Geschichte und Personen

Nancy Guthrie und die Reformation der Frauenarbeit

Artikel von Sarah Eekhoff Zylstra
24. August 2026 — 24 Min Lesedauer

E21-Frauenkonferenz mit Nancy Guthrie

Wer Nancy live erleben möchte, hat dazu auf der diesjährigen E21-Frauenkonferenz vom 18. bis 19. September 2026 in Bad Oeynhausen Gelegenheit. Unter dem Thema „Gesegnet“ nimmt sie die Teilnehmerinnen in vier Vorträgen mit durch das Buch der Offenbarung.

Vor fast 20 Jahren saß Nancy Guthrie an Deck eines Kreuzfahrtschiffs und las Collin Hansens Buch Young, Restless, Reformed. Darin wurde das wachsende Interesse an reformierter Theologie dokumentiert, das an Orten wie dem Southern Baptist Theological Seminary, den Together for the Gospel-Konferenzen und der Bethlehem Baptist Church aufkam.

Nancy war fasziniert. Einflussreiche Christen waren ihr keineswegs fremd – sie war mit einem Vizepräsidenten des renommierten Unternehmens Word Music verheiratet und hatte ihre ganze berufliche Laufbahn in der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit für christliche Verlage sowie bekannte evangelikale Autoren wie Kay Arthur und Anne Graham Lotz verbracht. Aus ihrer Perspektive begann sie dieselbe Bewegung zu sehen wie Collin.

„Ich habe Collin einen Brief geschickt“, schildert Nancy. „Darin habe ich vieles über das Buch geschrieben – wie interessant ich es fand. Aber ich hatte auch eine Frage an ihn: Wo sind die Frauen?“

Im Jahr 2008 war der Großteil der Frauenarbeit in evangelikalen Gemeinden geprägt von prominenten Persönlichkeiten, unterhaltsamen Geschichten und emotionaler Rhetorik. Auslegung von Bibeltexten gab es kaum. Die erste Frauenkonferenz von The Gospel Coalition (TGC) sollte erst vier Jahre später stattfinden. Jen Wilkins erstes Buch, Frauen studieren die Bibel, erschien erst 2014. Jackie Hill Perry hatte sich noch nicht zu Christus bekehrt.

Trotzdem war sich Nancy unsicher, ob sie Collin den Brief schicken sollte. Sie war ihm noch nie begegnet und wollte nicht forsch oder aufdringlich wirken. Deshalb entschied sie sich dagegen.

„Ich fing gerade erst an, mich mit der reformierten Welt vertraut zu machen“, sagt sie.

Nancy war als Südliche Baptistin aufgewachsen. Sie interessierte sich für Theologie und engagierte sich gemeinsam mit ihrem Mann in ihrer Ortsgemeinde. Während sie den Spagat zwischen der Betreuung ihres Kleinkindes und ihrem eigenen Unternehmen zu meistern versuchte, fiel es ihr jedoch schwer, in der Bibel zu lesen und sich Gott nahe zu fühlen. In ihrer Verzweiflung meldete sie sich bei der Bible Study Fellowship (BSF) an.

„Die regelmäßige Beschäftigung mit dem Wort Gottes hat mein Leben verändert“, erklärt sie.

1998 brachte Nancy eine Tochter zur Welt, bei der bald darauf das Zellweger-Syndrom diagnostiziert wurde. Die kleine Hope starb – ebenso wie später ihr Bruder Gabe – noch vor ihrem ersten Geburtstag.

Der Verlust war verheerend. Er führte Nancy dazu, sich tiefer mit der Bibel und der Theologie von Gottes Souveränität im Leiden auseinanderzusetzen, die sie in den Schriften reformierter Autoren entdeckte. Als sie dann Young, Restless, Reformed zu lesen begann, hatte sie ihr ganz eigenes reformiertes „Erwachen“ bereits hinter sich.

„Ich wollte meine Schwestern finden“, sagt sie. „Wenn es Frauen gab, die mit genau diesem Fokus lehrten, wollte ich sie kennenlernen.“

Kurz darauf knüpfte Nancy Kontakt zu Kathleen Nielson, die später die erste Leiterin der Frauenarbeit bei TGC werden sollte. Als für die TGC-Konferenz 2011 vier Referentinnen für Seminare eingeladen wurden, war Nancy eine von ihnen.

