Der Mann, der dem Papst trotzte
Martin Luther (1483–1546)
Eine der großen Wiederentdeckungen der Reformation war, dass Gottes Wort in Gestalt eines Buches – der Bibel – zu uns kommt. Luther erkannte eine entscheidende Tatsache: Gott bewahrt die Erfahrung von Erlösung und Heiligkeit von Generation zu Generation durch sein Buch der Offenbarung und nicht durch einen Bischof in Rom.
Das Risiko der Reformation – lebensspendend und lebensbedrohlich zugleich – bestand darin, den Papst und die Konzile als unfehlbare, letzte Autorität der Kirche abzulehnen. Einer von Luthers Hauptgegnern in der römischen Kirche, Silvester Prierias, schrieb als Antwort auf Luthers 95 Thesen:
„Wer sich nicht an die Lehre der römischen Kirche und des Papstes hält als an die unfehlbare Glaubensregel, von der auch die Heilige Schrift ihre Kraft und Autorität bezieht, der ist ein Ketzer.“[1]
Nach dieser Auffassung sind die Kirche und der Papst die maßgeblichen Autoritäten, wenn es um die Erlösung und Gottes Wort geht. Die Bibel ist lediglich davon abgeleitet und zweitrangig.
„Neu ist bei Luther“, schreibt der Biograf Heiko Oberman, „das gehorsame Hören auf die Schrift gegen die Autorität von äußeren Instanzen wie Papst und Konzil.“[2] Diese Wiederentdeckung des Wortes Gottes als Instanz über allen irdischen Mächten prägte Luther und die gesamte Reformation. Doch Luthers Weg zu dieser Wiederentdeckung war langwierig und begann mit einem Gewitter im Alter von 21 Jahren.
Ein ängstlicher Mönch
Im Sommer 1505 machte Luther eine schicksalhafte, Damaskus-ähnliche Erfahrung. Auf dem Heimweg von der juristischen Fakultät geriet Luther am 2. Juli in ein Gewitter und wurde von einem Blitz zu Boden geschleudert. Er schrie: „Hilff Du, S. Anna, ich will ein Mönch werden.“[3] Er fürchtete um seine Seele, wusste aber nicht, wie er im Evangelium Sicherheit finden sollte. Also entschied er sich für die nächstbeste Lösung: das Kloster.
Fünfzehn Tage später brach Luther – zum Entsetzen seines Vaters – sein Jurastudium ab und hielt sein Gelübde. Er klopfte an das Tor der Augustiner-Eremiten in Erfurt und bat den Prior, ihn in den Orden aufzunehmen. Später sagte er, dass diese Entscheidung eine abscheuliche Sünde war – „keinen Dreck wert“, weil sie gegen seinen Vater und aus Angst getroffen wurde. Dann fügte er hinzu: „Wieviel Gutes hat der barmherzige Gott hieraus aber wachsen lassen!“[4]
Furcht und Zittern prägten Luthers Jahre im Kloster. Zum Beispiel war er bei seiner ersten Messe, zwei Jahre nach seinem Eintritt, von dem Gedanken an Gottes Majestät so überwältigt, dass er fast davonlief. Der Prior überredete ihn, weiterzumachen. Dieser Vorfall sollte kein Einzelfall in Luthers Leben bleiben. Luther erinnerte sich später an diese Jahre: „Wenn ich auch als Mönch untadelig lebte, fühlte ich mich vor Gott doch als Sünder, und mein Gewissen quälte mich sehr. Ich wagte nicht zu hoffen, daß ich Gott durch meine Genugtuung versöhnen könnte.“[5]
Luther heiratete erst zwanzig Jahre später. Am 13. Juni 1525 nahm er Katharina von Bora zur Frau – was bedeutet, dass er als Junggeselle mit sexuellen Versuchungen lebte, bis er 42 Jahre alt war. Aber „im Kloster“, sagte er, „gedacht ich nicht an Weib, Geld oder Gut, sondern das Herz zitterte und zappelte, wie Gott mir gnädig wurde.“[6] Sein alles verzehrendes Verlangen war es, das Glück der Gunst Gottes zu erfahren. „Wenn ich glauben könnte, daß mir Gott nicht zürnt“, sagte er, „so würde ich vor Freude auf dem Kopf stehen.“[7]
Gute Nachricht: Gottes Gerechtigkeit
Sein geliebter Vorgesetzter, Berater und Freund, Johannes von Staupitz, erlaubte Luther 1509, mit dem Unterrichten der Bibel zu beginnen. Drei Jahre später, am 19. Oktober 1512, im Alter von 28 Jahren, erhielt Luther seinen Doktortitel der Theologie. Staupitz übergab ihm den Lehrstuhl für biblische Theologie an der Universität Wittenberg, den Luther für den Rest seines Lebens innehatte.
