Jesus ist der wahre Tempel
Was kommt dir in den Sinn, wenn du an den Tempel in der Bibel denkst? Vielleicht stellst du dir ein kunstvoll gestaltetes Zelt in der Wüste vor – mit prächtigen Vorhängen und goldenen Stangen, die einen heiligen Raum umschließen. Oder du hast ein gewaltiges Bauwerk vor Augen: Cherubim bewachen den Eingang zum Allerheiligsten, und in die goldverzierten Wände sind Granatapfelbäume eingraviert. Möglicherweise denkst du auch an den monumentalen herodianischen Tempel, dessen mächtige Steinquader hoch über Jerusalem aufragten und zu den beeindruckendsten Bauwerken der antiken Welt gehörten. All diese Bilder geben unterschiedliche Erscheinungsformen des Tempels in der Bibel zutreffend wieder. Überraschend ist jedoch, dass die Schrift uns lehrt, beim Gedanken an den Tempel zuerst an Jesus zu denken. Alles andere ist ein Schatten, der auf ihn hinweist.
Der erste Tempel, der in der Heiligen Schrift erscheint, ist der Garten Eden. Wie später die Stiftshütte und der Tempel, war auch Eden Gottes heiliger Ort – der Ort, an dem er bei seinem Volk wohnen wollte. Vor dem Sündenfall war Eden genau als ein solches Heiligtum gedacht. Darum wandelte Gott in Eden – so wie er es später in der Stiftshütte tat (vgl. 1Mose 3,8; 3Mose 26,12; 5Mose 23,14; 2Sam 7,6–7). Sowohl Eden als auch die Stiftshütte wurden von Osten her betreten (vgl. 1Mose 3,24; 2Mose 26,18–22), Eden und Salomos Tempel wurden von Cherubim bewacht (vgl. 1Mose 3,24; 2Mose 26,31; 1Kön 6,23–29) und waren mit Bäumen gefüllt (vgl. 1Mose 2,16; 1Kön 6,20–36). Sowohl Adam als auch die Priester hatten den Auftrag, das Heiligtum zu bebauen und zu bewahren (vgl. 1Mose 2,15; 4Mose 3,8; 4Mose 8,26; 4Mose 18,5–6). Eden war ein Tempel.
Durch seinen Ungehorsam verlor Adam jedoch den Zugang zu diesem Heiligtum und wurde aus der Gegenwart Gottes vertrieben. Nachdem Gott sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens erlöst hatte, richtete er erneut einen heiligen Ort auf, an dem sich Sünder ihm durch wiederholte Opfer in Buße und Anbetung nahen konnten (vgl. Hebr 10,1). Gott erklärte ausdrücklich, dass er dort mitten unter seinem Volk wohnen wolle (vgl. 2Mose 29,45–46). Als die Stiftshütte vollendet war, wurde Israel durch die Wolke bewusst, dass jeder, der sich der Gegenwart Gottes näherte, heilig sein musste. Darum konnte niemand eintreten, nicht einmal Mose (vgl. 2Mose 40,35). Später errichtete Salomo einen noch prächtigeren Tempel in Jerusalem. Doch auch dort erfüllte dieselbe Herrlichkeitswolke das Heiligtum, sodass selbst die Priester nicht in die Gegenwart des Heiligen eintreten konnten (vgl. 1Kön 8,10–11).
Nachdem Nebukadnezar Jerusalem erobert und den Tempel zerstört hatte, wurde Israel ins Exil geführt. Jahrzehnte später erlaubte der persische König Kyrus den Juden die Rückkehr in ihr Land und den Wiederaufbau des Tempels (vgl. Esra 1; 2Chr 36,22–23). Als die alten Männer, die den salomonischen Tempel noch gekannt hatten, den Neubau sahen, fingen sie an zu weinen. Sie wussten, dass dieser zweite Tempel niemals die prophetischen Verheißungen erfüllen würde (vgl. Esra 3,12). Die Propheten hatten angekündigt, dass eines Tages Menschen aus allen Nationen nach Jerusalem kommen würden, um den Herrn anzubeten (vgl. Jes 2,1–5). Zugleich erkannten sie, dass dieser zukünftige Tempel den salomonischen weit übertreffen würde; dieser Tempel würde Himmel und Erde erschüttern und Herrlichkeit und Heil für die Völker bringen (vgl. Hag 2,5–9) – genau jenes Geschehen, in dessen Zusammenhang Gott spricht: „Ich bin mit euch“ (Hag 2,4).
Die Hoffnung der alttestamentlichen Gläubigen auf den verheißenen Tempel erfüllte sich im menschgewordenen Sohn Gottes. Jesus von Nazareth kam, um unter uns zu wohnen – wörtlich: um unter uns zu „zelten“ (vgl. Joh 1,14). Er ist die wahre Gegenwart Gottes; „in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kol 2,9–10). Jesus selbst bezeugt dies, als er zu den Juden sprach: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten!“ (Joh 2,19). Seine Zuhörer verstanden diese Worte wörtlich; Jesus jedoch sprach von sich selbst – dem wahren Tempel Gottes (vgl. Joh 2,20–21). Als Priester brachte er sich selbst dar – mit seinem vollkommenen Leben und seinem Sühnetod –, damit Sünder durch sein Opfer Zugang zur Gegenwart des heiligen Gottes erhalten (vgl. Hebr 9,11–14; 10,19–20). Jesus ist zugleich Priester, Opfer und Tempel.
Doch das Neue Testament beschreibt den Tempel auch noch anders. In 1. Korinther 3,16–17 schreibt Paulus:
„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid, und dass der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes verderbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.“
Beachte, dass Paulus hier nicht den einzelnen Christen anspricht, sondern die Gemeinde als Ganzes. Auch die Gemeinde Jesu Christi ist Gottes Tempel. Die Gläubigen werden dem Bild Christi gleichgestaltet (vgl. Röm 8,29), weil sein Geist in uns wohnt. Gottes Gegenwart und Kraft sind in seiner Gemeinde wirksam. Durch den Heiligen Geist befähigt er sie, das Evangelium zu den Völkern zu tragen (vgl. Mt 28,18–20; 2Kor 4,1–6). Als Leib Christi sind wir sein Tempel, weil er uns seinem Bild gleichgestaltet. Die Gemeinde soll die Heiligkeit Gottes sichtbar machen, indem sie Christus in dieser Welt repräsentiert. In Christus sind wir eine Stadt auf einem Berg (vgl. Mt 5,14) und ein Licht für die Völker (vgl. Jes 49,6; Apg 13,47), sodass die Welt durch uns den wahren Tempel sieht.
Die Bibel berichtet von prächtigen Heiligtümern, kostbaren Vorhängen, goldenen Wänden und beeindruckenden Bauwerken. Doch all diese Heiligtümer waren letztlich nur Schatten, die auf die kommende Wirklichkeit hinwiesen (vgl. Hebr 9–10). Wir warten nicht auf einen weiteren Tempel. In Christus ist er bereits gekommen.