Bibel und Theologie

Die vergebliche Suche der Moderne nach einem guten Leben

Artikel von James Eglinton
27. Juli 2026 — 17 Min Lesedauer

Im vergangenen Jahr wurde ich im Rahmen des Projekts Forming a Christian Mind von einer Gruppe Studenten der Universität Cambridge eingeladen, mit ihnen einige drängende Fragen zu klären. Erstens: Was bedeutet es, ein „gutes Leben“ zu führen? Zweitens: Würden Christen in der heutigen westlichen Welt diese Frage anders beantworten als ihre säkularen Nachbarn?

Zu diesem Thema gibt es kaum ein Buch, das so aufschlussreich ist wie Charles Taylors umfangreiches und brillantes Werk Quellen des Selbst: Die Entstehung der neuzeitlichen Identität.

Es stellt sich natürlich die Frage, warum man zur Beantwortung der genannten Fragen ein so komplexes Buch über moderne Identitätsbildung zurateziehen sollte. Taylor argumentiert, dass wir das „gute Leben“ erst dann begreifen können, wenn wir verstanden haben, wie unsere Identität überhaupt entsteht. Worauf meine Identität gründet, bestimmt letztlich auch, ob ich mein Leben als „gut“ empfinde.

Das Buch Quellen des Selbst beginnt mit einer provokanten Behauptung. Im modernen Westen beschreiben wir unsere Kernidentitäten trotz aller Fokussierung auf unser komplexes Innenleben anhand erstaunlich einfacher Begriffe. Wir betrachten und präsentieren uns – und andere – auf eindimensionale Weise. Wenn wir fragen „Wer sind wir?“, reduzieren wir alles auf ein einziges Etikett und schreiben ihm eine tragende Rolle bei unserer Identitätsbildung zu. Für die einen ist dieses Etikett die Nationalität, für andere der Beruf, die Geschlechtsidentität, die sexuelle Orientierung, die soziale Klasse oder eine gesellschaftliche Rolle. In den sozialen Medien wird dieser Reduktionismus besonders deutlich: Wer sich auf einer Plattform wie X registriert, muss als Erstes in seiner Bio schreiben, wer er ist – und das in maximal 160 Zeichen.

Eine der Leitideen in Quellen des Selbst ist jedoch, dass unsere Identität weitaus komplexer ist, als unsere reduktionistischen Tendenzen vermuten lassen. Die menschliche Identität ist alles andere als geradlinig. Um dies zu verdeutlichen, knüpft Taylor Verbindungen über weite Zeiträume hinweg – von Homer bis Platon, von Augustinus bis Calvin, von Descartes über Herder bis Kant und schließlich bis zu uns. Auf diese Weise entwirft er ein Bild der modernen westlichen Identität. Wenn man für diese generische westliche Person eine X-Bio schreiben müsste, würde sie in etwa so lauten: #UniverselleGerechtigkeit #GutesTunInDerWelt #Gleichheit #Freiheit #LeidenVermeidenWollen.

Diese Werte sind insofern typisch westlich, als dass sie nicht von allen Kulturen zu allen Zeiten geteilt wurden. Die alten Spartaner sahen im Leiden etwas Charakterbildendes und im Schmerz ein nützliches Werkzeug. Die konfuzianische Kultur bejaht Hierarchien – statt Gleichheit – als natürlich und notwendig. In ihrer vorchristlichen Vergangenheit war der nordischen Kultur ein würdevoller Tod wichtiger als ein moralisches Leben. Und die heidnische römische Kultur betrachtete eine Sklavenklasse als notwendig, um das Aufblühen ihrer freien Bürger überhaupt erst zu ermöglichen.

