Skepsis ist keine christliche Tugend
Ich habe Skepsis noch nie als Tugend betrachtet – aber wir leben in einer Welt, die sie offenbar einfordert. Als ich in der vierten Klasse war, tauschte ich eines Tages im Schulbus auf dem Heimweg ein Stück Amethyst gegen zwei kleine rote Edelsteine ein. „Das sind Rubine“, sagte mein Freund. „Woher weißt du das?“, fragte ich. „Das hat mir mein Vater gesagt“, antwortete er. Zu Hause bat ich meinen Vater, das zu überprüfen. Er holte einen Hammer, legte einen der „Rubine“ auf den Garagenboden und klopfte leicht darauf. Der Stein zersplitterte. „Das ist poliertes Meerglas“, sagte er. Ich war an jenem Nachmittag so sicher gewesen, mit Rubinen aus dem Bus gestiegen zu sein – doch ich war hereingelegt worden.
Es liegt nahe, einem Kind in dieser Situation Skepsis beizubringen: „Glaub nicht alles, was man dir sagt.“ Doch aus diesem Grundsatz kann leicht eine Weltanschauung werden, die alles infrage stellt. Ähnliches kann mit unserem Glauben an Christus geschehen. Ob wir neu im Glauben sind oder schon lange als Christen leben – wir können in Versuchung geraten zu fragen, ob Zweifel und Skepsis nicht geradezu Kennzeichen eines echten Glaubens sind.
Sollte ich zum Beispiel meine Errettung infrage stellen, weil ich als Siebenjähriger aus Angst vor dem Tod zum Glauben gekommen bin? Wenn mich damals eher die Angst vor dem Tod als die Liebe zu Christus angetrieben hat – bedeutet das, dass meine Errettung nicht sicher ist? Sollte ich an der Echtheit meiner Errettung zweifeln, bis ich mir der Reinheit meines Glaubens völlig sicher sein kann?
Eine Antwort auf diese Fragen findet sich in Herman Bavincks Buch The Certainty of Faith. Fragen der Glaubensgewissheit können sehr komplex sein. Die Bibel spricht davon, dass der Geist selbst Zeugnis gibt (vgl. Röm 8,16). Sie macht auch deutlich, dass sich wahrer Glaube im Gehorsam zeigt (vgl. Jak 2,17). Doch wie Bavinck klarstellt, findet die Glaubensgewissheit ihren eigentlichen Grund nicht in uns selbst, sondern in den verlässlichen Verheißungen Gottes.
Bavincks Antwort
The Certainty of Faith ist unter Bavincks Werken zu unrecht weniger bekannt. Der niederländische Theologe verfasste und veröffentlichte es zwar bereits 1901, doch es liest sich, als wäre es für Christen des 21. Jahrhunderts im Zeitalter des Skeptizismus geschrieben. Seine Ausführungen zur persönlichen Glaubensgewissheit und zur Verlässlichkeit der Verheißungen Gottes sind erfrischend biblisch und zutiefst ermutigend. Bavinck schreibt:
„[Der Glaube] ist die Rückkehr des Vertrauens, das aufrichtige Kinder in ihren Vater setzen. In der Gesinnung und Verfassung der Seele, die die Heilige Schrift als Glauben bezeichnet, ist die Gewissheit des Glaubens selbst eingeschlossen. Da ist zunächst die Gewissheit hinsichtlich der Wahrheit der Verheißungen Gottes, die uns im Evangelium gegeben wurden, und dann auch die Gewissheit, dass wir aus Gnade persönlich an diesen Verheißungen teilhaben. … Der Glaube ist Gewissheit und schließt als solcher jeden Zweifel aus."
Für Bavinck legt wahrer Glaube jede Form von Skepsis ab: sei es übertriebene Selbstbetrachtung oder Zweifel an der Zuverlässigkeit der Bibel. Die Gewissheit unseres Glaubens gründet dabei weder in einer inneren Überzeugung oder einem Gefühl noch in Beweisen, die die menschliche Vernunft beurteilen könnte. Sie gründet vielmehr im verlässlichen Zeugnis von Gottes äußerem Wirken und seinem Wort. Mit anderen Worten: Unsere Gewissheit liegt letztlich außerhalb von uns selbst. Das ist aus drei Gründen eine gute Nachricht.
1. Fester Glaube an Gottes Verheißungen schenkt Ruhe vor dem ständigen Hinterfragen
Viele betrachten Skepsis und Zweifel als Tugenden, die uns vor Naivität und Täuschung schützen. Doch Skepsis ist nicht von sich aus etwas Gutes. In übersteigertem Maß wird sie zu einer seelischen Erkrankung. Und auch wenn Zweifel ihren Nutzen haben, können sie uns zugleich für die lebensspendende Kraft des Glaubens unempfänglich machen.
Bavinck schrieb über seine Generation: „Die Lust am Zweifel ist zur Seelenkrankheit unserer Zeit geworden und zieht eine ganze Reihe moralischer Sorgen und Leiden nach sich.“ Das hätte er genauso gut heute schreiben können. Was wäre, wenn wir die Bibel aufschlagen, den Gedanken an Täuschung loslassen und einfach Gottes atemberaubende Verheißungen annehmen würden?
Gottes Gnade erscheint uns immer unglaubhaft. Aber das liegt an der Tatsache, dass Gott zu den Armen kommt und sie reich macht, nicht daran, dass wir einem Märchen aufsitzen. Bavinck erinnert uns daran, dass wir die weltliche Skepsis ablegen und Gott glauben, was er über sich selbst sagt.
