Hat sich Calvins Lehre vom Widerstand gewandelt?
1 Einleitung
In den späten 1550er-Jahren kam es zu einer zunehmenden Verfolgung und einem damit einhergehenden Wachstum des französischen Protestantismus. Das unter der Herrschaft von Heinrich II. (1547–1559) erlassene Edikt von Châteaubriand (1551) verbot alle protestantischen Bücher, worunter auch die aus Genf fielen. Das Edikt zielte außerdem darauf ab, die strafrechtliche Verfolgung von Protestanten voranzutreiben.[1] Bis zum Jahr 1555 gab es jedoch bereits viele französische protestantische Gemeinden, die sich in Privathäusern versammelten und zu denen auch viele Adelige gehörten. Als Reaktion darauf erließ Heinrich II. das Edikt von Compiègne (1557), wonach es Richtern untersagt war, gegenüber zum Tode verurteilten Protestanten Nachsicht zu üben.[2] Davon unbeirrt versammelten sich 1558 viele Protestanten am linken Seineufer in der Nähe von Notre-Dame zu einer Reihe von Zusammenkünften, bei denen sie Psalmen sangen.[3] Im Jahr 1559 gab es in Frankreich mindestens neunundfünfzig protestantische Gemeinden.[4]
Zwei Ereignisse in den Jahren 1559 und 1560 setzten jene Entwicklungen in Gang, die 1562 zum Ausbruch des Ersten Hugenottenkriegs führten. Zunächst starb Heinrich II. im Juli 1559. Im Alter von nur fünfzehn Jahren bestieg Franz II. den Thron, was dazu führte, dass die französische Monarchie fortan unter der Vormundschaftsregierung seiner Mutter stand, Katharina von Medici. Sie war entschlossen, den Protestantismus auszurotten.[5] Es dauerte nicht lange, bis sich die ohnehin schon schwere Verfolgung weiter verschärfte. Im Jahr 1559 schnitten die französischen Behörden hartnäckigen Protestanten die Zunge heraus, um öffentliche Glaubensbezeugungen vor der Hinrichtung zu verhindern.[6]
Zweitens begannen einige Protestanten angesichts der sich verschärfenden Verfolgung zu erwägen, ob es an der Zeit sei, sich über Calvins Aufruf zur Geduld und Erduldung der Schwierigkeiten hinwegzusetzen. Diese Überlegungen gipfelten schließlich im März 1560 in der sogenannten Verschwörung von Amboise. Die Verschwörung war der Plan von Seigneur de La Renaudie, einem jungen Adligen, der vorhatte, Franz II. gefangen zu nehmen und die Regenten zu töten. Calvin war mit dem Plan vertraut, lehnte ihn jedoch entschieden ab, da er Widerstand gegen die Krone nur durch einen „Prinzen von Geblüt“ befürwortete, also einen Prinzen, der als rechtmäßiger Thronfolger fungieren könnte. Die Verschwörung wurde jedoch dennoch durchgeführt – mit dem Ergebnis, dass die Gruppe von etwa 1.200 Verschwörern von der Armee des Königs besiegt wurde.[7]
Einige Gelehrte argumentieren, die Verschwörung (die Calvin von Anfang an abgelehnt hatte) sowie die darauffolgende sich weiter verschärfende Verfolgung hätten den Reformator und andere dazu veranlasst, eine größere Offenheit gegenüber einem Widerstand gegen Tyrannei zu entwickeln.[8] Insbesondere Calvins kategorische Ablehnung eines Volkswiderstands sei abgeschwächt worden, was dazu geführt habe, dass Privatpersonen nun die Erlaubnis erhielten, sich an einem Volkswiderstand zu beteiligen. John Locke sollte bekanntlich diese Position ein Jahrhundert später in seinen Zwei Abhandlungen über die Regierung verteidigen.
Eine genaue Untersuchung von Calvins Schriften ab den späten 1550er-Jahren zeigt jedoch eine grundsätzliche Kontinuität zu seinen früheren Ansichten. Insbesondere Calvins Vorlesungen über den Propheten Daniel verdeutlichen diese Kontinuität, ebenso wie seine persönlichen Briefe aus den späten 1550er- und frühen 1560er-Jahren. In Calvins bekanntesten Aussagen zum Widerstand gegen die weltliche Obrigkeit in der Institutio betont er unmissverständlich die Notwendigkeit der Unterordnung des Einzelnen unter die Obrigkeit in allen Fällen, außer wenn ein solcher Gehorsam einen zur Sünde zwingen würde. Das einzige Mittel gegen Tyrannei (abgesehen vom Gebet um Gottes vorsehendes Eingreifen) besteht darin, dass untergeordnete Volksbehörden einem König Widerstand leisten dürfen, um den ungerechten Machtmissbrauch zu stoppen. Calvins Vorlesungen über den Propheten Daniel, seine persönlichen Briefe in den letzten Jahren seines Lebens sowie andere Schriften zeigen keinen wesentlichen Unterschied zu der Position, die er in der Institutio vertritt.
Es sollte nicht überraschen, dass sich Calvins Haltung zum zivilen Widerstand im Laufe seines Lebens nicht wesentlich verändert hat. Betrachtet man sie im Kontext seines umfassenderen theologischen Denkens, hätte jede Änderung in Calvins Haltung zum Widerstand eine Änderung seiner Haltung zu anderen grundlegenderen Ideen und Konzepten erfordert. Insbesondere seine Sicht der göttlichen Vorsehung, seine Auffassung vom Pilgerstatus des Christen in dieser Welt und seine Sicht der Heiligung im christlichen Leben prägten seine Lehre vom Widerstand. So wie sich Calvins Haltung zum Widerstand nicht änderte, blieb auch seine Haltung zu diesen stärker theologischen Themen konsistent. Tatsächlich kann man seine Widerstandstheorie nicht richtig verstehen, ohne ihre theologische Grundlage zu berücksichtigen.
Um die These zu untermauern, dass Calvins Haltung zum Thema Widerstand in seinen letzten Lebensjahren mit der Position übereinstimmte, die er in der Institutio dargelegt hatte, erläutere ich in diesem Artikel zunächst seinen Standpunkt in der Institutio. Anschließend befasse ich mich mit Calvins Vorlesungen über den Propheten Daniel, die eher eine Kontinuität als eine Diskontinuität zur Institutio erkennen lassen. Abschließend werde ich Calvins Briefe sowie einige Kommentare aus den 1550er- und 1560er-Jahren untersuchen.