Im Gegensatz dazu empfindet die moderne westliche Identität die Werte dieser alten Kulturen als völlig fremd und rückschrittlich. Allerdings ist unsere eigene Identität laut Taylor keineswegs einheitlich. Vielmehr unterscheidet sich die Art und Weise, wie wir unsere Intuitionen in Bezug auf Gerechtigkeit, Gleichheit, Nächstenliebe, Freiheit und Leiden begründen, von Mensch zu Mensch drastisch. Das liegt daran, dass wir keinen homogenen moralischen Orientierungsrahmen mehr teilen.

Wie also würden zwei Menschen, die in der westlichen Kultur aufgewachsen sind – der eine christlich, der andere säkular –, die Frage „Was ist ein ‚gutes Leben‘?“ beantworten? Quellen des Selbst kommt zu einer beachtlichen Erkenntnis: In beiden Fällen, so Taylor, sei das Konzept eines „guten Lebens“ von den Vorstellungen von Rechtfertigung und Heiligung bestimmt. Ich möchte mich im Folgenden darauf konzentrieren, wie genau diese Konzepte Christen eine einzigartige Perspektive auf die moderne Identitätsbildung eröffnen.

Was bedeuten Rechtfertigung und Heiligung?

Rechtfertigung und Heiligung sind natürlich zutiefst christliche Begriffe. Und doch, so argumentiert Taylor, prägen sie ebenso das Leben unserer säkularen Mitmenschen. Inwiefern?

In der Reformierten Theologie wird die Rechtfertigung in einem forensischen, also juristischen Sinne verstanden. Wir werden allein durch den Glauben und allein in Christus gerechtfertigt. Gott prüft unser Leben und spricht uns von aller Sünde frei. Oder wie es der Heidelberger Katechismus ausdrückt: Es ist so, „als hätte ich nie eine Sünde begangen noch gehabt“.

Wenn Gott dich rechtfertigt, erklärt er damit, dass dein Leben in seinen Augen vollkommen dem guten Leben und tatsächlich dem vollkommenen Leben entspricht. Das ist nur möglich, weil dir das fehlerfreie Leben Jesu zugerechnet, auf dich übertragen und als dein eigenes angesehen wird. Gott sagt, dass dein Leben auf der objektiv höchsten Vision des Guten gründet.

Angesichts unserer realen Lebenserfahrung bringt die Rechtfertigung jedoch eine gewisse Paradoxie mit sich. Sie beschreibt zwar unseren tatsächlichen Status in Gottes Augen, doch wir besitzen diesen Status durch Zurechnung: Er wird unserem Leben allein aufgrund der Verdienste Jesu zugeschrieben. Für den gerechtfertigten Menschen stellt sich daher die Frage: Was bedeutet das Leben Christi für mein jetziges Leben?

Hier kommt die Heiligung ins Spiel. Unser Leben muss in Einklang mit dem Leben Christi gebracht werden. Der rechtfertigende Glaube muss transformativ sein. Stück für Stück verändert er uns. Biblisch ausgedrückt: Glaube ohne Werke ist tot (vgl. Jak 2,17).

In der Reformierten Theologie unterscheiden wir zwischen einerseits objektiver, deklarativer und andererseits subjektiver, fortschreitender Heiligung. Die Heiligung ist in dem Sinne objektiv und deklarativ, dass Gott dein Leben – wenn du in Christus bist – für heilig und zu einem ganz bestimmten Zweck ausgesondert erklärt: zur Christusähnlichkeit.

Heiligung ist jedoch auch subjektiv und fortschreitend in dem Sinne, dass dein unvollkommenes Leben vollkommen werden muss; dein zerbrochenes Leben muss geheilt werden. Unser Fortschritt in der Heiligung wird durch die Erneuerung des Willens in der Wiedergeburt bewirkt, indem der Heilige Geist von innen heraus in uns wirkt.

Heiligung beginnt nicht von außen durch ein rein äußerliches Verhalten – als ob man nur genug tun müsste, um auch das innere Leben zu verändern. Vielmehr beginnt sie mit dem erneuernden Wirken des Geistes auf der Ebene des Verlangens (das zu einem Verlangen nach Gott wird). Diese innere Veränderung beginnt dann, sich auf das gesamte Leben auszuwirken.

