Leben als Christ

Mit Freude alt werden

Artikel von John Piper
1. Juli 2026 — 7 Min Lesedauer

Was sagen wir einem Menschen, der sich davor fürchtet, alt zu werden?

Beginnen wir mit Abraham. In Hebräer 11,8 heißt es: „Durch Glauben gehorchte Abraham, als er berufen wurde, nach dem Ort auszuziehen, den er als Erbteil empfangen sollte; und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er kommen werde.“

Wir wissen nicht, ob wir am Tag unseres Todes allein sein werden, ohne geliebte Menschen um uns herum. Wir wissen nicht, ob wir bis dahin bereits so stark abgebaut haben werden, dass wir keinen Beruf mehr ausüben können. Wir wissen nicht, ob es ein Moment großen Leidens und großer Schmerzen sein wird. Wir wissen nicht, ob wir in unserem Glauben ruhen oder vom Feind heftig angegriffen werden. Wir wissen nicht, ob unsere finanziellen Mittel aufgebraucht sein werden oder ob vielleicht eine Wirtschaftskrise unsere Ressourcen vernichtet haben wird. Wir wissen nicht, ob uns eine Demenzerkrankung unserer Erinnerungen berauben wird, und wir uns womöglich nicht einmal mehr an auswendig gelernte Bibelverse werden erinnern können. Wir wissen nicht, wie alt wir sein oder wo wir leben werden, ob es plötzlich geschehen oder ein langwieriger Prozess sein wird.

Durch unbekanntes Terrain

Von dem Moment unserer Geburt bis zu unserem Tod wandeln wir durch unbekanntes Terrain. Ganz gleich, wie viele Vorkehrungen wir treffen, um uns ein Gefühl von Sicherheit zu verschaffen – es gibt keine Sicherheit. Nicht in dieser Welt.

Was machen wir daraus? Wie können wir uns mit Freude, Würde und Hoffnung auf das Unbekannte einlassen, das vor uns liegt? Das ist die Frage, um die es geht. Um es vorwegzunehmen: Ich bin mir nicht sicher, ob wir es überhaupt mit Würde schaffen können.

Freude inmitten von Leid

Schauen wir uns an, was der Apostel Paulus über den Körper, der dem Tod entgegengeht, zu sagen hat. Er beschreibt ihn als einen Samen, der in die Erde gesät wird: „Es wird gesät in Verweslichkeit und auferweckt in Unverweslichkeit; es wird gesät in Unehre und wird auferweckt in Herrlichkeit; es wird gesät in Schwachheit und wird auferweckt in Kraft“ (1Kor 15,42–43).

Ich möchte das einmal paraphrasieren, also die Wörter „Verweslichkeit“, „Unehre“ und „Schwachheit“ umschreiben. Verweslichkeit: verrottend wie schimmelbefallenes Obst in einem warmen Kühlschrank. Unehre: würdelos und erbärmlich, wie ein alter Mann, der sich in Embryonalstellung zusammenrollt und sich in die Windel macht. Schwachheit: hilflos, in allem völlig von anderen abhängig. Das ist Paulus’ Bild vom typischen Sterbeprozess seiner Zeit, welches auch in unserer heutigen Zeit noch weitverbreitet ist.

Wir haben in der Bibel keine Verheißung, dass das christliche Leben anders enden wird. Es endet in Verwesung und Unehre, würdelos und schwach. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir bitter und freudlos werden müssen. Unsere Würde müssen wir vielleicht abgeben, aber die Freude an Jesus, die Freude an der Hoffnung, die Freude inmitten von Leiden – das sind Dinge, für die wir bis zum Ende kämpfen können.

  • „Ich fließe über von Freude bei all unserer Bedrängnis“ (2Kor 7,4).
  • „Als Betrübte, aber immer fröhlich“ (2Kor 6,10).
  • „Wir rühmen uns auch in den Bedrängnissen“ (Röm 5,3).
  • „Meine Brüder, achtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen geratet“ (Jak 1,2).
  • „Darum habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Misshandlungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten“ (2Kor 12,10).
  • „Denn ihr hattet … den Raub eurer Güter mit Freuden hingenommen“ (Hebr 10,34).

