Bibel und Theologie

Wirklich eine befreiende Sicht?

Rezension von Katie Depner
20. August 2026 — 10 Min Lesedauer

Das Buch in Kürze

Der clever gewählte Titel Frau Sein weckt sofort Neugier. Gerade seine Offenheit lässt den Leser fragen, was ihn in diesem Buch erwartet. Aus irgendeinem Grund hatte ich zunächst vermutet, dass es sich vor allem um ein theologisches Buch handeln würde. Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch in erster Linie um eine Mischung aus autobiographischem Bericht und kulturgeschichtlicher Beobachtung, die durch einen durchgehenden theologischen roten Faden zusammengehalten wird.

Franziska Klein eröffnet das Buch mit einer ausführlichen Schilderung ihres Lebenswegs, der sich größtenteils vor dem Hintergrund ihrer traditionell-konservativen Herkunftsgemeinde entfaltet – von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenalter. Dabei reiht sie eine Geschichte nach der anderen über Erlebnisse aneinander, die dazu beigetragen haben, dass sie sich als Frau minderwertig fühlte. Von ihrer persönlichen Geschichte spannt sie den Bogen zur Weltgeschichte und zeichnet das Thema der Frauenfeindlichkeit durch die Jahrhunderte nach. Sie beginnt etwa im Jahr 3000 v. Chr. und arbeitet sich bis in die Gegenwart vor. Dabei behandelt sie Themen wie den Aufstieg des Feminismus, Hexenverfolgungen, vergessene Künstlerinnen und Musikerinnen sowie aktuelle Phänomene wie die Manosphere[1] und Tradwives[2] in den sozialen Medien. Am Ende dieses Kapitels kommt sie zu dem Schluss, dass das, was ihr stets als „gottgewolltes Frauenbild“ vermittelt worden war, in Wirklichkeit „ein Produkt patriarchaler Geschichtsschreibung“ sei (S. 71).

Diese Erkenntnis veranlasste die Autorin schließlich, sich auf die Suche nach einem Gott zu machen, der ihren Überzeugungen entspricht: „weil ich nicht an einen Gott glauben konnte und wollte, der Frauen in Gesellschaft oder Kirche weniger Rechte und Freiheiten gab als Männern“ (S. 79). Mit dieser Perspektive nähert sie sich im dritten Kapitel – dem einzigen Kapitel, das sich ausdrücklich mit biblischen Texten befasst – den Aussagen der Heiligen Schrift über die Frau.

In den folgenden fünf Kapiteln beleuchtet sie die vielfältigen Formen der Unterdrückung, denen Frauen ihrer Ansicht nach bis heute im Alltag ausgesetzt sind. Ihre klare These, dass Frauen auch heute noch Ungerechtigkeit und Benachteiligung erfahren, untermauert sie, indem sie sowohl eigene Erlebnisse als auch gesellschaftliche Beobachtungen heranzieht. Sie berichtet von persönlichen Gesprächen, die sie führen musste, weil Menschen ihren Dienst als Pastorin ablehnten. Sie spricht unter anderem über die Objektifizierung und Sexualisierung weiblicher Körper im Internet, den geringeren Stellenwert des Frauenfußballs und Menschenhandel.

Ihr Anliegen ist es, das Bewusstsein für die bestehende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zu schärfen und ihre Vision einer Welt aufzuzeigen, in der Männer und Frauen in jeder Hinsicht gleichgestellt sind – auch innerhalb der Kirche.

Der Schreibstil und die Wirkung auf die Leser

Kleins Erzählweise und Schreibstil sind lebendig und ergreifen den Leser geradezu. Sie bringt Dinge auf den Punkt. Die Sprache ist oft emphatisch, absolut und teilweise polemisch. In Verbindung mit dem regelrechten Refrain des Buches, in dem Frauen primär als Opfer und Männer als ihre dominanten und unterdrückenden Peiniger dargestellt werden, empfand ich den kritischen Schreibstil mit der Zeit als zunehmend drückend, ja geradezu zermürbend. Dass viele der angesprochenen Themen tatsächlich enorm schmerzhaft sind, möchte ich allerdings keineswegs in Abrede stellen. An vielen Stellen tritt das Ausmaß der Sünde und Zerbrochenheit der Welt deutlich hervor.

Die „Brille“, durch die sie die Bibel liest

Klein überträgt dieses Weltbild auf die biblische Erzählung, und es prägt folglich auch ihre Auslegung jener Passagen, die sich ausdrücklich mit dem Mann- und Frausein befassen. Sie ordnet diese Texte in eine umfassendere kulturelle Erzählung von Patriarchat und Frauenfeindlichkeit ein. Aus ihrer Sicht ist die Herrschaft des Mannes über die Frau – oder überhaupt jede Form von Asymmetrie zwischen Mann und Frau – eine Folge des Sündenfalls und daher etwas, das Christen überwinden sollten. Folglich vertritt sie die Auffassung, dass das Ziel des Evangeliums darin bestehe, diesen Fluch aufzuheben und die Frauen vom Patriarchat zu befreien.