2 Die (Nicht-)Widerstandslehre in Calvins Institutio
Calvins Lehre vom Widerstand findet sich im letzten Kapitel der Institutio (Buch IV, Kapitel 20) und steht im Einklang mit den theologischen Überlegungen, die bereits an früherer Stelle des Werkes dargelegt wurden. Kurz: Calvins Lehre vom Widerstand besagt, dass staatliche Amtsträger Diener Gottes sind, deren Aufgabe es ist, das Gute zu fördern und das Böse zu bestrafen (vgl. Röm 13); deshalb müssen die Menschen der weltlichen Obrigkeit gehorchen. Die weltliche Obrigkeit erhält ihre Autorität von Gott; anstatt eine moderne, aufklärerische Vorstellung von der Souveränität des Volkes zu bekräftigen, spricht Calvin sich stattdessen für die Souveränität Gottes aus. Es ist Gott, der der weltlichen Obrigkeit die Autorität über Leben und Tod verleiht, und er tut dies seiner Vorsehung entsprechend, durch die er über alle Dinge herrscht. Nicht der Mensch, sondern Gott ist derjenige, der „durch seine besondere Wirksamkeit … die Königreiche verteilt und die Könige einsetzt, die er will“.[9]
Man könnte fragen, ob man auch den Anordnungen eines ungerechten Fürsten gehorchen muss. Calvins Antwort ist eindeutig: Man muss nicht nur der Herrschaft rechtschaffener Fürsten untertänig sein, „sondern vielmehr aller, die im Regiment sitzen, sie mögen es nun führen, wie sie wollen, ja selbst, wenn sie nichts weniger leisten, als was die Pflicht der Fürsten gebietet“.[10] Er räumt ein, dass dies „dem menschlichen Verstande nicht gar so schnell eingeht“,[11] hält es aber für klar, dass die Bibel (etwa in Römer 13,1–2 und 1. Timotheus 2,1–2) diese Unterordnung lehrt.
Einige Punkte im letzten Kapitel der Institutio könnten jedoch dazu beitragen, diese (harte) Lehre „verdaulicher“ zu machen. Der erste basiert auf Calvins Lehre von der Vorsehung: Wenn ein Christ von einem Tyrannen verfolgt wird, können wir angesichts der Tatsachen, dass selbst Tyrannen durch Gottes Vorsehung ins Amt gelangen und Gott seine Kinder liebt und sie durch Prüfungen heiligt, getrost zu dem Schluss kommen, dass Gott beabsichtigt, durch solche Tyrannei größere Heiligkeit in seinem Volk hervorzubringen.[12] Gottes Fürsorge für sein Volk wird nicht „unterbrochen“, wenn es unter Unterdrückung leidet; vielmehr scheint solche Unterdrückung als Beweis seiner liebevollen Fürsorge zu dienen.
Zweitens: Die Pflicht, selbst Tyrannen gehorsam zu sein, gilt nur für „Privatpersonen“, die sich nicht in öffentliche Angelegenheiten einmischen dürfen.[13] Das Gebot, „zu gehorchen und zu leiden“, gilt nicht für bestimmte untergeordnete Volksbehörden, die ebenfalls legitime öffentliche Gewalt ausüben und deren Aufgabe es ist, die Tyrannei einzudämmen und „die Freiheit des Volkes“ zu schützen. In der Antike gab es solche Amtsträger, zum Beispiel die spartanischen Ephoren oder die römischen Konsuln. Calvin fügt hinzu, dass diese Beispiele aus der Antike im 16. Jahrhundert immer noch relevant sein könnten: „Diese Gewalt besitzen, wie die Dinge heute liegen, vielleicht auch die drei Stände in den einzelnen Königreichen, wenn sie ihre wichtigsten Versammlungen halten.“[14] In einem anderen Kapitel verbindet Calvin diese Einschränkung des Widerstands gegen diejenigen, die legitime öffentliche Autorität ausüben, mit seiner Lehre der Bedeutung des Berufs für die Lebensführung: „So gilt es … als die herrlichste aller Taten, wenn einer sein Vaterland von der Tyrannis befreit. Das Wort des himmlischen Richters dagegen spricht gegen den, der als Privatmann die Hand gegen einen Tyrannen erhoben hat, ein klares Verdammungsurteil.“[15]
Wenn aber die Befugnis und Pflicht, die Macht von Tyrannen einzudämmen, nur solchen öffentlichen untergeordneten Volksbehörden zusteht, was ist dann mit bestimmten alttestamentlichen Gestalten (wie Mose oder Otniel), die das Volk Gottes aus der Unterdrückung befreiten und doch offenbar keine anerkannte öffentliche Autorität besaßen? Nach Calvin widersprechen solche Befreiungen nicht dem allgemeingültigen Gebot für Privatpersonen, sich der staatlichen Obrigkeit zu unterwerfen, da jene Befreier „durch eine rechtmäßige Berufung Gottes“ mit einer Macht ausgestattet waren, die höher war als die der Könige.[16] Solange im 16. Jahrhundert keine Privatperson einen solchen außergewöhnlichen Auftrag direkt aus dem Munde Gottes erhält, gilt die allgemeine Regel, dass die Berufung einer Privatperson darin besteht, zu gehorchen.
Drittens: Sollten solche untergeordnete Volksbehörden ihrer Pflicht, die Macht eines Tyrannen zu zügeln, nicht nachkommen, darf man nicht vergessen, dass dieselbe göttliche Vorsehung, die den politischen Herrscher eingesetzt hat, auch weiterhin die Autorität und Macht besitzt, ihn zu stürzen. Es kommt oft vor, dass Gott durch seine Vorsehung „das auf manch ungerechte Weise unterdrückte Volk aus seiner elenden Qual“ befreit.[17]
Zuletzt: Bei dem Gebot, zu gehorchen, handelt es sich nicht um ein allgemeingültiges Gebot. Wenn weltliche Obrigkeiten etwas befehlen, das mit dem Gehorsam gegenüber Gott unvereinbar ist, muss man Gott mehr gehorchen als den Menschen (vgl. Apg 5,29). Anders gesagt: Wenn die weltliche Obrigkeit etwas befiehlt, dessen Befolgung einer Sünde gleichkäme, darf man der weltlichen Obrigkeit nicht gehorchen.[18]
All dies steht im Einklang mit – und ist sogar abhängig von – früheren Abschnitten der Institutio. Von besonderer Bedeutung ist dabei Calvins Erörterung der Lehre von der Vorsehung im ersten Buch. Dort erklärte er, dass „die Schrift lehrt, es werde alles von Gott angeordnet“; außerdem will Gott zeigen, „wie er für das ganze Menschengeschlecht sorgt, wie er aber besonders über der Regierung der Kirche wacht“. Eine Anwendung, die der Christ aus der Lehre von der Vorsehung ziehen sollte, besteht darin, sich daran zu erinnern, dass Gott alle Ereignisse vorsehungsmäßig lenkt, „um die Seinen zur Geduld zu erziehen, oder um ihre bösen Neigungen zu bessern und ihre Geilheit zu zähmen, oder um sie zur Selbstverleugnung zu bringen, oder um sie aus dem Schlaf zu erwecken“.[19] Kurz: Calvin war überzeugt, dass Gott in seiner Vorsehung sein Volk bewusst in Schwierigkeiten bringen kann, um es zu heiligen.
