Für wen ist Christus gestorben?
Die Erlösung durch das stellvertretende Opfer Christi ist eine theologische Grundwahrheit, der alle Christen zustimmen. Sie ist der Kern des Evangeliums und wird für immer Gegenstand unseres Lobes sein (vgl. Offb 5,9). Dabei muss jedoch die Frage geklärt werden: Wen rettet Jesus mit seinem Tod? Viele Universalisten behaupten, dass Christus durch seinen Tod alle Menschen gerettet habe. Arminianer argumentieren, dass sein Tod die Errettung aller Menschen ermögliche, sofern sie glauben. Im Gegensatz dazu vertreten reformierte Ausleger die Ansicht, dass Christus durch seinen Tod tatsächlich die Errettung seines gesamten auserwählten Volkes vollbracht und gesichert hat. Christus starb somit mit der Absicht, die Auserwählten zu retten.
Im Wesentlichen geht es bei der Frage um den Heilsplan Gottes, seine Heilsabsicht und das Ausmaß der Sühne. Es geht nicht darum, ob Jesu Tod ausreicht, um andere zu retten. Die Debatte dreht sich ebenso nicht um den Wert der Sühne. Reformierte Theologen bekräftigen seit Jahrhunderten den Ausdruck „ausreichend für alle, wirksam für die Auserwählten“.
Wir müssen darauf achten, die Begriffe richtig zu verstehen. Der Ausdruck „begrenzte Sühne“ erscheint negativ, weil er betont, dass Christus allein für eine begrenzte Anzahl Auserwählter gestorben ist. Die Begriffe „partikuläre Erlösung“ und „bestimmte Sühne“ drücken dasselbe aus, sind jedoch positiver formuliert als „begrenzte Sühne“. Jede Bezeichnung hat ihre rhetorischen Vor- oder Nachteile. „Begrenzte Sühne“ könnte den unendlichen Wert von Christi Tod infrage stellen. Die Formulierung „unbegrenzte Sühne“ entwertet wiederum die tatsächliche Rettungskraft des Kreuzes. Umgekehrt heben die Begriffe „partikuläre Erlösung“ und „bestimmte Sühne“ die rettende Wirksamkeit des Todes Christi positiv hervor. „Allgemeine“ und „unbestimmte“ Sühne hingegen sind in Bezug auf die Wirksamkeit negativ konnotiert. Auf jeden Fall sollten wir uns über die eigentliche Frage im Klaren sein: Was genau wollte Christus durch seinen Tod erreichen? Wollte er alle erretten? Wollte er die Erlösung allen ermöglichen, die glauben? Wollte er durch seinen Tod die Erlösung seines auserwählten Volkes sichern? Die letzte Ansicht wird im weiteren Verlauf des Artikels erklärt.
Explizite biblische Aussagen
Hierzu werden wir die Frage aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Zunächst möchte ich mich auf einige explizite biblische Aussagen konzentrieren. In Offenbarung 5,9–10 singen die Erlösten dem Lamm dieses Loblied:
„Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast uns für Gott erkauft mit deinem Blut aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen, und hast uns zu Königen und Priestern gemacht für unseren Gott, und wir werden herrschen auf Erden.“
Das Lied verdeutlicht, dass Christi Tod ein Erlösungswerk war, bei dem die Erlösung durch die Zahlung eines Lösegeldes erkauft wurde. Es erwähnt noch ein Detail und bekräftigt damit die selektive Erlösung: Durch sein Blut hat Christus Menschen für Gott „aus (ek) allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen“ freigekauft. Es ist eine selektive Erlösung durch das Blut Christi. Sein Blut war das Lösegeld, das die Freiheit von Menschen „aus“ allen Völkern sicherte. Einfach ausgedrückt bedeutet dies: Was die Erretteten von den Verlorenen unterscheidet, ist das Blut Christi.
Ähnliches lesen wir in Römer 8,32: „Er, der sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken?“ Hier rühmt der Apostel Paulus die großartige Wahrheit, dass alle, für die Christus gestorben ist, auch alle damit verbundenen Segnungen empfangen. Durch seinen Tod hat er jede rettende Segnung gesichert, und diejenigen, für die er gestorben ist, werden sie unweigerlich alle empfangen.
