Leben als Christ

Beruf und Berufung – Teil 1

Artikel von Ben Graber
3. Juli 2026 — 10 Min Lesedauer

Wenn dir eine Frage innerhalb von einer Woche zweimal gestellt wird, dann kommst du ernsthaft ins Nachdenken.

Mir ist das diesen Frühling passiert – einmal zu Hause am Esstisch, einmal beim Glaubenskurs in der Gemeinde –, und zwar mit folgender Frage: „Warum müssen wir noch auf der Erde weiterleben, nachdem wir zum Glauben an Jesus gekommen und gerettet sind? Warum nicht gleich sterben und bei Gott sein?“ Das ist eine richtig gute Frage, die uns helfen kann, manches klarer zu sehen. Wie antworten wir Christen darauf? In der Bibel steht doch, dass „aufzubrechen und bei Christus zu sein … viel besser wäre“ als alles, was wir auf dieser Welt erleben können (Phil 1,23). Warum müssen wir vorerst hierbleiben und darauf warten, mit dem Tod in die echte, unvergängliche Freude einzugehen?

Mit anderen Worten: Wozu sind wir Christen überhaupt da? Was hat unser Leben – mit seiner Mischung aus völlig banalen und ganz außergewöhnlichen Erlebnissen – mit dem Reich Gottes zu tun, um das sich eigentlich alles drehen soll? Warum möchte Gott, dass das irdische Leben auch für die Erlösten weitergeht?

Mitten im 1. Korintherbrief steckt ein kurzer Satz, der auf ersten Blick nicht sehr hilfreich wirken mag: „Jeder bleibe in dem Stand, in dem er berufen worden ist“ (1Kor 7,20). Paulus erklärt den Korinthern in diesem Abschnitt, dass ihr irdischer Stand ihre Beziehung zu Gott weder positiv noch negativ beeinflussen kann. Dementsprechend bringt es geistlich gesehen nichts, diesen Stand – sei es der Familienstand, das Arbeitsverhältnis oder sogar die Identität als Jude oder Heide – zu verändern.

Seit der Reformation im 16. Jahrhundert übte dieser Vers einen erstaunlich großen Einfluss auf die moderne Welt aus, vor allem durch Martin Luthers Übersetzung der Bibel. Im griechischen Text ist ein kleines Wortspiel zu finden: „Jeder bleibe in dem klēsis, in dem er eklēthē“ – „Stand“ und „berufen worden sein“ geben Wörter wieder, die vom selben Verbstamm abgeleitet sind. Luther wollte dies in seiner Übersetzung widerspiegeln und verwendete mehrfach für klēsis („Stand“) ein deutsches Wort, das diese Bedeutung zuvor eigentlich nicht hatte, nämlich „Beruf“.

Der Triumph der Reformation

Dass wir unsere Arbeitsfelder heute „Berufe“ nennen, stellt einen Triumph der Reformation dar. Gemäß früherem Sprachgebrauch, der durch das römisch-katholische Verständnis geprägt war, hatte nicht jeder eine „Berufung“, sondern nur jene, die zum Leben als Geistliche oder Ordensleute – also Priester und Mönche bzw. Nonnen – berufen waren. Luther erkannte hingegen (wie auch spätere Reformatoren), dass im Neuen Testament jeder Christ als „berufen“ gilt (vgl. 1Kor 1,2; Eph 4,1), egal in welchem irdischen Stand er lebt.

Diese Prägung der westlichen Kultur durch die reformatorische Lehre mündete aber in eine gewisse Einseitigkeit. Vor allem seit der industriellen Revolution versteht man unter „Arbeit“ in erster Linie die Tätigkeit, durch die man Geld verdient – und weil „Beruf“ zum normalen Begriff für „Arbeitsfeld“ wurde, denkt man auch in christlichen Kreisen beim Thema Beruf und Berufung allzu häufig nur an die Berufswahl und den Arbeitsalltag im Leben eines Christen.

Dieser Themenbereich ist zwar wichtig und ich werde in dieser kurzen Beitragsserie auch darauf eingehen, aber man kann und muss noch viel mehr über unsere Berufung und unseren Beruf als Christen sagen. Die reformatorische Lehre betrifft jeden Aspekt unseres Daseins als Christen in dieser Welt, weil sie ganz grundlegende Überzeugungen enthält, wer wir Menschen sind, was es bedeutet, in Christus zu sein, sowie was Gott mit uns und der Welt vorhat. Diese Lehre bietet eine ganzheitliche Antwort auf eben die Frage, die wir anfangs gestellt haben: Wozu sind wir Christen da?