„Ich habe mich riesig gefreut, dabei sein zu dürfen“, erinnert sie sich. „Ich hatte wirklich das Gefühl, meine Leute gefunden zu haben.“

Und das hatte sie. In den folgenden 15 Jahren sollte sich dieser Kreis um ein Vielfaches vergrößern: Frauen auf der ganzen Welt – von denen viele von Nancy unterrichtet, ermutigt oder angeleitet worden waren – begannen, sich nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Verstand intensiv mit der Bibel auseinanderzusetzen.

Südliche Baptisten durch und durch

Nancy Guthrie wurde 1962 in einem Land geboren, in dem sich fast jeder als Christ bezeichnete (93 Prozent), knapp drei Viertel Mitglied einer Kirchengemeinde waren (73 Prozent) und fast die Hälfte in der vergangenen Woche einen Gottesdienst besucht hatte (46 Prozent).

„Ich könnte sagen, dass ich in einer Familie Südlicher Baptisten aufgewachsen bin, aber das wäre untertrieben“, erläutert sie. „Wir waren Südliche Baptisten durch und durch. … Wir waren eine Familie, die sonntagmorgens, sonntagabends und mittwochabends zum Gottesdienst ging. Manchmal waren wir auch samstags in der Gemeinde, um sauberzumachen. Wir waren einfach immer da.“

Nancy machte das nichts aus. In der siebten Klasse, als sie im Sommercamp des KCYFC – der Ortsgruppe von Youth for Christ (dt. „Jugend für Christus“) in Kansas City – arbeitete, traf sie die Entscheidung, fortan für Christus zu leben. Bereits im folgenden Jahr gab sie in den örtlichen KCYFC-Gruppen Zeugnis von ihrem Glauben. An den Wochenenden sang sie bei KCYFC-Veranstaltungen und im sonntäglichen Morgenfernsehen.

„Youth for Christ wurde mein Zuhause“, berichtet sie. Nancy stand am Anfang eines völlig neuen Dienstzweigs – der Jugendarbeit. In den folgenden Jahren schauten sich die Ortsgemeinden viel vom Engagement für Jugendliche bei den übergemeindlichen Werken ab: Sie stellten Jugendpastoren ein und gründeten Jugendgruppen.

Gleichzeitig entstand noch ein weiterer Bereich der Gemeindearbeit.

Frauenarbeit

Wenn sich vor den 1970er-Jahren eine Gruppe von Frauen im Gemeindehaus traf, ging es meist darum, wie man Geld für Missionare sammeln, sich um Bedürftige in der Gemeinde kümmern oder eine neue Orgel finanzieren könnte.

Zu Beginn der 1980er-Jahre sehnten sich die Frauen nach etwas anderem. Die ersten bekannten Bibelkreise für Frauen – wegweisend geprägt von Audrey Wetherell Johnsons BSF in den 1960er-Jahren und Kay Arthurs Precept Ministries in den 1970er-Jahren – waren beide induktiv aufgebaut. Die Frauen arbeiteten sich Buch für Buch durch die Schrift und stellten sich dabei drei Grundfragen: Was sagt der Text? Was bedeutet er? Wie kann ich ihn auf mein Leben anwenden?

Dieses wachsende intellektuelle Interesse an der Bibel ging einher mit einer Entwicklung im Bildungswesen: Immer mehr Frauen studierten, machten ihren Abschluss und fassten in einer zunehmend wissensbasierten Wirtschaft Fuß.

Dieser Trend spiegelte sich auch im Aufschwung des christlichen Medien- und Verlagswesens wider. Angetrieben von der Jesus-People-Bewegung schossen überall im Land christliche Buchhandlungen aus dem Boden. Auch die Medienarbeit von Christianity Today wuchs: Innerhalb von 18 Jahren nahm die Zeitschrift zehn weitere monatlich erscheinende Publikationen in ihr Angebot auf. Verlage wie Word, Thomas Nelson, Tyndale, Zondervan und später Crossway verzeichneten enorme Umsätze, insbesondere bei Bibelübersetzungen. Word Records sowie Word Music brachten am laufenden Band zeitgenössische christliche Alben, Bücher und Gemeindemusik heraus.