Dadurch tun wir unsere guten Werke aus einer neuen Motivation heraus: Dankbarkeit. Wir könnten sagen, dass die fortschreitende Heiligung der sichtbare Ausdruck unserer Dankbarkeit ist. Sie geschieht in der Kraft dessen, was Gott in Christus durch seine Gnade für uns getan hat. Heiligung ist alles andere als einfach: Das Neue Testament beschreibt sie als „Abtötung der Sünde“ – das Sterben unserer alten Natur. Unsere Heiligung bleibt unvollkommen, bis sie im Tod vollendet wird (siehe Kleiner Westminster Katechismus, Frage und Antwort 37).

Wenn du Christ bist, schenkt dir dieses Verständnis von Rechtfertigung und Heiligung eine neue Lebensweise. Erstens richtest du dein Leben auf das höchste Gut aus. Zweitens fragst du dich: Spiegelt meine Lebensweise tatsächlich dieses höchste Gut wider? Drittens bietet es dir einen Weg, mit deinem Versagen bei dem Versuch umzugehen, dieses höchste Gut widerzuspiegeln.

Wenn ich erkenne, dass meine Heiligung unvollkommen ist, kehre ich zu meiner Rechtfertigung zurück, um Trost zu finden. Meine Heiligung geschieht aus Dankbarkeit für die Vergebung und ist keine Leistung, von der ich hoffe, dass sie zu meiner Vergebung beiträgt. Aus Gottes Gnade werde ich, so lehrt uns das Evangelium, als gerechtfertigter Sünder eines Tages Gott sehen und ihm gleich sein.

Warum ein moralischer Orientierungsrahmen unausweichlich ist

Wenn du an Christus glaubst, sind dir die Begriffe Rechtfertigung und Heiligung vertraut – es ist fließendes „christliches Fachchinesisch“. Aber vielleicht hast du das Gefühl, dass sich diese Konzepte grundlegend von den Überzeugungen deiner säkularisierten westlichen Freunde unterscheiden. Hier hilft uns Taylor weiter.

Eine der wichtigsten Aussagen in Quellen des Selbst ist, dass alle Menschen innerhalb moralischer Orientierungsrahmen leben. Diese Orientierungsrahmen sind unausweichlich und vielfältig; niemand ist ein unbeschriebenes Blatt. Während wir dazu neigen, uns selbst eindimensional darzustellen, sagt Taylor, dass unsere normale Art, die Identitätsfrage – „Wer bin ich?“ – zu beantworten, eigentlich narrativ ist.

Wir beantworten diese Frage, indem wir versuchen, unser höchstes Gut (im objektiven Sinne) zu ermitteln und festzustellen, ob wir im Einklang mit ihm leben (im subjektiven Sinne). Die Geschichte darüber, ob und wie uns das gelingt, wird zur Erzählung unseres Lebens.

Taylor nennt dies eine „Ja/Nein-Frage“ über die Richtung unseres Lebens – hin zum Guten oder von ihm weg. Um die Frage „Wer bin ich?“ zu beantworten, muss ein moderner Mensch ein höchstes Gut bestimmen und herausfinden, ob sein Leben darauf ausgerichtet ist oder nicht. Taylor schreibt:

„Der Puritaner fragt sich, ob er erlöst ist. Ist er gerufen worden oder nicht? Wenn ja, so ist er „gerechtfertigt“. Aber auch als Gerechtfertigter ist er womöglich weit davon entfernt, ein „Geheiligter“ zu sein. Denn die Heiligung ist ein stetiger Prozeß; sie ist eine Straße, auf der man mehr oder weniger weit vorangekommen sein kann.“[1]

Dies ist der entscheidende Punkt. Taylor fährt fort:

„Diese Anschauung ist, wie ich behaupten möchte, keine Besonderheit des puritanischen Christentums, sondern alle Rahmen gestatten eine derart absolute Frage, ja sie stellen uns vor eine solche Frage, indem sie den Kontext strukturieren, in dem wir unsere relativen Fragen nach Nähe oder Entfernung vom Guten aufwerfen.“[2]

Im heutigen westlichen Selbstverständnis geht es ungemein um Fragen der Rechtfertigung und Heiligung: Was ist das höchste Gut, mit dem ich mich identifiziere (was ist meine Rechtfertigung?), und lebe ich tatsächlich so, dass ich diesem höchsten Gut gerecht werde (bin ich geheiligt?)?

