Lieben am Limit
„Leben am Limit – welch passender Titel!“, ging es mir durch den Kopf, als ich das Buch von Nadine Ising, Sonderpädagogin und Mutter zweier neurodivergenter Kinder, in die Hände bekam. Erst im Laufe der Lektüre fiel mir auf, dass ich mich verlesen hatte. Der Buchtitel lautete gar nicht Leben, sondern Lieben am Limit! Dieser war jedoch – wie sich herausstellen sollte – noch passender gewählt.
In ihrem Buch erzählt die Autorin, wie sie ihre beiden Söhne über 25 Jahre hinweg trotz tiefer Krisen, Überforderungssituationen und Erschöpfung begleitete, förderte, unterstützte, liebte – und damit oft selbst ans Limit kam. Offen gewährt sie Einblick in ihr turbulentes Familienleben mit Max und Anton. Beide haben eine besonders ausgeprägte Form von ADHS in Kombination mit einer Impulskontrollstörung einerseits und innerhalb des Autismus-Spektrums andererseits. Sie nimmt uns mit auf die Reise vom Babyalter bis zum Abschluss der Berufsausbildung aus ihrer Sicht als Mutter. „Ehrlich und ungeschönt“ beschreibt sie ihren „Alltag ständiger Entgrenzung“ (S. 13), gespickt mit vielen amüsanten, aber auch erschütternden Anekdoten: Davon, wie ihre Kinder bei einer Gemeindeveranstaltung statt der versteckten Ostereier einen toten Marder anschleppen, bis hin zu Alkoholmissbrauch und Gewaltausbrüchen im Jugendalter. Familienalltag intensiv, laut, wild und immer auffallend anders. Aufgewachsen in einem konservativ-christlich geprägten Umfeld, musste die Autorin manches Ideal von der harmonischen Familie loslassen lernen und wurde schmerzlich mit der Frage konfrontiert: Was trägt, wenn die eigenen Wünsche und Vorstellungen vom Leben platzen? Sie nimmt uns mit hinein in ihre Gedanken- und Gefühlswelt und in ihre inneren Prozesse im Laufe der Jahre. Offen berichtet sie von Zerrissenheit, Einsamkeit, Trauer, Selbstzweifeln und Scham und erzählt ehrlich von Burnouts und Depressionen aufgrund von permanentem Stress und emotionaler Dauerbelastung. Ihre Erzählweise ist sehr persönlich und direkt, aber gleichzeitig hoch einfühlsam und sensibel und trotz allem nicht anklagend und bitter. Das Buch ist keine Abrechnung, sondern eine Hilfestellung.
Fachliches Wissen trifft gelebte Erfahrung
Die chronologische biographische Erzählung wird ergänzt von sogenannten „Wissensfenstern“, in denen die Autorin viele fachlich fundierte Hintergrundinformationen rund um das Thema ADHS und hilfreiche Tipps für Eltern und pädagogische Fachkräfte zusammengestellt hat. Ihre Sicht auf ADHS ist sehr differenziert. Sie vertritt keine einseitige Meinung, gibt keine einfachen Antworten. Es darf komplex bleiben. Jedes Kapitel schließt mit einem Teil zur Reflexion und Praxis für Eltern.
Hier holt sie gezielt betroffene Eltern ab, macht Mut und gibt konkretes Handwerkszeug aus Psychologie und Pädagogik für verschiedenste Situationen an die Hand. Ihr Anliegen ist es, Angehörige aufzubauen: „Du bist nicht allein in deinem Schmerz, deinen Fragen und deiner Wut. Du … brauchst Verständnis, Unterstützung, eine ausgestreckte Hand und Ermutigung“ (S. 12f). Und das ist ihr zutiefst gelungen. Sie schafft es auf emphatische und warmherzige Art, die innere Spannung von Eltern neurodivergenter Kinder in Worte zu fassen und ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ihr wiederholter Rat an betroffene Eltern lautet Selbstfürsorge, denn obgleich das Leben ein Marathon ist, wird in einer ADHS-Familie im Sprinttempo gelaufen. Das kann auf Dauer nur schwer gut gehen.
Außerdem möchte sie pädagogisches Fachpersonal aufklären und für Verständnis werben, damit nicht aus Unwissenheit falsche Schlüsse aus dem Verhalten von ADHS-Kindern gezogen – und ein „Nicht-Können“ mit „Nicht-Wollen“ verwechselt wird. Daher ist das Buch ebenfalls lesenswert für Lehrer und Erzieher, die sich intensiver mit der Thematik auseinandersetzen – und auch einmal in die Elternperspektive schlüpfen möchten.