Für Evangelikale in Amerika waren das aufregende Zeiten, insbesondere für junge Frauen mit einer Leidenschaft für christliche Musik und den christlichen Buchmarkt.

Nancy war eine dieser Frauen – noch dazu kontaktfreudig, voller Energie und immer bereit, die Initiative zu ergreifen. Während ihrer Zeit an der John Brown University koordinierte sie studentische Aktivitäten (wozu auch die Organisation von Konzerten auf dem Campus mit den damals bekannten christlichen Künstlern gehörte), moderierte eine Radiosendung beim Campus-Sender und sang in einem Tournee-Ensemble der Hochschule.

Gleich nach dem Studium bekam sie einen Job, für den sie wie gemacht war: Sie arbeitete als Pressereferentin in der Buchsparte des Word-Verlags.

Der Word-Verlag

„Damals brachte Word den Großteil der Top-10-Titel auf den Bestsellerlisten heraus – von Autoren wie Billy Graham, Chuck Swindoll, James Dobson und später Max Lucado“, erzählt sie. „Ich habe diese Bücher sofort gelesen und mit den Autoren zusammengearbeitet. … In manchen Fällen war das aufregend, in anderen allerdings zutiefst enttäuschend.“

Hier, im Epizentrum eines boomenden Evangelikalismus, zeigten sich Zeichen echten Glaubens – Großzügigkeit, Freude und Sanftmut. Es gab jedoch auch Sünde – Gier, Stolz, mangelnde Integrität. Kurz nachdem Nancy ihre Stelle angetreten hatte, ging eine Führungskraft des Unternehmens mit einem der Autoren eine Affäre ein.

„Das war eine prägende Erfahrung für mich“, hält Nancy fest.

Nach einem Jahr bei Word „wurde ein Mann namens David Guthrie eingestellt, um das Marketing für den Noten- und Liederbuchbereich des Unternehmens zu übernehmen“, erinnert sich Nancy. „Sein Büro lag ein Stück den Flur hinunter, ganz in der Nähe von meinem.“

David hatte einen dichten Bart und wirkte ernst, doch dahinter verbarg sich ein trockener Humor. Nancy suchte immer wieder nach Ausreden, um an seinem Büro vorbeizugehen. Ein Jahr später heirateten sie, und drei Jahre später war sie schwanger.

Als Matt 1990 geboren wurde, wollte Nancy mit ihm zu Hause bleiben und kündigte ihren Bürojob bei Word. Sie wollte aber auch arbeiten, weswegen sie sich ein Faxgerät und einen Macintosh Classic kaufte und ihr eigenes Unternehmen für Medienarbeit gründete. Ihr größter Kunde war die Christian Booksellers Association (CBA), der Branchenverband christlicher Buchhandlungen.

Als die CBA 1950 gegründet wurde, vertrat sie rund 300 evangelikale Einzelhandelsgeschäfte. Mitte der 1990er-Jahre waren es bereits 7.000 Geschäfte. Der christliche Einzelhandel – mittlerweile mit einem Umsatz von drei Milliarden Dollar im Jahr – verkaufte Tausende, manchmal sogar Millionen Exemplare von Billy Grahams So wie ich bin, der Left Behind-Reihe und den VeggieTales-Videos.

Das hielt Nancy auf Trab. Zu ihren Aufgaben gehörte es, Autoren kurzfristige Auftritte in den Medien zu vermitteln und Redaktionen zeitnah mit Zitaten der Autoren zu versorgen.

Als sie und David (damals Vizepräsident bei Word Music) 1993 nach Nashville zogen, war sie erschöpft, körperlich überlastet und geistlich ausgehungert.