Was erwartet uns, wenn wir das tun? Ruhe.
„Gewissheit ist Ruhe, Frieden und Glückseligkeit; während Zweifel, Misstrauen und bloße Meinungen stets von einem gewissen Unbehagen und Unruhe begleitet werden.“
Angesichts der von Angst und Verunsicherung geprägten Zeit, in der wir leben, sehnen wir uns nach genau dieser Ruhe der Gewissheit. Die gute Nachricht lautet: Unser ständiges Hinterfragen verblasst im Licht von Gottes zuverlässigem Wort.
2. Die nach außen gerichtete Gewissheit zeigt uns, dass Abhängigkeit etwas Gutes ist.
Wir leben nicht nur in einer Kultur, die Autonomie und Unabhängigkeit vergöttert, sondern sind auch davon überzeugt, dass alles, woran wir glauben, einer inneren Bestätigung bedarf – etwas, das wir selbst einbringen müssen. Unser Glaube hängt von unseren Gefühlen und Erfahrungen ab. Wir streben danach, uns kraftvoll und hoffnungsvoll zu fühlen. Gelingt uns das nicht, machen wir uns in unserer Verzweiflung Vorwürfe.
Bavinck weist jedoch auf die ermutigende Wahrheit hin, dass die Gewissheit des Glaubens nicht von uns abhängt:
„Die Heilige Schrift überlässt die Gläubigen niemals sich selbst. Sie bindet sie stets an das objektive Wort.“
Der Glaube hängt davon ab, was Gott sagt und was Christus getan hat, nicht davon, wie wir uns fühlen. Gefühle sind die Frucht des Glaubens, nicht seine Wurzel.
Das ist befreiend. Wir sind nicht in unseren Emotionen und Empfindungen gefangen, nicht ihnen ausgeliefert. Es gibt immer einen Ausweg, und dieser Weg ist mit Worten gepflastert – mit Gottes Worten. Jesus sagt, dass Gottes Wort Wahrheit ist, und in dieser Wahrheit liegt Freiheit (Joh 17,17).
Bavinck bringt es auf den Punkt: „Die Wahrheit ist immer Leben, macht immer frei und bewirkt immer, dass wir als Könige über das herrschen, was sie mit ihrem Licht erleuchtet.“ Es ist weitaus besser, Gewissheit im Licht von Gottes offenbarter Wahrheit zu finden als in unseren unbeständigen Gefühlen. Es tut uns gut, uns auf das zu stützen, was Gott sagt, anstatt jede Überzeugung selbst beglaubigen zu wollen.
3. Die Gewissheit des Glaubens ist das Fundament für Einheit und Liebe
Auch wenn wir heute deutlich spüren, wie gespalten und zersplittert die Kirche sein kann, vermag unser fester Glaube ein Ort der Sammlung für müde Gläubige zu sein.
Bavinck schreibt:
„Was die Kirche innerlich spaltet, ist, wie schwerwiegend es auch sein mag, immer geringer als das, was sie verbindet und eint. Je mehr sich der Unglaube seiner Macht bewusst wird und je kühner er auftritt, desto mehr schließt die christliche Kirche ihre Reihen gegen einen gemeinsamen Feind.“
Unsere Gewissheit schafft Raum für Gemeinschaft – einen Kreis von Gläubigen, die sich versammeln, um den Unglauben als das größte Übel zu erkennen (vgl. Mt 13,58; Mk 6,6). In dieser Gemeinschaft können wir „eifrig bemüht sein, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens“ (Eph 4,3). Die Gewissheit unseres Glaubens hat die Kraft, uns zusammenzuführen und uns konkrete Möglichkeiten zu schenken, einander zu lieben und zu ermutigen.
Bavinck sagt, die Gewissheit des Glaubens „ist von Natur aus heroisch und furchtlos, auch wenn es so viele Teufel gibt wie Dachziegel auf dem Dach“. Wir alle haben Teufel auf dem Dach – Dinge, die sich in die Risse unserer Hoffnung und unseres Glaubens zwängen. Doch die vom Heiligen Geist geschenkte Gewissheit kann gleichsam ein Besen sein, mit dem wir an die Decke stoßen und alle Teufel des Zweifels hinabstürzen lassen. Gewissheit kann uns den Frieden bringen, nach dem wir uns so sehr sehnen.
Wir alle sind versucht, überall nach Bestätigung für unseren Glauben zu suchen – nur nicht in Gottes Wort. Das hat uns unser skeptisches Zeitalter beigebracht: Glaub nicht alles, was man dir sagt. Doch Gott hat etwas weit Besseres für uns als Skepsis: einen gewissen Glauben.
Hier ist die gute Nachricht:
„Kein menschliches Wort, kein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung, kein von der Vorstellungskraft entworfenes Ideal, keine durch menschliches Denken aufgestellte These kann die Grundlage unserer Hoffnung auf die Ewigkeit sein. Denn all diese Dinge sind unsicher und fehlbar. Sie können das Gebäude der Hoffnung nicht tragen und werden bald in Trümmer fallen. Der Glaube – genauer: der religiöse Glaube – kann seiner Natur nach nur auf einem Wort oder einer Verheißung Gottes ruhen."
Gott sei Dank für die Gewissheit seiner göttlichen Verheißung.