Der Christ kann also Trost in der Not finden (auch in der Not weltlicher Unterdrückung), denn er weiß, dass sein Gott solche Bedrängnisse nutzen möchte, um größere Heiligkeit in ihm hervorzubringen. Der Christ kann jedoch auch Trost darin finden, dass Gott seinem Volk durch seine Vorsehung zu jeder Zeit Erleichterung gewähren kann. Dieselben Vorsehungsbeschlüsse Gottes, die Not in größere Heiligkeit verwandeln, erinnern den Christen daran, dass Gott über genügend Macht verfügt, um sicherzustellen, dass nichts geschieht, „was ihm nicht zum Guten und zum Heil gereicht“.[20]
Calvins Widerstandsverständnis hängt auch von der Ewigkeitsperspektive ab, die Teil seiner Sicht auf das christliche Leben ist. Wenngleich das Leben bald enden wird, sucht der Mensch dennoch von Natur aus Trost in dieser Welt, allerdings zu Unrecht: „Denn wenn der Himmel unsere Heimat ist, was ist dann die Erde anders als Verbannung?“[21] Vielmehr lehrt der Herr, „daß dieses gegenwärtige Leben für die Seinen gewissermaßen eine Wanderschaft ist, auf der sie zum Himmelreich streben“.[22] Ohne die Dankbarkeit für die zeitlichen Güter zu vernachlässigen, die Gott in seiner Vorsehung bereitstellt,[23] sollte der Christ stets seine ewige Heimat im Blick behalten, in der er bald ankommen wird. In einem Kapitel mit dem Titel „Vom Trachten nach dem zukünftigen Leben“ erklärt Calvin, dass der Herr „die Seinen durch fortgesetzte Beweise des Elendes über die Eitelkeit des gegenwärtigen Lebens [belehrt]. Damit sie sich also von diesem Leben keinen ungestörten, sicheren Frieden versprechen, läßt er es zu, daß sie oft von Krieg oder Aufruhr oder Räuberei oder anderem Frevel beunruhigt und angefochten werden.“[24] Der Mensch sucht von Natur aus sein Glück in dieser Welt, und Christen bilden dabei keine Ausnahme.
Zusammenfassend kann gesagt werden: Um den Blick seiner Kinder über diese Welt hinaus auf ihre wahre Heimat zu erheben, lässt Gott in seiner Vorsehung Prüfungen in ihr Leben treten: „Das ganze Volk der Gläubigen gleicht, solange es auf dieser Erde wohnt, notwendig den Schafen, die zur Schlachtbank geführt werden; denn es muß Christus, seinem Haupte, gleichgestaltet werden (Röm 8, 36). Die Gläubigen wären also die trostlosesten unter allen Menschen, wenn sie ihr Herz nicht zum Himmel erhöben und dadurch all das, was in dieser Welt ist, überwänden und die gegenwärtige Gestalt der Dinge hinter sich ließen.“[25]
3 Calvins Vorlesungen über den Propheten Daniel
Die letzte und damit endgültige Ausgabe von Calvins Institutio erschien 1559. Das Vorangehende legt nahe, dass Calvin bis 1559 seine grundlegende Lehre nicht wesentlich geändert hatte, wonach sich Privatpersonen im Allgemeinen der staatlichen Obrigkeit unterwerfen müssen und das Recht auf Widerstand bestimmten untergeordneten Volksbehörden vorbehalten ist. Calvin verfasste und hielt seine Vorlesungen über den Propheten Daniel im Jahr 1561 während der derweil andauernden Hugenottenverfolgung. Die Vorlesungen scheinen auf den ersten Blick eine Art proto-Locke’sche Widerstandstheorie nahezulegen, die von seiner Widerstandslehre in der Institutio in wichtigen Punkten abweicht. Die entscheidende Stelle, die manchmal zur Untermauerung dieser These angeführt wird, findet sich in Calvins Kommentar zu Daniel 6.[26]
In diesem Kapitel erlässt König Darius den Befehl, „wonach jeder, der innerhalb von 30 Tagen irgendeine Bitte an irgendeinen Gott oder Menschen richtet“, außer an Darius, „in die Löwengrube geworfen werden soll“ (Dan 6,8). Unbeeindruckt davon öffnete Daniel – an dem „keine Schuld oder irgendetwas Nachteiliges“ zu finden war (6,4) – die Fenster seiner Kammer in Richtung Jerusalem und „fiel dreimal am Tag auf die Knie nieder und betete und dankte vor seinem Gott, ganz wie er es zuvor immer getan hatte“ (6,11). Daniel wird daraufhin für eine Nacht in eine Löwengrube geworfen (vgl. 6,17), doch die Löwen können ihm nichts anhaben. Danach wird Daniel aus der Grube befreit (vgl. 6,24) und verkündet vor Gott und König Darius, dass „meine Unschuld offenbar war“ (6,22).
Calvin bemerkt zu diesen berühmten Ereignissen: „Daniel verteidigt sich hier zu Recht, da er kein Verbrechen gegen den König begangen hatte; denn er war gezwungen, dem Befehl Gottes zu gehorchen, und missachtete daher das, was der König im Widerspruch dazu angeordnet hatte.“[27] Er fährt in einem Ton fort, den manche Gelehrte als revolutionär einstufen: „Denn irdische Fürsten legen all ihre Macht ab, wenn sie sich gegen Gott erheben, und sind es nicht wert, zur Menschheit gezählt zu werden. Wir sollten, anstatt ihnen zu gehorchen, ihnen vielmehr völlig trotzen, wann immer sie so aufmüpfig sind und Gott seiner Rechte berauben und sozusagen seinen Thron an sich reißen und ihn vom Himmel herabziehen wollen.“[28]
Diese Aussagen könnten als Aufruf zu einem Volkswiderstand ausgelegt werden, aber sowohl die Worte Calvins als auch die Ereignisse im Buch Daniel deuten in eine andere Richtung. Betrachten wir zunächst Calvins Wortwahl: Die Sprache in den Vorlesungen entspricht der Sprache und den Formulierungen, die er im letzten Kapitel der Institutio verwendet, wo er am Beispiel von Daniel und König Darius erläutert, warum der Christ dem Befehl eines Fürsten nicht gehorchen darf, dessen Befolgung eine Sünde darstellen würde. Calvin schreibt dort: „Denn der König war über seine Grenzen hinausgegangen und hatte nicht nur den Menschen Unrecht getan, sondern gar die Hörner gegen Gott erhoben und sich dadurch selbst seiner Gewalt entsetzt.“[29] Dies ist natürlich eine starke Sprache, die auf den ersten Blick vielleicht eher in Lockes Zweiter Abhandlung oder in der Unabhängigkeitserklärung zu Hause zu sein scheint als in einem theologischen Kommentar, verfasst von jemandem, der den bereitwilligen Gehorsam verteidigte.
Es ist jedoch wichtig festzuhalten, dass Calvin an dieser Stelle keineswegs zu organisiertem Widerstand irgendeiner Art aufruft; vielmehr forderte er zum Ungehorsam gegenüber bestimmten Erlassen oder Gesetzen auf, und das letzte Kapitel der Institutio enthält keinen Einwand gegen die Vorstellung, dass man die für einen solchen Ungehorsam verhängte Strafe (in diesem Fall: in eine Löwengrube geworfen zu werden) auf sich nehmen solle. Stattdessen verurteilt das letzte Kapitel der Institutio den Widerstand durch eine Privatperson mit Nachdruck.