„Zu diesem Zeitpunkt steckte ich zwar tief in der christlichen Welt und Theologie, aber ich kam mir auch wie eine riesige Heuchlerin vor“, gibt Nancy zu. „Ich sprach nicht wirklich mit Gott, und ich las auch nicht regelmäßig in seinem Wort, um von ihm zu hören.“

Hinein ins Wort

Nancy war skeptisch, als ihre Freundin Sue Johnson sie 1994 zu dem BSF-Kurs einlud, den sie in Nashville unterrichtete: „Ich mochte sie sehr, aber ich sah in ihr keine typische Lehrerin – nicht so wie die evangelikalen Frauen, mit denen ich zusammenarbeitete.“

Die Messlatte lag hoch. Mit den wachsenden wirtschaftlichen Möglichkeiten im christlichen Einzelhandel nahm auch die Zahl der Andachtsbücher, Sachbücher und Konferenzen für Frauen zu. Während sich einige auf das Unterrichten biblischer Lehre konzentrierten (wie Beth Moore oder Anne Graham Lotz), waren die prominentesten weiblichen Persönlichkeiten die Rednerinnen bei den Women of Faith-Konferenzen, charismatische Autorinnen wie Joyce Meyer sowie Romanautorinnen (etwa Francine Rivers oder Janette Oke) und Musikerinnen (wie Amy Grant, Rebecca St. James oder CeCe Winans).

„Die meisten Veröffentlichungen von und für Frauen drehten sich um praktische Alltagsthemen. Der Schwerpunkt lag nicht darauf, die Bibel zu studieren“, schildert Nancy. „Sie waren erbaulich und inspirierend, aber nicht theologisch.“

Bei der BSF war das anders. Nancy hat ihr erstes Treffen noch vor Augen: „Sue sprach über die blutflüssige Frau und erklärte, dass das Leben im Blut liegt. Bei dieser Frau floss das Leben buchstäblich aus ihr heraus. Und sie brauchte nichts Geringeres als ein Wunder, um für Gott lebendig zu werden.“

„Gibt es hier jemanden, der glaubt, dass er nichts Geringeres als ein Wunder braucht, um lebendig zu werden?“, fragte Sue die Frauen.

Nancy war klar, dass es sich um eine rhetorische Frage handelte.

„Es war eigentlich nicht angedacht, dass man seine Hand hebt, aber irgendwie wollte ich es tun“, sagt sie. „Ich wusste, dass ich gemeint war. Und ich hatte das Gefühl, dass ich nichts Geringeres als ein Wunder benötigte, um mein eisiges Schweigen gegenüber Gott, diesen Berg aus nicht bekannten Sünden und meine Apathie zu überwinden.“

Nancy schloss sich der BSF an.

„Ich saß in der ersten Reihe, sog Woche für Woche alles in mich auf und beobachtete einfach nur Sue“, berichtet sie. „Ihr Unterricht hatte nichts Spektakuläres. Er war fundiert und gut strukturiert, aber es ging nicht um sie als Person. Während ich dort saß, wurde mir klar, wie tief das mich und all die Frauen um mich herum berührte. Ich begann zu denken: ‚Wow. Ich kann mir nichts Bedeutenderes für mein Leben vorstellen, als die Bibel zu lehren.‘“

Nancy hörte das Wort Gottes auch in den Gottesdiensten ihrer Gemeinde. Sie und David waren in der Christ Presbyterian Church gelandet, weil sie den Chorleiter kannten. Anfangs sträubten sie sich gegen die Lehren der Prädestination, der begrenzten Sühne oder der Säuglingstaufe, aber die Musik und die Predigten gefielen ihnen.

Also blieben sie.

Der Verlust von Hope

Nancy und David waren überglücklich, als Nancy wieder schwanger wurde – und noch glücklicher, als sie erfuhren, dass es eine Tochter werden würde. Am 23. November 1998 brachte Nancy Hope Lauren Guthrie zur Welt.

Gleich nach der Geburt fiel ihnen jedoch auf, dass sie Klumpfüße hatte und teilnahmslos wirkte.

„An [Hopes] zweitem Lebenstag kam ein Genetiker in unser Zimmer und teilte uns mit, er habe den Verdacht, sie habe das Zellweger-Syndrom“, so Nancy. Das bedeutete, dass Hope in jeder einzelnen Zelle ein lebenswichtiges Enzym fehlte.

Bald darauf wurde der Verdacht bestätigt.

„Alle ihre wichtigen Organe – Leber, Nieren, Gehirn – waren bereits stark geschädigt“, führt Nancy weiter aus. Es gab keine Behandlungsmöglichkeit. Hopes Lebenserwartung betrug sechs Monate.

