Bibel und Theologie

Evangelium leben – Jugend gewinnen

Rezension von Jonathan Malisi
29. Juli 2026 — 10 Min Lesedauer

„Wie erreichen und prägen wir als Gemeinde die nächste Generation mit dem Evangelium?“ Diese Frage gehört zu den drängendsten Herausforderungen heutiger Gemeindearbeit. An Literatur mangelt es dafür keineswegs: Konzepte für erfolgreiche Jugendarbeit, Ideen zur kreativen Gestaltung und Ratgeber zur Mitarbeiterentwicklung gibt es in großer Zahl.

Die Herausforderung: Jugendarbeit vom Evangelium her denken

Umso bemerkenswerter ist es, wenn ein Buch einen Schritt zurücktritt und nicht zuerst nach den besten Methoden fragt, sondern nach den theologischen Grundlagen. Genau das versucht Evangelium leben – Jugend gewinnen (im Folgenden kurz: ELJG). Herausgegeben von Cameron Cole und Jon Nielson, versammelt der Band 14 Beiträge verschiedener Autoren aus der Jugendarbeit. Ihr gemeinsames Anliegen: den Dienst an der jungen Generation konsequent vom Evangelium her zu verstehen und zu gestalten.

Bereits diese Schwerpunktsetzung ist erfreulich. Denn selbst unter evangelikalen Christen besteht oft die Gefahr, die Jugendarbeit schleichend einem pragmatischen Denken zu unterwerfen: Nicht mehr theologische Überzeugungen leiten dann die Praxis, sondern pragmatische Zwänge geben die Richtung vor. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr „Was brauchen junge Menschen geistlich?“, sondern „Was funktioniert?“. Genau hier setzt der Sammelband einen wichtigen Gegenakzent. Er beginnt bei den fundamentalen Wahrheiten der praktischen Theologie, leitet daraus methodische Überlegungen ab und zielt als Frucht auf eine selbstständige Weitergabe des Evangeliums durch die Jugendlichen ab.

Das Buch im Detail: Struktur und zentrale Inhalte

Vom Konzept her ist ELJG übersichtlich und praxisnah strukturiert (vgl. S. 16–17):

  • Teil 1 (Grundlagen) behandelt sieben wesentliche Grundlagen der Jugendarbeit – darunter Evangeliumszentrierung, Jüngerschaft, Beziehungsarbeit und Elternarbeit.
  • Teil 2 (Praktische Anwendung) widmet sich vier praktischen Elementen wie Kleingruppenarbeit, Mitarbeiterförderung und Freizeiten.
  • Teil 3 (Frucht) nimmt die Rolle von Jugendlichen in der Mission der Gemeinde in den Blick („Evangelisation“, „Diakonie“ und „Internationale Kurzeinsätze“).

Die Rezension widmet sich im Folgenden jeweils einem repräsentativen Kapitel aus jedem Teil ausführlicher und ordnet die weiteren Beiträge kontextuell ein.

Teil 1: Das Evangelium im Zentrum (Kapitel 1)

Wenn ein Buch bereits im englischen Originaltitel (Gospel-Centered Youth Ministry) den Anspruch erhebt, „evangeliumszentriert“ zu sein, lohnt sich ein genauer Blick auf das Auftaktkapitel. Hier widmet sich Herausgeber Cameron Cole der Definition des Evangeliums und dessen grundlegender Bedeutung für die Jugendarbeit. Cole entfaltet dabei zwei Dimensionen: zum einen die persönliche Versöhnung mit Gott durch Jesus Christus und das Leben in seiner Nachfolge, zum anderen die kosmologische Wiederherstellung von Gottes ursprünglicher Ordnung für die gesamte Schöpfung. Beide Aspekte begründet er fundiert anhand der Bibel und verknüpft sie zugleich nahbar mit persönlichen Erfahrungen aus seiner eigenen Lebensgeschichte.

Besonders gelungen ist dabei, dass Coles Begriff des Evangeliums weder verengt wirkt („nur das Sühnewerk am Kreuz“) noch im Vagen bleibt („die ganze Bibel ist Evangelium“). Auf den Seiten 32 bis 40 entfaltet er einen stimmigen Dreiklang aus Rettung, Gnade und Erlösung. Dieser behält sowohl die persönliche Rechtfertigung und Heiligung als auch die kosmische Dimension von Gottes Herrschaft im Blick. In puncto theologischer Ausgewogenheit ist das für ein Praxisbuch dieser Art ein echter Gewinn. Einzig die Ekklesiologie – die Rolle der Gemeinde – kommt in diesen grundlegenden Überlegungen etwas zu kurz.

