Geschichte und Personen

Die Übersetzung der Bibel war sein einziges Verbrechen

Das Leben von William Tyndale

Artikel von John Piper
2. Juli 2026 — 12 Min Lesedauer

Stephen Vaughan war ein englischer Kaufmann. Thomas Cromwell, der Berater des Königs, hatte ihn beauftragt, William Tyndale ausfindig zu machen. Er sollte ihm mitteilen, dass König Heinrich VIII. wünschte, er möge aus seinem Versteck auf dem Kontinent nach England zurückkehren. In einem Brief an Cromwell vom 19. Juni 1531 schrieb Vaughan über Tyndale die einfachen Worte: „Ich stelle fest, dass er immer nur das eine Lied singt.“[1] Und dieses eine Lied lautete: Würde der König von England offiziell eine Bibel in der Volkssprache für alle seine englischen Untertanen genehmigen? Wenn nicht, würde Tyndale nicht kommen. Wenn ja, würde er sich dem König stellen und nie wieder ein Buch schreiben.

Das war die treibende Leidenschaft seines Lebens – dafür zu sorgen, dass die Bibel aus dem Griechischen und Hebräischen ins einfache Englisch übersetzt und für jeden Menschen in England zugänglich wurde.

Was es auch kostet

Heinrich VIII. war verärgert über Tyndale, weil dieser an Martin Luthers Lehren der Reformation glaubte und diese verbreitete. Insbesondere das Buch, das Tyndale als Antwort auf Thomas More geschrieben hatte, ärgerte den König. Thomas More war der Lordkanzler, der Heinrich VIII. dabei geholfen hatte, seine Widerlegung Luthers zu verfassen, die den Titel Assertio Septem Sacramentorum (dt. „Verteidigung der sieben Sakramente“) trug. More war durch und durch katholisch und radikal gegen die Reformation, Luther und Tyndale eingestellt, weshalb Tyndale von More auch heftig kritisiert worden war.

Trotz dieses Zorns des Hohen Gerichtshofs auf Tyndale lautete die Botschaft des Königs, die Vaughan Tyndale überbrachte: „Seine königliche Majestät ist … geneigt zu Gnade, Mitleid und Barmherzigkeit.“[2] Der 37-jährige Tyndale war von diesem Gnadenangebot zu Tränen gerührt. Er lebte bereits seit sieben Jahren im Exil, fernab von seiner Heimat. Dann stimmte er jedoch wieder „das eine Lied“ an: Würde der König eine aus den Originalsprachen übersetzte Bibel in der englischen Volkssprache genehmigen?

Der König lehnte ab – und Tyndale kehrte nie wieder in seine Heimat zurück. Stattdessen beschloss er: Wenn der König und die katholische Kirche dem einfachen Volk keine gedruckte Bibel in englischer Sprache zur Verfügung stellen würden, würde er es tun, auch wenn es ihn das Leben kosten sollte (was es fünf Jahre später auch tat).

Jeder Bauernjunge wird seine Bibel kennen

Im Jahr 1522 war Tyndale 28 Jahre alt und arbeitete im englischen Gloucestershire als Hauslehrer bei John Walsh. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er damit, das griechische Neue Testament von Erasmus zu studieren, das erst sechs Jahre zuvor gedruckt worden war.

An dieser Stelle sollte man kurz innehalten und sich bewusst machen, welch brisantes Ereignis dieses griechische Neue Testament in der Geschichte darstellte. David Daniell beschreibt die Tragweite dieses Ereignisses wie folgt:

„Dies war das erste Mal, dass das griechische Neue Testament gedruckt wurde. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass es Europa in Aufruhr versetzte. Luther übersetzte es in seine berühmte deutsche Fassung von 1522. Innerhalb weniger Jahre erschienen Übersetzungen aus dem Griechischen in die meisten europäischen Volkssprachen. Sie bildeten die eigentliche Grundlage der Reformation im Volk.“[3]

In dem griechischen Neuen Testament erkannte Tyndale (ein ordinierter katholischer Priester) die Wahrheiten der Reformation mit jedem Tag deutlicher und machte sich in dem katholischen Haushalt von John Walsh zunehmend verdächtig. Gelehrte Männer kamen zum Abendessen, und Tyndale sprach über die Dinge, die er im Neuen Testament erkannt hatte. John Foxe berichtet, wie eines Tages ein verärgerter katholischer Gelehrter beim Abendessen mit Tyndale ausrief: „Wir blieben besser ohne das Gesetz Gottes als ohne das des Papstes.“[4]

