Was ist echte Buße?
Markus überliefert die ersten Worte, die Jesus in seinem öffentlichen Predigtdienst sprach (Mk 1,15): „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Wenn Jesus schon bei seiner ersten Verkündigung des Evangeliums zur Buße aufruft, wird deutlich: Buße ist ein unverzichtbarer Bestandteil des christlichen Lebens. Wer Jesus treu nachfolgen will, muss die Frage „Was ist Buße?“ beantworten können.
Die Buße zum Leben
Das Bekenntnis von Westminster und die Katechismen fassen die biblische Lehre zu vielen Themen hilfreich zusammen – darunter auch die „Buße zum Leben“, die manchmal als „rettende Buße“ bezeichnet wird. Beide Begriffe unterscheiden wahre, heilsame Buße von einer weltlichen Traurigkeit, die keine echte Buße ist. Paulus spricht von einer gottgewirkten Traurigkeit, die zur Rettung führt und nicht bereut werden muss, und warnt zugleich vor einer weltlichen Traurigkeit, die den Tod hervorbringt (vgl. 2Kor 7,10–11). Im Kern geht es um den Unterschied zwischen der Trauer darüber, dass unsere Sünde Gott beleidigt und anderen geschadet hat, und der Trauer über die Folgen, die unsere Sünde für uns selbst hat. Eine Buße, die nicht zum Heil führt, besteht lediglich darin, die schmerzhaften Konsequenzen der eigenen Sünde zu beklagen oder darüber traurig zu sein, dass man ertappt wurde. So verhält sich ein Kind, das mit der Hand in der Keksdose erwischt wird – nicht aber ein Kind, das von sich aus zugibt, gegen die Regeln seiner Eltern verstoßen zu haben. Eine solche Traurigkeit zeigte auch Esau, als er Erstgeburtsrecht und Segen verlor. Es schmerzte ihn nicht, dass er Gottes Gnade für eine Schüssel Linsengericht geringgeachtet hatte, sondern dass ihm das wertvolle Erbe entgangen war (vgl. 1Mose 25,29–34; 1Mose 27,1–41; Hebr 12,16).
Die Kennzeichen echter Buße
Im Unterschied zu dieser weltlichen, nicht rettenden Buße führt die Buße zum Leben dazu, dass wir uns von der Sünde abkehren und durch Christus zu Gott zurückkehren. Das Bekenntnis von Westminster beschreibt die Kennzeichen echter, rettender Buße folgendermaßen:
„Durch die Buße wird ein Sünder dermaßen von Betrübnis und Hass gegen seine Sünden erfüllt, weil er nicht nur die Gefahr, sondern auch die Widerwärtigkeit und Ekelhaftigkeit seiner Sünden, erkennt und empfindet, da sie dem heiligen Wesen Gottes und dem gerechten Gesetz Gottes entgegenstehen, und weil Gottes Barmherzigkeit in Christus von den Bußfertigen ergriffen wird, dass er sich von allen seinen Sünden weg zu Gott bekehrt, indem er sich vornimmt und sich bemüht, vor Gott auf allen Wegen seiner Gebote zu wandeln.“ (15.2)
Wahre Buße erkennt nicht nur, dass Sünde für uns gefährlich ist, sondern dass sie unrein und abstoßend ist, weil jede Übertretung ein Verstoß gegen das gerechte Gesetz Gottes und eine schwerwiegende Beleidigung gegen sein vollkommen heiliges Wesen ist. Das zeigt sich in Psalm 51,6: David bekennt, dass seine Sünde gegenüber Batseba und Uria „allein“ eine Sünde gegen Gott war. Das ist eine bewusste Übertreibung. Der Mord an Uria war selbstverständlich auch eine Sünde gegen Uria selbst. David will aber deutlich machen, dass jede Sünde zuerst und vor allem gegen Gott gerichtet ist. Weil Gott der heilige Schöpfer und Gesetzgeber ist und wir nach seinem Bild geschaffen wurden, ist jede Sünde zunächst eine Sünde gegen ihn, bevor sie eine Sünde gegen andere Menschen ist. Wenn wir gegen andere sündigen, sündigen wir gegen Gottes Ebenbild; damit zielen wir – im übertragenen Sinn – auf Gott selbst. Alle Sünden sind „kosmischer Hochverrat“, wie R. C. Sproul oft sagte. Sie sind der Versuch, Gott und seine Gebote durch uns selbst und unsere eigenen Maßstäbe zu verdrängen.
Buße zum Leben erkennt nicht nur, dass unsere Sünden in erster Linie gegen Gott gerichtet sind, sondern sie ergreift auch Gottes Barmherzigkeit in Christus, sodass der Sünder dazu bewegt wird, sich dem Herrn zuzuwenden, seine Sünde zu bekennen und um Vergebung zu bitten (vgl. BW 15.2). Das sehen wir auch in Psalm 51, wo David seine Sünde bekennt und um Gottes Erbarmen bittet. Ein weiteres Beispiel bietet der Unterschied zwischen Judas Iskariot und dem Apostel Petrus. Beide versündigten sich schwer: Judas lieferte Jesus den Behörden aus (vgl. Mt 26,14–16), und Petrus verleugnete seinen Herrn (vgl. Mt 26,69–74). Beide empfanden Schmerz über ihre Sünde (vgl. Mt 26,75; 27,3–4). Aber Judas’ Trauer mündete in den Selbstmord (vgl. Mt 27,5–10), während Petrus wiederhergestellt und in den Dienst berufen wurde (vgl. Joh 21,15–19). Worin lag der Unterschied? Trotz seiner Sünde suchte Petrus die Nähe zu Jesus. Er lief zum leeren Grab und begegnete seinem Herrn später am Ufer des Sees (vgl. Joh 20,1–10; 21,1–14). Petrus wandte sich an Jesus, weil er wusste, dass er dem Bußfertigen barmherzig ist; Judas dagegen floh vor Jesus und ging in den Tod, weil er der Barmherzigkeit des Retters nicht vertraute.
Schließlich führt die Buße zum Leben dazu, dass der Sünder seine Sünden so sehr beklagt und verabscheut, dass er sich von ihnen abwendet und mit neuem Entschluss danach strebt, Gott gehorsam zu sein (vgl. BW 15.2). Buße heißt also nicht einfach, die Sünde zu bedauern und sein Leben anschließend unverändert weiterzuleben. Vielmehr sollen wir die Werke der Finsternis ablegen und Christus anziehen (vgl. Röm 13,11–14). Wir sollen daran denken, dass wir in Christus neue Schöpfungen sind, und deshalb auch als solche leben. Diese Abkehr von der Sünde geschieht entscheidend in unserer Bekehrung, setzt sich aber dann jeden Tag bis an unser Lebensende fort. „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“ (1Joh 1,8–9).
Die Pflicht und das Vorrecht der Buße
All dies bedeutet nicht, dass wir nicht wirklich Buße getan hätten, wenn wir dieselbe Sünde mehr als einmal begehen. Es bedeutet jedoch, dass wir die Echtheit unserer Buße infrage stellen sollten, wenn wir unsere Sünde lieben und keinerlei Anstrengung unternehmen, uns von ihr abzuwenden. Für alle, die Christus kennen, ist die Buße zum Leben sowohl eine Pflicht als auch ein Vorrecht, das uns ermöglicht, in ungetrübter Gemeinschaft mit unserem Retter zu bleiben. Darum lasst uns die Sünde hassen, um Vergebung bitten, den Weg Christi lernen und danach streben, Gottes Gesetz zu erfüllen, statt es zu übertreten.