Säkulare Derivate der Rechtfertigung und Heiligung

Wenn wir das moderne Leben durch diese Brille betrachten, sehen wir überall das, was Taylor als „säkulare Derivate des Christentums“ bezeichnet. Um sie zu erkennen, brauchen wir jedoch einen geschärften Blick für ihre Vielfalt. Betrachten wir einige moralische Rahmenbedingungen, die in unserer Kultur vorherrschen.

Taylor beschreibt Menschen, deren Weltanschauung die Geschichte in eine starre, polarisierende Antithese unterteilt. Das grundlegende Merkmal ihrer Identität entspringt der Frage: Auf welcher Seite stehe ich – auf der Seite der Unterdrückten oder der Unterdrücker? Innerhalb dieses Rahmens fühlst du dich nur gerechtfertigt, wenn du dich der richtigen Sache verschrieben hast – dem Guten und nicht dem Bösen.

Die Frage der Rechtfertigung ist so vereinnahmend, dass die persönliche Heiligung oft zu einer Nebensache wird. Taylor schreibt: „Von ihnen wird mit Nachdruck die Frage gestellt: Auf welcher Seite stehst du? Und diese Frage lässt nur zwei Antworten zu, einerlei, wie nahe man an den Sieg der guten Sache herangekommen oder wie weit man davon entfernt sein mag.“[3]

In diesem Sinne beschreibt Taylor einige moderne westliche Menschen, die eine absolutistische Gut-gegen-Böse-Weltsicht vertreten und selbst (natürlich!) eher zu den Guten als zu den Bösen gehören, weil sie sich auf die Seite der Guten stellen. Das Ergebnis ist eine Person, die eine extrem starke Selbstidentifikation mit der guten Sache besitzt, während sie möglicherweise ein schrecklicher Mensch ist. Ihr Bedürfnis nach persönlicher Heiligung ist durch das Gefühl, bereits auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, völlig verkümmert.

Wir können dies als eine säkularisierte Version der christlichen Häresie des Antinomismus beschreiben – der Vorstellung, dass ich nicht mehr geheiligt werden muss, weil ich ja bereits gerechtfertigt bin.

Taylor gibt ein weiteres Beispiel: Stell dir einen rationalistischen Menschen vor, dessen höchstes Gut darin besteht, dem eigenen Selbst distanziert und objektiv zu begegnen. Dies ist eine Form der Rechtfertigung, die in nüchterner Rationalität, Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle verortet wird.

Für dieses Individuum bedeutet Heiligung, Fragen wie diese zu beantworten: Bin ich rational genug? Habe ich meine Emotionen unter Kontrolle? Ist es mir in den Situationen A, B und C gelungen, objektiv genug auf mich selbst zu blicken? Und wie gehe ich mit all den irrationalen Idioten da draußen um, die meine Heiligung behindern?

Bei dieser Art von Philosophie geht es um eine langsame, fortschreitende Heiligung. Die Werkzeuge für den angestrebten Wandel sind schonungslose Selbstreflexion und die Couch eines Psychoanalytikers.

Für einen anderen Menschen mag das höchste Ideal darin bestehen, für die eigene Familie zu sorgen. Seine Rechtfertigung, sein höchstes Gut, ist das Familienleben. In diesem Fall wird die Heiligung anhand folgender Fragen festgemacht: Verbringe ich zu viel Zeit im Büro (obwohl ich durch meine Anwesenheit im Büro meine Kinder ernähre)? Wie ist es um meine Work-Life-Balance bestellt? Bin ich ein guter Vater? Verderbe ich meine Kinder? Bin ich ein guter Ehemann?