So lesen wir auch in Römer 8,34: „Wer will verurteilen? Christus [ist es doch], der gestorben ist.“ Es wird deutlich gesagt, dass niemand, für den Christus gestorben ist, jemals verdammt werden wird. Gerade weil Christus für sie gestorben ist, müssen sie gerettet werden.
Es gibt im gesamten Neuen Testament viele solcher Aussagen. In Offenbarung 1,5 preist Johannes den, „der uns geliebt hat und uns von unseren Sünden gewaschen hat durch sein Blut“. Sein Ruhm besteht darin, dass Christus „uns von unseren Sünden gewaschen hat durch sein Blut“ – dieser grundlegende Segen der Erlösung, der durch seinen Tod gesichert wurde, gehört allein „uns“ Geretteten. Der Tod Christi hatte diese heilbringende Absicht und Wirkung.
Dasselbe können wir von vielen anderen Stellen im Neuen Testament sagen:
- Matthäus 20,28: Der Menschensohn ist gekommen, um „sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (vgl. Mk 10,45).
- Johannes 10,11: „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“
- Johannes 17,19: „Und ich heilige mich selbst für sie.“
- Galater 2,20: „Was ich aber jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“
- Epheser 5,25: „Gleichwie auch der Christus die Gemeinde geliebt hat und sich selbst für sie hingegeben hat.“
- Petrus 2,24: „Er hat unsere Sünden selbst an seinem Leib getragen auf dem Holz, damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben mögen.“
Die Partikularität steht im Mittelpunkt dieser und weiterer Passagen. Es geht nicht nur um „uns“, sondern auch um die Bekräftigung des rettenden Segens, der uns durch den Tod Christi auf einzigartige Weise gesichert wurde.
Das Gleiche gilt in der Tat auch für die vielen „für uns“-Aussagen im Neuen Testament:
- Römer 5,8: „Gott beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“
- Galater 3,13: „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch wurde um unsertwillen.“
- Epheser 5,2: „Gleichwie auch Christus uns geliebt und sich selbst für uns gegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer.“
- Thessalonicher 5,10: „Der für uns gestorben ist, damit wir, ob wir wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben sollen.“
- Titus 2,14: „Der sich selbst für uns hingegeben hat, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun.“
- Hebräer 10,20: „Den er uns eingeweiht hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt, durch sein Fleisch.“
- Johannes 3,16: „Dass Er sein Leben für uns hingegeben hat.“
In all diesen Aussagen kommen sowohl die Ausrichtung auf eine bestimmte Personengruppe als auch die Bekräftigung des rettenden Segens zum Ausdruck, der ausschließlich dem Volk Christi vorbehalten ist.
Biblische und theologische Argumente
Ganz ähnlich argumentieren die Schreiber der Bibel hinsichtlich der Sühne, der sie zwangsläufig ein bestimmtes Ziel zuschreiben.
Das Wesen der Sühne
Die eigentliche Bedeutung des Todes Christi liegt in der Stellvertretung: Christus starb an unserer Stelle, damit wir durch seine stellvertretende Sühne unsere Sündenstrafe erlassen bekommen. Auch dies ist unter allen Christen unbestritten. Es handelt sich dabei jedoch um eine exklusive Aussage. Wie wir gerade gesehen haben, ist das die eigentliche Bedeutung der neutestamentlichen Stellen, in denen es heißt: „Er starb für uns.“ Ob wir nun sagen: „Christus ist … für Gottlose gestorben“ (Röm 5,6), „Christus [ist] für uns gestorben“ (Röm 5,8) oder „er [wurde] ein Fluch … um unsertwillen“ (Gal 3,13) – die Bedeutung ist dieselbe: Durch seinen Tod hat er stellvertretend unsere Sündenschuld beglichen, wodurch wir gerettet sind. Würden wir sagen, dass Christus „für“ einige, die verloren gehen, gestorben ist, würden wir seinem Tod eine ganz andere Bedeutung zumessen: Er wäre dann keine tatsächliche Stellvertretung mehr, bei der Christus die Sünde anstelle des Sünders trägt. In diesem Sinne bestätigen alle Verse in der Heiligen Schrift, in denen die stellvertretende Sühne bejaht wird, gleichzeitig auch die besondere Erlösung. Das Wesen der Sühne bestimmt ihr Ausmaß. John Owen wurde berühmt für seine Formulierung dieses Dilemmas:
- Entweder starb Christus für alle Sünden aller Menschen – dann sind alle gerettet,
- oder er starb für einige der Sünden aller Menschen – dann kann niemand jemals gerettet werden,
- oder er starb für alle Sünden einiger Menschen – dann sind diese gerettet.
