Leben als Christ

Beruf und Berufung – Teil 3

Artikel von Ben Graber
15. Juli 2026 — 12 Min Lesedauer

„Und wer ist mein Nächster?“

Jesus hätte diese Frage als Versuch der Selbstrechtfertigung zurückweisen können, denn das war sie tatsächlich. Stattdessen antwortet er dem Gesetzesgelehrten, der ihn prüfen will, mit dem berühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter (vgl. Lk 10,25–37). Zwar meinte Jesu Gegner die Frage damals nicht wirklich ernst, aber an sich ist das keine schlechte Frage, vor allem wenn wir über unsere Berufungen nachdenken.

Im ersten Beitrag dieser Reihe haben wir gesehen, dass Christen gemäß der reformatorischen Berufungslehre zwei Arten von Berufung haben, nämlich eine himmlische – das ist die Berufung, der wir in unserer Bekehrung folgen – sowie verschiedene irdische Stände, die ebenfalls Berufungen darstellen. Diese irdischen Berufungen sind uns von Gott gegeben, damit wir unseren Nächsten dienen. Demzufolge haben wir so viele Berufungen, wie wir Nächste haben. Im zweiten Beitrag haben wir anhand der biblischen Geschichte untersucht, wozu wir Menschen da sind und was es für unsere Berufungen bedeutet, dass wir von Gott geschaffene, in Sünde gefallene und durch Christus erlöste Wesen sind.

Nun wollen wir anfangen, all das zu konkretisieren. Generell sind Menschen dazu da, um Gottes Schöpfung – inklusive ihrer Mitmenschen – zu fördern und voranzubringen, sodass die Kreaturen immer mehr die Herrlichkeit des Schöpfers widerspiegeln. Aber wozu sind wir als Christen da? Wozu bin ich persönlich da? Gott hat mir eine ganze Reihe von irdischen Berufungen gegeben, um in jeder Sphäre meines Lebens meinen Nächsten zu lieben und ihm zu dienen – aber wer ist denn mein Nächster? Was genau ist Gottes Auftrag für mich?

Die „drei Stände“

Wer ist mein Nächster? Eigentlich jeder, dem ich begegne. Dabei gibt es aber bestimmte Menschen und Einrichtungen, für die wir besondere Verantwortung tragen. Fast jeder Christ gehört drei Ständen an – Institutionen, die Gott selbst gegründet hat, um das menschliche Leben zu ordnen. Im Rahmen dieser Institutionen lernen wir, wie man einer Berufung treu und in richtiger Weise nachkommt, sodass wir in unseren speziellen Berufungen jene Nächstenliebe praktizieren können, die anderen Menschen zum Besten dient und Gott ehrt.

Denk zurück an das Leben der allerersten Menschen, über das uns in 1. Mose 1–2 berichtet wird. Adam und Eva wurden als Mann und Frau geschaffen (vgl. 1Mose 1,27). Das geschah aber nicht in einem Aufwasch und als voneinander unabhängige Wesen. Stattdessen machte Gott die erste Frau aus Adams Leib, sodass Adam sie als „Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch“ erkannte (2,23). Diese Worte sind nicht bloß ein nettes Liebesgedicht, sondern waren später im Hebräischen ein typischer Ausdruck für die Verwandtschaft zwischen Menschen (vgl. Ri 9,2; 2Sam 5,1). Adam und Eva bilden zusammen mehr als eine Arbeitsgemeinschaft: Die ersten Menschen sind zugleich die erste Familie.

Zudem bekommen der erste Mann und die erste Frau eine gemeinsame Aufgabe von Gott: Sie sollen sich die Erde „untertan“ machen und über die ganze Tierwelt „herrschen“ (1Mose 1,28). Das bedeutet göttliche Autorität, die sie in Gottes Auftrag ausüben. Wir sehen dies daran, dass Adam zunächst die Tiere und schließlich auch die erste Frau benennt (vgl. 2,19.23; 3,20) – zuvor war es immer Gott selbst, der seinen Werken Namen gegeben hatte (1,5.8.10). Adam und Eva wurden als König und Königin geschaffen, um die Erde zu regieren – vermutlich hätte ihre Nachkommenschaft über verschiedene Teile der Welt geherrscht, unter Adam und Eva als Großkönigen.

