Was der Kirchenvater über Irrlehren dachte
Wo Wahrheit verkündigt wird, taucht Irrlehre auf. Man könnte fast sagen, dass das Christentum und Häresien miteinander groß geworden sind. Bereits kurz nach Jesu Himmelfahrt war Petrus mit Simon, dem Zauberer, konfrontiert, der häufig als erster Häretiker der Christentumsgeschichte aufgezählt wird. Auch in Augustins Spätwerk De haeresibus (abgekürzt: haer.), einem Kompendium von 88 Häresien, kommt dem Simon Magus dieser Platz zu. Mit seiner Schrift reiht sich der nordafrikanische Bischof in eine Reihe anderer Autoren ein, die Häretikerkataloge verfassten, darunter Justin (sein Syntagma gegen alle Häresien ist verloren gegangen), Irenäus (Gegen die Häresien, ca. 180) und Hippolyt (Widerlegung aller Häresien, Anfang 3. Jh.). Augustinus, Bischof von Hippo, verfasste haer. in seinen letzten Lebensjahren (ca. 428-430) auf Bitte des karthagischen Diakons Quodvultdeus. Da er für den nordafrikanischen Klerus schreibt, der vor allem praktisch-pastoral gefragt ist, versucht Augustinus seine Darstellung knapp zu halten (er begrenzt sich größtenteils auf wenige Sätze) und hält sich zumeist von allzu polemischen Darstellungen fern.
88 Häresien
In einer umfangreichen Dissertation widmet sich Vanessa Bayha dieser Schrift und legt damit eine erste eingehende Untersuchung dieser Art vor. Der Band hat eine gängige wissenschaftliche Ausstattung und ist detailreich gearbeitet. Methodisch ist ihr Buch als Kommentar aufgebaut, wobei eine Ausgabe des augustinischen Textes ebenso auf dem Schreibtisch nötig ist, da Bayha lediglich Ausschnitte von haer. (auf Latein) anführt. Den Großteil des Buches nehmen die Textanalysen (S. 1–592) ein, darauf folgt eine knappe Auswertung (S. 593–623). Am umfangreichsten sind die Analysen zu haer. 69 über die Donatisten (S. 351–413) und haer. 88 über die Pelagianer (S. 531–581) – zwei der drei Häresien, die den Kirchenvater in seinem eigenen Wirken maßgeblich beschäftigt haben. (Auf eine Erörterung von haer. 46 zu den Manichäern verzichtet die Autorin bedauerlicherweise und verweist stattdessen auf eine 2022 veröffentlichte Dissertation.) Diese Abschnitte bereiten beim Lesen am meisten Freude, die zahlreichen Seitenblicke auf andere Schriften aus der jeweiligen Kontroverse machen die Untersuchung hilfreich und interessant. Am Beispiel der Pelagianer wird deutlich, wie weitreichend eine irrige Doktrin ist: Die „Feinde der Gnade“ berühren mit ihrer Lehre die Verkündigung, Liturgie, Seelsorge, christliche (Gebets- und Tauf-)Praxis, Ethik und Hermeneutik. Demgegenüber versteht Augustinus die Gnade als umfassend, sie erstreckt sich nicht nur auf einen Teil des christlichen Lebens, sondern ist wirksam in Prädestination, Errettung und Gabe des Geistes, woraus gute Werke der Liebe folgen (S. 537–543).
Neben den Pelagianern und Donatisten finden sich einige weitere Charaktere und Gruppierungen, die bis heute einen Platz im christlichen Bewusstsein haben: Valentinianer (haer. 11), Marcion (haer. 22), Cataphryger = Montanisten (haer. 26), Noëtianer bzw. Sabellianer (haer. 36 bzw. 41), Origenisten (haer. 43), Arianer (haer. 49), Apollinaristen (haer. 55), Tertullianisten (haer. 86). Da selbst diese vielen Christen unserer Zeit kein Begriff sind, ist vor der Lektüre von Bayhas Werk zu bedenken, dass sie keine niedrigschwellige Werkseinführung bietet. Gute Lateinkenntnisse für die zahllosen unübersetzten Passagen sowie patristisches Fachwissen sind kaum verzichtbar, um den Kommentar mit Gewinn zu lesen.