Daraufhin sprach Tyndale seine berühmten Worte: „Ich trotze dem Papst und all seinen Gesetzen. … Wenn Gott mir mein Leben noch viele Jahre erhält, werde ich dafür sorgen, dass der Bauernjunge hinter dem Pflug mehr über die Heilige Schrift weiß als du.“[5]

Das Crescendo seines Lebensliedes

Vier Jahre später vollendete Tyndale in Worms die englische Übersetzung des griechischen Neuen Testaments und begann, sie – versteckt in Stoffballen – nach England zu schmuggeln. (Hier zeigte sich nun, warum er in Gottes Vorsehung in Gloucestershire, der Grafschaft der Tuchweber, aufgewachsen war.) Im Oktober 1526 war die Bibelübersetzung von Cuthbert Tunstall, dem Bischof von London, verboten worden, doch die Auflage betrug mindestens 3.000 Exemplare. Am Ende gelangten die Bücher unter die Menschen und in den folgenden acht Jahren wurden zudem fünf Raubdrucke gedruckt.

Im Jahr 1534 veröffentlichte Tyndale ein überarbeitetes Neues Testament, nachdem er in der Zwischenzeit (wahrscheinlich in Deutschland) Hebräisch gelernt hatte, was ihm half, die Zusammenhänge zwischen dem Alten und dem Neuen Testament besser zu verstehen. Der Biograph David Daniell bezeichnet dieses Neue Testament von 1534 als „die Krönung seines Lebenswerks“.[6] Wenn Tyndale immer nur „das eine Lied sang“, dann war dies das Crescendo seines Lebensliedes – das vollendete und verfeinerte Neue Testament in englischer Sprache.

Das befreiende Evangelium

Was Tyndale dazu brachte, sein ganzes Leben lang nur „das eine Lied“ zu singen, war die unerschütterliche Überzeugung, dass alle Menschen in der Knechtschaft der Sünde gefangen, blind, tot und verdammt und hilflos waren – und dass Gott in Christus gehandelt hatte, um durch Gnade und Glauben Erlösung zu schenken. Das war die Wahrheit, die hinter den lateinischen Schriften und dem kirchlichen Buß- und Verdienstsystem verloren gegangen war. Die Bibel musste übersetzt werden, um das befreiende, lebensspendende Evangelium bekanntzumachen.

Tyndale erklärte, dass es nur eine Hoffnung auf unsere Befreiung von den Fesseln der Sünde und der ewigen Verdammnis gibt: „Kein Geschöpf kann diese Fesseln lösen; dies vermag allein das Blut Christi.“[7]

„Durch Gnade … werden wir aus Adam, dem Erdgrund alles Bösen, herausgerissen und eingepfropft in Christus, der Wurzel alles Guten. In Christus hat Gott uns – seine Auserwählten – geliebt, noch bevor die Welt begann, und uns ausersehen für die Erkenntnis seines Sohnes und seines heiligen Evangeliums; und wenn uns das Evangelium gepredigt wird, öffnet es unsere Herzen und schenkt uns die Gnade, zu glauben, und legt den Geist Christi in uns; und wir erkennen ihn als unseren barmherzigen Vater und stimmen dem Gesetz zu und lieben es innerlich in unserem Herzen und begehren, es zu erfüllen, und trauern, weil wir es nicht tun.“[8]

Dies ist die Antwort darauf, wie William Tyndale es schaffte, das Neue Testament zu übersetzen und Bücher zu verfassen, die England mit dem reformierten Glauben in Aufruhr versetzten. Wie der versierteste Künstler arbeitete er gewissenhaft und beharrlich an einer fesselnden Übersetzung, und er war zutiefst überzeugt von den großen Wahrheiten des Evangeliums sowie von der Lehre der souveränen Gnade Gottes.

