Beruf und Berufung – Teil 4
Jeder Prediger kennt die Herausforderung, die sich hinter dieser kurzen Frage verbirgt: „Na und?“ Was bitte hat das, was die Bibel damals den Menschen in Jerusalem, Babylon oder Korinth zu sagen hatte, mit uns in dieser Gemeinde hier und heute zu tun?
In den letzten Artikeln haben wir uns damit befasst, was Berufung überhaupt bedeutet, wie die Bibel über Berufung spricht und welche Berufungen alle Christen haben. Abschließend wollen wir darüber nachdenken, wie die Umsetzung der reformatorischen Berufungslehre bei uns – in der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts – aussehen kann. Diese historische Lehre ist kein Fall für das Museum, gleichzeitig wollen wir unsere modernen, westlichen Voraussetzungen und Erwartungen nicht einfach nur „taufen“, indem wir sie in fromme Worte kleiden.
Die Merkwürdigkeit der Moderne
Wir erleben die Welt heute deutlich anders als frühere Generationen. Damit meine ich nicht nur die Ideen und Ideologien, die derzeit im Westen herrschen, sondern auch unsere konkreten Umstände, die wir sehr leicht als normal voraussetzen. Wer diesen Beitrag liest, ist höchstwahrscheinlich aus historischer und globaler Perspektive ziemlich wohlhabend, hochgebildet und lebt in einem industrialisierten Land. Das heißt, dass du im Vergleich mit den meisten Menschen, die jemals gelebt haben, sehr wahrscheinlich ein enormes Maß an Wahlfreiheit genießt.
Diese Wahlfreiheit ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Früher konnten sich die allermeisten Menschen ihren Beruf nicht aussuchen. Ihr gesellschaftlicher Stand bestimmte, was sie lernen und arbeiten konnten (oder durften). Wir hingegen gehen davon aus, dass uns zumindest der Versuch offensteht, als Erster aus unserer Familie in einem bestimmten Arbeitsfeld oder Fachbereich Karriere zu machen. Die Möglichkeiten sind gefühlt endlos – und genau darum macht uns die Qual der Wahl zu schaffen, gerade bei Entscheidungen in Bezug auf Bildung und Beruf.
Nicht nur das, wir leben auch ganz allgemein in einer gewissen Distanz zur geschaffenen Ordnung. Die moderne Technik befreit uns von vielen Grenzen: Viele Krankheiten, die früher gefährlich waren, sind nun leicht behandelbar. Wir können an einem einzigen Tag mehrere tausend Kilometer reisen und uns stehen in Sekundenschnelle unfassbar viele Informationen zur Verfügung. Das haben wir zum Großteil unserer modernen Spezialisierung und Optimierung zu verdanken: Sei es Gesundheit oder Familienleben, Produktion oder Dienstleistung, Erholung oder sogar Spiritualität, für alles – so meinen wir – gibt es eine optimale Herangehensweise. Das führt dazu, dass unser Leben in der Regel ziemlich unterteilt ist in verschiedene Bereiche, die meist wenig miteinander zu tun haben, aber allesamt – davon sind wir überzeugt – noch besser geregelt werden könnten.
Vor der Neuzeit war das nicht so, und erst recht nicht zur Zeit der Bibel. Nicht, dass früher alles besser gewesen wäre! In den ersten 1.500 Jahren der Kirchengeschichte lebten Christen aber in einer Welt, die den biblischen Zeiten in mancher Hinsicht viel ähnlicher war als unserer modernen Welt. Ist es für uns überhaupt möglich, die Berufungslehre so anzuwenden wie sie damals?
Berufung in merkwürdigen Zeiten
Ich bin überzeugt, dass es nicht nur möglich ist, sondern äußerst hilfreich, sowohl für Christen als auch für unsere Mitmenschen. Wenn die Bibel Gottes Wort ist, so ist sie dies für das gesamte Zeitalter, bis Jesus wiederkommt. Dieses Bekenntnis bedeutet zum einen, dass ihr Inhalt immer wahr bleibt, ob die Menschen das nun erkennen oder nicht. Zum anderen können wir davon ausgehen, dass sich die menschliche Natur in diesem Zeitraum nicht grundsätzlich verändert hat, und dass dies auch nicht geschehen wird. Nur die Umstände in der Welt verändern sich, und das haben sie bereits im Laufe jener Epoche getan, in der die Bibel geschrieben wurde – einer Zeitspanne von ca. 1.500 Jahren!
