Wenn es sich so anfühlt, als wäre Gott gegen dich
Zu Beginn meines Dienstes sagte mir einmal ein erfahrener Pastor: „In jeder Kirchenbank sitzt ein gebrochenes Herz.“ Viele Jahre im Pastorendienst haben mir gezeigt, wie sehr diese Aussage zutrifft. Gottes Volk ist oft ein leidendes Volk. Vielleicht liest du diesen Artikel genau deshalb: Dein Herz ist gebrochen, du leidest, und es fühlt sich an, als wäre Gott gegen dich.
Vielleicht tröstet es dich, zu wissen, dass du nicht der Erste bist, der sich so fühlt. Das Alte Testament ist voll von Gläubigen, die schwere Anfechtungen durchstanden: Josef, Mose, Noomi, David, Jeremia, Daniel, Hosea, Jona, Habakuk – und viele andere mehr. Kein Überblick über die Leidenden des Alten Testaments wäre ohne Hiob vollständig. Im Neuen Testament schreibt Jakobus: „Von Hiobs standhaftem Ausharren habt ihr gehört, und ihr habt das Ende gesehen, das der Herr [für ihn] bereitet hat; denn der Herr ist voll Mitleid und Erbarmen“ (Jak 5,11).
Als Leiter der Gemeinde in Jerusalem war Jakobus mit Prüfungen bestens vertraut. Er sah mit eigenen Augen, wie die Verfolgung gegen die Gemeinde losbrach (vgl. Apg 8,1). Sie zerriss Familien, trennte Geliebte voneinander und trieb Gottes Familie in die Zerstreuung (vgl. Jak 1,1). In dieser Situation schrieb Jakobus an seine leidende Gemeinde. Er ermutigte sie, in ihren Anfechtungen standhaft zu bleiben, indem er sie an die Geschichte Hiobs erinnerte.
Innerhalb weniger Augenblicke verlor Hiob alles: sein Vieh, seine Knechte und – was am schmerzlichsten war – seine Kinder (vgl. Hiob 1,13–19). Diese Nachricht traf ihn mit voller Wucht. Und doch betete Hiob inmitten seiner tiefsten Trauer den Herrn an: „Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“ (Hiob 1,21). Als ihm später auch noch die Gesundheit genommen wurde und seine Frau ihn aufforderte, Gott zu verfluchen und zu sterben, hielt Hiob weiter an Gott fest: „Wenn wir das Gute von Gott annehmen, sollten wir da das Böse nicht auch annehmen?“ (Hiob 2,10). Sein Leid war so groß, dass seine drei Freunde eine ganze Woche lang schweigend neben ihm auf dem Boden saßen. Schließlich brach Hiob das Schweigen und verfluchte den Tag seiner Geburt: „O wäre doch der Tag ausgelöscht, da ich geboren wurde, und die Nacht, die sprach: Ein Knabe ist gezeugt! Wäre doch dieser Tag Finsternis geblieben; hätte doch Gott in der Höhe sich nicht um ihn gekümmert, und wäre doch niemals das Tageslicht über ihm aufgeleuchtet!“ (Hiob 3,3–4). Als seine Freunde ihn der Sünde beschuldigten, fragte er: „Wahrhaftig, ich weiß, dass es sich so verhält; und wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott? Wenn er mit Ihm rechten wollte, so könnte er Ihm auf tausend nicht eins antworten“ (Hiob 9,2–3). Doch selbst dann wandte Hiob sich nicht verbittert von Gott ab. Er wandte sich mit seinem Schmerz an ihn und vertraute ihm weiterhin.
Wir haben von der Standhaftigkeit Hiobs gehört, aber wir brauchen mehr als nur ein Vorbild. Wir brauchen einen Retter, an den wir uns klammern können. Mehr noch: Wir brauchen einen Retter, der uns festhält. Genau darauf lenkt Jakobus unseren Blick, indem er uns Gottes Charakter vor Augen stellt.
Soweit wir wissen, hat Gott Hiob nie einen Einblick in die dramatischen Hintergründe seines Leidens gewährt: Satan griff Gottes Charakter an, warf ihm vor, Hiobs Hingabe durch materiellen Wohlstand zu erkaufen, und unterstellte Gott damit, nicht wahrhaftig gut zu sein (vgl. Hiob 1,6–12; 2,1–6). Anstatt Hiob diese Zusammenhänge zu erklären, offenbarte Gott sich selbst. Er antwortete ihm aus dem Sturm heraus – mit einer ganzen Reihe von Fragen. Die erste lautete: „Wer verfinstert da den Ratschluss mit Worten ohne Erkenntnis?“ (Hiob 38,2). Durch diese Fragen offenbarte Gott seine Souveränität und brachte Hiob dazu, in Staub und Asche Buße zu tun (vgl. Hiob 42,1–6). Gott zeigte seine Güte, indem er Hiob das Doppelte von allem zurückgab, was er zuvor besessen hatte (vgl. Hiob 42,10). Er erweist sich als mitfühlend und barmherzig.
Wir bleiben in Anfechtungen dann standhaft, wenn wir unseren Blick auf Gottes Wesen richten. Er ist der „Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in all unserer Bedrängnis, damit wir die trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden“ (2Kor 1,3–4). Gott schickt Prüfungen nicht, um uns verbittert von ihm wegzutreiben, sondern um uns liebevoll zu sich hinzuziehen. Die Geschichte Hiobs zeigt: Gott herrscht souverän und er ist gut – auch mitten im Leiden. Sie führt uns eindrücklich vor Augen, dass „die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll“ (Röm 8,18).
Was also solltest du tun, wenn es sich anfühlt, als wäre Gott gegen dich? Bleibe im Wort. Bete. Umgib dich mit Christen, die dich in dieser Zeit des Leidens begleiten. Vor allem aber: Geh in den Gottesdienst. Dort dient Gott dir in seiner Güte und Gnade mit dem Evangelium seines Sohnes – in Wort und Sakrament – und versichert dir aufs Neue seine Liebe. Er ist denen nahe, „die zerbrochenen Herzens sind, und er hilft denen, die zerschlagenen Geistes sind“ (Ps 34,19). Das Kreuz Jesu Christi ist der Beweis dafür. Jesus wurde von Gott verlassen, damit du niemals verlassen sein musst (vgl. Mt 27,46; Hebr 13,5). Im Zentrum der Geschichte steht das Kreuz Jesu Christi. Es ruft dir zu, dass Gott nicht gegen dich ist, sondern für dich. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als sei Gott gegen dich, sagt dir sein Wort – das seinen Charakter offenbart und im Kreuz seines Sohnes seinen Höhepunkt findet – etwas anderes. Was auch immer du gerade durchmachst, wie sehr dein Herz auch gebrochen sein mag und was immer du gerade fühlst – dies ist Gottes Wort an dich: „Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Er, der sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken?“ (Röm 8,31–32).