Religion für Atheisten
Wie können wir unserem Leben mehr Tiefe verleihen? Für die einen ist das eine sehr existenzielle Frage, andere begegnen ihr pragmatischer: Lässt sich das eigene Leben womöglich ganz einfach mit Sinn aufwerten?
Alain de Botton ist ein britisch-schweizerischer Philosoph. Im akademischen Betrieb spielt er zwar eine untergeordnete Rolle, im populären Diskurs besitzt er jedoch eine überraschend große Reichweite: Dutzende seiner Bücher wurden ins Deutsche übersetzt, und er ist ein gefragter Interviewpartner in Podcasts sowie Talkshows. Auch das von ihm gegründete Beratungs- und Medienunternehmen The School of Life (unter anderem mit einem Standort in Berlin) erfreut sich einer wachsenden Kunden-Community.
Wieso sollten Atheisten überhaupt von Religionen lernen wollen?
Gleich der erste Satz des ersten Kapitels in Religion für Atheisten ist ein starker Auftakt: „Die langweiligste und unproduktivste Frage, die man sich zu einer Religion stellen kann, ist die, ob sie wahr ist oder nicht“ (S. 11).
Zwar setzt de Botton rigoros voraus, dass Gott nicht existiert, dennoch strahlen Religionen für ihn eine große Faszination aus. Sie haben in seinen Augen so viel Prägendes hervorgebracht, das „die Errungenschaften selbst der größten und einflussreichsten säkularen Bewegungen und Einzelpersonen in der Geschichte weit in den Schatten stellt“ (S. 18). Genau hier setzt der Philosoph an: Er will religiöse Weisheiten entdecken, ohne religiöse Wahrheiten zu übernehmen.
Zusammenleben nach religiösem Vorbild
In Kapitel 2 geht es um das Thema Gemeinschaft. Mit einem Blick in die Geschichte staunt de Botton über die Inklusivität der Kirchen: Adelige und Arme kamen zusammen – vereint in dem Bewusstsein, dass sie allesamt sterblich waren, Fehler machten und Vergebung brauchten. Angesichts von sozialem Neid und einer zeitgenössischen „Einsamkeitsepidemie“ empfiehlt er für die heutige Zeit sogenannte Agape-Restaurants, in denen Fremde ungezwungen ins Gespräch kommen. Angelehnt an vorchristliche Riten und katholische Karnevalstraditionen schlägt er außerdem einen Tag im Jahr vor, an dem soziales Chaos und Ausschweifungen erlaubt sein sollten. Der Grundgedanke hinter diesem „Narrenfest“ als Ventil lautet, „dass wir, wenn wir gut funktionierende Gemeinschaften anstreben, uns in Bezug auf die wahre menschliche Natur keinen Illusionen hingeben dürfen“ (S. 65).
Überraschenderweise beleuchtet de Botton in Kapitel 3 das Thema Rücksicht: Entgegen dem modernen, individualistischen Freiheitsverständnis bricht er hier eine Lanze für religiöse Regeln. Menschen bräuchten weiterhin Anreize, Vorbilder und Ermahnungen, um zu wirklich freien – also tugendhaften – Persönlichkeiten heranzureifen.
Mit Blick auf das Thema Bildung zeichnet Kapitel 4 ein ernüchterndes Bild. Selbst wenn junge Menschen für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden, blieben sie oft orientierungslos. Zwar begrüßt de Botton, dass die säkulare Gesellschaft den Kirchen viele Aufgaben abgenommen hat. Dennoch könnten sich Lehrkräfte und Professoren manches von Predigern abschauen, um junge Menschen ganzheitlich in der Kunst des Lebens zu unterrichten. Dazu gehören für ihn z.B. eine empathischere Kommunikation von existentiellen Themen, aber auch eine echte, positive Relevanz des Unterrichts für das eigene Leben.
