Die verwandelnde Kraft von Gottes Heiligkeit
Wenige Wochen nach meiner Bekehrung zu Christus hatten viele meiner Freunde Fragen an mich. Besonders interessierte sie, welche Auswirkungen mein neuer Glaube auf mein bisheriges Leben haben würde. Würde ich weiterhin ausgehen? Durfte ich überhaupt noch Alkohol trinken? Eine Frage aus jener Zeit ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Der Vater eines Freundes kam auf mich zu und fragte: „Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass alle anderen ihr Leben genießen und Spaß haben werden, während du für den Rest deines Lebens in der Kirche sitzen musst?“ Heute kann ich über diese Frage schmunzeln. Damals jedoch brachte sie mich zum Nachdenken. War ich wirklich bereit, mein bisheriges Partyleben hinter mir zu lassen? War ich bereit, den Sonntag in der Gemeinde zu verbringen? War ich – um den Apostel Paulus zu paraphrasieren – bereit, das, was hinter mir liegt, zu vergessen und mich nach dem auszustrecken, was vor mir liegt? (vgl. Phil 3,13).
Solche Gespräche haben mich in den mehr als dreißig Jahren meiner Nachfolge Christi immer wieder begleitet. Auffällig ist dabei, worauf die Fragen fast immer abzielen: auf das Irdische. Es ging immer um mich und meine Wünsche, wer ich bin und was ich will. Es ging nie um Gott und seine Wünsche, wer er ist und was er will. Das ist nicht überraschend; wir sollten nie erwarten, dass ein Ungläubiger über die sichtbare Welt hinaus denkt. Diese Dinge können nur von denen verstanden werden, die mit Christus vereint sind. Paulus schreibt: „Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss“ (1Kor 2,14).
Damit sind wir beim eigentlichen Thema dieses Artikels: der verändernden Kraft von Gottes Heiligkeit. Monate nachdem ich Christ geworden war, wurde mir klar, dass mein Wunsch, die Dinge dieser Welt hinter mir zu lassen und stattdessen nach Heiligkeit zu streben, unmittelbar davon abhing, wie gut ich Gott kannte. Je tiefer mein Verständnis davon war, wer Gott ist, desto größer wurde mein Streben, ihm ähnlich zu sein. Dies gilt besonders in Bezug auf die Heiligkeit Gottes.
Gottes Heiligkeit ist nicht nur ein Attribut – sie ist das Fundament und das eigentliche Wesen dessen, wer er ist. Sie meint seine absolute Reinheit, moralische Vollkommenheit und völlige Abgesondertheit von allem Gewöhnlichen und Profanen. Wie der Theologe Louis Berkhof formulierte, ist der heilige Gott „von all seinen Geschöpfen unterschieden und in unendlicher Majestät über sie erhaben“.[1] Heiligkeit ist das einzige Attribut Gottes, das durch die dreifache Wiederholung „Heilig, heilig, heilig“ (vgl. Jes 6,3; Offb 4,8) hervorgehoben wird. Damit wird unterstrichen: Gott ist völlig ausgesondert – niemand ist ihm gleich. Joel Beeke beschreibt es so: „Er ist durch seine Herrlichkeit abgesondert, für seine Herrlichkeit. … Er ist heilig aufgrund dessen, wer er als Gott ist, und er ist heilig, weil er eifrig darauf aus ist, in allem, was er tut, zu zeigen, wer er ist.“[2]
Im Gegensatz zu unserer Heiligkeit, die fehlerhaft und inkonsequent ist, ist Gottes Heiligkeit ewig und unveränderlich. Sie durchdringt sein gesamtes Handeln. Seine Liebe ist heilig. Seine Gerechtigkeit ist heilig. Seine Barmherzigkeit ist heilig. Seine Macht ist heilig. Seine Wahrheit ist heilig. Aus diesem Grund verändert das Verständnis von Gottes Heiligkeit unser Denken, unser Leben und unsere Anbetung grundlegend.
Wer Gottes Heiligkeit wirklich begegnet, wird verändert. Denk an Jesaja 6. Jesaja ist von der Offenbarung von Gottes Heiligkeit überwältigt und ruft aus: „Wehe mir!“ (Jes 6,5). Die Begegnung mit Gottes Heiligkeit demütigt uns. Sie deckt unsere Sünde auf, verändert unser Denken und unser Herz und richtet unseren Willen neu auf Gott aus. Unsere Wünsche sollen seinen Wünschen entsprechen, unser Wille seinem Willen. Und Gottes Wunsch und Wille für uns sind eindeutig: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!“ (1Petr 1,16; vgl. 3Mose 11,44). Wenn wir erkennen, wie sehr wir ihn brauchen, sondert Gott uns für seine Zwecke aus und gestaltet uns nach seinem Bild um.
Eine ausführliche Darstellung dieses Themas würde den Rahmen dieses kurzen Beitrags sprengen. Die zentrale Lektion ist jedoch einfach: Wenn du Christus ähnlicher werden möchtest, dann bemühe dich darum, deinen heiligen Gott immer besser kennenzulernen – den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Lies R. C. Sprouls Die Heiligkeit Gottes, J. I. Packers Gott erkennen oder Stephen Charnocks The Existence and Attributes of God. Vor allem aber lies die Heilige Schrift im Gebet und mit dem Wunsch, in der Erkenntnis Christi zu wachsen. D.A. Carson schreibt:
„Menschen treiben nicht von selbst der Heiligkeit entgegen. Ohne ein von Gottes Gnade getragenes Bemühen entwickeln sie keine natürliche Neigung zu Frömmigkeit, Gebet, Gehorsam gegenüber der Schrift, Glauben und Freude am Herrn. Stattdessen treiben wir dem Kompromiss entgegen, dem Ungehorsam und dem Aberglauben.“[3]
Ein wachsendes Erkennen unseres heiligen Gottes in und durch Christus stoppt dieses Abdriften. Sie führt uns auf den Weg der Heiligung und verheißt uns ein Leben voller echter Freude und Wonne. Wenn dich also das nächste Mal jemand fragt: „Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass alle anderen ihr Leben genießen und Spaß haben werden, während du in der Kirche sitzt?“, dann lächle und antworte: „Wenn du nur meinen heiligen Gott kennen würdest, wenn du Jesus kennen würdest, würdest du diese Frage nicht stellen. In den Gottesdienst zu gehen, um ihn anzubeten, ist mein Glück; denn nur er kann mein Herz mit Freude und überfließender Wonne füllen!“ (vgl. Ps 16,11; Jes 35,10; Joh 16,24).
1 Louis Berkhof, Summary of Christian Doctrine, Edinburgh: Banner of Truth, 2011, S. 28.
2 Joel R. Beeke, Paul M. Smalley, Reformed Systematic Theology, Vol. 1, Wheaton: Crossway, 2004, S. 569.
3 D.A. Carson, For the Love of God: A Daily Companion for Discovering the Riches of God’s Word, Vol. 2, Wheaton: Good News Publishers, 2006, paraphrasiert von Goodreads.com.