Bibelstellen, die Rollenunterschiede zu lehren scheinen (wie 1. Timotheus 2,11–15 u. 1. Korinther 14,34–36), werden so interpretiert, dass sie nur für ihren jeweiligen historischen Kontext gelten. Sie schreibt: „Paulus’ Aussage jedoch als Vorschrift für alle Zeiten zu deuten, halte ich für unsachgemäß“ (S. 106).

Während die Autorin im übrigen Teil des Buches ihre Argumente durch zahlreiche Beispiele und ausführliche Diskussionen entwickelt, empfand ich das Kapitel über die biblischen Texte als relativ eindimensional, insbesondere angesichts der Komplexität des Themas. Obwohl sie auf schöne Weise die Würde hervorhebt, die Jesus Frauen verleiht, und die Art und Weise, wie er ihnen begegnet, bleibt ihre Behandlung der schwierigeren Bibelstellen zu den Rollen von Frauen in der Gemeinde knapp und spekulativ. Aus dieser relativ begrenzten Auseinandersetzung zieht sie dennoch weitreichende Schlussfolgerungen und argumentiert, dass jede Auslegung der Schrift, die eine Asymmetrie zwischen Mann und Frau bejaht, notwendigerweise Unterdrückung unterstütze und daher nicht Gottes Absicht entsprechen könne.

Die Ablehnung von Komplementarität

Das komplementäre Verständnis der Geschlechter, das oft unter der Formulierung „gleichwertig und verschiedenartig“ zusammengefasst wird, lehnt Klein vehement ab. Dabei geht es um den zweiten Aspekt, das „Unterschiedlich sein“, und die Auswirkungen auf Familie und Gemeinde. Sie betrachtet Komplementarität als eine christianisierte Form des Patriarchats und somit als frauenfeindlich.

Diese Überzeugung begründet sie weitgehend mit ihren eigenen Erfahrungen (oder vielleicht haben umgekehrt ihre Erfahrungen diese Überzeugung geformt). Sie schreibt: „Zwar behauptete in meinem Umfeld nie jemand, dass Gott Männer ein bisschen besser findet als Frauen; aber alles, was ich sah und erlebte, las und mir zusammenpuzzelte, ließ mir die Rolle der Frau gegenüber dem Mann minderwertig erscheinen“. Weiter sagt sie provokant: „Ich war Tochter eines Gottes, der lieber einen Sohn gehabt hätte“ (S. 33).

Sie beschreibt, wie in ihrer ersten Gemeinde häufig gelehrt wurde, dass Männer und Frauen „gleichwertig, aber nicht gleichartig“ seien, während ihre gelebte Erfahrung etwas völlig anderes vermittelte. Obwohl die Gleichwertigkeit verbal betont wurde, hatte sie nicht den Eindruck, dass sie tatsächlich „gleich“ behandelt wurde. Männer wurden gefördert und dazu ermutigt, Verantwortung zu übernehmen und sich intensiv mit theologischen Fragen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig machte ihr ein Leiter ihrer Gemeinde bereits in ihrer Jugend deutlich: „Doch für eine theologisch denkende Frau über zwanzig wird es keine Aufgabe geben; sie wird dann manchmal sogar zur Gefahr“ (S. 31). Rückblickend beschreibt sie ihre Wahrnehmung mit den Worten: „Irgendetwas am Mann schien durch seine Verantwortung und Aufgabe ‚gottgewollter‘, stärker, sachlicher, klarer, reifer, heiliger und gesünder zu sein“ (S. 33).

Mich lässt der Eindruck nicht los, dass Klein eine gesunde Umsetzung der Komplementarität letztlich nicht erlebt hat – ganz im Gegenteil. Obwohl den Frauen versichert wurde, sie seien gleichwertig, wurden sie so behandelt, als wären sie von Natur aus weniger wert. Das Etikett bleibt, doch die Substanz fehlt.

Es ist ein wenig so, als würde man zum ersten Mal eine Schokoladentafel öffnen und feststellen, dass der Inhalt statt süßer Schokolade nur eine bittere, ungenießbare Masse ist. Man kostet davon, hält es für Schokolade, lehnt sie ab und schließt daraus, dass man Schokolade nicht mag. Doch das, was in der Verpackung war, war nie echte Schokolade.

Sollte man aus einer verzerrten oder sündhaften Ausprägung eines Sachverhalts schließen, dass er grundsätzlich nicht Gottes Idee sein kann? Oder könnte es sein, dass Gottes Idee, wie es in der Schrift offenbart ist, tatsächlich gut ist, wir Menschen sie jedoch als Sünder immer wieder verzerren?