Als Luther anfing, die Heilige Schrift in den Originalsprachen zu lesen, zu studieren und zu lehren, brodelte sein geplagtes Gewissen unter der Oberfläche – besonders als er auf den Ausdruck „Gerechtigkeit Gottes“ in Römer 1,16–17 stieß. Er schrieb:
„Ich haßte nämlich dieses Wort ‚Gerechtigkeit Gottes‘, weil ich durch den Brauch und die Gewohnheit aller Lehrer unterwiesen war, es philosophisch von der formalen oder aktiven Gerechtigkeit (wie sie es nennen) zu verstehen, nach welcher Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft.“[8]
Eines Tages jedoch, als er sich mit dem Text aus dem Römerbrief abmühte, verwandelte sich Luthers ganzer Hass auf die Gerechtigkeit Gottes in Liebe. Er erinnert sich:
„Da erbarmte sich Gott meiner. Tag und Nacht war ich in tiefe Gedanken versunken, bis ich endlich den Zusammenhang der Worte beachtete: ‚Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm [im Evangelium] offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus dem Glauben.‘ Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als eine solche zu verstehen, durch welche der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich aus dem Glauben. Ich fing an zu begreifen, daß dies der Sinn sei: Durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich die passive, durch welche uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte lebt aus dem Glauben.‘ Da fühlte ich mich wie ganz und gar neu geboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein. …
Mit so großem Haß, wie ich zuvor das Wort ‚Gerechtigkeit Gottes‘ gehaßt hatte, mit so großer Liebe hielt ich jetzt dies Wort als das allerliebste hoch. So ist mir diese Stelle des Paulus in der Tat die Pforte des Paradieses gewesen.“[9]
Gegründet auf Gottes Wort
Für Luther war die Bedeutung des Bibelstudiums eng mit seiner Entdeckung des wahren Evangeliums verflochten, sodass er das Studium der Bibel niemals anders als absolut entscheidend, lebensspendend und geschichtsprägend betrachten konnte. Das Studieren der Bibel war sein Tor zum Evangelium, zur Reformation und zu Gott. Wir halten heute so vieles für selbstverständlich, was die Wahrheit und das Wort angeht, dass wir uns kaum vorstellen können, was es Luther gekostet hat, die Wahrheit zu erkennen und am Wort zu bleiben. Studieren war entscheidend. Sein Leben und das Leben der Kirche hingen davon ab. Also studierte Luther, predigte und schrieb – mehr, als sich die meisten von uns vorstellen können.
Luther war nicht der Pfarrer der Stadtkirche in Wittenberg, aber er teilte sich den dortigen Predigtdienst mit seinem Freund, Pfarrer Johannes Bugenhagen. Aufzeichnungen zeugen davon, wie sehr er sich der Verkündigung der Heiligen Schrift verschrieben hatte. 1522 hielt er 117 Predigten, im Jahr darauf 137 Predigten. 1528 predigte er fast 200 Mal, und von 1529 sind 121 Predigten überliefert. Der Durchschnitt in diesen vier Jahren lag also bei einer Predigt alle zweieinhalb Tage. All das entsprang einem rigorosen, disziplinierten Studium.