Es ist aufschlussreich, Calvins Argumentation bezüglich König Darius mit seiner Erörterung der Tyrannei in seinem Kommentar zum 1. Petrusbrief zu vergleichen. In seinen Anmerkungen zu 1. Petrus 2,19 erklärt er, dass die Menschen sich der Obrigkeit nicht widersetzen sollen: „Wie auch immer die Herren beschaffen sein mögen, es gibt für die Knechte keine Entschuldigung, ihnen nicht treu zu gehorchen. Denn wenn ein Vorgesetzter seine Macht missbraucht, muss er zwar später vor Gott Rechenschaft ablegen, doch verliert er dadurch nicht sofort sein Recht. Denn den Knechten ist das Gesetz auferlegt, dass sie ihren Herren dienen sollen, auch wenn diese unwürdig sein mögen.“[30] Machtmissbrauch mag einen Herrscher seiner Macht unwürdig machen, entzieht ihm aber nicht seine Autorität.
Man darf Calvin nicht anachronistisch die Vorstellung unterstellen, politische Macht falle aufgrund ungerechter Herrschaft wieder auf das Volk zurück, wenn politische Macht gar nicht vom Volk, sondern von Gott ausgeht. Sowohl in den Daniel-Vorlesungen als auch in der Institutio und anderen früheren Schriften verbindet Calvin die Vorstellung, dass weltliche Obrigkeiten manchmal weit davon entfernt sind, ihr Amt zu erfüllen, mit der Vorstellung, dass sie ihre Autorität damit nicht vollständig verwirkt haben, da weltliche Autorität eher auf der Souveränität Gottes als auf der des Volkes beruht. Um auf den allgemeineren Punkt von Calvins Worten in seiner Auslegung von Daniel 6 zurückzukommen: Er behandelt dort lediglich einen Fall, in dem die weltliche Obrigkeit einen Befehl erlässt, dessen Befolgung eine Übertretung des göttlichen Gesetzes darstellen würde; der dort vertretene Standpunkt unterscheidet sich damit nicht von Calvins Lehre in der Institutio.
Zweitens veranschaulichen die Ereignisse im Buch Daniel selbst keinerlei aktiven Volkswiderstand, sondern stellen lediglich den Ungehorsam gegenüber bestimmten Anordnungen dar; insbesondere die Ereignisse in Daniel 6 zeigen, wie König Darius einen Befehl erlässt, wonach jeder, der nicht Darius, sondern eine andere Gottheit verehrt, in die Löwengrube geworfen werden soll – ein Befehl, dessen Befolgung einen klaren Verstoß gegen das erste der Zehn Gebote darstellen würde. Es erscheint unplausibel, dass Calvin (der vielleicht sorgfältigste Bibelexeget der protestantischen Reformation) aus einem Bibeltext, der eindeutig keine solche Lehre enthält, eine Rechtfertigung für einen Volkswiderstand ableiten würde.[31] Kurz: Weder Calvins Kommentar zum Danielbuch noch das Buch selbst legen nahe, dass etwas, das einem bewaffneten Volkswiderstand gegen die staatliche Autorität nahekommt, angemessen wäre.
Auch andere Auszüge aus den Vorlesungen über den Propheten Daniel deuten auf eine Kontinuität mit Calvins Lehre in der Institutio hin. Zwei Stellen sind dabei besonders aufschlussreich. Die erste davon ist das andere berühmte Beispiel für den Ungehorsam gegenüber der weltlichen Obrigkeit in Daniel 3, wo der babylonische König Nebukadnezar die drei Freunde von Daniel dafür bestraft, dass sie sich weigern, ein goldenes Standbild anzubeten, das er auf der Ebene von Dura errichtet hatte. Gott rettete die drei Juden vor ihrer Strafe (die darin bestand, in einen Feuerofen geworfen zu werden) nicht, indem er sie davor bewahrte, in den Ofen gehen zu müssen, und schon gar nicht, indem er Vorkehrungen für einen bewaffneten Aufstand traf, sondern indem er sie stattdessen auf wundersame Weise mitten im Ofen vor dem Tod bewahrte. Eine Stelle aus Daniel 3, die Calvin als „der größten Aufmerksamkeit würdig“ ansah, gibt die Worte der drei Freunde an Nebukadnezar wieder: „Unser Gott, dem wir dienen, kann uns aus dem glühenden Feuerofen erretten, und er wird uns bestimmt aus deiner Hand erretten, o König! Und auch wenn es nicht so sein soll, so wisse, o König, dass wir deinen Göttern nicht dienen und auch das goldene Bild nicht anbeten werden, das du aufgestellt hast!“[32]
Wie bereits in der Institutio betonte Calvin auch hier den Trost, den die Vorsehung Gottes dem verfolgten Christen spendet, sowie die Notwendigkeit einer Ewigkeitsperspektive, die das zeitliche Dasein relativiert. Diese Passage, so Calvin, „sollte unseren Blick über alle Anfechtungen erheben und uns die Kostbarkeit unseres Lebens in Gottes Augen erkennen lassen, da er uns befreien kann, wenn es ihm gefällt. Da wir also in Gott ausreichenden Schutz haben, wollen wir keine Methode zur Erhaltung unseres Lebens für besser halten, als uns ganz auf seinen Schutz zu verlassen.“[33] Stattdessen gilt: „Wir sollten lernen, unser Leben in Gottes Hand zu legen und dann tapfer und furchtlos dem Tod entgegentreten.“ In einem klaren Aufruf an seine Zuhörer und Leser, an ihrem Bekenntnis zur protestantischen Religion festzuhalten, fuhr Calvin fort: „Die Erfahrung lehrt uns, wie sehr viele sich von Gott und dem Bekenntnis des Glaubens abwenden, da sie kein Vertrauen in Gottes Macht haben, sie zu befreien.“ Später drückte er die Sache noch deutlicher aus: „Es hat Macht über Leben und Tod. Denn der Tod scheint alles zu verschlingen; aber Gott entreißt diesem Strudel, wen er will.“[34] Die Implikationen für Calvins Auffassung von der Angemessenheit zivilen Widerstands sollten klar sein: Der Christ soll sich auf Gott verlassen und nicht auf menschliche Anstrengungen. Für Calvin ist Gott selbst der Befreier seines Volkes – und nicht etwa ein organisierter Volkswiderstand.
