Bibel und Theologie

Was die Gemeinde verliert, wenn das Alte Testament verstummt

Artikel von Jonathan Moll
28. August 2026 — 12 Min Lesedauer

Zwei Männer verlassen Jerusalem. Sie haben Jesus gekannt. Sie haben seine Wunder gesehen. Sie wissen von seinem Tod am Kreuz. Ja, sie haben sogar gehört, dass sein Grab leer sein soll. Dennoch gehen sie enttäuscht nach Hause. Ihre Hoffnung ist zerbrochen. Sie verstehen nicht, was geschehen ist.

Als Jesus sich zu ihnen gesellt, erklärt er ihnen weder das Wesen der Auferstehung noch die Bedeutung des Kreuzes. Stattdessen beginnt er an einem Ort, den wohl kaum jemand erwartet hätte: bei Mose und den Propheten.

Lukas berichtet: „Und er begann bei Mose und bei allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was sich auf ihn bezieht“ (Lk 24,27).

Das ist bemerkenswert. Der auferstandene Christus erklärt den auferstandenen Christus – aus dem Alten Testament. Wenn es jemals einen Zeitpunkt gegeben hätte, um das Alte Testament hinter sich zu lassen, dann jetzt. Doch genau das geschieht nicht. Erst dort verstehen die Jünger, warum der Messias leiden musste. Erst dort erkennen sie die Größe dessen, was Gott in Christus getan hat. Und erst dann sagen sie: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Weg, und als er uns die Schriften öffnete?“ (Lk 24,32). Jesus führt seine Jünger nicht von den Schriften weg, sondern tiefer in sie hinein.

Diese Begebenheit stellt auch uns eine Frage: Was verliert eine Gemeinde, wenn das Alte Testament in ihrer Verkündigung immer seltener erklingt? Es geht dabei nicht darum, das Alte gegen das Neue Testament auszuspielen. Beide gehören untrennbar zusammen. Doch wenn die erste Hälfte der Bibel verstummt, verliert die Gemeinde mehr, als ihr vielleicht bewusst ist.

Das Evangelium beginnt nicht in Johannes 3,16

Fragt man Christen nach einer Bibelstelle, die das Evangelium auf den Punkt bringt, fällt vielen sofort Johannes 3,16 ein. Tatsächlich fasst kaum ein Vers die Botschaft des Evangeliums prägnanter zusammen: Gottes Liebe; er gibt seinen Sohn; das ewige Leben für jeden, der glaubt.

Stellen wir uns aber für einen Moment vor, jemand würde nur diesen einen Vers kennen. Er hätte nie zuvor eine Bibel gelesen und wüsste nichts von ihrer Geschichte. Wahrscheinlich würde er fragen: Warum musste Gott seinen Sohn überhaupt geben? Weshalb gehen Menschen verloren?

Und würde er Johannes 3,16 im Zusammenhang lesen, dann kämen weitere Fragen auf, wie: Was ist das Reich Gottes (Vers 3.5)? Wer ist dieser Mose (Vers 14)?

Interessanterweise beantwortet Johannes diese Fragen kaum. Nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil er voraussetzt, dass seine Leser die Geschichte Gottes mit seinem Volk kennen. Das Evangelium beginnt für ihn nicht in Johannes 3,16. Es beginnt lange vorher.

Es beginnt mit einem Gott, der Himmel und Erde erschafft und sein Werk als „sehr gut“ bezeichnet. Mit einem Menschen, der in ungetrübter Gemeinschaft mit seinem Schöpfer lebt und als sein Ebenbild geschaffen ist. Erst vor diesem Hintergrund wird verständlich, wie tief der Fall des Menschen tatsächlich war.

Als Adam und Eva gegen Gott rebellieren, übertreten sie ein einzelnes Gebot, aber es geschieht weit mehr: Die Gemeinschaft mit Gott zerbricht. Die Sünde hält Einzug in die Welt. Der Tod wird zur Realität. Der Mensch verliert das Paradies, von nun an ist ihm der Weg zu Gott verschlossen.

Gerade an diesem tiefsten Punkt beginnt jedoch das Evangelium. Noch bevor Adam und Eva den Garten verlassen müssen, verheißt Gott einen Nachkommen der Frau, der der Schlange den Kopf zertreten wird (vgl. 1Mose 3,15). Schon während das Urteil gesprochen wird, eröffnet Gott die Hoffnung auf Erlösung. Von Anfang an erzählt die Bibel deshalb nicht nur die Geschichte des menschlichen Versagens, sondern auch die Geschichte eines Gottes, der seinen Heilsplan unbeirrt verwirklicht.