Wir könnten noch viele weitere Texte über die Freude im Leiden anführen. Unsere Würde können wir vielleicht nicht erhalten, aber in all unseren unehrenhaften Schwachheiten sollten wir uns dadurch auszeichnen, dass wir den guten Kampf um die Freude bis zum Ende kämpfen, damit wir mit dem Apostel Paulus ausrufen können: Bei all meinen Bedrängnissen (des Alters) fließe ich über von Freude (vgl. 2Kor 7,4).

Gestützt auf Gottes Verheißungen

Wie machen wir das? Genauso, wie wir es bisher getan haben, genauso, wie wir den Kampf um die Freude die ganze Zeit über geführt haben: Wir leben im Glauben an die zukünftige Gnade. Anders ausgedrückt: Wir wachen jeden Morgen auf, steigen aus dem Bett und stützen uns neu auf die Verheißungen Gottes – sie sind das Schwert des Geistes, mit dem wir die Sünden des Unglaubens abtöten. Das Vertrauen auf Gottes Verheißungen ist der Schild des Glaubens, mit dem wir die feurigen Pfeile der Freudlosigkeit auslöschen können.

Wenn also der feurige Pfeil der Einsamkeit unsere Freude bedroht, löschen wir ihn mit diesen Verheißungen:

  • „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit!“ (Mt 28,20).
  • „Er wird dich nicht aufgeben, noch dich verlassen!“ (5Mose 31,6).
  • „So können wir nun zuversichtlich sagen: ‚Der Herr ist mein Helfer, und deshalb fürchte ich mich nicht vor dem, was ein Mensch mir antun könnte‘“ (Hebr 13,6).

Wenn uns die Angst vor der eigenen Nutzlosigkeit überfällt, wehren wir diesen Pfeil mit der Verheißung ab, dass selbst das kleinste Gute, das wir tun – und sei es nur ein geflüstertes Gebet auf unserem Sterbebett –, im Himmel nicht vergessen, sondern vom Herrn belohnt wird (vgl. Eph 6,8).

Wenn uns der Gedanke bedrängt, dass der schmerzhafte Verlust unserer Fähigkeiten, Kraft und Schönheit völlig sinn- und bedeutungslos ist, wehren wir diesen Pfeil mit folgender Verheißung ab: Das Zugrundegehen unseres äußeren Menschen verschafft uns in Wirklichkeit „eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit“ (2Kor 4,17). Es ist nicht sinnlos.

Wenn uns die Angst bedrängt, unser Glaube könne versagen, wehren wir diesen Pfeil mit der Verheißung ab, „dass der, welcher in euch ein gutes Werk angefangen hat, es auch vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi“ (Phil 1,6). Er hat dich ergriffen, und deshalb kannst du dich an ihm festhalten. Nicht du machst den ersten Schritt, sondern er. „Christus hält mich fest. Christus hält mich fest. Mein Erlöser liebt mich sehr, Christus hält mich fest.“

Und so reiht sich Verheißung an Verheißung – passend für jeden feurigen Pfeil, den der Teufel auf uns abschießt. So kämpfen wir den Kampf um die Freude durch alle Erniedrigungen des Alterns hindurch.

Tägliche Nähe

Mein lieber (alternder) Freund: Ich bin achtzig Jahre alt, und wenn man achtzig ist, bedeutet das, dass man sich bereits in seinem einundachtzigsten Lebensjahr befindet. Für mich ist dieses Thema also von ganz praktischer Bedeutung.

Lasst uns eine Nähe zu Gott pflegen. Lasst uns den Herrn stets vor Augen haben (vgl. Ps 16,8). Lasst uns jeden Tag aufs Neue in die Bibel schauen und so den Anblick seiner Herrlichkeit in den Mittelpunkt rücken. Lasst uns jeden Tag aus dem Strom seiner Wonne trinken, den er uns so gern schenken möchte (vgl. Ps 36,9). Erinnern wir uns jeden Tag daran, dass er ein Schatz ist, der größer ist als alles, was diese Welt zu bieten hat (vgl. Mt 13,44). Beantworten wir seine Frage an Petrus – „Hast du mich lieb?“ (Joh 21,17) –, indem wir es laut aussprechen: „Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich, Jesus.“ Lasst uns jede Sünde abtöten und unser Herz reinhalten. „Glückselig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!“ (Mt 5,8).

Und solange wir können, solange wir noch in der Lage dazu sind, lasst uns anderen helfen, dasselbe zu tun. Das bedeutet es, Gott zu kennen.