Was hat sich an der menschlichen Natur und am Leben der Menschen seit der Zeit der Apostel denn nicht verändert? Zunächst die Tatsache, dass sich jeder von uns in einem Spannungsfeld zwischen festen Gegebenheiten und Entscheidungsmöglichkeiten befindet. Natürlich hat man heute mehr Wahlfreiheit als damals, doch Paulus setzt auch im ersten Korintherbrief bei seinen Lesern beides voraus: Sie hatten jeweils ihren gesellschaftlichen Stand und Hintergrund, der nicht veränderlich war (vgl. 1Kor 1,26). Manche Stände durften auch nicht einfach verändert oder aufgegeben werden, wie die Ehe (vgl. 7,10–11). Gleichzeitig gab es aber verschiedene Möglichkeiten, das eigene Leben konkret zu lenken. Ledige Menschen konnten heiraten oder unverheiratet bleiben (vgl. 7,25–38). Sogar bei den Sklaven ging Paulus davon aus, dass sie unter Umständen die Freiheit erlangen konnten und dass dies so in Ordnung war (vgl. 7,21).
Nicht verändert hat sich auch die menschliche Tendenz, sich zu „Knechten der Menschen“ zu machen (1Kor 7,23) – ob wörtlich oder im übertragenen Sinne. Die Korinther waren offensichtlich sehr versucht, ihren Status vor Gott durch ihre Verbindung zu den richtigen Leuten (vgl. 1,12), ihre Erkenntnisse (vgl. 8,1) bzw. ihren gesellschaftlichen Stand sichern zu wollen. Sind wir wirklich so anders? Die Christen damals standen vor der Herausforderung, wahre Freiheit zu suchen trotz mangelnder Wahlfreiheit; wir heute sind eher herausgefordert, wahre Freiheit trotz übermäßiger Wahlfreiheit zu suchen. Doch die wahre Freiheit ist immer dieselbe.
Wie gehe ich also hier und heute mit der konkreten Frage um, wozu ich da bin? Was soll ich aus meinem Leben machen? Wozu bin ich von Gott berufen? Wir wollen nun nacheinander die beiden Pole des Spannungsfelds betrachten, in dem wir alle leben.
Gegebenheiten
Zunächst: Da, wo es keine Entscheidung (mehr) zu treffen gibt, hast du bereits deine Berufung. Deine Eltern kannst du nicht auswählen, sollst sie aber ehren, wie auch immer das in deiner konkreten Situation aussieht. Bist du verheiratet, hast du Kinder? Hast du eine feste Arbeitsstelle oder einen Arbeitsvertrag? Hast du Nachbarn, hast du einen Vermieter (oder bist du selbst Vermieter)? Bist du Bürger eines Staates oder auch Mitglied in einem Verein? Solche Beziehungen und Verhältnisse hast du vielleicht irgendwann gewählt, aber jetzt sind sie für dich Gegebenheiten. Du bist dadurch verschiedenen Menschen gegenüber verpflichtet, die Bedingungen dieser Beziehungen zu erfüllen. Bei solchen Verpflichtungen geht es um mehr als nur um gesellschaftliche Erwartungen oder Regeln: Sie sind Berufungen von Gott.
Dabei hast du als Christ eine himmlische Berufung, die über all diesen Berufungen steht und sie auch relativiert. Manche Verhältnisse können keine Berufung von Gott sein, weil sie per se falsch und sündhaft sind. Kein Beruf, der prinzipiell gegen Gottes Willen ist (z.B. die Produktion von Pornographie), kann eine irdische Berufung darstellen, selbst wenn er dir helfen könnte, andere irdische Berufungen zu erfüllen (z.B. deine Familie finanziell zu versorgen).