Bevor wir uns mit den praktischen Fragen befassen, müssen wir eine ganz grundlegende Frage klären: Was besagt eigentlich die reformatorische Lehre von Beruf und Berufung?

Berufung und Rechtfertigung

Zunächst ist es wichtig zu erkennen, dass die Berufslehre sehr eng mit der Rechtfertigungslehre verknüpft ist. Vor der Reformation ging man in Europa von einer Art religiösem Ökosystem aus: Zwar galten die allermeisten Menschen unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung als Christen, aber von ihnen wurde nicht erwartet, dem radikalen Ruf Jesu zur Nachfolge und Selbstverleugnung zu folgen. Die wenigen, die dies tatsächlich taten – die Ordensleute –, sollten durch ihre außergewöhnliche Hingabe nicht nur für ihr eigenes Heil Gnade verdienen, sondern auch einen Überschuss, den die Kirche durch die Sakramente und Ablässe nach Bedarf an die normalen Christen verteilen konnte.

Luther und die anderen Reformatoren lehnten dieses Verständnis bekanntlich scharf ab. Wie die Schrift bezeugt, kann Gottes Gnade per definitionem nicht verdient werden, und sie kann erst recht nicht von Menschen verwaltet oder weitergegeben werden. Ein Mensch wird allein durch das vollbrachte Werk Christi für gerecht erklärt, ohne durch eigene Werke irgendetwas dazuzutun. Diese wiederentdeckte biblische Lehre war für den einzelnen Christen geistlich befreiend, hatte aber auch gewaltige Folgen für sein Verständnis von seinem Platz in der Kirche und der Gesellschaft.

Wenn Christen weder zu ihrer eigenen Rechtfertigung vor Gott noch zur Rechtfertigung anderer etwas beitragen können, dann muss und kann es kein zweistufiges Christentum geben. Sowohl Jesu Angebot der Vergebung als auch sein Ruf zur Nachfolge gilt jedem gleich. Das heißt wiederum, dass die Nachfolge grundsätzlich in jedem Stand praktiziert werden kann, in dem Christen leben – und das ist genau die Perspektive, die Paulus in 1. Korinther 7 voraussetzt und unterstreicht: „Denn der im Herrn berufene Sklave ist ein Freigelassener des Herrn; ebenso ist auch der berufene Freie ein Sklave des Christus“ (7,22).

Drei Thesen

Auf dieser Grundlage betonte Luther immer wieder drei Eckpunkte, wenn er über das Thema lehrte.

Erstens: Es gibt zwei Arten von Berufung, die jeder Christ erlebt. Tatsächlich spricht die Bibel sehr selten von unserem irdischen Stand als „Beruf“ oder „Berufung“. Wenn diese Wörter bzw. das Verb „berufen“ verwendet werden, ist fast immer die Rede von der Berufung zum Christsein. Die Adressaten des Hebräerbriefs zum Beispiel werden angesprochen mit: „ihr heiligen Brüder, die ihr Anteil habt an der himmlischen Berufung“ (Hebr 3,1).

Diese himmlische Berufung ist das, was uns als Gottes Volk grundsätzlich ausmacht. Sie wird in uns wirksam, indem der Heilige Geist uns befähigt, Buße zu tun und an Jesus zu glauben, sodass wir gerechtfertigt werden und Anspruch auf alle Verheißungen Gottes haben: „Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, die er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, die er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht“ (Röm 8,30). Bist du Christ, dann hast du diese Berufung erlebt und sie bestimmt dein ganzes Leben.

Doch nur weil Christen Kinder Gottes geworden sind, werden für sie nicht alle anderen Identitätsmerkmale hinfällig: Sie sind weiterhin Kinder menschlicher Eltern, Staatsbürger, Angehörige einer bestimmten Volksgruppe, Mitarbeiter bzw. Vorgesetzte und vieles mehr. Das sind die „Stände“, in denen sie berufen worden sind und in denen sie auch bleiben sollen (vgl. 1Kor 7,20). Das sind unsere irdischen Berufe, die uns Gott in seiner gnädigen Vorsehung gegeben hat. Weil unsere Beziehungen, Begabungen und Situationen so vielfältig sind, hat jeder von uns nicht nur eine, sondern eine Vielzahl an irdischen Berufungen – unter anderem die, die wir im normalen Sprachgebrauch unseren „Beruf“ nennen.

