Glaubensbekenntnisse: Alte Texte für einen frischen Glauben
Es gibt Christen, bei denen das Wort „Glaubensbekenntnis“ sofort Alarm auslöst. Man verbindet damit vielleicht starre Lehrgebäude, trockene Theologie oder sogar schmerzhafte Erfahrungen in Gemeinden, in denen theologische Überzeugungen wichtiger waren als Menschen. Solche Sorgen und Vorbehalte kommen nicht von ungefähr. Es gibt tatsächlich einen falschen Umgang mit Bekenntnissen – einen, der die Liebe verdrängt, der die Bibel aus den Augen verliert oder der Menschen unter Druck setzt.
Dennoch möchte ich eine andere Frage stellen: Könnte es sein, dass schriftlich fixierte Bekenntnisse nicht nur Gefahren mit sich bringen, sondern auch eine von Gott gegebene Hilfe für Gemeinden sind? Könnte es sein, dass man sie vielleicht sogar braucht – gerade heute, in einer Zeit, in der sich viele nach Orientierung, Tiefe und tragfähiger Gewissheit sehnen?
Die folgenden vier Einwände gegen Bekenntnisse werden deshalb nicht einfach nur aufgegriffen und hinterfragt. Zu jedem Einwand wird auch gezeigt, warum das Gegenteil der Fall ist. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen. Vielleicht entdeckt man dabei, dass die alten Worte der Kirche gar nicht so fremd sind. Vielleicht werden sie zu einem Schatz, der den eigenen Glauben frischer, tiefer und freudiger macht.
1. Einwand: Bekenntnisse sind nicht biblisch
Der Gedanke dahinter lautet: Wir brauchen keine menschengemachten Texte, denn die Bibel allein reicht. Hinter diesem Einwand steht ein ernstes Anliegen der Reformationszeit, nämlich die Alleinautorität der Bibel. Die berechtigte Angst ist, dass Bekenntnisse die Autorität der Bibel verdrängen könnten, weil sie ja nur menschliche Tradition sind.
Dieser Einwand klingt zunächst sehr überzeugend und fromm, und doch übersieht er etwas Entscheidendes. Sobald ein Christ nämlich erklärt, was die Bibel lehrt, passiert bereits etwas: Es wird zusammengefasst, eingeordnet und auf den Punkt gebracht. Genau das ist das Kernmerkmal eines Bekenntnisses. Jede Gemeinde und jeder Christ lebt mit einem „Bekenntnis“. Es geht also nicht um die Frage, ob man ein Bekenntnis hat, sondern nur um die Frage, welches. Jede Gemeinde und jeder Christ lebt mit einem „Bekenntnis“. Der Unterschied liegt nicht darin, ob es existiert, sondern ob es sichtbar ist. Entweder es ist aufgeschrieben, überprüfbar und gemeinsam bekannt, oder es bleibt unausgesprochen im Hintergrund.[1]
Außerdem übersieht dieser Einwand, dass die Bibel selbst Glaubenszusammenfassungen vorlegt und auch dazu ermutigt. Das Bekenntnis Israels mit den Worten „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein“ (5Mose 6,4) ist ebenso ein Beispiel dafür wie frühe christliche Bekenntnisformeln. Ein besonders eindrückliches Beispiel findet sich in Psalm 136, wo jeder Vers mit dem Refrain „denn seine Güte währt ewiglich“ antwortet – ein Bekenntnis, das offenbar gemeinsam gesprochen wurde und die Gemeinde in Lob und Erinnerung an Gottes Taten vereinte. Auch der Satz „Jesus ist Herr“ (Röm 10,9) oder das in 1. Timotheus 3,16 überlieferte Lied gehören dazu. Solche Texte stellen thematische Zusammenfassungen der zentralen Aussagen der Schrift dar – sie verdichten, was Gott über sich und sein Handeln offenbart hat. Auch die Aufforderung des Paulus, am „Muster gesunder Worte“ festzuhalten (2Tim 1,13), kann als Ermutigung verstanden werden, Glaubensinhalte in verdichteter Form zu formulieren.
Die reformierte Theologie hat eine hilfreiche Unterscheidung zwischen Bibel und Bekenntnis geprägt. Die Bibel ist die sogenannte normierende Norm (norma normans), also die höchste und unfehlbare Autorität. Ein Bekenntnis dagegen ist eine normierte Norm (norma normata). Das bedeutet, dass Bekenntnisse nur insofern Gültigkeit haben, als sie die Bibel korrekt wiedergeben. Ein Bekenntnis ersetzt die Schrift nicht, sondern dient ihr. Es ist eine Zusammenfassung der Schrift und damit kein Schritt weg von der Bibel, sondern ein Versuch, „den einmal überlieferten Glauben“ zu bewahren (Jud 3).
2. Einwand: Bekenntnisse sind nicht authentisch
Dieser Einwand wird oft mit Erklärungen verbunden wie: „Bekenntnisse sind tote Buchstaben. Sie ersetzen den Heiligen Geist. Wir brauchen Beziehung, keine Dogmen.“ Solche Aussagen wirken auf den ersten Blick sehr geistlich. Sie versuchen jedoch, den Heiligen Geist und die Wahrheit gegeneinander auszuspielen, oder setzen voraus, man müsse sich zwischen Leben und Lehre entscheiden.
