Bist du pessimistisch, was die Zukunft betrifft?
Du brauchst den Kompass des Evangeliums!
Wir leben in einer zunehmend pessimistischen Zeit.
Ein Blick in die Zeitung oder in die Abendnachrichten genügt, um der Vorstellung, uns blühe eine rosige Zukunft, den Garaus zu machen. Unsere Welt wird beherrscht von Kriegen und Krisen, und zu den Sorgen um die Wirtschaftslage gesellt sich noch die Angst, unsere demokratische Ordnung könne von innen ausgehöhlt werden. (Kein Wunder, dass dystopische Klassiker wie George Orwells 1984 wieder zu Bestsellern werden.)
Christen sind nicht immun gegen diese Welle des Pessimismus.
Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich zu Beginn der ersten Trump-Regierung mit einem älteren Christen führte, der angesichts einiger politischer Entwicklungen zwischen Zuversicht und Sorge schwankte. Er war entsetzt über die Verherrlichung von Abtreibung und die vulgären Äußerungen und Plakate beim „Women’s March“, der unmittelbar nach der Amtseinführung stattgefunden hatte.
„Die Kluft ist so groß“, erklärte er in Bezug auf konservative Christen und weite Teile der Gesellschaft. „Wenn ich an unser Land denke, verliere ich langsam jede Hoffnung. Ich verwandle mich in einen pessimistischen alten Griesgram.“
Meine Antwort war klar und direkt: „Das musst du hinter dir lassen!“
Es ist eine Sache, unsere gefallene Welt und die Sünde sattzuhaben oder über manche Entwicklungen unserer Zeit traurig zu sein. „Selig sind die Trauernden“, sagte Jesus. Die Tränen eines Christen, der unter der Last des Bösen in der Welt leidet, sind berechtigt und angebracht.
Zuzulassen, dass diese pessimistische Haltung zu unserer Grundeinstellung wird, ist jedoch etwas ganz anderes. Eine übermäßig pessimistische Sicht auf die Welt führt zu einer defensiven Haltung, und eine defensive Haltung führt zu defensiven Entscheidungen. Anstatt uns auf unseren Auftrag zu konzentrieren, fangen wir an, Entscheidungen zu treffen, die eher auf den Erhalt des Bestehenden ausgerichtet sind. Das Festhalten an dem, was wir haben, hindert uns dann daran, im Glauben an die Kraft des Evangeliums voranzuschreiten.
Das Evangelium setzt dem Pessimismus ein Ende. Wenn du wirklich glaubst, dass Gottes Wort Autorität besitzt – dass es ausführen wird, wozu Gott es gesandt hat, und nicht leer zurückkehrt –, wenn du davon überzeugt bist, dass Gott eine Gemeinde hat und die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden, dann bereitest du dich nicht darauf vor, eine Belagerung zu überstehen. Du rüstest dich zum geistlichen Kampf.
In meinem Buch This Is Our Time (dt. „Dies ist unsere Zeit“) spreche ich von einem „Verfallsnarrativ“, das hinter einer solchen pessimistischen Grundeinstellung liegt. Es handelt sich dabei um die Vorstellung, die Welt werde immer schlechter – egal, was wir tun. Verfallsnarrative finden sich in der Gesellschaft sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite des politischen Spektrums. Wie Yuval Levin nachgewiesen hat[1], glauben Liberale, wir hätten unsere besten Zeiten in den 1960er-Jahren gehabt, während Konservative diese in den 1950er- oder 1980er-Jahren verorten. Beide Seiten sind sich jedoch darin einig, dass wir uns seitdem zurückentwickelt haben.