Die Guthries waren vor Schock wie gelähmt. Es dauerte fünf Tage, bis Nancy sich die medizinischen Informationen durchlesen konnte, die der Arzt für sie aus einem Lehrbuch kopiert hatte. Sie und David fragten sich, wie Hopes Leben und Tod aussehen würden – und wie diese Erfahrung sie als Eltern verändern würde.

199 Tage lang versorgten sie Hope, badeten sie, sangen ihr etwas vor und beteten für sie. Sie nahmen sie mit in die Gemeinde und ließen sie taufen.

Dann, eines Nachts, als David aufstand, um ihr die Windel zu wechseln, war Hope kalt und steif.

„Ihren Körper dem Bestatter zu übergeben, war eines der schwersten Dinge, die ich je tun musste“, betont Nancy.

Nach der Beerdigung fragten die Leute Nancy, ob sie ein Buch schreiben würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie daran kein Interesse. Die Guthries standen vor einer viel größeren Frage: Würden sie noch weitere Kinder bekommen?

Der Verlust von Gabe

Sowohl David als auch Nancy sind Träger des rezessiven Gens für Zellweger. Jedes ihrer Kinder hatte somit eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent, an dieser tödlichen Erkrankung zu leiden.

„Wäre es nur um David und mich gegangen, hätten wir dieses Risiko [einer weiteren Schwangerschaft] vielleicht eingehen können“, blickt Nancy zurück. „Wir beide haben Hope geliebt und die Zeit mit ihr genossen. Aber es ging nicht nur um uns. Unser Sohn lebte sechs Monate lang in einem Haushalt, in dem man darauf wartete, dass sein Geschwisterchen stirbt – und danach lebte er mit einer zutiefst traurigen Mutter. Das war sicher alles andere als leicht für ihn.“

Sie beschlossen, operative Maßnahmen zu ergreifen, um eine weitere Schwangerschaft zu verhindern. Daher konnten sie es kaum glauben, als Nancy anderthalb Jahre nach Hopes Tod erneut schwanger war.

„Wir waren schockiert und hatten Angst“, berichtet sie. Die Guthries mussten acht Wochen auf die Pränataldiagnostik warten, dann weitere drei Wochen auf die Ergebnisse.

„Ich war in der 15. Schwangerschaftswoche, als der Genetiker uns mitteilte, dass wir einen Sohn bekommen würden und dass auch er das Zellweger-Syndrom habe“, sagt Nancy. „Er fragte, ob wir einen Termin vereinbaren wollten, um über die Fortsetzung der Schwangerschaft zu sprechen.“

Er war nicht der Einzige, der diese Frage stellte. Ihre Lage war so schrecklich, dass ein Ruck des Entsetzens und der Trauer durch die Gemeinde ging, als David und Nancy davon erzählten. Zeitungen berichteten darüber. Das Time-Magazin veröffentlichte eine Reportage, die das Schicksal der Guthries mit dem von Hiob verglich. Sogar einige christliche Freunde sagten Nancy und David, dass sie ihnen keinen Vorwurf machen würden, wenn sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden.

David und Nancy zogen das gar nicht erst in Betracht – vor allem, weil ihr Glaube an die Souveränität Gottes inzwischen auf einem festen Fundament stand.

„Ich dachte an Joseph in 1. Mose 45“, erläutert Nancy. „Ich weiß noch, wie ich David ansah und die Worte zitierte, die Joseph zu seinen Brüdern gesagt hatte: ‚Nicht ihr habt mich hierher gesandt, sondern Gott.‘ Aus dieser Perspektive haben wir das alles betrachtet.“

In dem, was später ihr erstes Buch werden sollte, verarbeitete Nancy ihre Gedanken weiter.

Hoffnung im Leid ist ein Buch des Übergangs. Es steht genau zwischen den zwei großen Phasen in Nancys Leben, in denen der Tod ihrer Kinder eine klare Trennlinie zwischen dem Davor und dem Danach zieht. Es spiegelt zudem ihren theologischen Wandel wider: Das Buch verbindet die für die reformierte Theologie typische Betonung von Gottes Souveränität mit dem evangelikalen Fokus auf menschliche Entscheidungen – und sieht in Hiob eher ein Vorbild als einen Hinweis auf Christus.

