Das notwendige Wesen
Die Theorie des Urknalls, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts überhaupt nicht akzeptiert wurde, ist heute unter Wissenschaftlern am weitesten verbreitet und anerkannt.
Unter dem Urknall versteht man in der Regel einen Zeitpunkt in der Vergangenheit, an dem alle Materie und Energie des Universums in verdichteter Form existierte. Dieser eine, winzig kleine Punkt mit unvorstellbarer Dichte wird als Punkt der Singularität bezeichnet. Irgendwann – heute geht man von 13,8 Milliarden Jahren aus – explodierte dieser Punkt aus Gründen, die uns nicht bekannt sind. Aus dieser Explosion entstanden dann die Materie und die Energie, die wir in der Welt, wie wir sie heute kennen, wahrnehmen.
Laut der Urknall-Theorie gab es einmal einen Zeitpunkt, an dem sich alles, was existierte, an einem einzigen Ort und in einem Zustand höchster Ordnung und Stabilität befand – d.h. es war damals nicht im Zustand des Explodierens. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt jedoch, dass alles an Entropie oder Unordnung zunimmt. Wenn also der natürliche Zustand der Natur darin besteht, sich in Richtung Unordnung zu bewegen, wie konnte sie dann überhaupt erst geordnet werden?
Das andere Gesetz, mit dem man sich zunächst befassen muss, ist das Trägheitsgesetz. Es besagt, dass bewegte Objekte in Bewegung bleiben, wenn keine äußere Kraft auf sie einwirkt, und ruhende Objekte ruhend bleiben, wenn keine äußere Kraft auf sie einwirkt. Stell dir zum Beispiel einen Golfer mit einem Golfball vor. Wenn der Ball auf dem Abschlag liegt, ruht er. Er bleibt so lange dort liegen, bis von außen auf ihn eingewirkt wird, indem der Golfer ihn etwa mit dem Schläger anschlägt. Dann bleibt der Ball so lange in Bewegung, bis wieder eine äußere Kraft auf ihn einwirkt: Er wird durch den Luftwiderstand verlangsamt, bis er irgendwann hinfällt, dort den Widerstand des Bodens erfährt und liegen bleibt.
Wenn ruhende Objekte dazu neigen, ruhend zu bleiben, und sich bewegende Objekte dazu neigen, in Bewegung zu bleiben, dann ist die größte Frage bezüglich des Urknalls: Was hat die Explosion ausgelöst? Viele sagen, die Beantwortung dieser Frage sei unnötig – sie ginge über die Wissenschaft hinaus und gehöre in den Bereich der Philosophie, Theologie oder Religion. Wenn diese Theorie aber eine Erklärung für die gesamte Wirklichkeit darstellen soll und man seine ganze Hoffnung auf das Konzept des Urknalls setzt – wie kann man diese Frage dann nicht beantworten?
Ein wesentlicher Bestandteil naturwissenschaftlicher Theorien ist es, sich mit der Frage der Kausalität zu beschäftigen – und dies ist die größte Frage der Kausalität: Was verursachte den Urknall? Es ist ein Ausweichmanöver der Akademiker und Intellektuellen, wenn sie diese Frage umgehen, weil sie unnötig sei. Wer diese These als Erklärung für alles aufstellt, muss der Frage nachgehen, welche äußere Kraft diese monumentale Veränderung in einem kleinen Punkt der Singularität verursacht hat.
Die Antwort auf diese Frage finden wir in der Bibel. Gemäß der Lehre von der Schöpfung gibt es ein aus sich selbst existierendes, ewiges Wesen, das die Kraft der Bewegung in sich selbst trägt und das bewegen kann, was sich nicht bewegt. Aristoteles hat das verstanden und sprach von der Notwendigkeit eines „unbewegten Bewegers“. Er wusste, dass Bewegung eine Ursache haben und die Ursache der Bewegung die Kraft der Bewegung in sich tragen muss, so wie es auch die Kraft des Seins in sich tragen muss. Deshalb schreiben wir Gott diese Eigenschaften zu.
Es gibt jedoch immer noch die Vorstellung, dass die im Singularitätspunkt des Urknalls verdichtete Materie und Energie aus sich selbst heraus existiert und ewig ist. Die Behauptung lautet also nicht, dass das Universum 13,8 Milliarden Jahre alt ist. Allein die gegenwärtige Bewegung des Universums sei so alt. Die eigentlichen Bestandteile oder der Stoff der Realität seien hingegen ewig. Diese Ansicht wird als Materialismus bezeichnet.
Wie stellen wir aber fest, welche Dinge des Universums ewig sind? Ist dieses Buch in seiner jetzigen Form ewig? Wie sieht es mit einem Autoschlüssel aus? Ein Materialist würde entgegnen, dass diese Dinge natürlich von jemandem hergestellt worden sind. Materialisten wissen, dass ein wichtiges Merkmal von Materie ihre Veränderlichkeit ist. Sie verändert sich von einem Zustand in einen anderen und bleibt nicht immer gleich. Deshalb können wir aus bestimmten Dingen andere Dinge herstellen.