Von diesem Moment an richtet sich der Blick der ganzen Schrift auf den kommenden Retter. Gottes Verheißung an Abraham, dass durch seinen Nachkommen alle Völker gesegnet werden, der Exodus als große Erlösungstat Gottes, das Königtum Davids und die Hoffnung der Propheten auf einen gerechten König und einen neuen Bund – all diese Ereignisse erzählen gemeinsam die eine Geschichte, die in Jesus Christus ihre Erfüllung findet.

Erst vor diesem Hintergrund erkennen wir die Tiefe von Johannes 3,16. Gottes Liebe beginnt nicht in Bethlehem oder am Kreuz. Sie begegnet uns bereits im Garten Eden. Sie zeigt sich in seiner Geduld mit seinem Volk, seiner Bundestreue und seinem unermüdlichen Handeln durch die ganze Heilsgeschichte hindurch. Das Kreuz ist nicht der Beginn seiner Liebe, sondern ihr Höhepunkt.

Das Alte Testament macht das Evangelium nicht wahrer. Es gibt ihm aber seine Tiefe. Wer nur Johannes 3,16 kennt, kennt das Evangelium. Wer auch die Geschichte kennt, die zu Johannes 3,16 führt, beginnt zu ahnen, wie groß die Liebe Gottes tatsächlich ist.

Die Sprache des Evangeliums

Das Alte Testament erzählt nicht nur die Geschichte, in der das Evangelium seinen Platz findet. Es prägt auch die Sprache, mit der Gott das Werk seines Sohnes erklärt.

Warum musste Jesus sterben?

Die meisten Christen werden diese Frage sofort beantworten: „Für unsere Sünden.“ Und sie haben recht. Doch stellen wir uns für einen Moment vor, im Alten Testament gäbe es keine Stiftshütte. Keinen Tempel. Kein Passa. Es gäbe dort keinen Versöhnungstag, keine Priester, keine Opfer, keine Verheißung eines kommenden Königs und keinen leidenden Gottesknecht.

Dann wird Jesus ans Kreuz genagelt. Was würden wir dort sehen?

Einen unschuldigen Menschen, der leidet und freiwillig sein Leben hingibt. Vielleicht würden wir darin den größten Ausdruck der Liebe Gottes erkennen.

Aber warum rettet dieses Sterben?

Warum kann ein Mensch mit seinem Tod die Schuld anderer tragen?

Warum bringt sein Blut Versöhnung?

Warum sprechen die Apostel so selbstverständlich von Sühne, Stellvertretung und Erlösung?

Eine Szene aus dem Johannesevangelium hilft uns hier weiter. Als Johannes der Täufer Jesus kommen sieht, ruft er: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Joh 1,29).

Bemerkenswert ist dabei nicht nur, was Johannes sagt, sondern auch, was niemand fragt. Niemand fragt: „Warum ein Lamm?“ Johannes erklärt es nicht. Er muss es auch nicht. Seine Zuhörer kennen die Sprache, die hinter diesen Worten steht.

Die Antwort lautet: Gott begann lange vor Karfreitag damit, das Kreuz zu erklären. Durch den Opferdienst lehrte er sein Volk, dass Schuld die Todesstrafe nach sich zieht und Versöhnung nicht ohne ein stellvertretendes Opfer möglich ist. Zugleich weckte er die Hoffnung auf einen kommenden König aus dem Haus Davids und kündigte durch die Propheten einen Knecht an, der die Schuld vieler tragen würde.

Als Christus schließlich am Kreuz starb, sprach Gott gewissermaßen eine Sprache, die er seinem Volk über Jahrhunderte selbst beigebracht hatte. Jede dieser Institutionen und Verheißungen hatte ihre eigene Bedeutung für Israel. Zugleich bereitete sie Gottes Volk darauf vor, den kommenden Messias zu verstehen.

Deshalb verwendet das Neue Testament Begriffe wie „Opfer“, „Blut“, „Versöhnung“, „Bund“ oder „Hoherpriester“ ganz selbstverständlich. Es erfindet diese Sprache nicht neu. Es greift die Sprache auf, die Gott über Jahrhunderte geprägt hat. Es ist nicht nur so, dass das Kreuz das Alte Testament erklärt – das Alte Testament erklärt auch das Kreuz.