Das Widmungsschreiben zu seinem Kommentar zum Buch Daniel dient als zweiter Beleg für Calvins Kontinuität mit der Institutio. Der Brief, den Calvin am 19. August 1561 unterzeichnete, richtete sich „An all die frommen Anbeter Gottes, die sich wünschen, dass das Reich Christi in Frankreich rechtmäßig errichtet werde“. Das Schreiben enthielt ein Hauptthema: Gottes Vorsehung. Calvin erklärte ausdrücklich, dass es seine Absicht war, zu zeigen, „wie Gott in diesen Tagen den Glauben seines Volkes durch verschiedene Prüfungen auf die Probe stellt; und wie er mit wunderbarer Weisheit dafür gesorgt hat, ihren Geist durch Beispiele aus alter Zeit zu stärken, damit sie niemals durch die Erschütterungen der schwersten Stürme und Unwetter geschwächt werden“.[35] Ein Teil seines Ziels bestand daher darin, französische Protestanten zu lehren, dass Gott die Christen in seiner Vorsehung „verschiedenen Anfechtungen“ unterwirft, um in ihnen größere Heiligkeit hervorzubringen. In Anspielung auf Daniel 3 erklärte er: „Wir sollten es nicht als einen Missstand betrachten, in den Feuerofen der Anfechtung geworfen zu werden.“[36]
Calvins Absicht bestand also offensichtlich nicht darin, die französischen Protestanten zu ermutigen, zu den Waffen zu greifen. Im Gegenteil: Er bekräftigte eindeutig dasselbe Verbot des Widerstands durch Privatpersonen, das er bereits in der Institutio formuliert hatte. In dem Widmungsschreiben erklärte er, er habe sich „unermüdlich“ bemüht, „jeden Anlass zu Unruhen auszuschalten“, damit die Kirchen „in Ruhe und ohne Schaden voranschreiten“ könnten – eine Sache, die Calvin, wie er sagte, bis zu diesem Zeitpunkt erreicht habe, „dank meiner Sorgfalt, dass Privatpersonen ihre Grenzen nicht überschritten haben“.[37] Ein Gelehrter fasst Calvins Widmungsschreiben zu den Vorlesungen über den Propheten Daniel so zusammen, dass er die französischen Christen ermutige, dem Beispiel Daniels zu folgen, welches lehre, dass es einem gestattet sein könne, „die betreffende Regierung abzulehnen, ihr zu widersprechen und ihr sogar ungehorsam zu sein, aber keine offene Rebellion zu provozieren oder sich daran zu beteiligen“.[38] Calvins Daniel-Kommentar ist weit davon entfernt, den „bedeutsamen Schritt zu gehen, zu argumentieren, es sei Privatpersonen gestattet, sich einem ungerechten Fürsten zu widersetzen“,[39] sondern weist stattdessen eine grundlegende Kontinuität mit seinem Verbot des Volkswiderstands und dem breiteren theologischen Kontext dieses Verbots auf, das bereits früher in der Institutio zum Ausdruck kam.
4 Calvins Briefe und Predigten von 1559 bis 1564
4.1 Februar 1559 bis März 1560
Calvins Antworten auf Ratgesuche, wie mit den Verfolgungen durch die Katholiken in Frankreich umzugehen sei, zeigen, dass er mit seiner Auslegung des Buches Daniel keineswegs die Befürwortung eines Volkswiderstands beabsichtigte. Seine Briefe aus dem Jahr der finalen Fassung der Institutio (1559) bis zu seinem Tod im Jahr 1564 belegen, dass seine Vorlesungen über den Propheten Daniel (1561) in diesen Jahren nicht von seinem generellen Verbot eines Volkswiderstands abwichen. Duncan Forrester fasst diesen Punkt treffend zusammen und argumentiert, dass „Calvin in seinen Briefen an die verfolgten französischen Protestanten konsequent und kategorisch darauf hinwies“, dass unrechtmäßige Befehle der weltlichen Regierung weder die Autorität der weltlichen Regierung als solche aufheben noch eine Rebellion rechtfertigen.[40]
Welchen besonderen Nutzen bieten Calvins Briefe für die Beantwortung der Frage nach einer Veränderung in Calvins Lehre vom Widerstand? Erstens: Calvins Briefe liefern zusätzlich zu seinen öffentlichen Vorlesungen und Predigten ab 1559 einen weiteren zeitgleichen Einblick in sein Denken innerhalb des Zeitraums, in dem sich seine Widerstandstheorie angeblich (weiter-)entwickelte. Hätte sich sein Denken zum Widerstand bis zu dem Zeitpunkt, als er seine Daniel-Vorlesungen hielt (1559–1560), gewandelt, wäre es naheliegend, dass bestimmte Ratschläge – sowohl an Privatpersonen als auch an den Adel – diese Veränderung nach 1559 widerspiegeln würden. Zweitens: Calvins Briefe sind eine relativ private Quelle seines Denkens; wenn es zutrifft, wie vermutet wurde,[41] dass Calvins politische Äußerungen von der Kanzel in diesen Jahren oft vage Verallgemeinerungen waren, weil Genf Tausende französischer Flüchtlinge aufnahm und von dem feindlichen Frankreich und Savoyen umgeben war, dann ist zu erwarten, dass sich in den Briefen (anders als in öffentlichen Äußerungen) weniger undurchsichtige politische Äußerungen finden.
Calvins Briefwechsel aus dieser Zeit lässt jedoch weder eine Veränderung seiner Ansichten zum Widerstand noch in seinem Denken über die Vorsehung (und andere, eher abstrakte theologische Themen) erkennen. Er erinnerte die Empfänger seiner Briefe stets an die Lehre von der Vorsehung; dies geschah so regelmäßig, dass wir zur Veranschaulichung lediglich auf ausgewählte Beispiele verweisen können.
Es ist nicht überraschend, dass Calvins Briefe aus dem Jahr 1559 erhebliche Ähnlichkeiten mit seinen Kommentaren zu Daniel aufweisen, für die er im selben Jahr eine Widmung verfasst hatte. In einem Brief an drei Gefangene der Conciergerie in Paris vom 18. Februar 1559 schrieb Calvin: „Auch wenn ihr in den Händen eurer Feinde seid, steht ihr dennoch unter dem Schutz dessen, der die Macht hat über Leben und Tod, wie es in den Psalmen heißt,[42] und der dadurch unendliche Mittel besitzt, euch zu befreien, falls es ihm gefällt. Aber was auch immer geschehen mag – bereitet euch darauf vor, ihm euer Leben als Opfer darzubringen, sollte es ihm gefallen, dies zu verlangen.“[43] Die Sprache hier weist eine deutliche Ähnlichkeit zu seinem Kommentar zu Daniel 3 und dem Feuerofen auf: „Die Macht über den Tod liegt in seiner Hand. Denn der Tod scheint alles zu verschlingen; doch Gott entreißt jenem Strudel, wen er will.“[44]
In einem bewegenden Brief an französische Protestanten vom Juni 1559 sprach Calvin über die Vorsehung und die ewige Heimat des Christen. Mit seinem Brief wollte er erläutern, „welches eure Haltung sein sollte in dieser feurigen Prüfung“ der Verfolgung.[45] Zunächst wies er darauf hin, dass ihre Feinde, wenn sie ihren Untergang planten, dies nur taten, weil Gott diesen Feinden die Erlaubnis dazu gegeben hatte, um ihren Glauben auf die Probe zu stellen. Darüber hinaus könne Gott die Wut ihrer Feinde zügeln, wann immer es ihm gefalle. Der „Teufel und seine Kinder“ seien nach wie vor entschlossen, Christen zu töten, doch Gott, „der nachsichtig ist mit unserer Schwäche, hält sie gefesselt wie so viele wilde Tiere“; täte Gott dies nicht, wären die Christen Frankreichs „schon tausendmal vernichtet worden“.[46] So wie die Lehre von Gottes Vorsehung den Christen Trost spenden sollte, indem sie ihnen lehrt, dass Gott Leiden zulässt, damit sie in Heiligkeit wachsen, sollte auch diese Lehre ihnen Trost spenden, indem sie sie daran erinnert, dass Gott dieses Leiden jederzeit beenden kann.