Ein Materialist sagt dazu jedoch: „Wir stimmen zu, dass dieses Buch nicht die ewige Realität ist, die aus sich selbst existiert. Vielmehr besteht es aus Elementen, die von etwas aus sich selbst Existierendem, Ewigem hervorgebracht wurden. Im Gegensatz zu dem, was Christen sagen, ist dieses aus sich selbst Existierende, Ewige jedoch nicht transzendent, sondern immanent.“
Materialisten behaupten also, es muss nichts Größeres geben, das über das Universum hinausgeht, um die Existenz des Universums zu erklären. Sie argumentieren gegen die Lehre des Christentums, des Judentums und des Islams, die allesamt anerkennen, dass es außerhalb des erschaffenen Universums ein aus sich selbst existierendes, ewiges Wesen gibt, das wir Gott nennen. Er ist der Schöpfer aller Dinge und in ihm leben, weben und sind wir. Eine wichtige Eigenschaft Gottes ist also seine Transzendenz – er übersteigt das Universum.
Materialisten verstehen, dass es etwas aus sich selbst Existierendes, Ewiges geben muss, das die Kraft des Seins in sich trägt; dem stimmen sie zu. Sie würden die Idee der Selbsterschaffung als absurd bezeichnen. Sie gehen aber nicht davon aus, dass dieses aus sich selbst existierende, ewige Etwas Gott ist, der getrennt von und über dem Universum steht. Stattdessen behaupten sie, Gott sei, wenn er denn existiert, entweder Teil des Universums oder die Summe des Universums.
Die Summe des Universums würde jedoch auch dieses Buch beinhalten. Und wenn wir sagen, Gott ist die Summe des Universums, müssten wir dieses Buch als Teil Gottes ansehen und daher als aus sich selbst existierend und ewig. Wir wissen aber, dass dieses Buch nicht aus sich selbst existiert und ewig ist, da es zerstört werden kann. Man könnte es zerreißen. Es kann verändert werden.
Bis zu diesem Punkt würden Materialisten zustimmen und behaupten, dass das Buch eine individualisierte, spezielle Existenz habe, die abhängig sei. Sie würden dann aber argumentieren, dass ihm eine universelle Materie zugrunde liegt, welche allem, was ist, zugrunde liegt. Und diese Materie sei ewig, existiere aus sich selbst und trage Energie und Sein in sich selbst. Diese Materie habe die Explosion vor 13,8 Milliarden Jahren verursacht. Alles sei durch die Energie dieser Materie erzeugt worden.
Hier ist der Ausdruck „erzeugen“ bedeutsam. Der Name des ersten Buches des Alten Testaments, Genesis, kommt aus dem Griechischen gennaō, was so viel heißt wie „sein“, „werden“ oder „entstehen“. Etwas zu erzeugen bedeutet, es ins Dasein zu rufen bzw. dafür zu sorgen, dass es existiert. Materialisten glauben also an einen unbekannten Punkt im Universum, dem die ganze Realität entspringt und der alles hervorbringt. Es gibt keinen Gott außerhalb des Universums, der über dem Universum steht. Stattdessen ist diese aus sich selbst existierende, ewige, erzeugende Kraft Teil des Universums.
Diese Ansicht wird heutzutage in manchen wissenschaftlichen und philosophischen Kreisen vertreten. Ja, es gibt eine aus sich selbst existierende, ewige Kraft, ohne die nichts existieren kann. So weit, so gut – das würden diejenigen, die an Gott glauben, auch sagen. Aber die Frage an Gläubige ist: Warum sagen wir, dass diese Kraft über das Universum hinausgehen, also transzendent sein muss? Warum kann sie nicht Teil des Universums sein? Die Antwort ist: Sie kann Teil des Universums sein; es kommt aber darauf an, wie man „Universum“ definiert. Wenn der Begriff „Universum“ alles beinhaltet, das existiert, dann gehört Gott zum Universum, denn er existiert. Wenn damit aber die Schöpfung gemeint ist, ist Gott natürlich nicht Teil davon.
Wir müssen jedoch zwischen Gott und dem Universum unterscheiden, und die Unterscheidung, die wir in der Theologie machen, ist die, dass Gott das Universum übersteigt. Es ist jedoch wichtig, zu beachten, dass Transzendenz nichts mit dem Standort Gottes zu tun hat. Transzendenz ist keine geographische Beschreibung. Wenn wir sagen, Gott ist transzendent, heißt das nicht, er sei „irgendwo da draußen“. In der Philosophie und der Theologie beschreibt Transzendenz ein höheres Wesen. Es ist eine ontologische Beschreibung, keine geographische. Gott als transzendent zu bezeichnen, bedeutet, dass er ein höheres Wesen ist als wir. Ein höheres Wesen als dieses Buch, als die Sonne oder als Energie.
Diejenigen, die davon ausgehen, dass es eine unbekannte, unsichtbare, unermessliche Materie im Universum gibt, die aus sich selbst existiert, ewig ist und aus der alles andere hervorgeht, stimmen im Prinzip mit der christlichen Weltanschauung überein. Sie bestätigen die Existenz von etwas, das über und vor allen Dingen steht, die abhängig sind und ihren Ursprung außerhalb von sich selbst haben. An diesem Punkt sind wir uns lediglich uneinig darüber, welchen Namen wir diesem Etwas geben. Unabhängig davon, wie man es nennt, muss es jedoch etwas aus sich selbst Existierendes geben – etwas Ewiges, das alles gemacht hat.
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Dieser Auszug stammt aus Gibt es Gott? von R.C. Sproul (S. 44–50). Das Buch kann hier bestellt werden.