Der Mensch ist verloren, geistlich tot und verdammt. Gott ist souverän, Christus reicht aus. Der Glaube ist alles. Die Übersetzung der Bibel und die Wahrheiten der Bibel waren für Tyndale untrennbar miteinander verbunden. Letztlich war es die Wahrheit – insbesondere die Wahrheit von der Rechtfertigung durch den Glauben allein –, die in Großbritannien das Feuer der Reformation entfachte und diesem Bibelübersetzer schließlich selbst das Todesurteil brachte.

Brennen für die Bibel

Für uns ist es heute kaum noch vorstellbar, wie erbittert sich die katholische Kirche gegen die Übersetzung der Bibel ins Englische gewehrt hat. Tyndale war 1524 aus London auf den europäischen Kontinent geflohen, wo er Zeuge einer zunehmenden Welle der Verfolgung wurde. Er litt darunter, mit ansehen zu müssen, wie junge Männer, die durch die Lektüre seiner Übersetzung und seiner Bücher zum Glauben gekommen waren, bei lebendigem Leib verbrannt wurden.

Sein engster Freund, John Frith, wurde in London verhaftet, von Thomas More vor Gericht gestellt und am 4. Juli 1531 im Alter von 28 Jahren lebendig verbrannt. Richard Bayfield organisierte die Schiffsüberfahrten, die Tyndales Bücher nach England brachten. Er wurde verraten und verhaftet. Am 4. Dezember 1531 schrieb More, dass Bayfield, „der Mönch und Abtrünnige, in Smythfelde zu Recht und ordnungsgemäß verbrannt“ wurde.[9]

Drei Wochen später ereilte John Tewkesbury dasselbe Schicksal. Er war durch die Lektüre von Tyndales The Parable of the Wicked Mammon (dt. „Das Gleichnis vom bösen Mammon“) bekehrt worden, das die Rechtfertigung allein durch den Glauben verteidigte. Er wurde in Mores Garten ausgepeitscht und man drückte ihm mit kleinen Seilen die Stirn zusammen, bis ihm Blut aus den Augen lief. Dann wurde er in den Tower gebracht, wo man ihn auf der Streckbank quälte, bis er lahm wurde. Schließlich verbrannten sie ihn bei lebendigem Leib. More „freute sich, dass sein Opfer nun in der Hölle war, wo Tyndale ‚ihn wohl finden wird, wenn sie dort zusammenkommen‘“.[10]

Vier Monate später, im April 1532, folgte ihm James Bainham ins Feuer. Er war während der Messe in der St. Augustine’s Church in London aufgestanden, hatte ein Exemplar von Tyndales Neuem Testament hochgehalten und die Menschen angefleht, lieber zu sterben, als das Wort Gottes zu verleugnen. Damit hatte er praktisch sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Hinzu kamen Thomas Bilney, Thomas Dusgate, John Bent, Thomas Harding, Andrew Hewet, Elizabeth Barton und andere, die alle lebendig verbrannt wurden, weil sie die Ansichten von William Tyndale über die Bibel und den reformierten Glauben teilten.

Tyndale auf der Flucht

Was kostete es Tyndale, angesichts dieser feindseligen Umstände seiner Berufung als Bibelübersetzer und Verfasser reformierter Glaubensschriften treu zu bleiben?

Er floh 1524 aus seiner Heimat und wurde 1536 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Einen Einblick in diese zwölf Jahre auf der Flucht in Deutschland und den Niederlanden gewährt uns eine der wenigen persönlichen Schilderungen, die uns (in einem Brief von Stephen Vaughan aus dem Jahr 1531, in dem er Tyndale zitiert) erhalten geblieben sind. In dem zitierten Schreiben erwähnt Tyndale:

„… meine Schmerzen … meine Armut … mein Exil aus meiner Heimat und die bittere Trennung von meinen Freunden … mein Hunger, mein Durst, meine Kälte, die große Gefahr, von der ich überall umgeben bin, und schließlich … unzählige andere harte und heftige Kämpfe, die ich erdulde.“[11]

All diese Leiden erreichten am 21. Mai 1535 ihren Höhepunkt, als Tyndale sich inmitten seiner Übersetzungsarbeiten am Alten Testament befand. In den Worten von Daniell lässt sich etwas von der Hässlichkeit der Geschehnisse nachempfinden: „Bosheit, Selbstmitleid, Niedertracht und Betrug drohten, alles zu zerstören. Diese Übel kamen in Gestalt eines ausgesprochen üblen Engländers, Henry Philips, völlig ungebeten ins Englische Haus [in Antwerpen]“.[12] Philips hatte sich über einige Monate hinweg Tyndales Vertrauen erschlichen und ihn dann an die Behörden verraten, die ihn in der Burg Vilvorde, zehn Kilometer nördlich von Brüssel, einsperrten. Hier verbrachte Tyndale die letzten achtzehn Monate seines Lebens.