Wir brauchen viel Weisheit, um die relative Priorität unserer legitimen irdischen Berufungen angesichts unserer himmlischen Berufung abzuwägen. Die Corona-Pandemie zeigte dies deutlich: Wenn das biblische Gebot, sich als Gemeinde zu versammeln, um Gott anzubeten, und das Gebot, das Leben unseres Nächsten zu schützen sowie sich der zivilen Obrigkeit unterzuordnen, miteinander in Konflikt geraten, was hat dann Vorrang? Solche Fragen gibt es aber auch in alltäglicherer Form: Was, wenn du für einen wichtigen Dienst in deiner Gemeinde zuständig bist, irgendwann aber merkst, dass dir dadurch immer weniger Zeit für deine Aufgaben zu Hause übrigbleibt? Als allgemeine Prinzipien kann man nennen: Ein Gebot Gottes hat natürlich immer Priorität. Unter deinen Mitmenschen und den Institutionen, an denen du teilhast, hat normalerweise derjenige Vorrang, der dir nähersteht und abhängiger von dir ist. Aber in unzähligen Fällen gibt es keine klare, allgemeingültige Richtlinie.
Das kann entmutigend klingen, aber gerade dann ist die Priorität der himmlischen Berufung eine große Hilfe für uns. Wichtiger als alles andere ist, dass du Christus ähnlicher wirst – und je mehr sein Charakter dich prägt, desto mehr wirst du in der Lage sein, weise mit den Zwickmühlen umzugehen, die dir begegnen. Außerdem darfst du wissen, dass selbst die Fehler, die du in solchen Situationen vielleicht machst, dich nicht von der Liebe Gottes in Christus trennen können. Echte christliche Reife besteht genau in dieser angstfreien Bereitschaft, aus der Erkenntnis Christi heraus verschiedene Güter abzuwägen.
Entscheidungsmöglichkeiten
Offensichtlich stehen wir sogar bei den von uns nicht (mehr) auswählbaren Berufungen immer wieder vor Entscheidungen. Und gerade dadurch, dass wir an Weisheit zunehmen, unsere Grenzen erkennen und in der demütigen Dienstbereitschaft wachsen, werden wir fähiger, auch da unseren Weg zu finden, wo nichts vorgegeben oder vorgeschrieben ist.
Bei vielen christlichen Autoren findet man gute, praktische Ratschläge, die bei der Entscheidung helfen, welchem Beruf bzw. welchen Berufungen man nachgehen sollte. Eine gute, einfache Entscheidungsmatrix besteht aus inneren sowie äußeren Faktoren, einerseits in Form von Antrieben und andererseits in Form von Umständen.
- Eine Vorliebe oder Zuneigung ist ein innerer Antrieb: Was machst du gern? Welche Tätigkeit bereitet dir Freude?
- Eine konkrete Not, ein Bedürfnis oder ein Wunsch von anderen Menschen ist dagegen ein äußerer Antrieb: Was könnte in dieser Situation helfen? Was wünschen sich andere von dir?
- Unsere Fähigkeiten können als innere Umstände verstanden werden: Was kannst du? Worin bist du begabt? Kannst du das gut genug, um dem entsprechenden Bedürfnis gerecht zu werden?
- Und zu guter Letzt spielen auch äußere Umstände eine Rolle: Ist es dir möglich, das zu machen? Ist es aus finanzieller, rechtlicher und zeitlicher Sicht umsetzbar?
Leicht angepasst lassen sich diese Fragen gleichermaßen für Entscheidungen in Bezug auf ein Berufsziel, die Wahl eines Ehepartners oder einen möglichen Dienst in der Gemeinde verwenden.
