Leben als Christ

Beruf und Berufung – Teil 2

Artikel von Ben Graber
8. Juli 2026 — 11 Min Lesedauer

Der große Prediger Martyn Lloyd-Jones führte einst ein Seelsorgegespräch mit einem Mann, der unter schweren Depressionen litt. Es habe alles im Ersten Weltkrieg angefangen, erzählte dieser. Damals diente er als Matrose in der königlichen Marine. Sein U-Boot sei 1915 an der Schlacht von Gallipoli beteiligt gewesen, von einem Torpedo getroffen worden und versunken. Seit jenem furchtbaren Tag werde er ständig von Bauch- und Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Depressionen heimgesucht.

Beeindruckt bat ihn Lloyd-Jones, mehr von seiner Geschichte zu erzählen. Der Mann erwiderte: „Das war es eigentlich – ich war auf dem U-Boot, es gab eine Explosion und das Boot versank. Seitdem geht es mir so schlecht.“

Das ließ den Pastor stutzen und er fragte: „Aber was ist denn danach passiert?“ Nochmals meinte der Hilfesuchende, er habe bereits die ganze Geschichte erzählt. So ging das Gespräch eine Weile weiter: Lloyd-Jones hakte nach und der Mann erzählte die Geschichte noch einmal von vorne bis zur Versenkung des U-Boots. Frustriert versuchte es Lloyd-Jones ein letztes Mal und fragte: „Können Sie denn nicht noch etwas mehr erzählen?“ Der Leidende antwortete: „Nein, es gibt wirklich nichts mehr zu sagen!“

Daraufhin stellte der Prediger endlich die entscheidende Frage: „Befinden Sie sich etwa immer noch auf dem Boden des Mittelmeeres?“[1]

Die ganze Existenz dieses armen Menschen war zwanzig Jahre lang lediglich von der ersten Hälfte seiner Geschichte bestimmt worden. Wenn wir nicht erkennen, in welcher Geschichte wir uns befinden, kann eine ganze Menge schiefgehen.

Unsere Berufung, unsere Geschichte

Uns beschäftigt in dieser Beitragsreihe eine scheinbar einfache, aber tiefgreifende Frage: Wozu sind Christen da? Wozu leben wir weiter in dieser Welt, statt sofort in den Himmel aufgenommen zu werden? Die Antwort, die wir in den theologischen Traditionen der Reformation finden, ist die Berufs- oder Berufungslehre.

Diese Lehre spricht nicht nur von einer Berufung, die ein Christ von Gott bekommt, sondern von zwei Arten oder Kategorien der Berufung: Es gibt erstens eine himmlische Berufung (vgl. Hebr 3,1) zur Rettung und zum ewigen Leben mit Gott, zweitens aber auch irdische Berufungen (vgl. 1Kor 7,20), zu denen jeder Stand zählt, den wir in diesem Leben innehaben – sei es unser Familienstand, unsere Position als Bürger eines Landes, unsere soziale Stellung oder auch unsere Berufstätigkeit.

Solche Berufungen sind uns als Rahmen gegeben, in dem wir aktiv Nächstenliebe praktizieren sollen. Dabei geht es nicht darum, Gott durch unser Tun zu beeindrucken – das können wir gar nicht. Vielmehr dürfen wir in unseren Berufen und Berufungen zum Werkzeug werden, durch das Gott wirkt, um die Menschheit und die Welt zu segnen.

Es ist wichtig, dass wir uns die Berufungslehre nicht als eine Reihe von Thesen über das Leben als Christ vorstellen, die außerhalb von Raum und Zeit stehen. Wenn diese Aussagen richtig sind, dann bringen sie Wahrheiten zum Ausdruck, die in die große Geschichte von Gott und der Welt eingebettet sind – in die biblische Geschichte von der Erschaffung der Welt, dem Sündenfall, der Erlösung von Sünde und Tod und der Erneuerung und Vollendung der Schöpfung in Jesus Christus. Wenn diese eine große Geschichte nicht den Zusammenhang für unser Verständnis von Berufung bildet, werden wir wie der arme Matrose in Martyn Lloyd-Jones’ Pastorenbüro realitätsfremd leben, ohne die Nüchternheit und die Hoffnung, die der wahren, ganzen Geschichte entspringen.

