Wie werde ich geistlich reif?
In unserem Garten steht ein kleiner Apfelbaum. Jahr für Jahr wird er etwas größer und trägt ein wenig mehr Frucht. Über die Jahre ist er gereift, und es ist eine echte Freude, seine Früchte ernten und genießen zu dürfen.
Dieses Bild beschreibt sehr treffend, wozu uns das christliche Leben aufruft: zu einem stetigen, fruchtbringenden Wachstum. Genau deshalb heißt es in der Schrift: „Darum wollen wir ... zur vollen Reife übergehen“ (Hebr 6,1).
Das Vorbild der Reife
Der Herr Jesus lebt uns vollkommen vor, was wahre Reife bedeutet. Indem wir ihm gleichgestaltet werden, reifen wir und tragen Frucht.
Wir neigen manchmal dazu, kleinzureden, dass Jesus auch wahrer Mensch war. Doch im Leben Christi gab es ein echtes, sichtbares Wachstum an Reife. Er war als Säugling, als Kind und als Erwachsener vollkommen – und durchlief jede dieser Lebensphasen sündlos, wobei er beständig an Reife zunahm.
In Lukas 2,40 heißt es: „Das Kind aber wuchs und wurde stark im Geist, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm.“ Johannes Calvin bemerkt dazu: „Christus wurde ein wirklicher Mensch … Er nahm freiwillig alles auf sich, was untrennbar zur menschlichen Natur gehört.“ Dazu gehört auch das Wachstum zur Reife.
Christus reifte, indem sein Vater ihn durch sein Wort unterwies: „Er weckt Morgen für Morgen, ja, er weckt mir das Ohr, damit ich höre, wie Jünger [hören]“ (Jes 50,4).
Er reifte auch durch die Prüfungen und Leiden des Lebens in einer gefallenen Welt. Der Verfasser des Hebräerbriefs sagt: „Und obwohl er Sohn war, hat er doch an dem, was er litt, den Gehorsam gelernt“ (Hebr 5,8). Jesu Gehorsam war zu jeder Zeit vollkommen; durch sein Leiden nahm er jedoch immer weiter zu an Gehorsam und Reife.
Die Mittel der Reife
Christus ist nicht nur unser Maßstab für Reife, sondern auch das Mittel, durch das wir reif werden. Frucht wächst nur, wenn sie mit dem Baum verbunden ist. John Brown of Wamphray schreibt:
„Es gibt keine Teilhabe an den lebensspendenden Einflüssen des Herrn Jesus, durch die die Sünde getötet und der neue Mensch zum Wachstum gebracht wird, bevor wir nicht durch den Glauben mit Christus vereinigt und eins mit ihm geworden sind.“
Reife entsteht nur „in ihm“.
Dieses Wachstum geschieht durch die Mittel, die Christus selbst eingesetzt hat. Paulus erklärt in Epheser 4, dass Christus seiner Gemeinde „Hirten und Lehrer“ geschenkt hat. Durch ihren Dienst sollen die Gläubigen „zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollkommenen Mannesreife, zum Maß der vollen Größe des Christus“ (Eph 4,11.13). Durch den Dienst der Pastoren werden wir „nicht mehr Unmündige [sein], hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre …, sondern, wahrhaftig in der Liebe, heranwachsen in allen Stücken zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus“ (Eph 4,14–15). Wer auf die Lehre des Wortes hört, wird in der Wahrheit gefestigt und davor bewahrt, durch falsche Lehren vom Kurs abzukommen. So werden wir Christus, unserem Haupt, ähnlicher. Das ist Reife. Diese Reife bei den Hörern zu sehen, ist das Ziel eines jeden treuen Predigers: „Ihn verkündigen wir, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen lehren in aller Weisheit, um jeden Menschen vollkommen in Christus Jesus darzustellen“ (Kol 1,28).
Christusähnliche Reife entsteht außerdem durch Leiden und Anfechtungen in dieser Welt. Paulus schreibt in Römer 5,3–4: „Aber nicht nur das, sondern wir rühmen uns auch in den Bedrängnissen, weil wir wissen, dass die Bedrängnis standhaftes Ausharren bewirkt, das standhafte Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung.“ Die Prüfungen und Anfechtungen des Lebens in einer gefallenen Welt formen unseren Charakter und lassen uns Christus ähnlicher werden.
Wenn du dich durch die Lehre des Wortes beschenken und durch die Stürme des Lebens heiligen lässt, wirst du geistlich wachsen. In Sprüche lesen wir: „Gib dem Weisen, so wird er noch weiser werden“ (Spr 9,9). Uns wird verheißen, dass Zeiten des Leidens „eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen [gibt], die durch sie geübt sind“ (Hebr 12,11).
Anzeichen von Unreife
Reife bedeutet Christusähnlichkeit. Doch wir können Reife auch dadurch besser verstehen, dass wir ihr Gegenteil betrachten: die geistliche Unreife. In Hebräer 5,12–14 finden wir eine ausführliche Beschreibung von Unreife. Dort heißt es, die Gläubigen seien unwissend gewesen in Bezug auf „die Anfangsgründe der Aussprüche Gottes“, hätten „Milch nötig … und nicht feste Speise“ und seien unfähig gewesen, zur „Unterscheidung des Guten und des Bösen“. Milch und Kindsein haben ihre Zeit und ihren Platz (vgl. 1Petr 2,2; 1Kor 13,11). Christen sollen jedoch nicht dauerhaft unwissend in der Lehre bleiben oder in moralischen Fragen unsicher sein, darüber, was richtig und falsch ist. Christliche Reife ist das Gegenteil davon.
Ein weiteres Zeichen von Unreife zeigt 1. Korinther 3,1–3. Paulus spricht die Korinther als „Unmündige in Christus“ an und sagt: „[Da ist] Eifersucht und Streit und Zwietracht unter euch“. Spaltungen in der Gemeinde aufgrund von persönlichen Vorlieben für bestimmte Leiter offenbaren geistliche Unreife. Christliche Reife dagegen zeigt sich in der Liebe zur Einheit unter den Gläubigen.
Fazit
In diesem Leben werden Christen niemals vollkommene Reife erreichen. Wir brauchen beständig Wachstum. Deshalb werden wir aufgefordert, „in der Gnade und in der Erkenntnis unseres Herrn und Retters Jesus Christus“ zu wachsen (2Petr 3,18). Die vollendete Reife erwartet uns erst im Himmel. Erst wenn wir Christus sehen, werden wir wie er sein (vgl. 1Joh 3,2). Erst dann wird uns die ganze Herrlichkeit der Reife zuteil. Jetzt werden wir, während wir „die Herrlichkeit des Herrn anschauen wie in einem Spiegel, … verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2Kor 3,18).
Der Tag, an dem wir Christus vollkommen ähnlich sein werden, ist gewiss: „Denn die er zuvor ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Ebenbild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden“ (Röm 8,29). Wir werden in Christus zur vollen Reife gelangen. Welch’ herrliche Hoffnung!