Lies die Bibel nicht nur – studiere sie!
Ich hatte zehn Jahre lang Klavierunterricht. Jeden Dienstag ging ich zu meiner Klavierlehrerin, die mich regelmäßig dafür lobte, wie viel Gefühl ich in die Stücke legte, mich aber auch für mein mangelhaftes Verständnis der niedergeschriebenen Musik tadelte. Ich wollte gern Klavier spielen können, aber der theoretische Teil des Klavierunterrichts machte mir keinen Spaß.
Jede Woche bekam ich als Hausaufgabe eine Lektion über Musiktheorie, um Grundlegendes über Notenschlüssel, Tonarten, Akkordstrukturen und Dynamik zu lernen. Diese Hausaufgaben habe ich nur selten ganz erledigt. Ich fand sie schwierig und mühsam. Dementsprechend ließen meine Klavierkünste zu wünschen übrig, denn ich war nicht bereit, den nötigen Einsatz zu bringen, um Musik auf einer tieferen, strukturellen Ebene zu verstehen.
Als Christen gehen wir oft ähnlich an die Bibel heran wie ich damals an meinen Klavierunterricht. Wir hätten gern mehr Bibelwissen. Uns gefällt die Aussicht, Gott in seinem Wort zu begegnen. Aber die Arbeit, die nötig wäre, um die Bibel wirklich zu verstehen, erscheint uns zu mühsam oder wir fühlen uns damit überfordert. Also spielen wir nur etwas herum – lesen hier ein bisschen und dort ein bisschen, entwickeln aber nie die Gewohnheit, Gottes Wort gründlich zu studieren.
Fünf Gründe, weshalb du Gottes Wort studieren solltest
Eine ganze Reihe von geistlichen Gewohnheiten, die unserem Wachstum und unserer Stärkung dienen, ist uns nicht ausdrücklich geboten. Dazu zählt auch das Bibelstudium. Weshalb sollten wir also die Mühe auf uns nehmen und die Bibel studieren?
Viele biblische Prinzipien unterstreichen, wie wichtig es ist, Gottes Wort gründlich zu erforschen. Wir werden hier fünf betrachten:
1. Gottes Wort offenbart das Evangelium
Hast du schon einmal einen atemberaubenden Sonnenuntergang gesehen und dabei über Gottes Schöpfungswerk gestaunt? Hast du schon einmal am Meeresufer gestanden und die Wellen beobachtet, die nur so weit kommen dürfen, wie der Herr es erlaubt? Laut Römer 1 können wir beim Betrachten der Schöpfung erkennen, dass es einen Schöpfer gibt. Anhand seiner Werke können seine göttlichen Eigenschaften deutlich wahrgenommen werden (Vers 20). Dieses Konzept wird oft als „natürliche“ oder „allgemeine Offenbarung“ bezeichnet – Gott offenbart sich in seiner Schöpfung.
Allerdings wird dir ein Sonnenuntergang nicht verraten, wie du aus den Fängen der Sünde befreit werden kannst. Und so beeindruckend die tosenden Wellen auch sein mögen, sie können dir nicht vermitteln, dass Jesus starb, um dich zu retten und zu Gottes Kind zu machen. Wir brauchen das schriftliche Wort Gottes, das auch „besondere Offenbarung“ genannt wird – Gott offenbart sich auf besondere Weise, um uns die Wahrheit darüber mitzuteilen, wer er ist, wer wir sind und wie wir von der Sünde gerettet werden können.
Die Bibel ist nicht einfach nur eine Aneinanderreihung von Geboten, Verboten und Anleitungen. Jesus erklärte den religiösen Führern seiner Zeit, dass sie die Schriften erforschten, um durch Gesetzestreue Gottes Gunst zu gewinnen, dass ihnen das aber nichts brachte. Trotzdem, so sagt Jesus, sind es „die Schriften …, die von mir Zeugnis geben“ (Joh 5,39). Wir studieren Gottes Wort, um zu verstehen, weshalb Jesus kam und für uns starb. Wir studieren es, um Gottes Güte zu erfassen, dass er seinen Sohn sandte, um uns zu retten. Wir studieren die Bibel, um im Vertrauen auf Jesu vollbrachtes Werk am Kreuz Ruhe zu finden.
2. Gottes Wort spricht zu uns
Die Schrift ist von Gott inspiriert. Das bedeutet, dass jedes Wort darin von Gott durch Menschen, in denen der Sohn und der Heilige Geist wirkten, gegeben wurde (vgl. Hebr 1,1–2; 2Petr 1,16–21). Sie ist unfehlbar, was bedeutet, dass sie keine Fehler enthält, und sie ist wegweisend für alle Bereiche des christlichen Lebens.
In seinem zweiten Brief an Timotheus ermutigt Paulus den jungen Pastor, am Wort der Schrift festzuhalten, weil dies sowohl Ausdauer als auch geistliches Wachstum bewirkt. Er erklärt, dass Gottes Wort uns Christen für alles im Leben ausrüsten kann, sei es Leid, Umkehr von Sünde oder Gehorsam gegen Gottes Gebote. Paulus schreibt: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet“ (2Tim 3,16–17).
Für das Leben als Christ ist die Bibel unverzichtbar, denn sie ist Gottes eigenes und von Herzen kommendes Wort. Wir hätten oft gern ein direktes Wort vom Herrn, doch mit der Bibel haben wir bereits alles bekommen, was er uns mitteilen wollte. Er weiß, dass wir konkrete Anweisungen und Ermutigung brauchen, um als sein Volk zu leben, das durch sein Evangelium verändert wurde. Er hat uns die Bibel gegeben, um uns zu unterweisen, zu erziehen und zu korrigieren, damit wir für alle Zeiten im Leben als Christ zugerüstet sind.