Wenn das Alte Testament verstummt, verliert die Gemeinde darum nicht nur einen Teil der biblischen Geschichte. Sie verliert die Sprache, mit der Gott selbst das Kreuz erklärt. Das Evangelium bleibt wahr. Seine Tiefe beginnt aber zu verblassen. Mit ihr verlieren wir etwas von der Größe dessen, was Christus für uns getan hat.

Wenn die Gottesfurcht verschwindet

Neben der Tiefe des Evangeliums und seiner Sprache geht noch etwas Entscheidendes verloren, wenn das Alte Testament verstummt: die Gottesfurcht.

Damit ist keine ängstliche Distanz zu Gott gemeint. Die Bibel versteht darunter die ehrfürchtige Erkenntnis, wer Gott ist – seine Heiligkeit, seine Majestät und seine unvergleichliche Größe.

Es fällt auf: Wenn Menschen im Alten Testament Gott begegnen, werden sie meistens dadurch auch verändert. Mose zieht vor dem brennenden Dornbusch seine Schuhe aus. Jesaja ruft angesichts der Herrlichkeit Gottes: „Wehe mir, ich vergehe!“ Hiob verstummt, nachdem Gott aus dem Sturm zu ihm gesprochen hat. Immer wieder führt die Begegnung mit Gott nicht zuerst zu Trost, sondern zu Ehrfurcht.

Warum ist das so?

Nicht, weil Gott unnahbar wäre – im Gegenteil. Das Alte Testament erzählt die Geschichte eines Gottes, der mitten unter seinem Volk wohnen will. Doch gerade indem er seine Nähe schenkt, offenbart er zugleich seine Heiligkeit. Seine Gegenwart ist niemals selbstverständlich.

Der Sinai, die Stiftshütte und später der Tempel erinnern Israel an diese Wirklichkeit. Gott ist seinem Volk nahe, und doch kann der sündige Mensch ihm nicht beliebig begegnen. Der Vorhang vor dem Allerheiligsten zeigt deshalb nicht in erster Linie, dass Gott fern ist, sondern dass Gott heilig ist.

Gerade hier liegt eine Wahrheit, die wir leicht übersehen: Gottes Heiligkeit steht seiner Liebe nicht entgegen. Sie macht sie erst verständlich. Nur wer die Größe Gottes kennt, beginnt, über seine Gnade wirklich zu staunen.

Vielleicht liegt darin einer der größten Beiträge des Alten Testaments. Es führt uns immer wieder vor Augen, wer Gott ist: der Schöpfer, der spricht und Welten entstehen lässt; der Herr der Geschichte, vor dem Könige und Nationen Rechenschaft ablegen müssen; der treue Gott, dessen Erbarmen größer ist als die Untreue seines Volkes.

Das Neue Testament offenbart keinen anderen Gott. Der Gott, der in Jesus Christus Mensch wird, ist derselbe Gott, der Mose am Sinai begegnet, Jesaja seine Herrlichkeit sehen lässt und Israel durch die Wüste führt.

Wo Gottes Heiligkeit verblasst, wird seine Gnade selbstverständlich. Wo seine Majestät aus dem Blick gerät, verliert das Kreuz an Gewicht. Wenn das Alte Testament verstummt, verliert die Gemeinde deshalb nicht die Wahrheit des Evangeliums. Sie verliert aber etwas von der Ehrfurcht, in der das Evangelium seine ganze Tiefe entfaltet. Nur wer den heiligen Gott kennt, beginnt wirklich über die Gnade zu staunen, die er uns in Christus schenkt.

Die Herrlichkeit Christi

Bisher haben wir gesehen, was die Gemeinde verliert, wenn das Alte Testament verstummt. Das Alte Testament bewahrt jedoch nicht nur vor Verlusten, es schenkt uns auch einen größeren Blick auf Christus.

Die Autoren des Neuen Testaments beschreiben Jesus mit einer erstaunlichen Vielfalt von Bildern: das Lamm Gottes, der Hohepriester, der Sohn Davids, der neue Adam, der wahre Tempel usw. Jedes dieser Bilder offenbart einen weiteren Aspekt seiner Person und seines Werkes.

Warum diese Vielfalt?

Weil kein einzelnes Bild ausreicht, um die Herrlichkeit Christi zu beschreiben.