Raum für Schwäche, Schmerz und menschliche Grenzen
Kapitel 5 dreht sich um das Ideal der Sanftheit. Inspiriert von der buddhistischen Göttin Guanyin und der katholischen Marienverehrung hinterfragt de Botton einen einseitigen Rationalismus: „Auch wenn wir keine mitfühlende Mutter und keinen fürsorglichen Vater haben, die alles für uns richten könnten, ist das noch lange kein Grund, zu leugnen, dass wir es schön fänden, wenn es sie gäbe“ (S. 171). Gerade säkulare Künstler sollten daher sensibler für jene emotionalen Bedürfnisse werden, welche die Religionen längst aufgegriffen haben.
Anschließend plädiert der Autor in Kapitel 6 für einen „heilsamen“ Pessimismus. Die Fortschritte der westlichen Welt hätten den Menschen die Illusion vermittelt, man könne sich das Glück auf Erden selbst erschaffen. Die Religionen hingegen erinnern an die Vorläufigkeit und Begrenztheit aller Dinge – und bieten Raum, diese gemeinsam zu beklagen. Eine säkulare Gesellschaft könne hier viel lernen: Die eigenen, schmerzlichen Sehnsüchte miteinander zu teilen, böte zwar keine fertige Lösung, wohl aber eine tröstende, „öffentliche Bestätigung, dass keiner von uns als Einziger von Sorgen und Kummer geplagt wird“ (S. 189).
Ergänzend dazu geht es in Kapitel 7 um die richtige Perspektive. Der Philosoph setzt sich mit dem menschlichen Leid auseinander und greift dabei auf das biblische Buch Hiob zurück. Allerdings deutet er Hiobs Gottesbegegnung bloß als Ehrfurcht gebietende Konfrontation mit einem unerklärlichen, unermesslichen Universum. Angelehnt an Spinozas pantheistisch ausgerichtete Philosophie empfiehlt er, sich die Schönheit des Ozeans, der Berge oder der Sterne vor Augen zu führen. Die Erhabenheit des Kosmos – der sich nicht für unsere Probleme interessiert – könne unsere Ängste, unseren Hochmut und unser Selbstmitleid wirksam besänftigen.
Kunst, Architektur und die Macht von Institutionen
Ausgehend von der Beobachtung, dass Menschen ein tiefes ästhetisches Bedürfnis besitzen, widmet sich der Philosoph in Kapitel 8 der Kunst. Während zeitgenössische Kunstwerke meist sehr abstrakt bleiben und dem Betrachter kaum Orientierung bieten, fordert er für die Kunst wieder eine erzieherische Wirkung – als „ein Medium, das uns daran erinnern soll, was wichtig ist“ (S. 209). Die Gedanken zur Architektur in Kapitel 9 verdichten diese Idee: Laut de Botton bräuchte der moderne Mensch das Angebot ästhetisch ansprechender „Ersatztempel“ und säkularer Wallfahrtsorte.
In Kapitel 10 erinnert der Autor schließlich an das organisatorische Potential von Institutionen. Da bloße Bücher mit guten Ideen größtenteils nur geringen Einfluss entfalten, müssten Atheisten strukturierter vorgehen: Sie sollten gezielt gemeinsame Riten, Identitäten und ein verbindendes Vokabular stiften sowie die Synergieeffekte von Geld, Intelligenz und gesellschaftlichem Status nutzen. Das Ziel: Der Atheismus soll als Bewegung das gesellschaftliche Leben aktiver und umfassender prägen.
Was macht das Buch interessant?
Der Autor präsentiert seinen Lesern einen scheinbar freundlichen, einladenden Atheismus. Damit unterscheidet er sich deutlich von der eher aggressiven Bewegung des „Neuen Atheismus“ der 2000er- und 2010er-Jahre. Sein Schreibstil ist entspannt und kurzweilig, stellenweise keck und unkonventionell. Zahlreiche Beispiele und Bilder – darunter aus christlicher Perspektive moralisch bedenkliche oder anstößige Motive – unterstreichen seine Gedankengänge.