Zweitens: Da Gott allein den Preis für unsere Erlösung bezahlt hat, erhebt er den Anspruch, über jeden Aspekt unseres Lebens zu herrschen. Er herrscht über unser Innenleben, indem er auf unser Gewissen einwirkt und in unseren Herzen die Liebe zu ihm sowie zu unseren Nächsten hervorruft. Diese Herrschaft sollen wir einfach dankbar anerkennen – wir sind nicht dazu berufen, etwas zu tun, das Gott von uns benötigen würde, oder etwas zu unserer Rettung beizutragen.

Doch er herrscht auch über unser physisches Leben, unsere Beziehungen – tatsächlich über die ganze Welt. In unserem Umfeld gibt es viele Menschen (und andere Geschöpfe), die unsere Werke sehr wohl benötigen. Jesus hat das ganze Gesetz Gottes in den zwei großen Geboten zusammengefasst: Wir sollen Gott von ganzem Herzen lieben und unseren Nächsten wie uns selbst (vgl. Mt 22,37–40). Nächstenliebe muss zwar eine Herzenshaltung sein, darf aber nicht dabei stehenbleiben. Wir Menschen sind körperliche Wesen und Liebe muss spürbar, in physischer Weise, zum Ausdruck kommen. Unsere irdischen Berufe – alle unsere Stände im Leben – sind uns unseren Nächsten zuliebe gegeben.

Drittens und auf diesen Punkt folgend: Unsere irdischen Berufungen sind ein Mittel, durch das Gott in der Welt aktiv am Werk ist. Alles, wofür wir irgendwie verantwortlich sind, ist ein Beruf – nicht nur unsere Arbeitsstelle. Das heißt aber nicht nur, dass es überall Verpflichtungen für uns gibt, sondern auch, dass wir gerade dadurch die Möglichkeit haben, Kanäle zu sein für Gottes Gnade gegenüber jedem Menschen, der in unser Leben tritt.

Im Hinblick auf unsere himmlische Berufung ist es unsere Aufgabe, Gott von ganzem Herzen zu lieben; im Hinblick auf die irdische Berufung, unseren Nächsten wie uns selbst zu lieben. Unser ganzes Leben als Christ muss das Ziel haben, diese beiden Aufgaben miteinander zu vereinen. Genau das machen wir, wenn wir alles zur Ehre Gottes (vgl. 1Kor 10,31), im Namen des Herrn Jesus und für ihn mit Dankbarkeit tun (vgl. Kol 3,17.23). Was wir im Rahmen unserer irdischen Berufungen tun, sind die Werke, „die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen“ (Eph 2,10) – und wenn wir in diesen Dingen treu sind, bietet das einen Vorgeschmack auf das Leben in der künftigen Welt, in der wir Gott ungehindert dienen und ihn uneingeschränkt lieben werden.

Freigelassene des Herrn

In den nächsten Artikeln möchte ich diese Lehre aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten: Was heißt es, unsere Berufungen zu erleben und auszuüben als Menschen, die nach Gottes Bild geschaffen, durch die Sünde verdorben und in Christus erlöst sind? Welche irdischen Berufungen haben alle Menschen gleichermaßen und wie kann uns das helfen, treu in unseren speziellen Berufen zu leben? Was bedeutet dies alles für unser Verständnis von Arbeit und Freizeit?

Jetzt möchte ich aber nur betonen, wie befreiend diese Lehre ist, wenn man sie richtig verstanden hat. Wenn Christen sich Gedanken über Beruf und Berufung machen, ist dies häufig mit Angst und Sorgen verbunden: Gibt es für mich in meinem irdischen Leben nur eine Berufung, die ich eventuell auch verfehlen kann? Welche Ausbildung soll ich machen oder was soll ich studieren? Wen soll ich heiraten? Sind manche Berufe gottgefälliger als andere?

Doch diese reformatorische Lehre zeigt uns, dass wir keine Christen zweiter Klasse sind, wenn wir nicht die „richtige“ Berufung anstreben oder es nicht schaffen, das Geheimnis vom Willen Gottes für unser Leben zu enträtseln. Wir sind Nachfolger Jesu und müssen nichts anderes sein, als das, was wir sind: begnadigte Sünder, die Tag für Tag nach seinem Ebenbild erneuert werden – gleichzeitig aber ganz einzigartige Personen, die aus einer bestimmten Familie und Kultur stammen, besondere Fähigkeiten und Möglichkeiten mitbringen und ganz persönliche Motivationen, Interessen, Wünsche und Verantwortungen haben.

Zudem dürfen wir gewiss sein: Wenn wir nach Neigung, Bedarf und Gelegenheit versuchen, unseren Nächsten in Wort und Tat zu lieben – egal, wie mangelhaft unsere Versuche ausfallen mögen –, hat Gott Wohlgefallen an uns.