Hier ist ein wichtiger Punkt festzuhalten. Der Heilige Geist widerspricht nicht dem Wort Gottes, das in den Bekenntnissen zusammengefasst wird, denn der Geist ist es, der die Schrift inspiriert hat (vgl. 2Tim 3,16). Er kann nicht im Widerspruch zu dem stehen, was er selbst gewirkt hat. Paulus betont: „Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist aus Gott, damit wir erkennen, was uns von Gott geschenkt ist“ (1Kor 2,12). Der Geist führt also in die Wahrheit hinein, die bereits in der Schrift offenbart ist. Johannes ermahnt: „Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind“ (1Joh 4,1) – und dieser Prüfstein ist das überlieferte, schriftgemäße Zeugnis. Wer meint, der Geist führe ihn jenseits oder gegen die Schrift, beruft sich nicht auf den Geist der Wahrheit, sondern auf einen anderen Geist. Vielmehr führt Gottes Geist in diese Wahrheit hinein, wie Jesus in Johannes 16,13 sagt. Echte Geistlichkeit zeigt sich gerade darin, dass man sich unter das stellt, was Gott bereits offenbart hat, nicht darin, dass jeder seine eigene Wahrheit formuliert.
Hinter diesem Einwand kann jedoch noch eine tiefere Überzeugung stehen, nämlich die Vorstellung: „Glaube muss von innen kommen. Wenn ich Sätze nachspreche, die vor Jahrhunderten formuliert wurden, dann ist das nicht meine eigene, authentische Überzeugung.“ Diese Haltung wird in der Philosophie und Soziologie als expressiver Individualismus bezeichnet.[2] Diese Weltsicht geht davon aus, dass das wahre Ich im Inneren des Menschen liegt, in seinen Gefühlen, Wünschen und Empfindungen. Genau diese inneren Impulse nach außen auszudrücken, ist das Authentischste, was ein Mensch tun kann. Aus dieser Perspektive wirken Bekenntnisse wie etwas Fremdes, das sich über das eigene Innenleben legt.
Diese Sicht ist aber problematisch. Der Mensch ist kein isoliertes, selbsterschaffenes Wesen, sondern ein Geschöpf, das sich nach der Wahrheit ausrichten muss, die Gott ihm gibt. Das Herz ist trügerisch (vgl. Jer 17,9) und deshalb nicht der Ort höchster Authentizität. Echte christliche Authentizität entsteht nicht dadurch, dass man jedem inneren Gefühl folgt, sondern dort, wo das Innere an der äußeren Realität der Wahrheit Gottes ausgerichtet wird.
Ein Bekenntnis anzunehmen, bedeutet deshalb nicht, eine fremde Meinung zu übernehmen, sondern sich einer Wahrheit unterzuordnen, die von Gott selbst kommt. Es ist ein Akt der Demut, denn man selbst ist nicht der oberste Maßstab der Wahrheit. Wenn man Worte spricht, die man nicht selbst erfunden hat, stellt man sich in eine größere Gemeinschaft, die den Glauben über Generationen weitergetragen hat.
3. Einwand: Bekenntnisse sind nicht einheitsstiftend
Man hört oft den Einwand: „Lehre spaltet die Christenheit. Wir sollten uns lieber auf die Liebe konzentrieren.“ Dieser Einwand klingt friedlich, aber er übersieht eine entscheidende Frage. Worauf gründet sich echte Einheit eigentlich?
Einheit entsteht nicht dadurch, dass man möglichst wenig sagt oder Unterschiede ignoriert. Gewiss erkennt man Jünger Jesu daran, dass sie einander lieben (vgl. Joh 13,35). Doch diese Liebe ist nicht gegensätzlich zur Wahrheit, sondern ihre Erfüllung. Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern freut sich an der Wahrheit (vgl. 1Kor 13,6). Wer die Wahrheit aufgibt, um Liebe zu bewahren, bewahrt am Ende weder Wahrheit noch Liebe, denn echte Liebe will, dass der andere die Wahrheit erkennt. Jesus selbst sagt: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,31–32). Eine bloße Einheit ohne Inhalt ist schnell erreicht, aber auch schnell wieder verloren. In der Bibel ist Einheit nie nur ein Gefühl, sondern immer an Wahrheit gebunden. Vor allem an die Wahrheit über Jesus Christus. Jesus selbst betet für die Seinen: „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17,17). Die Einheit der Jünger muss in dieser Wahrheit gründen.