Bayhas Anliegen, Augustins Quellenbenutzung zu erhellen, wird durchweg deutlich. Es geht ihr nicht darum, altkirchliche Häresien zu beschreiben. Sie möchte ihre Arbeit vielmehr „in erster Linie als eine Art Nachschlagewerk für die spezifisch augustinischen Zugänge zu den dargestellten Lehrmeinungen verstanden wissen“ (S. XVII). Bestehende Häretikerkataloge wurden von Augustinus konsultiert, systematisch miteinander abgeglichen, zuweilen kritisiert und schließlich in seinem eigenen Kompendium arrangiert. Seine Abhängigkeit von der häresiographischen Tradition in Struktur und Inhalt legt er den Lesern offen und erklärt damit sein Bestreben, das überlieferte Wissen „zu bewahren, zu aktualisieren und weiterzuführen“ (S. 593). Bayhas abschließende Auswertung bündelt Augustins Quellenverarbeitung und seine literarisch-häresiographischen Strategien. Wer das Buch bis dahin gelesen hat, wird hier wenig Neues finden; als Zusammenfassung erfüllt sie aber ihren Zweck.
Das Wesen der Häresie
Auch wenn dies der Intention der Autorin nur bedingt entspricht – sie zielt besonders auf Augustins Adaption seiner Quellen –, soll im Folgenden eine unvollkommene Zusammenschau einiger Kennzeichen der Häretiker nach Augustinus vorgenommen werden. Eine solche Abhandlung über das Wesen des Häretikers plante der Bischof, konnte sie jedoch nicht mehr vornehmen.
Als Urcharakteristikum des Häretikers benennt Augustinus den Hochmut, der prominent in haer. 1 wie in haer. 88 auftaucht. Dieser führe zu einer unbußfertigen Hartnäckigkeit, die auch aus einem Schismatiker einen Häretiker mache. Jedoch betont Augustinus immer wieder, dass auch die Unbelehrbaren letztlich entlarvt und überwältigt werden, wie es das Vorbild des Petrus gegenüber dem ersten Häretiker Simon Magus zeige. Neben Stolz verwendet Augustinus mehrfach den Begriff Nichtigkeit (vanitas), die mit der Wahrheit (veritas) kontrastiert wird. Besonders die ausgefeilten Mythen aus gnostischer und manichäischer Richtung werden als leere, absurde und hässliche Fabeln zurückgewiesen – der Bibelleser wird unweigerlich an Paulus’ Warnungen vor leerem Geschwätz erinnert (vgl. 1Tim 1,6). Augustinus zeigt an mehreren Stellen auf, wie verworren Häresien werden können, da sie eine grundsätzliche Tendenz „zur Uneinigkeit und Abspaltung zahlreicher Untergruppen“ (S. 163) hätten. Zugleich stellt er heraus, dass auch zwei entgegengesetzte Positionen beide Häresien sein können, so beispielsweise hinsichtlich Gott und dem Bösen. Es sei sowohl irrig anzunehmen, dass Gott nichts mit dem Bösen ‚zu tun hat‘, da er sich gerechterweise des Bösen bedienen kann, als auch, dass Gott Urheber des Bösen ist. Eng damit verbunden ist die Cerdon (Lehrer im 2. Jh.) zugeschriebene Aufspaltung des Gottesbildes in einen ‚gerechten‘ und einen ‚guten’ Gott. Gegen solche Tendenzen „hält Augustinus stets an der Einheit und Kontinuität Gottes fest, dessen Gerechtigkeit und Güte sich im gesamten Verlauf der Heilsgeschichte, welcher die Gabe der lex [dt. des Gesetzes] wie auch das Christusereignis gleichermaßen umfasst, manifestieren“ (S. 149). In beiden Testamenten offenbart sich Gott als einer, stets als gerecht und gut. Dass solche Fragen keine historische Kuriosität sind, zeigt sich daran, dass bis heute immer wieder eine Spannung zwischen einem ‚Gott des Alten Testaments’ und dem Vater Jesu Christi behauptet wird. Nicht jede Häresie bewegt sich freilich auf diesem theologischen Niveau. Zuweilen kann etwas scheinbar Harmloses und Absurdes als Häresie angegriffen werden, wie eine Gruppe, die das Tragen von Schuhen ablehnte (haer. 68). Dass die Gruppierung diese asketische Praxis aufgrund einer falschen Schriftinterpretation lehrt, stuft sie als Irrlehrer ein.