Genauso argumentiert auch Paulus in Römer 8,32: Alle, für die Christus gestorben ist, empfangen auch alle damit verbundenen Segnungen. Ähnlich in Römer 8,34: Niemand, für den Christus gestorben ist, kann verdammt werden. Gerade weil er für sie gestorben ist, müssen sie gerettet werden.
Die Wirksamkeit des Sühneopfers
Das Neue Testament beschreibt Jesu Tod wiederholt mit Formulierungen, die auf die Wirksamkeit hindeuten. Das heißt, sein Tod hat die Erlösung tatsächlich bewirkt. Die sich daraus zwangsläufig ergebende Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Wenn Christus durch seinen Tod die Erlösung bewirkt hat (und wenn tatsächlich einige verloren gehen werden), dann hatte sein Tod einen bestimmten Zweck und eine bestimmte Absicht. Einige Beispiele mögen genügen, um dies zu verdeutlichen:
- Matthäus 20,28: Der Sohn des Menschen ist gekommen, um „sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“. Jesus wollte sicherlich nicht, dass wir dies nur als bloße Möglichkeit verstehen. Durch seinen Tod hat er Sünder tatsächlich erlöst, damit sie frei sind.
- Apostelgeschichte 20,28: „Die Gemeinde Gottes …, die er durch sein eigenes Blut erworben hat.“ Auch hier wird bekräftigt, dass durch den Tod Christi ein Volk gerettet wurde.
- Römer 5,9: „Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt worden sind.“ Auch hier steht die Wirksamkeit im Vordergrund: Sein Tod hat unsere Rechtfertigung begründet.
- Römer 8,32: Der Tod Christi hat tatsächlich alle Heilsgüter gesichert.
- Korinther 5,14–15: „Denn die Liebe des Christus drängt uns, da wir von diesem überzeugt sind: Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben; und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, welche leben, nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und auferstanden ist.“ Viele sind davon ausgegangen, dass „alle“ in dieser Aussage auf eine universale Sühne hindeutet. Beachte jedoch den ganzen Text:
- Christus starb für „alle“.
- Diese „alle“ starben mit Christus in seinem Tod.
- Folglich leben diese „alle“ in Christus und für Christus.
Erneut wird die Wirksamkeit (und damit der spezifische Zweck) der Sühne deutlich.
- Hebräer 7,22: „Jesus … der Bürge eines besseren Bundes.“ Ein Bürge oder Garant ist jemand, der an die Stelle eines anderen tritt, dessen Schuld begleicht und ihn so von seiner Verpflichtung befreit.
- Hebräer 9,12: Christus ist „auch nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt.“ Hier ist die Aussage eindeutig: Durch seinen Tod hat Jesus eine ewige Erlösung bewirkt.
Wir müssen nochmals betonen, dass das Wesen der Sühne deren Zweck und Ausmaß bestimmt. Überall im Neuen Testament wird der Tod Christi als tatsächliche Gewissheit der Erlösung beschrieben; er hat daher einen besonderen Fokus und eine besondere Wirkung. Der Glaube an Christus bleibt die Voraussetzung, aber dieser Glaube ist Teil dessen, was durch den Tod Christi für sein Volk gesichert wurde.