Auffällig ist der wechselnde Tonfall: In einem Satz analysiert de Botton die kalte, belastende Leere unseres Alltags, um sich im nächsten empathisch an die Leser zu wenden, die genau darunter leiden. Folgt man dem Modell des britischen Philosophen John Gray, könnte man de Botton teils einem existentiellen, teils einem mystischen Atheismus zuordnen, den er jedoch therapeutisch weiterentwickelt.
Positiv hervorzuheben ist: So sehr de Botton seine Leser für die Leerstellen des säkularen Westens sensibilisiert, so wenig empfiehlt er ihnen eine stumpfe, narzisstische Selbstverwirklichung. Im Gegenteil: Authentizität und Lebenssinn sind für ihn aufs Engste mit verantwortungsvoller Gemeinschaft, Tiefe und Tugenden verbunden. Dafür braucht man in seinen Augen jedoch weder transzendente Realitäten noch eine offenbarte Wahrheit.
Diese Prämisse präsentiert er sehr selbstbewusst – fast so, als wäre sie intuitiv richtig und selbsterklärend. So erspart sich der Autor allerdings eine belastbare Argumentationslinie. Das ist bequem, aber auch problematisch.
Werte ohne Fundament – und die Sehnsucht nach mehr
De Botton wurde für sein Werk bereits an anderer Stelle kritisiert. Einerseits besitzt er ein Talent dafür, philosophische Modelle für ein breites Publikum verständlich aufzubereiten. Andererseits sind viele seiner Gedanken und Zusammenhänge stark verkürzt – selbst wenn sie auf den ersten Blick schlüssig klingen. Innere Spannungen oder gewichtige Gegenargumente blendet de Botton häufig aus.
Sich aus verschiedenen Philosophien und Religionen nach Belieben zu bedienen, mag bis zu einem gewissen Grad funktionieren. Auf lange Sicht ist dieser Eklektizismus jedoch weder integer noch tragfähig. Wie kann de Botton beispielsweise von Liebe oder Vergebung sprechen, ohne seinen Lesern eine wirkliche Grundlage dafür zu bieten? Sind Werte und Tugenden für ihn allein deshalb universell, weil sie praktisch funktionieren? Und wie lässt sich die Behauptung halten, der Mensch besitze eine Seele, Wert und Würde, wenn er letztlich doch nur ein todgeweihtes Nichts in einem Universum ohne Sinn und Ziel ist?
Hinzu kommt: Althergebrachte Riten sind nicht einfach neutral oder beliebig austauschbar. Sie sind in ihrer Funktionsweise eng mit einem spezifischen Weltbild und einer konkreten Kultusgemeinschaft verwoben. Dass man sie wie Bausteine aus einer Tradition herauslösen und einfach pragmatisch umfunktionieren kann, ist mehr als zweifelhaft.
Auf der individuellen Ebene lässt sich zudem einwenden: Nur weil ein Erlebnis in mir ein Gefühl von Sinn auslöst, macht es dieses Erlebnis noch lange nicht dauerhaft tragfähig. Eine Sache mag mir zeitweise Orientierung schenken und mich auf die Suche nach Sinn bringen – wirklich am Ziel bin ich damit aber noch lange nicht.
Weil de Botton die Sinnsuche rein auf das Diesseits beschränkt, alles Religiöse psychologisiert und universalanthropologisch umdeutet, muss der letzte Sinn zwangsläufig im Menschen selbst gefunden werden: sei es im moralischen Individuum mit all seinen Grenzen, im Erleben der Gemeinschaft mit all ihren Enttäuschungen oder in der trostlosen Geschichte der Gattung Mensch.
Zugegeben: De Botton geht es in seiner philosophischen Lebenshilfe auch um einen unverstellten Blick auf die Sehnsüchte und Baustellen, die wir Menschen im Westen mit uns herumtragen. Hier sind seine Analysen stark – allerdings auf eine Weise, die ihm selbst kaum recht sein kann.