Dieser Brief betonte auch die Ewigkeitsperspektive der Lebensauffassung eines Christen:
„Wenn wir aus freien Stücken diesen vergänglichen und zerbrechlichen Zustand hinter uns lassen, werden wir ihn in der himmlischen Herrlichkeit um ein Vielfaches besser wiedererlangen. Und dies ist die wichtigste Lehre, über die die Heilige Schrift euch nun nachdenken lässt, wenn sie uns als Pilger in dieser Welt bezeichnet: Es sollte uns nämlich nichts von jenem ewigen Erbe abbringen, auf das wir nicht mit begründeter Zuversicht hoffen können …, es sei denn, wir sind bereit, diese irdische Behausung zu verlassen, wann immer es Gott gefällt, uns zu sich zu rufen.“[47]
Im selben Monat schrieb Calvin an eine Gemeinde in Paris: „Ihr müsst eure Augen zum Himmel erheben, denn sonst wäre es zu schwer, der Welt zu entsagen“, sollte Gott sie in seiner Vorsehung dazu berufen.[48] Diese Ewigkeitsperspektive ermöglicht es Christen, in Leid und Verfolgung geduldig zu bleiben, selbst wenn nicht klar ist, ob daraus überhaupt etwas Gutes entstehen könnte, denn Gott „weiß wohl, wie er zu seiner Zeit und auf seine Weise Früchte hervorbringen kann“.[49]
Das Beispiel der frühen Märtyrer war ein weiteres Thema in den Briefen an die verfolgten Protestanten in Frankreich von 1559 bis Anfang 1560. Calvin erklärte, dass diese Märtyrer inmitten der Verfolgung „die Waffen“ für den Kampf ergriffen – nicht im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinne; sie suchten „Kraft von Gott durch die Mittel, die er bestimmt hat“, wie etwa das Wort Gottes.[50]
Kurz: Calvins Briefe aus den Jahren 1559 bis Anfang 1560 lassen keine Weiterentwicklung seiner Widerstandstheorie erkennen. In dieser Hinsicht stützen seine Briefe aus dieser Zeit eine Lesart von Calvins Vorlesungen über den Propheten Daniel aus derselben Zeit, die eine klare Kontinuität zu seiner Lehre in der Institutio offenlegt. Doch wäre dies vielleicht noch zu erwarten gewesen, da die schwerwiegenderen Verfolgungen und Unruhen nach der Thronbesteigung von Franz II. und der Verschwörung von Amboise (im Juni 1559 bzw. März 1560) noch bevorstanden.
4.2 April 1560 bis Dezember 1560
Tatsächlich argumentiert Willem Nijenhuis, dass diese Ereignisse zu einem „Schritt von historischer Bedeutung“ führten, nämlich zu Calvins „überraschender Wende“ in seinen Predigten vom Mai und Juni 1560, in denen er behauptete, Gott erteile manchmal einem Privatmann die besondere Berufung, das Schwert gegen eine öffentliche Autorität zu erheben.[51] Abrahams Kampf gegen die vier Könige zur Rettung Lots (vgl. 1Mose 14,13–17) dient als Beispiel. In seiner Predigt über diesen Text erklärte Calvin, dass Abraham, obwohl er ein Privatmann war, eine besondere Berufung von Gott erhalten habe, ebenso wie andere, beispielsweise Gideon und Jephta. Nijenhuis betrachtet diese Vorstellung als den „ersten Schritt auf dem Weg zur Anerkennung des Widerstandsrechts des Privatbürgers“.[52]
Dies stellt jedoch weder in Calvins Verständnis von 1. Mose 14 noch in Bezug auf die Frage des Volkswiderstands etwas Neues dar. Wir haben bereits gesehen, dass Calvin in der Institutio argumentierte, dass Gott manchmal einzelnen Personen wie Mose (vgl. 2Mose 3,1–22; 6,1–13) und Otniel (vgl. Ri 3,7–11) den besonderen Auftrag erteilte, das Volk Gottes aus der Unterdrückung zu befreien. Zudem war Calvins Predigt über 1. Mose 14 nichts Neues: In seinem Kommentar zu 1. Mose (1554) legte er dieselbe Auslegung des Textes vor, die er dann im Jahr 1560 predigen sollte. Nach Calvin wirft Abrahams Krieg gegen die vier Könige die Frage auf, „ob es für Abraham, einen Privatmann, rechtmäßig war, seine Familie gegen Könige zu bewaffnen und einen öffentlichen Krieg zu führen.“[53] Calvin hatte keinen Zweifel daran, dass Abraham „durch eine göttliche Verfügung bewahrt wurde, sodass er die Grenzen seiner Berufung nicht überschritt. Dies sollte nicht als etwas Neues betrachtet werden, sondern als seine besondere Berufung.“[54] Ein Beleg dafür, dass es sich um eine besondere Berufung handelte, ist die Tatsache, dass Abraham und seine Männer bereit waren, gegen die vereinten Kräfte von vier Königen zu kämpfen, was sie – hätte Abraham keinen göttlichen Befehl erhalten – nicht getan hätten.[55] Da Abraham, wie Mose, Gewalt eher als Ausnahme denn als allgemeine Regel einsetzte, erklärte Calvin, dass „diejenigen, die sich mit Gewalt verteidigen wollen, wann immer Gewalt gegen sie angewandt wird, aus dieser Tatsache keine Regel für sich ableiten dürfen“, die einen Volkswiderstand rechtfertigen würde.