Die Einheit der Trinität und der Heilsplan Gottes
Die Bibel beschreibt Gottes Heilsplan durchweg als einen Plan mit einem bestimmten Ziel: die Errettung seines auserwählten Volkes. Römer 8,28–30 veranschaulicht das sehr gut. In der ewigen Vergangenheit hat Gott diejenigen erwählt, die er erretten will, und sie zur Herrlichkeit vorherbestimmt. Im Laufe der Zeit hat er sie berufen, und als sie zum Glauben kamen, hat er sie gerechtfertigt. Genau diese Menschen wird er verherrlichen. Es handelt sich durchweg um dieselbe Gruppe von Menschen.
Jesus sagt in Johannes 6,35–40 und 10,10–28, sowie im gesamten 17. Kapitel ausdrücklich, dass er gekommen ist, um sein auserwähltes Volk zu retten – „seine Schafe“, die der Vater ihm „gegeben“ hat. Tatsächlich wurde die Rettungsmission des Sohnes durch das vorausgehende „Geben“ eines Volkes durch den Vater an den Sohn bestimmt und definiert: Er kam, um sie zu retten und sein Leben für sie zu geben, damit sie kommen, wenn er sie ruft, und sie am Ende mit ihm in der Herrlichkeit sein werden. Während sich Gottes Erlösungsplan entfaltet, ist der Gedanke des Partikularismus ständig präsent.
Das wiederum führt uns zu einem weiteren wichtigen Gedanken. Im Heilsplan erwählte sich Gott der Vater ein Volk, das er erlösen wollte, und übergab dieses Volk seinem Sohn, damit dieser es durch seinen Tod rette. Im Gegenzug schenkt der Heilige Geist diesem Volk den Glauben und verbindet es auf heilbringende Weise mit Christus. Zu behaupten, Christus sei ausnahmslos für alle Menschen gestorben, würde jedoch eine Uneinigkeit innerhalb der Trinität bedeuten. Der Sohn würde etwas anderes anstreben als das, was der Vater und der Heilige Geist im selben Heilsplan zu vollbringen beabsichtigen. Wie wir gesehen haben, bekräftigt Jesus jedoch ausdrücklich, dass er gekommen ist, um genau jene Menschen zu retten, die der Vater ihm gegeben hat (vgl. Joh 6,38–39) und für die er sein Leben hingegeben hat (vgl. Joh 10,11; 17,19). Der Partikularismus zieht sich wie ein roter Faden durch den Text.
Die „universalen“ Aussagen
Wir finden mehrere Aussagen, die den Tod Christi in „universalen“ Begriffen beschreiben. Wir müssen uns bemühen, sie richtig zu verstehen. Aus Platzgründen werden hier nur einige Beispiele angeführt.
Johannes 1,29
Der Ausruf von Johannes dem Täufer: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ deutet entweder darauf hin, dass 1) alle gerettet werden, weil die Sünde aller Menschen gesühnt wurde, oder 2) „Welt“ hier umfassend, aber nicht im Sinne einer ausnahmslosen Einbeziehung aller Menschen zu verstehen ist. Die zweite Möglichkeit scheint recht naheliegend zu sein. Tatsächlich hat der Tod Jesu nicht die Sünden jedes einzelnen Menschen gesühnt, denn aus anderen Bibelstellen wissen wir, dass viele wegen ihrer Sünden verlorengehen. Offensichtlich betont Johannes, dass Jesus der Retter der Welt ist (nicht nur Israels).
Johannes 3,16–17
In diesen bekannten Versen bekräftigt Johannes, dass „Gott die Welt [so sehr] geliebt [hat], dass er seinen eingeborenen Sohn“ gesandt hat, um sie zu retten. Es ist offensichtlich, dass „Welt“ hier nicht bedeutet, dass jeder einzelne Mensch gerettet wird, sondern dass die Welt durch das Erlösungswerk Christi zurückgewonnen wird. So bezeugt es auch Offenbarung 5,9: Menschen aus jedem Stamm und jeder Nation unter dem Himmel werden gerettet. Das ist biblischer Universalismus.