Berufung und Schöpfung

Gleich am Anfang der Welt begegnet uns ein Gott, der beruft. Durch sein Wort ruft er die Schöpfung ins Dasein und benennt die Dinge, die er geschaffen hat. Mehr noch, er erklärt die Funktion seiner Geschöpfe: Die Himmelsfeste soll die himmlischen Wasser von den irdischen trennen (vgl. 1Mose 1,6) und die Pflanzenwelt soll zur Nahrung für die Tiere dienen (vgl. 1,11.30).

Es ist also kein Wunder, dass die Geschichte der Menschheit ebenfalls mit einer Berufsbeschreibung beginnt. Geschaffen nach Gottes Bild (vgl. 1,26–27) haben die Menschen als Spezies eine gemeinsame Aufgabe: Sie sollen Gottes Gegenwart, Herrschaft und Segen in seiner Welt sichtbar machen und verwirklichen. Dabei sind die Menschen nicht untereinander austauschbar, sondern Gott schafft sie als Mann und Frau, damit sie sich ergänzen. Sie sollen in ihrer und durch ihre Unterschiedlichkeit Einheit erleben.

Die Würde und Ehre, die der Mensch bekommt, sind eine Gabe Gottes, von der der Mensch nicht nur selbst profitieren soll. Alle Lebewesen erhalten von Gott einen Segen, aber es gibt einen Unterschied zwischen den Meerestieren und Vögeln einerseits und den Landtieren andererseits: Erstere werden gleich nach ihrer Erschaffung gesegnet (vgl. 1,22), während Letztere keinen eigenen Segen bekommen. Ihnen wird der Segen durch die Herrschaft der von Gott gesegneten Menschen zuteil (siehe 1,24–31).

Am Ende der Schöpfungswoche heiligt Gott den Sabbattag und zeigt damit, dass sein Werk ein Ziel hat, und zwar Ruhe, Frieden und freudige Gemeinschaft mit seiner Schöpfung. Damit fängt auch der Rhythmus des Menschenlebens an. Wir arbeiten in der Hoffnung, dass unser Tun Frucht bringen wird, die wir in Ruhe genießen dürfen.

Welche Arbeit war für die Menschen vorgesehen? Die konkrete Aufgabe am Anfang war, den von Gott gepflanzten Garten Eden – einen heiligen Ort, an dem Gott den Menschen begegnen wollte – zu bebauen und zu bewahren (vgl. 2,15). Gottes wunderschöne Schöpfung sollte durch die Tätigkeit der Menschen noch schöner werden: kunstvoll kultiviert, liebevoll geordnet, beschützt und behütet und ganz ihrem Schöpfer gewidmet.

Allein diese kurze Skizze der frisch erschaffenen Welt macht klar, wie sehr die christliche Berufung der ursprünglichen Absicht Gottes entspricht. Bei den ersten Menschen war die irdische Berufung vollständig mit der himmlischen vereint: Ihre Werke dienten der restlichen Schöpfung und vermittelten dabei Gottes Segen; alles, was sie taten, brachte ihre Liebe und ihr Vertrauen zu Gott zum Ausdruck und in allem war es der Segen Gottes, der für das Gelingen sorgte.

Das galt für Mann und Frau gleichermaßen. Nur Adam war Ehemann und sollte Vater werden, nur Eva war Ehefrau und zukünftige Mutter, doch es gab bei ihnen keine Konkurrenz um Würde oder Wert vor Gott. Die Vielfalt an irdischen Berufungen ist gottgewollt, wie auch unsere Grenzen: Kein Mensch kann alles tun, was Gottes generell für uns Menschen vorgesehen hat – das konnte nicht einmal Adam! Der erste Mann und seine Frau mussten entscheiden, was sie wann machen wollten. Sie mussten aufeinander achten, hatten unterschiedliche Perspektiven und unterschiedliche Beziehungen zu den anderen Geschöpfen. Sie hatten einen klar definierten Auftrag und zugleich die Freiheit, Neues zu erfinden. Das Leben war komplex, aber diese Komplexität war nicht überfordernd oder irritierend, sondern belebend und begeisternd.