Die drei Kapitel „Gemeinschaft“ (Mark Howard, Kap. 5), „Elternarbeit“ (Mike McGarry, Kap. 6) und „Versammlung der Gläubigen“ (Dave Wright, Kap. 7) gleichen das erwähnte Ekklesiologie-Defizit allerdings wieder aus. Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte verbindet die Autoren ein zentrales Anliegen: Sie plädieren für eine gelungene Integration der Jugendarbeit in die Gesamtgemeinde und warnen vor einer isolierten Jugendkultur, die vom Leib Christi abgekoppelt ist. Es sind durchweg kluge Impulse von reflektierten Praktikern.

Auch die übrigen Beiträge von Teil 1 setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Eric McKiddie („Bibelauslegung“, Kap. 3) liefert eine hervorragende Zusammenfassung von Bryan Chapells christozentrischem Homiletik-Ansatz für Jugendmitarbeiter – mit das Beste, was man Ehrenamtlichen zu diesem Thema an die Hand geben kann. Liz Edrington („Beziehungsarbeit“, Kap. 4) widmet sich den emotionalen und relationalen Facetten des Dienstes an Jugendlichen und greift dabei auch die Bedeutung der Trinität für unser Miteinander auf.

Teil 2: Freizeiten und Veranstaltungen (Kapitel 11)

Freizeiten sind in den meisten Gemeinden ein zentraler Baustein der Jugendarbeit. Daher ist es folgerichtig, dass Jason Draper diesem Thema ein eigenes Kapitel widmet. Besonders ermutigend ist sein Ansatz, gleich zu Beginn nach dem eigentlichen „Warum?“ zu fragen. Die Antwort fällt für ihn zweifach aus: Zum einen bieten Freizeiten die Gelegenheit, sowohl Fernstehenden als auch Gläubigen das Evangelium zu verkündigen (S. 186–189). Zum anderen schaffen sie einen Raum, in dem Gott seinen Kindern abseits des Alltagstrubels begegnen kann (S. 189–190).

Die Verbindung von Evangeliumsverkündigung und dem ganz gewöhnlichen Bedürfnis nach Abwechslung und Ruhe arbeitet Draper sehr gelungen heraus. Wie die meisten Beiträge des Buches überzeugt auch dieses Kapitel durch theologische Klarheit und praktische Ausgewogenheit. Die anschließenden Handreichungen zur Planung, Gestaltung und Nachbereitung (S. 191–199) unterstreichen Drapers reichhaltige Praxiserfahrung.

Tom Olson („Musik“, Kap. 10) steuert gut durchdachte Praxistipps für die musikalische Gestaltung von Jugendgottesdiensten bei. Herausgeber Jon Nielson behandelt in zwei Kapiteln das „Bibelstudium in Kleingruppen“ (Kap. 8) sowie die „Mitarbeiterförderung“ (Kap. 9). Während er im Kleingruppen-Kapitel – ausgehend von Kolosser 3,16–17 – den methodischen Weg zur praktischen Bibelarbeit aufzeigt, widmet er sich in Kapitel 9 der Zurüstung ehrenamtlicher Teams. Besonders hervorzuheben sind hierbei sein Plädoyer gegen einen überzogenen Professionalismus und seine Warnung vor der Gefahr einer unscheinbaren „Menschenverehrung“ im Gemeindedienst.