Vielleicht lässt sich das Alte Testament mit einem Prisma vergleichen: Ein Prisma fügt dem Licht keine neue Farbe hinzu. Es macht lediglich sichtbar, was im weißen Licht bereits enthalten ist. Plötzlich erscheint eine Farbenpracht, die vorher verborgen war.

So verhält es sich auch mit dem Alten Testament. Es fügt Christus nichts hinzu. Er ist gestern und heute und in Ewigkeit derselbe. Das Alte Testament entfaltet jedoch vor unseren Augen den Reichtum seiner Herrlichkeit. Es zeigt uns Facetten seiner Person und seines Werkes, die wir sonst leicht übersehen würden.

Als der wahre Adam vollendet Christus das, woran der erste Adam scheiterte. Als das wahre Passalamm gibt er sein Leben, damit andere leben können. Als der große Hohepriester bringt er nicht das Blut fremder Opfer dar, sondern sein eigenes. Als der Sohn Davids regiert er über ein ewiges Reich. Als der wahre Tempel wohnt durch ihn Gott selbst unter seinem Volk.

Jede dieser Linien beginnt lange vor Bethlehem. Gott zieht sie durch die Geschichte Israels, durch Gesetz, Opfer, Königtum und Prophetie. Erst in Christus laufen sie zusammen. Das Alte Testament lehrt uns deshalb nicht nur, dass Christus kommen wird. Es zeigt uns auch, wer dieser Christus ist.

Man kann Christus erkennen, ohne jede dieser Linien im Einzelnen zu kennen. Je mehr wir jedoch entdecken, wie sie in ihm zusammenlaufen, desto mehr staunen wir über ihn. Wir sehen nicht einen anderen Christus. Wir sehen denselben Christus klarer.

Vielleicht liegt genau darin der größte Gewinn, wenn wir das Alte Testament lesen. Je tiefer wir das Alte Testament verstehen, desto weniger bewundern wir das Alte Testament – und desto mehr bewundern wir Christus. Denn das Alte Testament ist niemals Selbstzweck. Es will unsere Aufmerksamkeit nicht auf sich selbst lenken, sondern auf den, von dem Mose, die Propheten und die Schriften reden.

Wenn das Alte Testament verstummt, verliert die Gemeinde deshalb nicht Christus. Sie verliert aber etwas von der Fülle seiner Herrlichkeit. Sie sieht weniger von seinem Reichtum, weniger von seiner Schönheit und weniger von der Weisheit Gottes, die sich über Jahrhunderte hinweg in seinem Sohn entfaltet hat.

Damit unsere Herzen brennen

Am Ende führt uns der Weg zurück nach Emmaus.

Jesus begegnet zwei enttäuschten Jüngern. Sie kennen die Ereignisse von Karfreitag und Ostern. Sie wissen um das leere Grab. Und doch verstehen sie nicht, was geschehen ist. Deshalb beginnt Jesus nicht bei neuen Offenbarungen, sondern bei Mose und den Propheten. Er erklärt ihnen die Schriften – und durch die Schriften erklärt er ihnen sich selbst.

Erst danach brennen ihre Herzen.

Nicht, weil sie nun mehr über das Alte Testament wissen als zuvor, sondern weil sie in den Schriften Christus erkennen.

Genau darin liegt das Ziel des Alten Testaments bis heute. Es will nicht unsere Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken. Es will uns zu Christus führen.

Darum verliert eine Gemeinde mehr als nur einige Predigttexte, wenn sie das Alte Testament verstummen lässt. Sie verliert zwar nicht das Evangelium. Sie verliert auch nicht Christus. Sie verliert aber etwas von der Tiefe des Evangeliums, von der Sprache des Kreuzes, von der Gottesfurcht und von der Fülle seiner Herrlichkeit.

Vielleicht liegt darin die größte Einladung, das Alte Testament von neuem zu lesen und von neuem darüber zu predigen: nicht, weil es um das Alte Testament geht, sondern weil es um Christus geht.

Je tiefer wir Mose, die Propheten und die Schriften verstehen, desto weniger bewundern wir das Alte Testament – und desto mehr bewundern wir Christus. Und so wird auch unser Herz – wie das der Emmausjünger – immer mehr für den brennen, von dem die ganze Schrift von Anfang an geredet hat.

Jonathan Moll ist Dozent für Altes Testament am SBT Beatenberg. Zuvor durfte er einige Jahre als Pastor in einer FEG in der Schweiz dienen. Er ist verheiratet mit Giulia und hat ein Kind.