Seinen Studenten sagte er: „Der Ausleger soll eine schwierige Schriftstelle nicht anders traktieren als Mose, der in der Wüste mit seinem Stab den Fels solange bearbeitet hatte, bis Wasser für das durstige Volk heraussprudelte“.[10] Als er von seinem Durchbruch bei Römer 1,16–17 berichtete, schrieb er: „Jedoch klopfte ich rücksichtslos bei Paulus an dieser Stelle an“.[11] In diesem Dranbleiben am Text liegt für Luther ein großer Anreiz: „Die Bibel ist eine bemerkenswerte Quelle: Je mehr man daraus schöpft und trinkt, desto mehr regt sie den Durst an“. [12]
Genau das bedeutete für Luther das Studium – sich einen Text so vorzunehmen, wie Jakob mit dem Engel des Herrn gerungen hatte (vgl. 1Mose 32,26), und zu sagen: Er muss nachgeben. Ich werde das Wort Gottes in diesem Text für meine Seele und für die Kirche hören und erkennen! Auf diese Weise gelangte er zum Verständnis der „Gerechtigkeit Gottes“ bei der Rechtfertigung. Gleichzeitig durchbrach er dadurch immer wieder Tradition und Philosophie. Luther hatte eine Waffe, mit der er das Evangelium davor bewahrte, auf den Märkten von Wittenberg verkauft zu werden: die Heilige Schrift. Er vertrieb die Geldwechsler – die Ablassverkäufer – mit der Peitsche des Wortes Gottes.
Verleumdet und niedergeschlagen
Das Studium war nicht der einzige Faktor, der Luther Gottes Wort eröffnete. Das Leiden tat es ebenso. Prüfungen waren für Luther Teil des Lebens. Man bedenke, dass er ab 1521 unter dem Reichsbann stand. Kaiser Karl V. sagte: „Ich habe mich entschlossen, alles gegen Luther einzusetzen: meine Königreiche und Herrschaften, meine Freunde, meinen Leib, mein Blut, mein Leben und meine Seele.“[13] Luther konnte rechtmäßig getötet werden, außer dort, wo er von seinem Fürsten Friedrich von Sachsen geschützt wurde.
Er ertrug unerbittliche Verleumdungen der grausamsten Art. Einmal bemerkte er: „Wenn der Teufel der Lehre nichts anhaben kann, so legt er sich wider die Person, lügt, schmäht, flucht und tobt wider dieselbe. Gleich wie der Papisten Beelzebub mir tat, da er meinem Evangelium nicht widerstehen konnte, schrieb er, ich hätte den Teufel, wäre ein Wechselbalg, meine liebe Mutter eine Hure und Bademagd.“[14]
Körperlich quälten ihn Nierensteine, Kopfschmerzen, Ohrensausen und Ohrenentzündungen sowie heftige Verstopfungen und Hämorrhoiden. Er litt unter so starken Schmerzen, dass er selbst von sich schrieb, „daß [er] schier den Geist gegeben habe – und jetzt in Blut gebadet keine Ruhe finden kann. Was nach vier Tagen genesen ist, reißt dann umgehend wieder ein.“[15]
Oratio, Meditatio, Tentatio
Gott sorgte jedoch dafür, dass diese vielfältigen Leiden Luther nicht zerstörten, sondern ihn zu einem Theologen machten. Luther fiel im Psalm 119 auf, dass der Psalmist nicht nur betete und über das Wort Gottes meditierte, sondern auch litt, um es zu verstehen. In Psalm 119, 67.71 heißt es: „Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber befolge ich dein Wort. … Es ist gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Anweisungen lerne.“ Das Leiden auf dem Weg der Gerechtigkeit ist also ein unverzichtbarer Schlüssel zum Verständnis der Heiligen Schrift. Seinen Studenten sagte Luther:
„Ich will aber, dass ihr wisst, wie man Theologie recht studiert. Ich habe diese Methode selbst praktiziert. … Hier findet ihr drei Regeln. Sie werden im gesamten Psalm [119] immer wieder vorgeschlagen und lauten wie folgt: Oratio, meditatio, tentatio [Gebet, Meditation, Bedrängnis]. … [Diese Regeln] lehren euch nicht nur, zu wissen und zu verstehen, sondern auch zu erfahren, wie recht, wie wahr, wie süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes Wort ist: Es ist höchste Weisheit“.[16]
Die Bedrängnis nannte er den „Prüfstein“. Den Wert der Bedrängnisse erfuhr er immer wieder am eigenen Leib:
„Denn sobald Gottes Wort durch dich bekannt wird, wird der Teufel dich bedrängen. Er wird einen echten [theologischen] Doktor aus dir machen und wird dich durch seine Versuchungen lehren, Gottes Wort zu suchen und zu lieben. Denn ich selbst … schulde meinen Papisten großen Dank dafür, dass sie mich durch das Toben des Teufels so geschlagen, bedrängt und erschreckt haben, dass sie mich zu einem recht guten Theologen gemacht haben und mich zu einem Ziel getrieben haben, das ich niemals erreicht hätte“.[17]
Über allen irdischen Mächten
Luther mahnte 1545, im Jahr vor seinem Tod, mit großer Eindringlichkeit: „Wer Gott reden hören will, der lese die Heilige Schrift“.[18] Er lebte, was er forderte. 1533 schrieb er: „Seit einigen Jahren lese ich nun die Bibel zweimal jährlich durch. Wäre die Bibel ein großer, mächtiger Baum und wären alle ihre Worte kleine Zweige, so hätte ich an allen Zweigen geklopft, begierig zu erfahren, was dort war und was sie zu bieten hatte“.[19] Oberman sagt, Luther habe diese Praxis mindestens zehn Jahre lang beibehalten.[20] Die Bibel war für Luther bedeutungsvoller geworden als alle Kirchenväter und Kommentatoren.
Hier stand Luther, und hier stehen wir. Nicht auf den Verlautbarungen der Päpste, den Beschlüssen der Konzile oder den Launen der öffentlichen Meinung, sondern auf „jenem Wort über allen irdischen Mächten“ – dem lebendigen und bleibenden Wort Gottes.
1 Heiko A. Oberman, Luther: Mensch zwischen Gott und Teufel, München: Pantheon, 2016, S. 244.
2 Oberman, Luther, S. 255–256.
3 Oberman, Luther, S. 111 (vgl. WAT 4, Nr. 4707; WAT 5, Nr. 5373).
4 Oberman, Luther, S. 154.
5 Kurt Aland (Hrsg.), Martin Luther: Der Reformator, Luther deutsch: Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, Bd. 2, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1991, S. 19 (Vorrede zu Band I der lateinischen Schriften der Wittenberger Luther-Ausgabe).
6 Oberman, Luther, S. 158 (vgl. WA 47, 590).
7 Oberman, Luther, S. 383 (vgl. WA 37, 176).
8 Aland, Martin Luther: Der Reformator, Luther deutsch, S. 19.
9 Aland, Martin Luther: Der Reformator, Luther deutsch, S. 20.
10 Oberman, Luther, S. 280.
11 Aland, Martin Luther: Der Reformator, Luther deutsch, S. 20.
12 Ewald M. Plass, What Luther Says: An Anthology, Bd. 1, St. Louis: Concordia, 1986, S. 67.
13 Oberman, Luther, S. 44.
14 Oberman, Luther, S. 106 (vgl. WA 53, 511).
15 Oberman, Luther, S. 401 (vgl. WA Br 2, 388).
16 Plass, What Luther Says, Bd. 3, S. 1359–60.
17 Plass, What Luther Says, Bd. 3, S. 1360.
18 Plass, What Luther Says, Bd. 2, S. 62.
19 Plass, What Luther Says, Bd. 1, S. 83.
20 Vgl. Oberman, Luther, S. 216.