Der Preis der Verbreitung des Evangeliums

Tyndales Urteil wurde im August 1536 gefällt. Er wurde offiziell als Ketzer verurteilt und aus dem Priesteramt entlassen. Anfang Oktober (nach der Tradition am 6. Oktober) wurde er an den Scheiterhaufen gebunden, vom Scharfrichter erdrosselt und anschließend vom Feuer verzehrt. John Foxe berichtet, dass seine letzten Worte lauteten: „Herr, öffne die Augen des Königs von England!“[13] Er war 42 Jahre alt, war nie verheiratet und wurde nie beigesetzt.

Seine abschließenden Worte an uns gehen klar aus seinem Leben und seinen Schriften hervor. Dem Ruf Gottes zu folgen, um die Verbreitung seines rettenden Evangeliums voranzutreiben, ist oft mit hohen Opfern verbunden. Ich lasse ihn mit seinen eigenen Worten aus seiner Schrift The Obedience of a Christian Man (dt. „Der Gehorsam eines Christenmenschen“) zu Wort kommen:

„Wenn Gott Reichtum verspricht, ist der Weg dorthin Armut. Wen er liebt, den züchtigt er; wen er erhöht, den schlägt er nieder; wen er rettet, den verdammt er zuvor; er bringt keinen Menschen in den Himmel, ohne ihn zuvor in die Hölle zu schicken. Wenn er Leben verspricht, tötet er es zuvor; wenn er baut, reißt er zuvor alles nieder. Er ist kein Flicker; er kann nicht auf dem Fundament eines anderen bauen. Er wird nicht wirken, bis alles unheilbar ist und in einen solchen Zustand versetzt wurde, dass die Menschen sehen können, wie seine Hand, seine Macht, seine Barmherzigkeit und seine Güte und Wahrheit alles gemeinsam gewirkt haben. Er teilt sein Lob und seine Herrlichkeit mit keinem Menschen.“[14]

Mögen Tyndales letzte Worte an uns jene sein, die er John Frith, seinem besten Freund, in einem Brief schrieb, kurz bevor dieser wegen seines Glaubens an die Wahrheit der Bibel und wegen seiner Verkündigung dieser Wahrheit lebendig verbrannt wurde:

„Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns hingegeben hat; darum sollen auch wir unser Leben für die Brüder hingeben. … Lass deinen Körper nicht verzagen. … Wenn der Schmerz deine Kräfte übersteigt, denk daran: Was ihr auch in meinem Namen bittet, das werde ich euch geben. Und bete zu unserem Vater in diesem Namen, und er wird deinen Schmerz lindern oder verkürzen. … Amen.“[15]

1 David Daniell, William Tyndale: A Biography, New Haven: Yale University Press, 1994, S. 217.

2 Ebd., S. 216.

3 David Daniell (Hrsg.), William Tyndale: Selected Writings, Manchester: Fyfield Books, 2003, S. ix.

4 John Foxe, „William Tyndale“, The Exclassics Web Site, online unter: https://www.exclassics.com/foxe/foxe185.htm (Stand: 28.04.2026).

5 Daniell, William Tyndale, S. 79.

6 Ebd., S. 316.

7 Tyndale, Selected Writings, S. 40.

8 Ebd., S. 37.

9 Brian Moynahan, God’s Bestseller: William Tyndale, Thomas More, and the Writing of the English Bible – A Story of Martyrdom and Betrayal, New York: St. Martin’s Press, 2003, S. 260.

10 Ebd., S. 261.

11 Daniell, William Tyndale, S. 213.

12 Ebd., S. 361.

13 Foxe, „William Tyndale“.

14 William Tyndale, „The Obedience of a Christian Man“, in: The Works of William Tyndale, Bd. 1, Edinburgh: Banner of Truth Trust, 2010, S. 135–136.

15 Foxe, „William Tyndale“.