Wie wir im letzten Beitrag gesehen haben, hatten die Menschen außerdem einen besonderen Auftrag im Garten Eden: Sie sollten ihn „bebauen und bewahren“ (2,15). Mit diesen zwei Verben werden in 4. Mose 3,8 die speziellen Aufgaben der Leviten zusammengefasst. Dieser priesterliche Stamm Israels war dafür zuständig, die Ausstattung der Stiftshütte zu „hüten“ (dasselbe Verb wie „bewahren“) und „die Arbeit für die Wohnung [Gottes zu] verrichten“ (dasselbe Verb wie „bebauen“). Adam und Eva waren also Tempeldiener in Gottes Garten-Heiligtum, wo sie in seine besondere Gegenwart treten durften. Selbst nach dem Sündenfall brachten sie ihren Söhnen bei, wie man Gott nahekommen kann und ihm dient (vgl. 1Mose 4,3–4). Die Menschen wurden als eine Versammlung von anbetenden Heiligen geschaffen.

Diese drei Aspekte des gemeinsamen menschlichen Lebens wurden mit der Schöpfung von Gott eingesetzt und im Laufe seines sich entfaltenden Erlösungsplans weiterentwickelt. Martin Luther nannte sie „Haushalt“, „Staat“ und „Kirche“. Es handelt sich um drei Sphären, in denen wir die von Gott übertragene Autorität erfahren und auch ausüben.

Der Haushalt

Eigentlich könnten wir diese Institution auch „Familie“ nennen, aber die moderne westliche Auffassung von „Familie“ ist hier etwas irreführend. Zur Zeit der Reformatoren meinte man damit nicht zwei Erwachsene und ihre 1,8 Kinder, mit denen sie vor allem nach Feierabend und im Urlaub zu tun haben. Ein Ehepaar bildete damals mit seinen nahen Verwandten zwar den Kern der Familie, aber der Haushalt war für die allermeisten Menschen das Zentrum des Arbeits- und Bildungslebens, wobei oft auch weitere, nicht unbedingt mit den Eheleuten verwandte Menschen zum Haushalt gehörten.

Trotz der erheblichen Veränderungen des Familienlebens, die die industrielle Revolution mit sich gebracht hat, bleibt der Haushalt die Institution, die wir als erste und persönlich wichtigste erleben. Wer nicht im Rahmen einer zusammenlebenden Familie aufgewachsen ist, gilt in praktisch jeder Kultur der Welt als tragische Ausnahme. Die meisten Menschen erkennen die anhaltende Prägung, die sie aus ihrem familiären Hintergrund mitgenommen haben, und wünschen sich, irgendwann eine eigene Familie zu gründen.

Der Haushalt dient aus biblischer Sicht als eine Art Trainingslager für alle anderen Berufungen in unserem Leben. Das fünfte Gebot (vgl. 2Mose 20,12) lässt uns an den Eltern lernen, was es heißt, Autorität anzuerkennen und Gehorsam zu üben. Das ist jedoch nicht das einzige der Zehn Gebote, das den Haushalt regelt! Bereits im vierten Gebot (vgl. 20,8–11) werden die Familienoberhäupter und Autoritätsträger des Haushalts angewiesen, für die Ruhe, die Erholung und das geistliche Wohl der Haushaltsmitglieder Sorge zu tragen. Die Ehebeziehung wird durch das siebte Gebot geschützt (vgl. 20,14) und wenn im zehnten Gebot (vgl. 20,17) das Begehren verboten wird, bezieht sich das insbesondere darauf, den Haushalt seines Nächsten zu begehren. Gerade in dieser Lebenssphäre lernt man, sowohl Gott als auch den Nächsten auf konkrete Art und Weise zu lieben – schließlich kann es kaum einen näheren Nächsten geben als ein Mitglied des eigenen Haushalts!

Dieses Bild wird im Neuen Testament vor allem durch die sogenannten „Haustafeln“ bestätigt, in denen die verschiedenen Beziehungen innerhalb des Haushalts aus der Perspektive der Jüngerschaft besprochen werden. In Epheser 5,22–6,9 zum Beispiel ruft Paulus Ehemänner dazu auf, ihre Frauen durch selbstaufopfernde Liebe in der Heiligung zu fördern, während Ehefrauen ihre Männer durch Ehrerbietung erbauen. Kinder sollen das fünfte Gebot einhalten, Eltern wiederum sollen ihren Kindern den Gehorsam möglichst leicht und angenehm machen. Auch Sklaven, die damals ebenfalls Haushaltsmitglieder waren, können und sollen aktiv Gehorsam praktizieren, während ihre Herren durch den Umgang mit ihnen in der gerechten Ausübung von Autorität trainiert werden.