Zugegeben: Nicht alle Fragen in der Theologie sind gleich wichtig. Die christliche Tradition kennt eine klare Hierarchie der Wahrheiten: An der Spitze stehen die zentralen Glaubensartikel – jene Wahrheiten, ohne die Christsein schlicht nicht möglich wäre. Ihnen folgen wichtige Lehrfragen, die für die Identität und den Zusammenhalt der Gemeinde von großer Bedeutung sind. Die Bekenntnisse der Kirche markieren diesen Kern verbindlich, hüten sich jedoch davor, jede Randfrage dogmatisch zu verordnen. Sie ziehen einen klaren Rahmen um das Wesentliche und lassen innerhalb dieses Rahmens bewusst Freiheit zu – eine Freiheit, die nicht Beliebigkeit bedeutet, sondern Raum für Vielfalt in der Einheit schafft.[3]
Ohne solche Klarheit passiert oft das Gegenteil von Einheit. Begriffe werden unscharf, Überzeugungen verschwimmen, und am Ende ist unklar, ob man überhaupt noch über denselben Glauben spricht. Es ist nicht die klare Wahrheit, die die Einheit zerstört, sondern der Verlust der Wahrheit. Einheit ohne Wahrheit ist instabil. Einheit auf der Grundlage eines gemeinsamen Bekenntnisses dagegen ist belastbar.
4. Einwand: Bekenntnisse sind nicht zeitgemäß
Ein weiterer Einwand lautet: „Texte aus dem 16. oder 17. Jahrhundert passen nicht mehr in unsere Zeit. Wir leben heute anders, sind moderner und aufgeklärter.“ Hinter diesem Einwand steht oft die Überzeugung, dass das Alte überholt und das Neue besser sei. Doch in der Theologie geht es nicht um technischen Fortschritt oder kulturelle Trends. Es geht um Gott und um eine Wahrheit, die nicht von Mode oder Zeitgeist abhängig ist. Jesus Christus ist „derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8).
Ein historisches Bekenntnis ist kein Relikt aus einer vergangenen Epoche. Es ist ein Zeugnis dafür, dass der Glaube über Generationen hinweg getragen wurde. Es verbindet uns mit Christen, die lange vor uns gelebt haben. Der Schriftsteller C.S. Lewis sprach in diesem Zusammenhang vom „chronologischen Snobismus“[4]. Damit meinte er die unbelegte Annahme, dass die eigene Gegenwart der Vergangenheit grundsätzlich überlegen sei. Bekenntnisse helfen, diesen Snobismus zu überwinden.
Bekenntnisse sind vielmehr wie ein Anker. Sie verhindern, dass der Glaube im Zeitgeist treibt und sich ständig neu definieren muss. Gerade in einer Zeit des raschen Wandels wirkt das fast gegenkulturell, und genau darin liegt seine Stärke. Viele Fragen, die heute aktuell erscheinen, sind nicht wirklich neu. Die Kirche hat sich schon vor Jahrhunderten mit Fragen über Gott, den Menschen, die Wahrheit, die Ehe und die Identität beschäftigt. Alte Texte beantworten nicht jede moderne Frage, aber sie bieten eine stabile Grundlage, auf der man diese Fragen einordnen kann. Die alten Bekenntnisse sind die Grundlagen, auf denen wir die neuen Fragen beantworten. Wir wenden die alten Wahrheiten auf die neue Situation an. Die Anwendung ändert sich zwar von Epoche zu Epoche, aber die Wahrheit bleibt gleich. Oder kurz gesagt: Gerade weil sich die Zeiten ändern, braucht man etwas, das bleibt.
Fazit: Alte Texte für einen frischen Glauben
Ein frischer Glaube ist kein Glaube, der sich ständig neu erfinden muss. Ein frischer Glaube ist ein Glaube, der aus tiefen Wurzeln lebt. Ein Glaube, der weiß, woran er hält, und der auf den Schultern von Generationen stehen darf, die vor uns kamen. Genau das ermöglichen Bekenntnisse. Sie sind alt, weil der Glaube alt ist, so alt wie das Evangelium selbst. Aber sie machen den Glauben nicht altbacken. Sie machen ihn tief, reich und beständig.
Ein frischer Glaube braucht also keine neuen Wahrheiten. Er braucht die alten Wahrheiten, neu gelebt.
1 Carl Trueman: Crisis of Confidence, Wheaton: Crossway, 2024, Introduction.
2 Der Begriff expressiver Individualismus wurde maßgeblich durch den Soziologen Robert Bellah und seine Mitautoren in Habits of the Heart geprägt. Charles Taylor hat den Begriff in Quellen des Selbst oder Ein säkulares Zeitalter vertieft und auch Carl Trueman greift ihn in Der Siegeszug des modernen Selbst auf.
3 Im englischen Sprachraum wird oft zwischen Creeds und Confessions unterschieden. Während Creeds von der gesamten Kirche anerkannt sind, weil sie die absolut zentralen und für alle Christen verbindlichen Glaubensinhalte zusammenfassen (z.B. das Apostolische Glaubensbekenntnis, Nicäno-Konstantinopolitanum oder Athanasianum), werden Confessions von einer bestimmten Konfession formuliert und bekennen sich zu spezifischen Lehren (z.B. Taufe, Abendmahl, Prädestination). Ein Beispiel dafür ist das Bekenntnis von Westminster.
4 C.S. Lewis, Überrascht von Freude, Gießen: Brunnen, 1994, S. 251.