Dabei kann ein biblisches Prinzip nützlich sein, das hierfür auf den ersten Blick nicht besonders relevant scheint: „Durch zweier und dreier Zeugen Mund soll jede Sache bestätigt werden!“ (2Kor 13,1). Man kann die genannten Entscheidungsfaktoren gewissermaßen als „Zeugen“ betrachten: Dass einer davon auf eine Berufung hindeutet, reicht noch nicht aus, um diese Berufung zu bestätigen. Vielleicht male ich gern, aber wenn ich das nicht gut kann, keine Zeit habe, um mich darin zu üben, und niemand ein Kunstwerk von mir haben möchte, sollte ich nicht davon ausgehen, dass ich dazu berufen bin. Dementsprechend ist es ebenfalls nicht gesund, sich zu einer Aufgabe berufen zu fühlen, nur weil sie von irgendjemandem erledigt werden muss.
Es ist allerdings ziemlich selten der Fall, dass alle vier Faktoren gleichermaßen eindeutig für eine Berufung sprechen. Wenn ich zum Beispiel gern male und das auch tatsächlich gut kann, aber andere sich nicht so sehr für meine Kunstwerke interessieren und ich mir Farbe, Pinsel und Leinwände teils gar nicht leisten kann, dann könnte ich wirklich dazu berufen sein – aber noch nicht jetzt. In einem solchen Fall ist es ratsam, zu warten, um Gelegenheiten zu beten und meine Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Sollten sich die äußeren Faktoren eines Tages ändern, dann bin ich darauf vorbereitet, dieser Berufung ernsthaft nachzugehen.
Umgekehrt können sich auch die inneren Faktoren mit der Zeit ändern. Es kann wirklich ein Anzeichen dafür sein, dass du eine Arbeitsstelle oder einen Dienst aufgeben solltest, wenn du auf Dauer keine Freude mehr daran hast. Vielleicht erlebst du aber auch eine wachsende Freude an etwas, das dich bisher wenig interessiert hat – oder jemand bemerkt an dir eine Begabung, die dir selbst noch nicht bewusst war.
Wozu bin ich da?
Ich möchte diese Reihe abschließen, indem ich noch einmal auf unsere Anfangsfrage zurückkomme: Wozu sind wir Christen da? Oder persönlicher: Wozu bin ich als Christ da?
In erster Linie bist du da, um Gott zu erkennen und Jesus in die ewige Heimat und in die liebende Gemeinschaft mit dem Vater und dem Heiligen Geist nachzufolgen. Das wiederum heißt, dass alles, was Gott mit dir in deinem Leben auf dieser Erde vorhat, diesem Zweck dienen kann und soll. Es ist ein Geschenk Gottes, ebenso wie die Gerechtigkeit, die dir durch den Glauben zugerechnet wird, und die Fähigkeiten, die du durch das Wirken des Heiligen Geistes hast.
Du empfängst dieses Geschenk und machst davon Gebrauch, indem du deine Nächsten liebst und ihnen dienst. Das ist jedoch keine Aufgabe, die du allein bewältigen musst: Zu deinen Nächsten gehören auch Menschen, die wie du eine himmlische Berufung haben. Die Gemeinschaft mit ihnen bietet dir Möglichkeiten, Liebe ganz konkret zu üben, aber sie haben auch den Auftrag, dich zu lieben und in der Nachfolge Christi zu unterstützen – unter anderem, indem sie dir helfen, deine irdischen Berufungen zu erkennen und ihnen treu nachzukommen. Genau das gehört zu ihren irdischen Berufungen, und eben diese Berufung hast auch du für sie. Wir sind nicht allein, auch wenn wir vor schwierigen Fragen und Entscheidungen stehen. Wir sind nicht allein, selbst wenn wir dazu berufen sind, schwere Aufgaben zu übernehmen und schwierige Menschen mit Wort und Tat zu lieben.
Letzten Endes bist du da, damit Gott seine Liebe und Gnade in dir und durch dich verwirklichen kann. Du hast das nicht verdient; Gottes Wirken hängt nicht von deiner Leistung ab. Ob zu Hause, im öffentlichen Leben oder in der Kirche – immer ist es „Gott …, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt nach seinem Wohlgefallen“ (Phil 2,13). Jesus Christus selbst ist die Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung (vgl. 1Kor 1,30), die wir von Gott brauchen, um als von ihm Berufene in dieser Welt Frucht zu bringen und ihm Ehre zu bereiten.