Warum C.S. Lewis sich bei Psalm 23 geirrt hat
E21-Regionalkonferenz zu Psalm 23
Vom 2.–3.10. findet in Salzburg die diesjährige Regionalkonferenz Österreich statt. Larry Norman wird einige Vorträge über das Thema „Jesus unser Hirte“ halten. Eine Anmeldung ist hier möglich.
Der Gast und der Gastgeber
„Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde; du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher fließt über. Nur Güte und Gnade werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Haus des HERRN immerdar.“ (Ps 23,5–6)
C.S. Lewis verstand Psalm 23 besser, als ihm selbst klar war.
Es mag dich überraschen, aber Lewis konnte die Schönheit der Verse 1–4 von Psalm 23 nicht mit dem vereinbaren, was er in Vers 5 als einen hasserfüllten Geist ansah – einen Geist, der „in seiner Naivität schon fast komisch wirkt“[1].
Für Lewis ist die Vorstellung, dass ein Gastgeber seinen Gast mit einem Festmahl verwöhnt, während dessen Feinde zusehen müssen, schlichtweg boshaft. „Richtig genießen kann der Dichter also sein gegenwärtiges Wohlergehen erst, wenn diese scheußlichen Feinde (die ihn immer so von oben herab angeschaut haben) das alles sehen und sich darüber ärgern. … Die Kleinlichkeit und Vulgarität dieser Worte, besonders in ihrem unmittelbaren Zusammenhang, ist schwer zu ertragen.“[2]
Das Ironische daran: Ausgerechnet in Lewis’ eigenem Kinderbuch Der König von Narnia gibt es eine Szene, die die wahre Bedeutung von Psalm 23,5 wunderschön zum Ausdruck bringt. Es ist eine meiner Lieblingsszenen, die mich immer wieder zum Schmunzeln bringt.
Etwa in der Mitte von Der König von Narnia finden wir die Kapitel „Der Zauberbann weicht“ und „Aslan naht“. An diesem Punkt der Geschichte schwindet die Macht der Weißen Hexe: Das gefrorene Ödland von Narnia taut auf, der Winter weicht und Weihnachten kehrt zurück. In einem Land, in dem es immer Winter war und nie Weihnachten, tauchen nun wieder schöne Dinge auf: Der Weihnachtsmann ist da, es gibt Geschenke, und weil Aslan in der Nähe unterwegs ist, wissen wir, dass wir auf eine entscheidende Auseinandersetzung mit der Weißen Hexe zusteuern. Auf dem Weg zum Steintisch stößt diese auf folgende Szene:
„(Da) war eine fröhliche Gesellschaft beisammen, nämlich ein Eichhörnchen mit seiner Frau und ihren Kindern, zwei Satyre, ein Zwerg und ein alter Fuchs. Sie saßen auf Hockern um einen Tisch herum. Edmund sah nicht genau, was sie aßen, aber es roch herrlich; alles war mit Weihnachtsgrün und Stechpalmen geschmückt, und es kam ihm vor, als erblicke er so etwas wie einen Christstollen mitten auf dem Tisch.“[3]
Als die Weiße Hexe beim Festmahl eintrifft, ist sie empört:
„Was soll das bedeuten?“, fragte die Hexenkönigin. Keiner antwortete. „Sprich, Ungeziefer! … Was soll diese Völlerei, diese Verschwendung und Ausgelassenheit? Woher habt ihr das?“[4]
Lewis drückte in seinem eigenen Text mehr aus, als ihm bewusst war.
„Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde; du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher fließt über.“ (Ps 23,5)
Dieser seltsame Abschnitt in den Chroniken von Narnia wird oft übersehen, und doch bereichert er die Geschichte um ein wunderbares Element. Denn auf unaufdringliche Weise vermittelt er: Wenn alles gesagt und getan ist, geht es im Kern nicht um Krieg und den Kampf zwischen Gut und Böse, sondern um Gemeinschaft und ein Festmahl. In einer erneuerten Welt herrscht überfließende Freude an den herrlichen Gaben des Königs und an der Güte seiner Herrschaft.
In der Gegenwart seiner Feinde
Mir fällt dazu Herodes ein, der in Markus 6 quasi im Hintergrund lauert – mit der impliziten Drohung, dass jedem, der dieselbe Botschaft verkündigt wie Johannes der Täufer, dasselbe widerfahren wird wie ihm. Kenneth Bailey weist darauf hin, wie oft Jesus in den Evangelien in Gegenwart derer isst und trinkt, die ihn entweder für die Wahl seiner Tischgenossen kritisieren oder seine Essgewohnheiten sogar mit mörderischen Blicken betrachten.[5] „Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“ (Lk 19,7 LU17). Der Tisch ist gedeckt – und das Kreuz rückt immer näher.