Berufung in der gefallenen Welt

So erleben wir die Welt und uns selbst allerdings nicht. Weil wir erlösungsbedürftig sind – und wenn wir an Christus glauben, auch erlöst –, gehören sowohl Vergänglichkeit als auch Hoffnung zu unserem Leben. Die Sünde verdirbt genau jene Realitäten, die wir soeben betrachtet haben. Am Anfang waren himmlische und irdische Berufungen vollkommen vereint, aber die erste Sünde der Menschen bestand genau darin, die himmlische Berufung abzulehnen. Adam und Eva trafen die Entscheidung, etwas für sich selbst und losgelöst von Gottes Willen zu unternehmen. Diese Entscheidung hatte im wahrsten Sinne des Wortes tödliche Folgen, die unsere Erfahrung von Berufung noch heute beeinflussen.

Als Gott sein Urteil über die Menschen spricht (vgl. 1Mose 3,16–19), verhängt er keine willkürlich ausgedachten Strafen, sondern er benennt die Folgen, die die Realität der Trennung zwischen Mensch und Schöpfer sehr treffend verdeutlichen. Die irdischen Berufungen des Menschen – fruchtbar zu sein, die Welt zu füllen und über sie zu herrschen, die Erde zu bebauen – werden nun, da sie von der himmlischen Berufung entkoppelt sind, zu schmerzvoller und vergeblicher Mühe.

Gott verspricht, weiterhin in diesen Berufungen und durch sie zu wirken. Adam und Eva werden Kinder bekommen und vom Erdboden ihre Nahrung ernten. Die Mühe und der Schmerz sind jedoch eine ständige Erinnerung: Auch wenn sie diese Herausforderungen erfolgreich bewältigen, kann ihnen das keine beständige Freude bringen, solange die Beziehung zwischen Gott und Mensch gestört bleibt.

Berufung und Erlösung

Gott verspricht aber im selben Atemzug sogar die hierfür notwendige Lösung, nämlich die endgültige Versöhnung zwischen Gott und den Menschen (vgl. 1Mose 3,15). Die Verheißung von einem „Samen“, der den Kopf der Schlange zertreten wird, ist zwar noch ziemlich vage und schattenhaft. Trotzdem ist klar: Gott findet sich nicht damit ab, dass die Menschen zugrunde gehen, wie es das Ziel der arglistigen Schlange war. Die Schlange wird besiegt werden, und zwar durch einen Nachkommen der Frau.

Diese Verheißung hat unendlich weitreichende Folgen, nicht zuletzt für unsere Berufungen. Erstens bedeutet die Verheißung eines Erlösers, dass Gott die Menschen und die Welt nicht einfach aufgibt. Er wird weiterhin dafür sorgen, dass auf dem Erdboden Früchte angebaut werden, Menschen Kinder großziehen und zudem Kultur entwickeln. Dabei wird zwar vieles schiefgehen, doch die Menschen werden auch Kostbarkeiten sammeln und produzieren, um sie Gott darzubringen.

Genau das zeigt sich nur ein Kapitel nach dem Sündenfall: Zu den Nachkommen des ersten Mörders Kain gehören Jabal, der die Viehzucht entwickelt, Jubal, der erste Musiker, und Tubal-Kain, der Pionier im Metallhandwerk (vgl. 1Mose 4,20–22). Vermutlich waren diese Leute keine besonders netten Menschen, doch ihre Erfindungen prägten das Leben des späteren Volkes Israel. Die Israeliten waren traditionell Viehhirten (vgl. 1Mose 47,3). Durch den Einfluss von König David wurde Musik zu einem zentralen Bestandteil des Gottesdienstes in Jerusalem (vgl. 1Chr 25,1–6). Und schon viel früher war Metallbearbeitung nötig, um das erste Heiligtum, die Stiftshütte, so zu bauen und auszustatten, wie Gott es Mose vorgegeben hatte (vgl. 2Mose 35,32).