Teil 3: Diakonie (Kapitel 13)

Über die letzten Jahre habe ich als Pastor eine Sache besonders gelernt: Die Orientierung einer Gemeinde nach außen – über sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse hinaus – sagt viel über ihr Selbstverständnis aus. Im Bereich der Jugendarbeit betrifft das konkret das evangelistische, missionarische und diakonische Anliegen der Leiter sowie der Jugendlichen selbst. Aber wie prägt man eine Liebe zu Armen, die sich nicht in humanistischer Wohltätigkeit „verzettelt“? Philip Walkley und Drew Haltom zeichnen das in Kapitel 13 (S. 219–232) nach und teilen ihren reichen Erfahrungsschatz. Auf diesen Seiten spürt man die Liebe der beiden zu den Armen und Verlorenen. Zu Beginn begründen sie kurz die Diakonie in und außerhalb der Gemeinde sowie deren Verhältnis zueinander (S. 220–223; mit Verweis auf 2Kor 8,1–15). Sie betonen sehr klar, dass in Gottes Augen alle Menschen von Natur aus arm sind. Das und ihre wiederholte Warnung vor der Entstehung von Abhängigkeiten und Erwartungen gegenüber Menschen (S. 224–225) haben mich selbst überführt.

Vor allem aber zeigen sie eines sehr praktisch: wie Jesu Liebe Bedürftigen gegenüber durch Taten der Barmherzigkeit und die Verkündigung des Evangeliums greifbar wird, wie Jugendliche dadurch in ihrer Nachfolge wachsen und auch von armen Menschen lernen können (S. 226–230). Besonders der eindringliche Verweis Haltoms und Walkleys, langfristige Beziehungen und Partnerschaften anzustreben (S. 230–232), ist kostbar. Denn Diakonie in der Jugendarbeit ist kein Selbstzweck. Es geht um junge Menschen, die Jesus brauchen und denen wir dauerhaft Liebe zeigen wollen – was durch strategische Partnerschaften und stabile Schwerpunkte erst möglich wird.

Auch Kapitel 12 von David Plant („Evangelisation“) ist lesenswert: Er hält sich nicht lange bei einer x-ten mittelmäßigen Auslegung von Matthäus 28,18–20 auf. Stattdessen stellt er zwei Dinge in den Vordergrund des Missionsauftrags (S. 205–207), mit denen wir Jugendliche motivieren sollten, ihren Glauben zu teilen: wie gut Jesus selbst als unser Auftraggeber ist und dass das Evangelium zuerst eine unverdient gute Botschaft der Gnade an uns Gläubige selbst ist. Auf den Seiten 208–218 gelingt es ihm sehr praktisch und klug, eine Bewegung des Evangeliums nachzuzeichnen – vom Inneren der Gemeinde (Eltern, Leitern, Predigern) nach außen in den Alltag der Jugendlichen und ihrer Freunde. Ein Kapitel mit echtem Mehrwert!

Elisabeth Elliott Hayes thematisiert mit den „Internationalen Kurzeinsätzen“ (Kap. 14; S. 233–246) ein bisher eher amerikanisches Phänomen. Ihre theologische Begründung (S. 235–239) halte ich für angemessen kompakt, und ich konnte viele wertvolle Hinweise zur praktischen Planung und Gestaltung eines solchen Einsatzes mitnehmen (S. 239–246). Ich denke, dass viele Gemeinden von solchen Einsätzen profitieren könnten, um Jugendlichen einen realistischen Einblick in missionarische Dienstfelder und die Dringlichkeit der Weltmission zu geben.

Kritische Anmerkungen

Bei aller Zustimmung bleiben dennoch einige Vorbehalte. Zunächst ist der Band offensichtlich stark im nordamerikanischen evangelikalen Kontext verortet. Manche organisatorischen Voraussetzungen und Beispiele setzen Strukturen voraus, die sich nicht ohne Weiteres auf kleinere Gemeinden im deutschsprachigen Raum übertragen lassen – etwa regelmäßige Kurzzeit-Missionseinsätze oder mehrere angestellte Mitarbeiter. Wer das Buch liest, sollte deshalb sorgfältig zwischen kontextbedingten Anwendungen und den zeitlosen Prinzipien unterscheiden.

Zudem bringt das Format einer Aufsatzsammlung naturgemäß eine gewisse Ungleichmäßigkeit mit sich: Nicht alle Kapitel erreichen dieselbe theologische Tiefe oder argumentative Schärfe. So verengt Darren DePaul (Kap. 2) seinen Jüngerschaftsbegriff sehr stark auf Mentoring und Zweierschaften, wodurch die breitere biblisch-gemeindliche Dimension etwas in den Hintergrund rückt. Jon Nielson lässt in seinen Beiträgen zu Kleingruppen und Mitarbeiterförderung (Kap. 8 und 9) stellenweise konkrete inhaltliche Erläuterungen vermissen oder lässt die Abgrenzung der Zielgruppen etwas verschwimmen. Liz Edringtons Ausführungen zur Beziehungsarbeit (Kap. 4) wirken wiederum streckenweise wie eine unzusammenhängende Gedankenreihe, bei der zudem der im Deutschen unübliche Begriff der „Dreieinheit“ auffällt. Auch eine stärkere historische Tiefenschärfe – etwa der Rückgriff auf die reiche Tradition christlicher Katechese – hätte manche Kapitel bereichert.