Auch Calvins Briefe aus dieser Zeit zeigen eine Kontinuität zu seinen früheren Überlegungen zum Thema Widerstand. Nach der Verschwörung von Amboise verurteilte Calvin diese wiederholt und distanzierte sich davon. Im April 1560 schrieb er an die Gemeinde von Valence, dass sie bereit sein müsse, Widerstand zu leisten – nicht mit fleischlichen Waffen, sondern im Vertrauen auf die „Wahrheit des Evangeliums“.[56] Tatsächlich seien wir Menschen „immer eher dazu geneigt, unsere Ruhe hier unten zu suchen als im Himmelreich. Da aber unser Triumph im Himmel liegt, müssen wir auf den Kampf vorbereitet sein, solange wir hier auf Erden leben.“[57] In einem Brief an Bullinger im Mai beklagte Calvin, dass die Christen in Frankreich „von einer barbarischen Tyrannei unterdrückt“ würden und keinen „Beistand zur Linderung ihrer Not“ hätten; dennoch sei die Verschwörung von Amboise aus Vorsichtsgründen nicht die Lösung: Calvin befürchtete, dass sie „alle Frommen in ein schreckliches Gemetzel“ hätte führen können.[58] Im selben Monat schrieb er an Vermigli: „Ich erklärte, es sei eine unvermeidliche Folge [des Blutvergießens], dass aus einem einzigen Tropfen sofort Ströme flössen, die Frankreich überschwemmen würden.“[59]
Im Gegensatz zu seinen Befürchtungen hinsichtlich eines Volksaufstands gegen die französischen Katholiken zeigte Calvin in seinen Briefen aus dem Jahr 1560 durchweg den Wunsch, dass Anton von Bourbon – der „Erste Prinz von Geblüt“, ein Thronerbe Frankreichs – die Protestanten gegen Verfolgung verteidigen möge. Dieser stand der protestantischen Sache freundlich gegenüber und nahm zumindest einmal im Mai 1558 an den Psalmengesängen in Paris teil;[60] im Laufe des Jahres 1560 fand sich Calvin jedoch immer mehr mit der Tatsache ab, dass Anton von Bourbon keine Hilfe sein würde.[61] Trotz seiner Schlussfolgerungen im November und Dezember 1560, Anton von Bourbon sei eine „Schildkröte“[62] mit einer „schwachen und kleinmütigen Veranlagung“,[63] war Calvin zuversichtlich, dass „Gott auf seine übliche Weise besser für seine Kinder sorgen wird“.[64] Eine solche Fürsorge schien sich mit dem Tod von Franz II. einzustellen, der an einem Abszess im Ohr starb; Calvin schrieb, dass „das Übel ein solch extremes Ausmaß erreicht hatte, für das es kein Heilmittel mehr gab, als Gott sich plötzlich vom Himmel her zeigte“.[65] Dennoch riet er aus Sorge vor Gegenreaktionen zur Vorsicht, nicht zu viel zu verlangen. Der entscheidende Punkt hierbei ist, dass Calvin bis ins Jahr 1560 hinein weiterhin von der Annahme ausging, dass öffentliche Autoritäten berechtigterweise Widerstand gegen Tyrannei leisten dürfen, nicht aber das Volk (sowohl aus prinzipiellen als auch aus Vorsichtsgründen).
4.3 1561 bis 1564
Obwohl Nijenhuis anerkennt, dass Calvins Briefe aus den Jahren 1561–1562 ein Recht auf privaten Widerstand zurückweisen, argumentiert er, das Blutbad von Wassy im März 1562 habe Calvin dazu veranlasst, offen zum Volkswiderstand aufzurufen.[66] Diese öffentlichen Aufrufe zum Widerstand sollen in seinen Predigten über 2. Samuel erfolgt sein, die er zwischen Mai 1562 und Februar 1563 hielt. In diesen Predigten legte Calvin zwei „allgemeine Regeln“ dar. Die erste lautete: „Widerstand darf nur von denen geleistet werden, in deren Hände Gott das Schwert gelegt hat, also von den untergeordneten Volksbehörden.“ Die zweite lautete: „Das Volk, einschließlich Privatpersonen, soll dem Herrscher Widerstand leisten, um die Armen zu schützen.“ Nijenhuis lenkt die Aufmerksamkeit auf die zweite Regel, die seiner Meinung nach „offensichtlich“ die erste abgelöst habe.[67]
Wahrscheinlicher ist jedoch die gegenteilige Erklärung, nämlich dass Calvin sich mit der Darstellung zweier allgemeiner Prinzipien, die beide in derselben Predigtreihe zu 2. Samuel vorkamen, nicht selbst widersprochen hat. Andrew Muttitt erklärt, dass im April 1562 (einen Monat vor Beginn der Predigten über 2. Samuel) die französische protestantische Synode „verlangte, dass der Fürst von Condé [Louis I. de Bourbon] eine Armee aufstellt, um die reformierten Kirchen vor weiterer Verfolgung zu schützen“, was dieser auch tat. (Anton von Bourbon starb Ende 1562, wodurch der Fürst von Condé der nächste in der Thronfolge wurde.) Tatsächlich war Louis I. de Bourbon „der einzige Prinz von königlichem Geblüt, der sowohl qualifiziert als auch willens war, dies zu tun; und als untergeordneter Amtsträger, der von Christus dazu berufen war, dies durch die rechtmäßige Versammlung der Gemeinde Gottes und mit der vollen Zustimmung der Provinzialstände zu tun, war er nicht nur rechtlich dazu berechtigt, sondern auch verpflichtet – nachdem alle friedlichen Mittel ausgeschöpft waren –, eine Armee gegen das Haus Guise aufzurichten.“ Das Ergebnis war, so Muttitt, dass „Privatpersonen, die Christus treu sind …, somit gleichermaßen verpflichtet sind, unter der Autorität des untergeordneten Amtsträgers und im Gehorsam gegenüber dessen Aufruf zu den Waffen zu greifen“.[68] Als Calvin daher in seinen Predigten über 2. Samuel von der Notwendigkeit sprach, „zu den Waffen zu greifen, wenn es notwendig ist“, bezog er sich ausschließlich auf Privatpersonen, die unter der rechtmäßigen Autorität untergeordneter Amtsträger handelten (in diesem Fall Louis I. de Bourbon, Fürst von Condé). Da der Fürst von Condé die Protestanten in einem Kampf anführte, den Calvin als rechtmäßigen Widerstand betrachtete, war es für Calvin und die protestantische Sache besonders schmerzhaft, als dieser Ende 1562 in der Schlacht bei Dreux gefangen genommen wurde.[69]
Calvins Briefe lassen zudem auf seine anhaltende Ablehnung eines Volkswiderstands schließen. In einigen seiner Briefe aus dieser Zeit blickte er auf die Verschwörung von Amboise zurück und lieferte damit eine Art Kommentar zu seiner Sichtweise auf diese Angelegenheit. In einem Brief an den hugenottischen Anführer Gaspard II. de Coligny (der später beim Massaker der Bartholomäusnacht ums Leben kommen sollte) erklärte Calvin, dass „eine bestimmte Person, der das Kommando über einige Truppen anvertraut war [offenbar eine Anspielung auf Seigneur de La Renaudie], mich befragte, ob es nicht rechtmäßig sei, sich der Tyrannei zu widersetzen, unter der die Kinder Gottes damals unterdrückt wurden, und welche Mittel zu diesem Zweck eingesetzt werden könnten“. Calvin versuchte daraufhin, anhand der Bibel „darzulegen“, dass ein solcher Widerstand nicht rechtmäßig sei; zudem spielten praktische Erwägungen in seiner Argumentation eine Rolle: „Wenn auch nur ein einziger Tropfen Blut vergossen würde, würden Ströme von Blut Europa überschwemmen“; außerdem wäre es besser, „wir würden hundertmal zugrunde gehen, als das Christentum und das Evangelium einer solchen Schande auszusetzen“. Andererseits: „Wenn die Prinzen von Geblüt verlangten, dass ihre Rechte zum Wohle der Allgemeinheit gewahrt blieben, und würde sich das Parlament ihrem Streit anschließen“, dann wäre es „für alle guten Untertanen rechtmäßig, ihnen bewaffnete Hilfe zu leisten“.[70] Wie wir gesehen haben, war dies die Position, die Calvin einnahm, als der Fürst von Condé im folgenden Jahr schließlich den Protestanten zu Hilfe kam.