Was das Buch nicht beantwortet – und was trotzdem trägt
Die Mischung aus „gelebter Erfahrung und fachlicher Praxis“ (S. 12) macht das Buch zu einer sowohl inhaltlich gehaltvollen als auch fesselnden Lektüre aus dem Bereich Ratgeberliteratur. Man befindet sich als Leser im ständigen Wechselbad zwischen Lachen, Weinen, Lernen und Ausgestattetwerden. Als Mutter und Lehrerin habe ich das Buch in wenigen Tagen verschlungen. Allerdings ist zu sagen, dass Nadine keine Ärztin oder Theologin ist. Sie schreibt weder aus medizinischer noch aus theologischer Perspektive. Sie hat nicht den Anspruch, Fragen zu beantworten, die vermutlich so manchem Leser dieses Artikels unter den Fingernägeln brennen: Wie können wir Neurodivergenz geistlich einordnen und mit Betroffenen umgehen? Wie können wir ADHS-Kinder erziehen, ohne ihr Verhalten permanent zu moralisieren, aber trotzdem Fehlverhalten nicht zu bagatellisieren? Biblische Konzepte wie Sünde, das Evangelium oder die gefallene Welt sind nicht Thema des Buches. Sie beschreibt auch nicht in erster Linie ihr Ringen mit Gott, um ihre Situation aus seiner Perspektive sehen und annehmen zu können. Glaube ist nicht ihr Hauptthema, aber trotzdem gewinnt man beim Lesen den Eindruck, dass in all den Schwierigkeiten und Kämpfen etwas gewachsen ist: Substanz. Sie beschreibt ihren Glauben als „Quelle“ (S. 286), „Halt“ (S. 305) und das, was wirklich „trägt“ (S. 285). Dabei hat sie keine übernatürlichen Erfahrungen gemacht. Es gab auch nie eine endgültige Lösung für alle Probleme. Sie bekennt aber, dass wir im Sturm wachsen: „Nicht, weil unsere Umstände leicht wären, sondern weil Gott inmitten des Chaos treu bleibt. Reife im Glauben bedeutet nicht, dass alles glattläuft – sondern dass wir in den Stürmen gehalten sind“ (S. 284).
Eine Anfrage an die Gemeinde
Von ihren Glaubensgeschwistern hätte sich die Autorin mehr Unterstützung und Verständnis erhofft. Ihre Kinder passten nicht ins System und sprengten den Rahmen. Die Reaktionen darauf waren menschlich verständlich, aber dennoch schmerzhaft, denn jeder Mensch trägt in sich den tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit. Ihre Erfahrung sollte uns als Christen herausfordern, wachsam zu bleiben. Ist uns bewusst, dass wir seit dem Sündenfall alle nicht mehr so sind wie ursprünglich gedacht: weder physisch noch psychisch noch moralisch (vgl. dazu: Francis Schaeffer, Geistliches Leben – was ist das?, S. 154)?
Manche Menschen sind in dem einen oder anderen Bereich mehr mitgenommen als andere, aber alle brauchen Erlösung. Leben wir im Bewusstsein, dass wir bei Gott nur deshalb angenommen sind, weil Jesus in seiner Liebe für uns ans Limit – ans Kreuz – gegangen ist? Sind auf dieser Grundlage in unseren Gemeinden Menschen angenommen, bei denen es dauerhaft nicht „läuft“? Oder verkommen unsere Gottesdienste zum Schaulaufen perfekt durchgestylter Vorzeigefamilien, die eine heile Welt vorgaukeln, ihre eigenen kleinen Reiche präsentieren und einander an selbst gewählten Maßstäben messen? Performance-Christentum? Der Auftrag Jesu ist klar: „Tragt einander die Lasten, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 6,2). Manche Lasten – wie im Fall von Nadine – sind für eine einzelne Familie zu schwer. Es braucht Menschen, die sich nicht zurückziehen, wenn es anstrengend wird, sondern sich mit einem realistischen Blick auf das Leben in Menschen in Not investieren, auch wenn sie nicht alles beurteilen und einordnen können. Echte Fürsorge. Das muss nicht spektakulär aussehen. Für eine ausgelaugte Mutter kann ein „Wie ist die Lage bei euch – wirklich?“ oder ein „Wenn dein Kind heute im Gottesdienst nicht mehr stillsitzen kann, geh ich gern mit ihm raus!“ die Welt bedeuten. Ein kurzes Gesehenwerden, etwas Entspannung im Leben unter Dauerstrom. Diese Welt ist nicht, wie sie sein sollte oder wie wir sie gern hätten. Wir sind noch nicht am Ziel, aber Jesus fordert uns auf, miteinander auf dem Weg zu sein und einander die Lasten zu tragen. Das ist Liebe.
Buch
Andrea Specht u. Nadine Ising, Lieben am Limit: Kinder mit ADHS begleiten, fördern und loslassen, Lüdenscheid, Fontis 2026, 272 Seiten, EUR 22,90.