Obwohl es noch unzählige weitere Beispiele gäbe, betrachten wir abschließend die Künstlerin. Ihr höchstes Ideal ist das Kunstschaffen an sich. Ihre Heiligung hängt von der Beantwortung folgender Fragen ab: Wann werde ich meine künstlerische Offenbarung erleben? Was, wenn ich niemals ein großes Kunstwerk hervorbringe? Was ist mit all den Barrieren in der Kunstwelt für Menschen meiner sozialen Schicht, meines Geschlechts und meiner ethnischen Identität – jenen Hindernissen, die meiner Heiligung im Weg stehen?

Sein und Werden

Taylor argumentiert, dass die menschliche Identität sowohl eine Frage des Seins als auch des Werdens ist. Ich bin, aber ich werde auch. Moderne westliche Menschen betrachten die Kategorie „Ich bin“ als eine Art Rechtfertigung (die Ausrichtung auf ein höchstes Gut) und die Kategorie „Ich werde“ als eine Art Heiligung (die Prüfung, ob ihr Handeln mit ihren Idealen übereinstimmt).

Zudem arbeitet Taylor heraus, dass wir unser Leben nach vorn projizieren. Beispielsweise fragen wir uns: Werde ich in zehn Jahren meinem höchsten Gut nähergekommen sein? In diesem Sinne, so Taylor, wird unser Leben zu einem moralischen Raum, zu einer Sinnsuche, zu einer Geschichte des Fortschritts oder Rückschritts, die es zu verfolgen und zu messen gilt und für die wir vor uns selbst Rechenschaft ablegen müssen. Passt das Voranschreiten meiner Heiligung zu meiner Rechtfertigung?

David Zahls Buch Seculosity ist ein faszinierendes Beispiel dafür. Zahl prägte den Begriff „Säkulosität“ (seculosity), um auszudrücken, dass die Säkularisierung uns nicht von der Religiosität befreit. Vielmehr überträgt sich die Religiosität auf das säkulare Leben und verringert die Last des eigenen Selbst keineswegs. Zahl argumentiert, das höchste Ideal der säkularen Kultur sei das „Genug-Sein“ (enoughness). Wir haben das tiefe Bedürfnis zu wissen, dass wir durch unsere Leistung – in der Karriere, in Beziehungen, bei der Kindererziehung, im Umgang mit Technologie, bei der Ernährung oder in der Politik – „genug“ sind.

Während dieses „Genug-Sein“ die Rechtfertigung darstellt, bringt die Last der Suche nach Heiligung (die eigene Leistung) diese Rechtfertigung oft zum Einsturz. Am Ende sind wir gelähmt von Angst (Bin ich genug?), von Scham (Hochstapler-Syndrom) und von Schuldgefühlen (Habe ich genug getan?). Genau das ist der innere Kampf von Ken in Greta Gerwigs Film Barbie – er sehnt sich danach, zu wissen, ob er „kenug“ (kenough) ist.

Wenn der Aktivist auf der „richtigen Seite der Geschichte“ eine säkulare Version des Antinomismus darstellt, dann repräsentiert der von Versagensängsten geplagte Leistungsträger auf der Suche nach dem „Genug-Sein“ eine säkulare Version der Gesetzlichkeit – Gesetz ohne Evangelium, Gehorsam ohne Gnade. In dieser säkularen Kultur stürzen wir uns voller Elan in die Heiligung, in der Hoffnung, irgendwann endlich die Gewissheit zu erlangen, dass wir gerechtfertigt sind.

Das säkulare Selbst übertrumpfen

Taylor zeigt uns, dass wir es letztlich mit ausgehöhlten Versionen der christlichen Vorstellungen von Rechtfertigung und Heiligung zu tun haben. Das sind keine lebensfremden Konzepte; sie bilden vielmehr die Blaupause für etwas, woran das moderne westliche Selbstverständnis auf vielfältige Weise festhält.