Selbst durch die Fähigkeiten und Anstrengungen von sündigen Menschen ist Gott persönlich am Wirken, um seine Zwecke zu erfüllen. Jesus stellt fest: Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45) – was in der Theologie als Beispiel für Gottes „allgemeine Gnade“ angeführt wird. Aber nicht nur die Natur, sondern auch die Hände und das Hirn von Menschen sind Gottes Werkzeuge, um Gerechten und Ungerechten gleichermaßen Gutes zu tun.

Zweitens zeigt Gott aber auch spezielle Gnade: Manche Menschen spricht er persönlich an und verheißt, sowohl sie selbst zu segnen als auch die Welt durch sie. Er schließt seinen Bund mit ihnen und macht sie zu einem auserwählten Volk, das ihm dient und wieder in seiner Gegenwart leben darf. Durch diese Gnade werden Menschen gerettet, indem sie an den verheißenen Erlöser glauben. Sie sind dazu berufen, Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft zu lieben (vgl. 5Mose 6,5) und ihm allein zu dienen (vgl. 6,13). Auf diese Weise erneuert Gott die himmlische Berufung in jenen Menschen, die er zu seinem Volk macht: Alles, was sie im „normalen“ Leben tun, soll letzten Endes dazu beitragen, ihre Beziehung zu Gott zu pflegen und innige Gemeinschaft mit ihm zu genießen.

Drittens: Trotz dieser Erneuerung wird im Laufe der Geschichte Israels wiederholt und zunehmend klar, dass die Menschen nicht mehr in der Lage sind, der himmlischen Berufung zu folgen. Es gibt zwar stets gottesfürchtige Menschen im Volk, aber die Nation als Ganze befindet sich meistens in einer geistlichen Abwärtsspirale. Die Propheten verheißen jedoch immer wieder eine Zukunft, die dem Volk eine grundlegende Veränderung bringt, sodass es den Herrn wirklich erkennt und ihm von Herzen dient (vgl. 5Mose 30,6; Jer 31,33–34).

Eine unvollständige Geschichte

Mit dem Kommen Jesu wird diese Verheißung im Wesentlichen erfüllt. Ein Leben, in dem die himmlische und die irdischen Berufungen vollkommen vereint werden, fällt Gottes Volk aber trotzdem nicht in den Schoß. Das Neue Testament spricht sehr ehrlich über die Feindschaft der Welt gegen Christen (vgl. Joh 15,19), die Angriffe des Teufels, der die Gläubigen zugrunde zu richten will (vgl. Eph 6,11; 1Petr 5,8), sowie den innerlichen Kampf zwischen Gottes Geist und ihrem eigenen Fleisch (vgl. Gal 5,17). Auch bei Christen steht jede Beziehung, jede Lebenssituation und jede Tätigkeit unter den Folgen des Sündenfalls. Anfechtungen von außen, aber auch unsere eigenen Fehler und Sünden machen es uns schwer, unsere Mitmenschen zu lieben und ihnen effektiv zu dienen.

Doch in Jesus Christus entdecken wir – wie Martyn Lloyd-Jones’ Seelsorgepatient –, dass unsere Lebensgeschichte keine sinnlose Tragödie, sondern eine Geschichte der Rettung ist. Auch wenn unsere Arbeit, unser Familienleben, unser Engagement in der Gesellschaft usw. durch die Bosheit der Welt, des Teufels und des Fleisches komplizierter werden: Wir Christen sind da, um mit unserem Leben auf die wahre Geschichte hinzuweisen. Und deren Ausgang ist sicher, obwohl nur Gott weiß, wann das Ende kommt. Wir lieben und dienen deshalb im Glauben und in der Hoffnung, dass Gott trotz aller Schwierigkeiten seine große Geschichte durch unser Tun weitererzählt.


1 Vgl. Martyn Lloyd-Jones, Setting Our Affections upon Glory, Wheaton: Crossway, 2013, Kindle-Pos. 1024-1058.