Nancy war nicht die Einzige, die ihre Sicht auf Gott weiterentwickelte. Innerhalb des Evangelikalismus begann sich eine theologische Strömung zu formieren und an Dynamik zu gewinnen.

Reformation

Unmittelbar nach Erscheinen von Hoffnung im Leid wurde Nancy gebeten, eine Fortsetzung in Form eines Andachtsbuchs zu verfassen. Sie schrieb im Stil jener Zeit: oben auf der Seite ein Bibelvers, gefolgt von einer kurzen, ansprechenden Geschichte und ein bis zwei Fragen am Ende. Wer wollte, konnte noch einen ergänzenden Bibelabschnitt lesen.

Das Buch ist nicht durchweg von reformierter Theologie geprägt. Doch um ihre eigene Trauer zu verarbeiten, tendierte Nancy immer weiter in diese Richtung: „Die reformierten Autoren, Prediger und Lehrer waren diejenigen, die biblische Antworten auf das Leiden hatten. Und diejenigen, die über die Lehre von der Souveränität Gottes sprachen.“

Jemand schenkte Nancy eine Kassette mit einer Predigt von John Piper, die davon handelte, dass das Muttersein eine Berufung zum Leiden sei. Von da an begann sie, die Website von Desiring God zu lesen.

„Dann habe ich mir einen iPod gekauft, damit ich den White Horse Inn-Podcast hören konnte“, berichtet sie. „In dem Podcast ging es darum, welche Ansichten manche Leute zu bestimmten Themen hatten. Und ich dachte mir so manches Mal: ‚Genau das habe ich auch gedacht! Was ist denn daran falsch?‘“

Sie spulte zurück und hörte sich Stellen noch einmal an, um die feinen Unterschiede in den Argumenten zu begreifen und ihr Verständnis zu schärfen. Außerdem hörte sie dem neuen Pastor ihrer Gemeinde zu, der fortlaufend durch die Bibel predigte und dabei den Schwerpunkt auf die Heilsgeschichte legte.

Gleichzeitig hatte sie Angst davor, zu jener Art von Rednerin im evangelikalen Konferenzbetrieb zu werden, die immer und immer wieder nur die Geschichte ihres Verlusts erzählt.

„Ich wusste (wahrscheinlich aufgrund meines BSF-Einflusses), dass ich die Bibel weitergeben wollte – und nicht nur meine persönliche Geschichte“, meint Nancy.

Sie versuchte, beides miteinander zu verbinden, indem sie ihre eigene Geschichte nutzte, um das Buch Hiob zu unterrichten. Manchmal stieß sie dabei auf Widerstand: „Man ging davon aus, dass Frauen sich mehr für persönliche Geschichten interessieren würden als für etwas aus der Bibel.“

Nancy sprach, schrieb und lernte weiter. Sie hörte sich Aufnahmen an, in denen Tim Keller über den „wahren und besseren Abel“ sprach und Bryan Chapell erklärte, wie man Christus nicht nur in den Prophezeiungen des Alten Testaments, sondern auch in Mustern, Ereignissen, Symbolen und Menschen erkennen könne.

„Mein Kopf explodierte förmlich“, erinnert sie sich. „Ich hatte das Gefühl, noch einmal ganz von vorn anfangen zu müssen, um die Bibel überhaupt zu verstehen.“ Sie begann, Werke von Ed Clowney, Sinclair Ferguson und Geerhardus Vos zu lesen.

Im Jahr 2007 veröffentlichte sie Hoping for Something Better: Refusing to Settle for Life as Usual. Es war eine Auslegung des Hebräerbriefs. „Als ich mit dem Schreiben begann, wusste ich jedoch noch gar nicht, was biblische Typologie überhaupt ist“, räumt Nancy ein. Und sie hatte immer noch „tief verwurzelte Vorstellungen davon, wie die Bibel zu verstehen und zu vermitteln sei. Ich war schließlich geprägt von all den früheren Materialien, mit denen ich gearbeitet hatte, und von den Menschen, denen ich zugehört hatte.“

Bei einigen reformierten Rezensenten stieß das Buch auf Kritik.