Der Staat

Wie bei der Familie ist auch das Wort „Staat“ nicht unbedingt hilfreich: Im modernen Westen verstehen wir darunter ein in einem bestimmten Land herrschendes, mehr oder weniger demokratisches politisches System mit dazugehöriger Bürokratie. Sobald Menschen jedoch versuchen, ein gemeinsames Leben über die Verwandtschaft hinaus zu regeln und zu organisieren, befinden sie sich schon in der Sphäre der Politik – ganz egal, ob es sich dabei um einen Sportverein oder ein nationales Parlament handelt.

Was man im Leben des Haushalts lernt, soll auch im Gemeinwesen umgesetzt werden: Wir fügen uns den Obrigkeiten, sprich jedem, der ein Amt rechtmäßig innehat (vgl. Röm 13,1). Amtsträger wiederum sollen die Menschen, die ihnen untergeordnet sind, motivieren und ihnen helfen, das Gute zu tun und das Böse zu meiden (vgl. 13,3–4). Dabei gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Sphären: Ein Haushalt besteht aus Menschen, die stark voneinander abhängig sind, sowohl physisch als auch hinsichtlich ihrer grundlegenden Identität. Politische Gemeinwesen hingegen existieren, um ein Miteinander zwischen Menschen zu schaffen, die von Natur aus nicht unbedingt eine solche Verbundenheit miteinander haben.

Das erfordert Weisheit. Jede Art von Gemeinwesen braucht Regeln, damit jeder weiß, was von ihm im Umgang mit den anderen erwartet wird und was ihm selbst zusteht. Sowohl Übergeordnete als auch Untergeordnete müssen kompromissbereit sein: Etwas mag zwar vordergründig in meinem Interesse sein (oder im Interesse meiner Familie), schadet aber vielleicht dem Gemeinwohl und würde uns so langfristig den Frieden und die Sicherheit rauben. Gleichzeitig kann aber ein Staat nicht gesund sein, wenn er die Freiheit und das Wohl von Einzelnen und Familien nicht gewährleistet.

Die Kirche

Auch beim dritten der „drei Stände“ bereitet die Definition Schwierigkeiten. Was für eine Institution ist die Kirche Christi eigentlich? Die biblischen Begriffe, die mit „Kirche“ oder „Gemeinde“ übersetzt werden, bedeuten im Grunde eine Versammlung von Menschen, die allerdings nicht nur gelegentlich zusammengerufen werden, sondern gemeinsam eine dauerhafte Körperschaft bilden. Das wird mit ganz verschiedenen Bildern dargestellt. Die Kirche ist der Leib Christi (vgl. Eph 1,22–23), seine Braut (vgl. 5,31–32) und Gottes lebendiger Tempel (vgl. 2,21–22). Sie ist aber auch sein Haushalt (vgl. 1Tim 3,15) und ein Staat, dessen Bürger ihr Bürgerrecht im Himmel haben (vgl. Phil 3,20; siehe auch Eph 2,19) und Untertanen des Christus sind (vgl. Kol 1,13).

Die Kirche ist also viel mehr als lediglich ein Verein für Menschen, die sich für Religion interessieren. Durch die Gemeinde – sowohl die globale Kirche als auch jede einzelne Ortsgemeinde – wird hier auf Erden eine himmlische Realität sichtbar (vgl. Hebr 12,22–24). In ihrer vollendeten Fülle ist diese Realität für uns noch zukünftig (vgl. 1Joh 3,2), aber durch unsere Teilnahme am Leben der Gemeinde erleben wir etwas davon schon hier und jetzt. Wir hören Gottes Wort, werden davon geprägt, empfangen als bestätigende Zeichen für Gottes Gnade die Taufe und das Abendmahl und sprechen mit ihm im Gebet. Hier bringen wir dem Herrn die Frucht unserer Arbeit in der Welt dar. Wir werden ausgerüstet und ausgesandt, um Gott in der Welt durch praktizierte Nächstenliebe zu dienen.