Johannes 12,32–33
„Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“ Jesus sagte dies, um zu zeigen, durch welchen Tod er sterben würde.
Er bezieht sich hier direkt auf sein Werk am Kreuz, das dazu führen wird, dass „alle“ zu ihm gezogen werden. Was meint er damit? Er kann sicherlich nicht meinen, dass jeder einzelne Mensch, der je gelebt hat, zu ihm gezogen wird, denn das ist nicht der Fall. Der Kontext gibt Aufschluss darüber, was es meint. Ab Vers 20 wird uns berichtet, dass einige Heiden gekommen waren und Jesus sehen wollten. Weil Philippus nicht wusste, wie er reagieren sollte, fragte er Jesus, und als direkte Antwort auf seine Frage sagte dieser, dass er durch seinen Tod „alle“ zu sich ziehen werde. Das heißt, sein Erlösungswerk wird nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden zugutekommen (vgl. Joh 10,16; Offb 5,9).
1. Johannes 2,1–2
„Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt! Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten; und er ist das Sühneopfer für unsere Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“
Viele haben diesen Vers als Bestätigung der universalen Sühne verstanden, doch das ist im Hinblick auf den Begriff „Versöhnung“ problematisch. Unter Versöhnung verstehen wir das Werk Christi, durch das er in seinem Tod die Forderungen von Gottes Gerechtigkeit erfüllt und Gottes Zorn gegen uns abgewendet hat. Wenn Johannes mit „der ganzen Welt“ jeden Menschen ohne Ausnahme meint, dann müssten wir zu dem Schluss kommen, dass tatsächlich alle Menschen gerettet werden, denn genau das bedeutet Versöhnung. Das wollte Johannes sicher nicht sagen, denn es gibt einfach zu viele Hinweise im Neuen Testament, dass viele verlorengehen. Viele argumentieren, dass der Vers darauf hinweise, dass Gott durch Christi Werk die Erlösung allen zugänglich mache und Christus das Sühneopfer für jeden Sünder „sein könne“. Aber auch das hat Johannes nicht gemeint. Er sagt nicht, dass Christus das Sühneopfer „sein kann“, sondern dass er das Sühneopfer für unsere Sünden „ist“. Nach wie vor vertreten viele die Auffassung, dass Christus für jeden Menschen Sühne geleistet habe, die erlangte Erlösung jedoch ohne unseren Glauben nicht wirksam werde. Hier stellt sich die Frage: In welchem Sinne ist Christus das Sühneopfer für diejenigen, die verlorengehen? Ferner vermittelt Johannes sündigen Christen Gewissheit – eine Gewissheit, die in der vollbrachten Erlösung gründet: „Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten; und er ist das Sühneopfer für unsere Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“
Es scheint, dass der Ausdruck „der ganzen Welt“ in einem anderen Sinne als „jeder Mensch ohne Ausnahme“ verstanden werden muss – und dass das Erlösungswerk Christi weltweite Erlösung bewirkt hat, wie auch die vorangegangenen Passagen zeigen.
Fazit
Die Bibel lehrt eindeutig, dass Jesus durch seinen Tod an unserer Stelle die Strafe für unsere Sünden auf sich nahm, wodurch er Gott zufriedenstellte, seinen Zorn besänftigte und so die Erlösung seines Volkes sicherte. Gott sandte seinen Sohn nicht, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Am Ende wird sein Volk auf der ganzen Welt – aus jedem Stamm und jeder Sprache – bezeugen, dass er dieses großartige Erlösungswerk tatsächlich bewirkt hat.
Weiterführende Lektüre
- Andrew Naselli und Mark Snoeberger (Hrsg.), Perspectives on the Extent of the Atonement: 3 Views, Nashville: B&H Academic, 2015.
- John Murray, Redemption: Accomplished & Applied, Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans Publishing Company, 1955.
- John Owen, Der Tod des Todes im Tod von Christus, Copycat, 2025.
- Lee Gatiss, For Us and for Our Salvation: „Limited Atonement“ in the Bible, Doctrine, History, and Ministry, London: Latimer Trust, 2012.