Als Christen sind wir versucht, die Annalen der Kirchengeschichte nach scheinbar besseren Zeiten zu durchforsten, zu denen wir zurückkehren müssen. Vielleicht ist es die Urgemeinde, das goldene Zeitalter der ökumenischen Glaubensbekenntnisse, die Zeit der Reformation und der Puritaner oder die nordamerikanischen Erweckungsbewegungen. Welchen Zeitpunkt wir auch immer wählen, wir vergleichen uns mit unseren Vorfahren und haben das Gefühl, uns seitdem zurückentwickelt zu haben. Die Welt werde immer schlechter, und allzu oft gelte das auch für die Kirche, so meinen wir.
Und doch stimmt das alles nicht. Ich sage dies keineswegs deshalb, weil ich überzeugt wäre, die Dinge würden notwendigerweise immer besser werden – als befänden wir uns in einem stetigen Aufwärtstrend. Wir behandeln die Krankheit des Verfalls nicht mit der Medizin des „Fortschritts“. Die Antwort auf den Pessimismus ist nicht Optimismus.
Was wir brauchen, ist der Kompass des Evangeliums. Wir brauchen das Evangelium, damit wir nicht den Halt verlieren, wenn die Welt wieder einmal aus den Fugen gerät. Wir befinden uns weder auf dem Weg in den Abgrund noch steigen wir hinauf in schwindelnde Höhen. Die Welt ist das, was sie schon immer war – der Ort, an dem sich Fürstentümer und Gewalten formieren, um gegen den lebendigen Gott Krieg zu führen, und wohin König Jesus wiederkommen wird, um zu herrschen, wie er es versprochen hat.
Die Welt ist ein Schlachtfeld, auf dem die hoffnungsloseste Situation aller Zeiten – die Ermordung unseres Königs – in den hoffnungsvollsten Moment der Ewigkeit verwandelt wurde: den Anblick einer neuen Schöpfung, die aus dem dunkelsten Grab hervorbricht.
Wenn das Kreuz, dieses perfide Symbol der Herrschaft Roms, zur Quelle der Hoffnung und des Lichts werden kann, wie können wir da ernsthaft an der Vorstellung festhalten, uns stehe nichts als unaufhaltsamer Verfall bevor? Wenn Gott das Kreuz in ein Symbol der Hoffnung verwandeln kann, kann er dann nicht auch die Schwierigkeiten unserer Gegenwart nutzen, um daraus für künftige Generationen Früchte erwachsen zu lassen, die in Ewigkeit bleiben?
Dem Evangeliumskompass zu folgen, bedeutet, weder auf den Mythos des Fortschritts hereinzufallen (die evolutionäre Reise hin zu einer humanistischen Utopie) noch auf den Mythos des Niedergangs (als würden sich jetzt neue Abgründe des Bösen und der Ungerechtigkeit auftun). Wer sich etwas mit dem Römischen Reich oder einigen kirchlichen Missbräuchen in verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte befasst, wird schnell von der Vorstellung geheilt, wir hätten eine neue Stufe der Verderbtheit erreicht.
Deshalb müssen wir um eine Perspektive ringen, die über den gegenwärtigen Moment hinausreicht: Wir müssen auf die Worte des Psalmisten hören, die Klagen der Propheten verinnerlichen, uns an die Geschichten unserer Vorfahren erinnern, uns mit unseren Kirchenvätern auseinandersetzen und von unseren missionarischen Müttern lernen. Dann werden wir erkennen, dass der geistliche Kampf die Regel und nicht die Ausnahme ist.
Ja, die Welt wankt – aber es ist nicht irgendein furchtbares Übel, das dieses Beben verursacht hat, sondern etwas unendlich Gutes. Das Evangelium eines gekreuzigten und auferstandenen Königs verwandelt weiterhin Herzen und Leben, und die Schockwelle der Auferstehung breitet sich auch 2000 Jahre später immer noch über die ganze Welt aus. Wie der Missionar Lesslie Newbigin einmal sagte: „Ich bin weder Optimist noch Pessimist; Jesus Christus ist von den Toten auferstanden!“
1 Yuval Levin, The Fractured Republic: Renewing America’s Social Contract in the Age of Individualism, New York: Basic Books, 2016.