Die Ergänzung zwischen Mann und Frau, wie sie in der Schrift sichtbar wird, ist harmonisch, schön und keineswegs für eine der beiden Seiten unterdrückend. Gott ist gut, und auch seine Geschichte mit Männern und Frauen ist gut. Das Evangelium ist die gute Botschaft – es war sie immer und wird sie immer bleiben, auch für Frauen. Dennoch verlassen Frauen Gemeinden derzeit häufiger als Männer.[3] Möglicherweise liegt das auch daran, dass wir die Tragweite dieses Themas unterschätzen und komplementäre Überzeugungen – oft ungewollt – in ungesunde Richtungen abgleiten lassen.

Deshalb brauchen wir eine Rückbesinnung auf das Evangelium und eine biblisch fundierte und gelebte Komplementarität, die den guten Schöpfungswillen Gottes widerspiegelt. Diese ist geprägt von gegenseitiger Wertschätzung, dienender Liebe und gemeinsamer Nachfolge. Ich glaube nicht, dass dies das eigentliche Hauptziel des Evangeliums verstanden werden sollte, auch wenn das Buch stellenweise subtil den Eindruck vermittelt, als sei dies die Frage aller Fragen. Trotzdem sollte auch die Schönheit der Komplementarität eine sichtbare Frucht des Evangeliums sein.

Schlussgedanken

Zum Abschluss möchte ich einige Gedanken dazu teilen, für wen dieses Buch geeignet sein könnte und was Leser dabei im Blick behalten sollten.

Erstens erinnert das Buch Vertreter der Komplementarität daran, dass ihre Überzeugung mehr sein sollte als ein Etikett. Sie muss sich in einer konsequenten und zugleich schönen bzw. gewinnenden Praxis widerspiegeln. Kleins Erfahrungen sollten als Weckruf verstanden werden, der dazu anregt, zu prüfen, ob unser Handeln wirklich unserem Leitsatz „gleichwertig aber andersartig“ entspricht.

Zweitens glaube ich, dass das Buch, da es weitgehend autobiographisch ist, besonders für Frauen von Bedeutung sein könnte, die aus einem ähnlich traditionell-konservativen Gemeindehintergrund kommen. Klein bringt Erfahrungen zur Sprache, die viele Leserinnen wiedererkennen dürften, und beleuchtet Haltungen und Praktiken, die schädlich und in manchen Fällen schlicht unbiblisch waren. Gleichzeitig ist es wichtig, zwischen ihren Erfahrungen und den Schlüssen, die sie daraus zieht, zu unterscheiden. Der Deutungsrahmen, den sie wählt und als einzig gangbare Lösung präsentiert, ist meines Erachtens nicht der einzige Weg, um auf diese Probleme zu reagieren.

Die Schwere des Schmerzes und die Ernsthaftigkeit des Problems, die Klein ausführlich darlegt, rufen eigentlich nach einer heilsamen Lösung. Eine solche Lösung bietet sie jedoch letztlich nicht; denn sie nennt kaum konkrete Ansätze, die über die Vision eines gesellschaftlichen Wandels hinausgehen. Praktische Anwendungen und persönliche Hoffnung, die im Evangelium verwurzelt ist, bleiben förmlich aus.

Das ist letztlich auch das, was ich meine, wenn ich das Buch als „drückend“ beschreibe. Es lässt die Leser die erdrückende Last von Sünde und Ungerechtigkeit in der Welt spüren, ohne Frauen oder Männer hinreichend auf Christus hinzuweisen. Es leitet uns nicht dazu an, unsere Identität in ihm zu finden oder die Schönheit zu entdecken, die darin liegt, seinem Beispiel zu folgen – indem wir unser Leben für andere hingeben, sei es in der Gemeinde, in unserem Umfeld oder, was vielleicht am meisten Opferbereitschaft erfordert, in unseren eigenen Familien.

Buch

Franziska Klein, Frau sein, Fontis: Basel, 2025, 280 Seiten, 22,90 €.


1 Die „Manosphere“ ist eine Online-Szene von Männern für Männer, die sich oft als Gegenbewegung zu Feminismus und moderner Geschlechterpolitik versteht. Je nach Forum reicht das von Selbstoptimierung bis zu aggressivem Antifeminismus.

2 „Tradwives“ sind Frauen, die sich bewusst an einem traditionellen Frauen- und Familienverständnis orientieren: Ehe, Mutterschaft, Hausarbeit und die Versorgung des Haushalts stehen bei ihnen im Zentrum. Der Begriff ist eine Kurzform von „traditional wives“ und wird vor allem in sozialen Medien als Selbstbezeichnung oder als Label für diese Lebensweise verwendet.

3 Siehe dazu: https://www.thegospelcoalition.org/article/women-leaving-church-reverse/ (Stand: 05.08.2026).

Katie Depner wuchs in der französischen Schweiz auf und hat ein Jahr am Seminar für Biblische Theologie in Beatenberg absolviert, wo sie auch ihren Mann Clemens kennengelernt hat. Nach der Bibelschulzeit hat sie in Konstanz eine Ausbildung zur Grundschullehrerin gemacht. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter in München.