Ein wenig schade ist zudem die Wahl des deutschen Titels: Das Evangelium kann streng genommen nicht „gelebt“, sondern muss geglaubt werden – es ist im Kern eine Heilstat, die außerhalb von uns liegt. Vermutlich stand hier vor allem die pragmatische Griffigkeit im Vordergrund. Auch bemerkt man an einzelnen Stellen, dass der Übersetzung ein gründliches theologisches Lektorat guttun würde.

Grundsätzlich schmälern diese inhaltlichen Beobachtungen den praktischen Wert des Buches jedoch nicht. Umso mehr wiegt dahingegen ein redaktionelles Manko der deutschen Ausgabe: Die hilfreichen, weiterführenden Literaturverweise an den Kapitelenden der englischen Originalausgabe wurden weder übernommen noch an den deutschen Sprachraum angepasst – sie fehlen schlichtweg. Das beraubt den Band stellenweise seiner Funktion als echter Praxisguide, da Leiter und Mitarbeiter von den prägnanten Kapiteln aus nicht direkt weiterarbeiten können. Bei einer wünschenswerten nächsten Auflage sollte dieser Punkt dringend korrigiert werden.

Klare Empfehlung für Jugendleiter und Gemeindeleitungen

„Wie erreichen und prägen wir als Gemeinde die nächste Generation mit dem Evangelium?“ – Diese Frage versuchen zahlreiche Bücher aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beantworten. Unter den Neuerscheinungen im Bereich der Jugendarbeit gehört ELJG zu den ausgesprochen lesenswerten Veröffentlichungen. Ich empfehle es besonders Jugendleiterteams sowie Einsteigern in der Jugendarbeit. Auch Gemeindeleitungen, die das Handlungsfeld der Jugendarbeit neu erschließen oder reflektieren wollen, können erheblich von dem Band profitieren. Das Buch bietet einen hervorragenden Ausgangspunkt, um den Dienst an der nächsten Generation mit theologischem Anspruch und Systematik anzugehen.

Seine besondere Stärke liegt dabei nicht in originellen Methoden oder spektakulären Innovationen, sondern in der beharrlichen Erinnerung an eine einfache Wahrheit: Die entscheidende Ressource christlicher Jugendarbeit ist weder ein ausgefeiltes Programm noch hoch spezialisiertes Personal – es ist das Evangelium von Jesus Christus. Genau darin liegt der heilsame Korrekturcharakter des Buches. Es fordert uns heraus, die eigenen Prioritäten zu hinterfragen: Wollen wir junge Menschen wirklich zu mündigen Jüngern Jesu heranbilden? Vertrauen wir letztlich auf pragmatische Konzepte oder auf die Wirksamkeit von Gottes Wort? Verstehen wir Jugendarbeit als isolierten Sonderbereich – oder als Teil des gemeinsamen Auftrags der Gesamtgemeinde?

Wer eine Sammlung kreativer Spiele oder innovativer Eventformate sucht, wird von ELJG enttäuscht werden. Wer jedoch bereit ist, die eigene Praxis theologisch zu reflektieren und neu am Evangelium auszurichten, wird aus diesem Buch großen Gewinn ziehen. Am Ende steht eine ebenso schlichte wie grundlegende Einsicht: Gesunde Jugendarbeit entsteht nicht dort, wo wir Jugendliche zum Maß aller Dinge machen, sondern dort, wo wir jungen Menschen treu und geduldig Christus bezeugen. Genau dazu leitet dieses Buch an – und gerade deshalb lohnt sich seine Lektüre.

Buch

Cameron Cole, Jon Nielson, Evangelium leben – Jugend gewinnen: Praxisguide für Mitarbeiter, Dillenburg: CV 2026, 288 Seiten, 19,90 €.
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