Kürzlich hörte ich ein Podcast-Interview mit einer Coachin, die Autoren dabei hilft, Buchverträge zu bekommen. Der Interviewer fragte sie, was sie Autoren rät, die ständig Ablehnungen erhalten. Die Antwort der Coachin werden viele säkulare Menschen im Westen instinktiv als richtig empfinden: „Es ist wirklich wichtig, sich daran zu erinnern, dass Ihr Wert nicht davon abhängt, ob Ihre schriftstellerische Arbeit Anerkennung findet. Selbst wenn Ihnen alle Verleger sagen, dass Ihre Arbeit nichts taugt – denken Sie daran, dass Sie bedingungslos wertvoll sind. Sagen Sie sich selbst, dass Sie gut sind.“

Wenn man viel Zeit mit westlichen Menschen verbracht hat, wird einem diese Art und Weise, mit dem Empfinden einer gescheiterten Heiligung umzugehen, bekannt vorkommen. Die Logik dahinter ist folgende: Mein tatsächliches Leben stimmt nicht mit meinem höchsten Gut überein … aber das ist in Ordnung. Es spielt keine Rolle, ob mein Leben äußerlich ein Misserfolg ist, denn innerlich bestätige ich mir selbst, dass ich gut bin.

In diesem Fall wird unser Selbst zu einer moralischen Quelle: „Ich warte nur darauf, dass meine künstlerische Offenbarung kommt. Selbst wenn sie ausbleibt und ich mich zwar als Schriftsteller definiere, aber alles, was ich schreibe, abgelehnt wird, halte ich dennoch an meiner Güte und Würde fest. Und eines Tages, wenn der große Durchbruch kommt, werde ich euch allen zeigen, wer ich wirklich bin.“

Für einen Schriftsteller, der um Anerkennung ringt, mag das harmlos klingen. Aber stellen wir uns vor, dasselbe Selbstverständnis würde auf jemanden angewandt, der anderen schreckliches Leid zufügt und dennoch beteuert: „Ich mag diese schreckliche Tat begangen haben, aber ich bin keineswegs ein schlechter Mensch.“

Dies ist eine trügerische Kopie von Rechtfertigung und Heiligung. Sie bedient sich zwar einer forensischen Vorstellung von Rechtfertigung – trotz meines Versagens werde ich für gerecht erklärt –, aber sie ist eine rein selbst ernannte Gerechtigkeit. Diese ist vom eigenen Ich proklamiert, anstatt von Gott zugesprochen zu sein.

Wie sehen die christlichen Vorstellungen von Rechtfertigung und Heiligung im Vergleich zu diesem entleerten Derivat aus? Der entscheidende Unterschied zwischen beiden ist Jesus selbst, dessen Leben das eine in der Realität verankert und die säkulare Version als Mythos entlarvt.

Im säkularen Fall ist das „gerechtfertigte Selbst“ eine reine Abstraktion, der das tatsächliche Leben widerspricht. Es ist jedoch keine Abstraktion, wenn ein Christ sagt: „Mein Leben ist voller Fehler. Ich bin ein Sünder. Aber Gott hat mich für gerecht erklärt.“ Warum? Weil das Evangelium lehrt, dass ich durch ein wirkliches und vollkommenes Leben gerechtfertigt bin – das Leben Jesu. Ich bin nicht gerechtfertigt, weil ich es selbst behaupte. Ich bin gerechtfertigt, weil Gott es gesagt hat – und zwar auf der Grundlage, dass mir ein reales, unübertrefflich besseres Leben zugerechnet wurde.


1 Charles Taylor, Quellen des Selbst: Die Entstehung der neuzeitlichen Identität, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996, S. 91.

2 Taylor, Quellen des Selbst, S. 91

3 Taylor, Quellen des Selbst, S. 91