen, wo „Heulen und Zähneknirschen“ sind (Mt 25,30). Die treuen Verwalter hingegen hören die herrlichen Worte: „Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn!“ (Mt 25,23).
Die Bibel legt die genaue Art der Belohnung nicht eindeutig fest. Manche verstehen darunter unterschiedlich große Freude im Himmel. Andere nehmen an, es gehe darum, dass uns im neuen Himmel und auf der neuen Erde mehr Verantwortung anvertraut wird. Wieder andere meinen, es beziehe sich auf Gott oder den Himmel selbst als unser Erbe. Sicher sagen können wir es nicht. Eines aber wissen wir: Was auch immer mit „Belohnung“ gemeint ist, wir empfangen sie allein als allumfassendes Gnadengeschenk – nicht als Verdienst. Mehr noch: Gott belohnt sein eigenes gnädiges Wirken in und durch uns, die wir treue (wenn auch unvollkommene) Verwalter seiner Gnade sind (Phil 2,12–13; Heb 13,20–21). In diesem Sinn hatte Augustinus recht: „Gott krönt seine eigenen Gaben.“ Möge er uns die Gnade schenken, weise Verwalter zu sein, bis wir ihn als unseren „seligen Lohn genießen können“ (Bekenntnis von Westminster 7.1).