Jede Minute, die wir mit der Bibel verbringen, lohnt sich. Oft jedoch erkennen wir diese Segnungen durch Gottes Wort erst, wenn wir es über einen längeren Zeitraum hinweg beständig studieren.
3. Gottes Wort verhilft uns zu Wachstum
Im Neuen Testament werden wir immer wieder aufgefordert, in unserem Glauben zu wachsen. Petrus ruft uns auf: „Wachst … in der Gnade und in der Erkenntnis unseres Herrn und Retters Jesus Christus!“ (2Petr 3,18), solange wir auf dessen Wiederkunft warten. Wachstum in der Erkenntnis Gottes ist ein Kennzeichen unseres Lebens als neue Kreaturen in Christus (vgl. Kol 1,10). Laut Paulus beinhaltet die Bewährung unseres Glaubens, dass wir Gottes Wort recht vertreten, was wiederum gründliches Erforschen der Schrift erfordert, um sie richtig zu verstehen und anzuwenden (vgl. 2Tim 2,15).
Was haben diese Aufforderungen gemeinsam? Wachstum und die Erkenntnis Gottes. Wir wachsen, wenn wir Gott immer besser kennenlernen. Ein Baum, der von seinen Wurzeln abgetrennt wurde, kann nicht wachsen. Ebenso wenig können auch wir ohne Gottes Wort wachsen. Wir müssen in Gottes Wort verwurzelt sein, um in ihm auferbaut zu werden (vgl. Kol 2,6–7; siehe auch Ps 1,2–3). Wenn wir die Schrift lesen, betrachten, über sie nachdenken und uns danach ausstrecken, sie zu verstehen, wird unser Glaube geläutert, erneuert und gestärkt.
4. Gottes Wort schützt uns vor Irrtümern
Hast du schon einmal einem Bibellehrer zugehört und dich gefragt, ob das, was er lehrt, richtig ist? Die einzige Möglichkeit, um sicher zu wissen, dass jemand die Wahrheit spricht, ist, seine Lehre mit der Bibel zu vergleichen. Je tiefer wir in der Schrift graben und je gründlicher wir sie studieren, desto leichter können wir falsche Versionen des Evangeliums erkennen und zurückweisen (vgl. Gal 1,8–9).
Als Paulus und Silas das Evangelium nach Beröa brachten, forschten die Menschen dort sorgfältig in den alttestamentlichen Schriften, ob das Gehörte der Wahrheit entsprach (vgl. Apg 17,10–11). Sie sahen das Evangelium in der Schrift bestätigt und nahmen es mit Freude an. Wie bei diesen Beröern wird unser Unterscheidungsvermögen zunehmen, wenn wir Dinge hören, die neu oder anders sind. Wir fragen uns vielleicht: „Hat Gott das wirklich so gesagt?“, können jedoch Gewissheit erlangen, indem wir Gottes Wort selbst studieren.
5. Gottes Wort überführt uns
Durch das regelmäßige Studium von Gottes Wort werden Sünden aufgedeckt, die wir entweder nicht bemerkt haben oder bewusst vertuschen. Die Schrift ist nützlich zur Überführung und zur Zurechtweisung. Wenn wir sie studieren, kann sie uns zeigen, wo wir gesündigt haben, und uns lehren, wie wir als neue Geschöpfe in Christus leben sollen.
Der Autor des Hebräerbriefs erklärt: Die Schrift ist wie ein scharfes Schwert, das unsere Gedanken und Motive fachmännisch auseinandernimmt und offenbart, was wirklich in unserem Herzen ist (vgl. Hebr 4,12). Zwar schmerzt es, wenn ein Text unsere Sünde aufdeckt, aber Überführung ist ein Geschenk von Gott und ein Beweis seiner Güte. Er möchte nicht, dass wir weiter in einer Weise leben, die sowohl uns selbst schadet als auch Ungehorsam gegen ihn ist. Deshalb bietet er uns durch sein Wort Korrektur an, damit wir umkehren und in Heiligkeit wandeln können.
Wenn die Bibel viel Raum in unserem Leben bekommt, hilft uns das, unsere Sünde zu erkennen, uns von ihr abzuwenden und stattdessen Christus nachzufolgen.
Den Autor kennenlernen
Meine Klavierlehrerin wollte mir vermitteln, dass sich die Beschäftigung mit Musiktheorie lohnt – nicht, um mehr Wissen anzuhäufen, sondern weil ich Musik dadurch tiefer verstehen und präziser wiedergeben kann. Bibelstudium dient in unserem Leben einem ähnlichen Ziel.
Wir studieren die Bibel nicht, um schlau zu werden, sondern um in Bezug auf Gottes Angelegenheiten weise zu werden. Wir studieren die Bibel, um ihren eigentlichen Autor kennenzulernen, auf sein Reden zu hören, in Gemeinschaft mit ihm zu leben und ihn vor den Augen der Welt, die uns umgibt, widerzuspiegeln.
Wenn wir unsere Bibel aufschlagen, um uns in sie zu vertiefen, Notizen zu machen, zu beten, Fragen zu stellen und eifrig darin zu forschen, wird uns das verändern, weil unser Denken durch das inspirierte Wort Gottes erneuert wird.