Indem er die Leerstellen des säkularen Westens offenlegt, streut er Salz in die Wunden seiner Leser und rüttelt an falschen Sicherheiten und säkularen Götzen. Doch weil er seine Leser anschließend bloß auf das menschliche Selbst und die magere Kraft der Gemeinschaft verweist, entblößt er unfreiwillig die Kraftlosigkeit seines eigenen Weltbildes.
C.S. Lewis würde an dieser Stelle wohl freundlich entgegnen: Wenn wir in unserem Inneren eine Sehnsucht verspüren, die durch nichts in dieser Welt gestillt werden kann – ist dieses existenzielle Hungergefühl dann kein starker Hinweis darauf, dass wir für eine andere Welt geschaffen wurden?
Auch wenn de Bottons Impulse zunächst attraktiv wirken und perfekt zur heutigen Konsumentenmentalität passen: Er weckt letztlich Hoffnungen, die sein Atheismus niemals erfüllen kann.
Was das Christentum de Botton wirklich entgegenzusetzen hat
Ursprünglich erschien Religion für Atheisten im Jahr 2012. War der britische Philosoph seiner Zeit damit vielleicht voraus? De Botton schreibt zugleich nüchtern und romantisch, kritisch-abgeklärt und mitfühlend. Er begegnet der Welt gottverleugnend und sucht dennoch sehnsuchtsvoll nach Transzendenz – eine Haltung, zu der er auch seine Leser einlädt.
Tatsächlich beobachten wir heute im gesellschaftlichen Umfeld (und nicht selten auch in christlichen Kreisen) einerseits einen starken Hang zur Ironie und zu einem pragmatischen Selbstbezug. Andererseits nehmen wir bei Freunden, Nachbarn und Kollegen vielfach einen ehrlichen Weltschmerz wahr: Es gibt eine neue Ernsthaftigkeit, wenn es um die Sinnfrage, die eigenen Grenzen oder um Themen wie Barmherzigkeit und Gerechtigkeit geht. Dem Publizisten Brett McCracken ist zuzustimmen, dass wir uns in eine Form der Metamoderne hineinbewegen – also in eine flexible Mischung aus Moderne und Postmoderne. Was folgt daraus?
Für de Botton hat das evangelische Christentum wenig zu bieten. Dieses weitverbreitete Vorurteil darf die Gemeinde Jesu weiterhin freundlich aushebeln – ganz egal, an welchen Ort Gott sie gestellt hat. Mit ihrer einzigartigen Gegenkultur, die vom Wort Gottes geprägt ist, dürfen Christen vorleben, dass hinter ihrem Glauben und ihrer Nächstenliebe mehr steckt als bloß geschickte Strategien für ein gelingendes Leben. Hier geht es um das Wunder, dass geistlich tote Menschen in Jesus Christus zu neuem Leben auferweckt wurden (vgl. Eph 2,1–10). Aus lauter Gnade wurden sie Teil von Gottes Gemeindefamilie (vgl. Eph 2,17–22) und wachsen nun gemeinsam durch das Wirken des Heiligen Geistes ein Leben lang in dieser Gnade.
Natürlich: Der christliche Glaube ist gemeinschaftsfördernd und tugendhaft, lebensnah, anziehend und intellektuell belastbar. Er ist aber unendlich viel mehr als das. Am Ende dreht sich alles um das Evangelium von Jesus Christus: Bei ihm finden Menschen jeglichen Alters und unabhängig von ihrer Vergangenheit echte Vergebung für ihre Schuld, Versöhnung mit ihrem Schöpfer und eine tiefgreifende Erneuerung. Weil Gott lebt, redet und handelt, gibt es Hoffnung.
Buch
Alain de Botton, Religion für Atheisten: Vom Nutzen der Religion für das Leben, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2017, 320 Seiten, 15 Euro.