Lehre und Moral
So zeigt sich, dass für Augustinus Häresien ein breites Spektrum haben: Sie betreffen sowohl den dogmatischen als auch den ethischen Bereich. Hinsichtlich moralischen Fehlverhaltens benennt Augustinus unter anderem den Bereich der Ehe und Sexualität, Hochmut, Arbeitsscheu, Geldliebe und Heuchelei. Auch im Bereich der Lehre tauchen einige Themen immer wieder auf – eine systematische Zusammenfassung bietet aber weder Augustinus noch Bayhas Kommentar. Häresien betreffen die Schöpfungslehre und Kosmologie, astrologische Spekulationen, die Notwendigkeit der Gesetzesbefolgung, die Leugnung der Göttlichkeit von Jesu Christus, heterodoxe Trinitätsvorstellungen, die Leugnung der leiblichen Auferstehung, die Zurückweisung der materiellen Welt und eine damit einhergehende Ablehnung von Wein und Ehe bis hin zur radikalen Askese der Selbstkastration. Besonders das Thema Ehe ist für Augustinus bedeutsam, da er sich zur Abfassungszeit von haer. in einer Kontroverse mit Julian von Aeclanum befand, die sich immer wieder um diese Problematik drehte. Daher ergreift Augustinus die Gelegenheit, seine Position zu verdeutlichen und stellt klar, dass die Ehe ‚gut‘, die Enthaltsamkeit ‚besser‘ und das Problem nicht diese noch jene, sondern die Begierde ist.
Für heutige Leser skurril klingen einige Sakramentspraktiken: So habe die Gruppe der Ophiten die Schlange für Christus gehalten, verehrt und bei ihrem ‚Abendmahl‘ eine lebendige Schlange das Brot zur Konsekration anlecken lassen. Andere Häretiker feierten die Eucharistie mit Brot und Käse oder mit Wasser statt Wein. Darüber hinaus finden sich in Augustins Katalog Lehren, die einem heutigen Christen nie als Irrlehre in den Sinn kommen würden, wie die fehlende Unterscheidung zwischen Bischofs- und Priesteramt, exzessives Schweigen oder die Leugnung der dauerhaften Jungfräulichkeit Marias. Hier wird deutlich, dass ein Kompendium der Häresien stets ein zeitgebundenes Dokument ist. Augustinus kommt zuweilen zu einem anderen Schluss als seine Quellen, was als Häresie zu bewerten ist – ebenso verfahren moderne Leser mit seinem Text. Bis heute besteht die Tradition fort, Häresien zusammenzustellen, um Pastoren und Gemeindegliedern eine Handreichung zu bieten.[1]
Augustinus konnte bei seinem Klerus noch ein gewisses theologisches Grundwissen voraussetzen. Wo Katechese fehlt und das dogmatische Fundament dünn ist, wird die Unterscheidung von Wahrheit und Irrtum schwieriger, und eine positive Darstellung der christlichen Lehre umso dringlicher. Bayhas Kommentar leistet dazu keinen direkten Beitrag und hat auch nicht das Anliegen; er ist vor allem Spezialliteratur. Aber er erinnert daran, dass die Kirche zu allen Zeiten gut daran tut, die überlieferte Lehre zu kennen, zu prüfen und weiterzugeben.
Buch
Vanessa Bayha, Augustins De haeresibus: Ein Kommentar (Augustinus – Werk und Wirkung, Bd. 16), Paderborn: Brill Schöningh, 2023, 708 Seiten, 149 €.
1 Ein Beispiel: Ligonier Ministries hat 2020 einen Field Guide on False Teaching herausgegeben.
2 Sam Storms, Open Theism, http://www.samstorms.com/all-articles/post/open-theism---part-i (05.12.2014). Hier steht noch eine Fußnote