„Das war für mich wirklich der Punkt, an dem ich begann, die Bibel nicht nur im Einklang mit fundierter reformierter Theologie zu verstehen, sondern sie auch so zu vermitteln“, sagt Nancy. „Ich befand mich auf einer steilen Lernkurve.“

Um sich weiterzubilden, fing sie an, Sammelbände reformierter Autoren herauszugeben – John Piper, Tim Keller und D.A. Carson, Calvin, Luther und Edwards, John Owen und J.I. Packer. Ab 2009 belegte sie Kurse am Reformed Theological Seminary und schloss dort 2024 ihr Studium mit einem Master of Arts in Theologie ab.

Da sie in der Frauenarbeit tätig war, begann sie auch, sich im Internet umzuschauen, was in Frauenbibelkreisen gemacht wurde.

Reformation für Frauen

„Bei den Frauenbibelkreisen ging es meist darum, den Text zu lesen und sofort herauszufinden, wie man ihn auf sich selbst anwenden kann“, schildert Nancy. Sie las jedoch Bücher und hörte Lehrern zu, die einen anderen Ansatz verfolgten.

„Ich erinnere mich, wie ich in Lukas 24 las, dass Jesus auf dem Weg nach Emmaus – ausgehend von Mose und allen Propheten – zwei Jüngern die Stellen aus der Schrift auslegte, die sich auf ihn bezogen“, erklärt sie. „Wenn es im gesamten Alten Testament im tiefsten Sinne um Christus geht, wollte ich es auch so verstehen, und ich wollte anderen Frauen helfen, das genauso zu erkennen.“

Nancy wagte den Versuch und schrieb eine fünfbändige Reihe darüber, wie man Jesus im Alten Testament entdecken kann.

Das Format unterscheidet sich stark von ihren früheren Werken – es handelt sich eher um Bibelstudien als um Andachten. Von den Lesern wird erwartet, dass sie ihre Bibel aufschlagen, Fragen beantworten und sich mit anderen Gläubigen austauschen. Das Verhältnis von persönlichen Geschichten zu biblischer Lehre hat sich komplett gedreht. Obwohl das Material leicht verständlich aufbereitet ist, ziehen sich tiefe theologische Wahrheiten durch die Bücher.

Schon als Nancy diese Bibelstudien zum ersten Mal in ihrer eigenen Gemeinde vorstellte, kamen Frauen auf sie zu.

„Da war diese liebe, gottesfürchtige, ältere Frau, die sich ihr ganzes Leben mit der Bibel beschäftigt hatte und sich wirklich gut in ihr auskannte“, erzählt Nancy. „Sie kam unter Tränen zu mir und fragte mich: ‚Wie kommt es, dass ich die Dinge so noch nie betrachtet habe?‘“

Eine andere Frau fragte, ob Nancy eine neue und andere Art des Bibellesens entwickle.

„Nein“, antwortete Nancy ihr. „Tatsächlich führe ich uns zurück zu der Art und Weise, wie die Bibel gelesen wurde, bevor sich in unseren Gemeinden ein moderner, pragmatischer und von Laien angeleiteter Bibelunterricht breitgemacht hat.“

In den folgenden fünf Jahren, in denen Nancy vier weitere Bände veröffentlichte, begegneten ihr immer wieder Leute mit ähnlichen Reaktionen.

Wo sind die Frauen?

Anfangs waren die führenden Köpfe der Young, Restless, Reformed-Bewegung fast ausschließlich Männer. Vielleicht lag es teilweise an der Betonung des Komplementarismus, dass bei den ersten hochkarätigen Konferenzen (z.B. Together for the Gospel), beim Verfassen von Blogs (z.B. Justin Taylor oder Tim Challies) und in Führungspositionen (z.B. Mark Dever oder Tim Keller) vor allem Männer im Vordergrund standen.

Die Frauen ließen jedoch nicht lange auf sich warten.

Im Jahr 2012 fand die erste TGC-Frauenkonferenz in Orlando, Florida, statt. Mehr als 3.500 Frauen kamen, um Referentinnen wie Paige Benton Brown, Nancy Leigh DeMoss und Kathleen Nielson zuzuhören, die Bibeltexte über das Wesen Gottes auslegten.