Das wirft ein neues Licht auf die unglückliche Auslegung von Psalm 23,5 durch Lewis. Wie zuvor erwähnt: Für Lewis hatte die Vorstellung, ein Festmahl im Angesicht von Feinden zu genießen, etwas von „Kleinlichkeit und Vulgarität“; er geht sogar so weit, von „schrecklichen oder (darf man das sagen?) niederträchtigen Psalmen“ zu reden.[6] Einerseits ist es wichtig zu sehen, dass Lewis’ Lesart dem Vers etwas unterstellt: nämlich dass der Konflikt zwischen Gast oder Gastgeber und den Feinden bereits der Vergangenheit angehöre und der Feind beim Festmahl durch triumphierende Rachsucht gedemütigt werden solle. Aber davon steht in Psalm 23,5 natürlich nichts. Was, wenn der Konflikt in Wahrheit noch andauert? Was, wenn er sich gerade seinem Höhepunkt nähert? Was, wenn der Gast beim Essen tatsächlich in großer Gefahr schwebt, er aber isst, um seine Feinde zu umwerben und zu gewinnen – nicht, um sie herabzusetzen oder zu erniedrigen?
Andererseits löst sich die Wucht von Lewis’ Argumentation völlig auf, wenn wir sehen, wie der Herr Jesus im Angesicht seiner Feinde isst und trinkt. Er demütigt sie nicht; er versucht, sie zur Demut zu bewegen, und offenbart darin seine eigene Demut. Er triumphiert nicht über sie; er lädt sie ein. „Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10). Die Tür steht allen offen. Wirklich alle, die kommen und mit ihm essen und trinken wollen, sind herzlich und ohne Vorbehalte eingeladen. Du musst nur wissen, dass du verloren bist.
Der Tisch ist also im Angesicht seiner Feinde gedeckt, aber er ist nicht mehr und nicht weniger als ein Tisch. Er ist kein Gerichtssaal in ihrer Gegenwart – jedenfalls noch nicht. Er ist kein Schwert. Noch nicht. Es ist ein Tisch, an dem Jesus das Volk Gottes als jene definiert, die ihn als den wahren Hirten Israels anerkennen: als den guten Hirten, als den nun bei uns gegenwärtigen Immanuel und Gastgeber des messianischen Festmahls, das schon lange von den Propheten verheißen und vom Volk Gottes so sehnsüchtig erwartet wurde. Ein Tisch mit Essen und Trinken ist ein Ort, an dem Bündnisse besiegelt werden können und Gemeinschaft gestiftet wird; er ist ein Ort, an dem Beziehungen wiederhergestellt und Feinde als Freunde versöhnt werden können. Und er ist ein Ort, an dem so viele ihr eigenes Schicksal besiegeln, indem sie sich dafür entscheiden, Jesus abzulehnen. Judas ging hinaus in die Nacht, aber er ging mit gewaschenen Füßen und mit Brot und Wein im Bauch. Er verließ einen Tisch, den ein liebevoller Gastgeber im Angesicht seiner mörderischen Feinde bereitet hatte.
Der Herr Jesus hat gezeigt, dass er alles ist, was wir jemals brauchen – und dass seine überschwängliche Liebe selbst dem abtrünnigsten verlorenen Sohn oder dem verachtenswertesten Ausgestoßenen gilt. Seine Feinde sind nicht diejenigen, die Böses getan haben, und seine Freunde sind nicht diejenigen, die Gutes getan haben. Nein, seine Feinde sind diejenigen, die es nicht ertragen können, dass er mit Menschen isst, die Böses getan haben. Menschen wie du und ich.
Seine Einladung ist bedingungslos und gilt allen; sie ist mit Blut besiegelt und wird im Brot und Wein dargeboten. Sie ist ein Ozean der Großzügigkeit in einer Welt, die sonst nur von Knauserigkeit und dem Prinzip „Wie du mir, so ich dir“ regiert wird. In Baileys Worten ist dies „kostbare Liebe“. Seiner Ansicht nach ist die Kernbedeutung von einem „Tisch angesichts meiner Feinde“ folgende: dass Jesus „mir kostbare Liebe erweist, ganz gleich, wer zusieht. Menschen, die mir feindlich gesinnt sind, werden beobachten, was er tut, und er weiß, dass sich ihre Feindseligkeit mir gegenüber als Folge auch gegen ihn richten wird. Das ist ihm egal. Er schenkt mir diese Liebe trotzdem.“[7]
1 C.S. Lewis, *Das Gespräch mit Gott: Beten mit den Psalmen, *****Gießen: Brunnen, 5. Aufl., 2024, S. 31.
2 Lewis, Das Gespräch mit Gott, S. 33. Der gleiche Gedanke findet sich in anderer Form bei Harold S. Kushner, The Lord Is My Shepherd: Healing Wisdom of the Twenty-Third Psalm, **New York: Knopf, 2003, S. 125–134.
3 C.S. Lewis, Der König von Narnia, Wien: Carl Ueberreuter, 2005, S. 110.
4 Lewis, Der König von Narnia, S. 111.
5 Kenneth E. Bailey, The Good Shepherd: A Thousand-Year Journey from Psalm 23 to the New Testament, London: SPCK, 2015, S. 57–58.
6 Lewis, Das Gespräch mit Gott, S. 33.
7 Bailey, The Good Shepherd, S. 57.