Berufung von den drei Ständen lernen

Diese drei Institutionen, die Gott selbst eingesetzt hat, bilden sozusagen das Spielfeld für unsere irdischen Berufungen. Dadurch geben sie uns etwas Orientierung, wenn wir fragen: Wozu bin ich da?

Es fällt auf, dass bei allen drei Ständen das Thema Autorität im Mittelpunkt steht. Obwohl Autorität (wie auch Gehorsam!) von uns sündigen Menschen häufig missbraucht wird, ist sie ein unentbehrlicher Bestandteil der Weltordnung, die von Gott entworfen und geschaffen wurde. Die ursprüngliche Vision von Autorität war durch und durch positiv: Die Menschen sollten Gott gehorchen und von ihm lernen, liebevoll und fördernd ihre Vollmacht über die anderen Geschöpfe auszuüben. Eben diese Art von Autorität wird in Christus wiederhergestellt: Uns wird von Gott durch die Institutionen Familie, Staat und Kirche in jeder Lebensphase und Sphäre Autorität anvertraut, nachdem wir zuerst selbst Gehorsam gelernt und praktiziert haben.

Das wiederum zeigt einen wichtigen Aspekt von Berufung: Unsere Berufungen entwickeln und verändern sich mit der Zeit. Ich sage meinen Kindern im Schulalter häufig, dass sie zu Schülern berufen sind. Das wird, so Gott will, nicht immer der Fall sein! Wenn sie sich aber Mühe geben, gute Schüler zu sein, werden sie dadurch nicht nur auf etwas Wichtigeres und Besseres vorbereitet, sondern sie lernen auch Gott gegenüber Gehorsam. Der Herr wirkt dann in ihnen und durch sie zum Segen ihrer Klassenkameraden und Lehrer. Wenn sie darin treu sind, werden ihnen irgendwann größere Aufgaben und Autorität in einem Berufsfeld anvertraut (vgl. Mt 25,21). Eines Tages werden sie selbst andere lehren und prägen, sei es in der Erziehung eigener Kinder, in der Ausbildung von Nachwuchs in ihrem Beruf, in der Ausübung von Vollmacht in einem staatlichen Amt oder in der Verkündigung von biblischen und geistlichen Wahrheiten in der Gemeinde. Keine dieser Phasen ist die eine Berufung, die Gott ihnen gegeben hat, sondern sie bekommen von Gott in jeder Phase eine Berufung anvertraut, in der sie sich als treu erweisen sollen.

Ein letzter, ganz wichtiger Punkt: Innerhalb aller drei Stände haben wir es sowohl mit Entscheidungen zu tun, die wir selbst treffen dürfen oder sogar müssen, als auch mit Gegebenheiten, die einfach so sind. Kein Mensch bestimmt selbst über seine genetische Veranlagung, die Konstellation oder Kultur seiner Herkunftsfamilie, seine Muttersprache oder die Staatsangehörigkeit, in die er hineingeboren wird. Später steht man tatsächlich vor Entscheidungen in Bezug auf den eigenen Bildungsweg, den Beruf, die Wahl eines Ehepartners oder auch die Gemeindemitgliedschaft. Dabei werden auch diese relativ freien Entscheidungen erheblich beeinflusst durch die Faktoren, über die wir nicht bestimmen konnten. Und sobald wir die Entscheidung getroffen haben, wen wir heiraten oder welche Arbeitsstelle wir annehmen, wird dieses Ehe- oder Arbeitsverhältnis auch zu einer Gegebenheit, die nicht immer nur unseren Wünschen oder Vorstellungen entsprechen wird.

Vielleicht fordert das von uns einen gravierenden Perspektivwechsel, der aber auch befreiend ist. Im Endeffekt besagt diese Lehre, dass wir in Gottes Hand sind – nicht wie Marionetten, die sich nach einem fremden Willen bewegen, sondern als geliebte Kinder, die er erzieht, damit sie Reife und Vollmacht erlangen. Er spricht durch all unsere Lebensumstände, die gewählten wie auch die vorgegebenen, zu uns. Durch sie zeigt er uns immer wieder, wer unser Nächster ist und wie Nächstenliebe aussehen kann, damit die liebevolle Autorität unseres Schöpfers durch uns sichtbar wird.