„Nur sehr wenige Frauenkonferenzen (wenn überhaupt welche) hätten konsequent gesagt: ‚Lasst uns bei den Hauptvorträgen gemeinsam Gottes Wort aufschlagen, und die Referentinnen werden einen Text durcharbeiten und fortlaufend auslegen‘“, schildert Nancy, die einen Workshop leitete. „Damals gab es das bei vielen Frauenveranstaltungen einfach nicht. Das war wirklich besonders.“

Eine der Teilnehmerinnen war Jen Wilkin. „Für mich war sofort klar, dass ich dabei sein muss“, schrieb sie anschließend auf ihrem Blog. Jen erinnerte sich daran, schon beim bloßen Lesen der Konferenzankündigung geweint zu haben:

„Wisst ihr, warum ich letzten Sommer vor meinem Computer geweint habe? Ich habe geweint, weil ich dem Mangel an Bibelwissen in unseren Gemeinden ein Ende setzen will. Ich habe geweint, weil ich entschlossen bin, eine Generation junger Frauen vor einem Glauben zu retten, der nur auf dem Treibsand rein emotionaler Regungen aufgebaut ist. Ich habe vor lauter Erleichterung geweint, weil ich mit meiner Hoffnung auf Veränderung nicht allein war.
Viel zu lange waren gläubige Frauen bereitwillige Empfängerinnen einer Frauenarbeit, die ihren Verstand unterfordert und lediglich ihre Gefühle bedient. Viel zu lange haben Gemeinden es versäumt, die Messlatte höher zu legen. Sie haben sich mit einem Modell begnügt, das zwar Beziehungen zwischen Frauen fördert, sie aber nicht zu einem tieferen Verständnis des Wortes Gottes herausfordert. An diesem Wochenende durfte ich 48 Stunden lang miterleben, wie einflussreiche Stimmen laut wurden und einen anderen Maßstab einforderten. 48 Stunden lang durfte ich die sehr reale Hoffnung hegen, dass sich das Blatt wenden könnte.“

In den vergangenen 20 Jahren beobachteten Jen und Nancy dann tatsächlich (und trugen selbst maßgeblich dazu bei), dass sich das Blatt wendete. Im Jahr 2016 startete Nancy für TGC einen Podcast mit dem Titel Help Me Teach the Bible. In 140 Folgen sprach sie mit Theologen aus aller Welt darüber, wie man die 66 Bücher der Bibel auslegen und lehren könne. Sie schrieb noch weitere Bücher – über das Gebet, über das Buch der Offenbarung und über die großen Themen, die die Bibel durchziehen. Zudem begann sie, biblisch-theologische Workshops für Frauen anzubieten und international als Referentin tätig zu werden, wobei sie Frauen in Dutzenden Ländern unterrichtete, von Italien über Brasilien bis hin zu den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die Früchte sind enorm. In diesem Jahr nahmen mehr als 8.500 Frauen an der TGC-Konferenz in Indianapolis teil, auf der Nancy, Jen und weitere Referentinnen Auslegungspredigten über die Psalmen hielten. Heutzutage müssen die Veranstalter nicht mehr mühsam nach evangeliumszentrierten und biblisch versierten Bibellehrerinnen suchen, sondern die Auswahl auf etwa 50 Namen begrenzen, die Workshops leiten sollen.

Das liegt daran, dass die Zahl der Frauen, die christuszentrierte Auslegungspredigten halten können – von Nancy über Courtney Doctor bis hin zu Ruth Chou Simons – deutlich gestiegen ist. Und jedes Mal, wenn sie einen Podcast veröffentlichen, eine Bibelstudie verfassen oder darüber sprechen, wie das Evangelium das gesamte Leben prägt, erweitern sie den Kreis der Frauen, die den Herrn besser kennen- und lieben lernen.

„Nancys Lehre hat einen unglaublichen Einfluss darauf gehabt, wie evangelikale Frauen die Bibel verstehen und studieren“, resümiert Melissa Kruger, Vizepräsidentin für den Bereich Jüngerschaft bei TGC. „Sie hat große Freude am Wort Gottes und lädt andere dazu ein, es ihr gleichzutun. Ihr Leben spiegelt die Wahrheiten, die sie lehrt, auf so wunderschöne Weise wider.“