Die Briefe an die verfolgten Gemeinden in diesen Jahren knüpften an Themen an, die bereits in früheren Briefen sowie in der Institutio und den Vorlesungen über den Propheten Daniel behandelt worden waren. An die Gemeinde von Aix schrieb Calvin im Mai 1561, eine „plausible“, allerdings „sophistische“ Ansicht besage, es sei rechtmäßig, Rache zu üben; eine derartige Handlung diene jedoch nur dazu, unseren „allmächtigen Herrn … daran zu hindern, uns zu Hilfe zu kommen“. Darüber hinaus werde nicht nur „das Blut der Getreuen … nach Vergeltung schreien, sondern auch einen guten und fruchtbaren Samen für die Vermehrung der Gemeinde bilden“. Wenn die Gemeinde diesen Rat annimmt, „haben wir festes Vertrauen in Gott, dass sich seine Hand schon bald als euer Schutz erweisen wird“.[71] Als die seit langem verfolgten waldensischen Protestanten aus Angrogna in Norditalien in Genf eintrafen und um Hilfe für das Nötigste zum Leben baten, leistete Genf ihnen Beistand; dabei merkte Calvin an, dass sie ihnen angesichts ihrer schweren Notlage „nicht vorgeworfen haben, unüberlegt zu den Waffen gegriffen zu haben“, was offenbar zu ihrer verzweifelten Lage beigetragen hatte, „obwohl wir sie sicherlich davon abgehalten hätten, zu einer solchen Maßnahme zu greifen“.[72] An die Gemeinde in Lyon schrieb Calvin im Mai 1562, dass es „ein einem Geistlichen ungebührliches Verhalten ist, den Soldaten oder Hauptmann zu spielen, aber es ist noch viel schlimmer, wenn man die Kanzel aufgibt, um zu den Waffen zu greifen“. Er warf ihnen daraufhin vor, auf Gewalt zurückgegriffen zu haben, und forderte sie auf, den Schaden zu ersetzen, den die Kirche an öffentlichem Eigentum angerichtet hatte.[73]
Eine weitere Phase des Kampfes der Hugenotten um Religionsfreiheit, die sich in Calvins Briefen widerspiegelt, ist für das Argument dieses Aufsatzes von Bedeutung. Das Gemetzel auf dem Schlachtfeld wurde durch einen prekären Frieden mit dem Edikt von Amboise im März 1563 ausgesetzt. Gemäß den Friedensbedingungen waren reformierte Gemeinden an einigen Orten erlaubt, jedoch nicht in Paris und dessen umliegendem Zuständigkeitsbereich.[74] Calvin und die Protestanten waren von dem Vertrag enttäuscht, da sie meinten, der Fürst von Condé habe zu leichtfertig zu viele Zugeständnisse gemacht; die Vertragsbedingungen erlaubten sogar, dass „der Fürst von Condé, Generalleutnant des Königreichs und Gouverneur der Picardie, von aller Sorge befreit werde, dass ihm in Zukunft kein Vorwurf oder Hass anhaftet und er zum guten Verwandten und Cousin sowie treuen Untertanen des Königs erklärt werde, wie es ihm aufgrund seiner Nähe zum königlichen Blut gebührt“.[75]
Als Teil der Vereinbarung sollten einige Ländereien, die zuvor den Katholiken entzogen worden waren, zurückgegeben werden,[76] selbst nachdem sich ein Teil des hugenottischen Adels mit großem Einsatz um deren Erwerb bemüht hatte. So verteidigte beispielsweise Jean V. de Parthenay, Seigneur de Soubise, Lyon gegen mehrere Angriffe (beginnend im Mai 1562), als er von dem Fürst von Condé zum Gouverneur der Stadt ernannt wurde.[77] Doch aufgrund der Bestimmungen des Edikts von Amboise erklärte Calvin, dass Soubise nicht mehr die Befugnis habe, zu den Waffen zu greifen; er habe „keinen von Gott gebilligten Grund und keine Macht mehr, sich einem Rat zu widersetzen, von dem man heute unmöglich sagen kann, er sei nicht legitim“ – auch wenn „diese Unterwerfung eine Sache sein wird, die Dein Volk nur schwer wird verdauen können“.[78] Soubise reagierte auf diese Ermahnung mit offensichtlicher Unzufriedenheit, doch Calvin antwortete mit dem, was er seine „alte Schlussfolgerung“ nannte, nämlich „zu sehen und zu beurteilen, was rechtmäßig und was möglich ist“. Calvin urteilte, dass Soubise kein legitimes Recht habe, die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen, „da Gott Dich entwaffnet hat“. Nichtsdestotrotz ermutigte Calvin Soubise und erklärte: „Ich halte mich an das Wort Abrahams: Gott wird für die Sache sorgen, wie uns der Apostel ja auch daran erinnert, dass er treu ist und uns daher nicht über das hinaus versuchen lassen wird, was wir ertragen können.“[79]
Antoine III. de Croÿ, Prinz von Porcien, der sich im Kampf ausgezeichnet hatte, wurde nun von Calvin dazu ermahnt, sich an Folgendes zu erinnern: „Das christliche Leben zeigt sich nicht nur darin, dass wir zu den Waffen greifen und unseren Leib und unseren Reichtum aufs Spiel setzen, um den Kampf für das Evangelium fortzusetzen, sondern auch darin, dass wir uns ganz dem Gehorsam gegenüber dem unterwerfen, der uns zu einem so hohen Preis erkauft hat, damit er sowohl in unserem Leben als auch in unserem Tod verherrlicht werde.“[80] Wie Calvin im April 1563 einem anderen Briefpartner erklärte, werde er in Ermangelung einer geeigneten öffentlichen Autorität „immer den Rat geben, auf Waffen zu verzichten, und dass wir alle lieber umkommen sollten, als ein zweites Mal auf das Chaos zurückzugreifen, dessen Zeugen wir geworden sind“. Auch wenn dies ein schwer zu akzeptierender Rat sei, versicherte Calvin dem Empfänger, dass „Gott weiß, wie aus der Finsternis Licht entstehen kann“.[81]
5. Schlussfolgerung
All dies deutet darauf hin, dass sich Calvins Lehre hinsichtlich eines Volkswiderstands gegen die staatliche Obrigkeit im Laufe seines Lebens nicht geändert hat. Zunächst in der Institutio, dann in seinen Vorlesungen über den Propheten Daniel und schließlich in verschiedenen anderen Predigten und Briefen vertrat Calvin stets die Auffassung, dass Privatpersonen nicht befugt sind, sich tyrannischen Amtsträgern zu widersetzen. Calvin gründete diese Ansicht konsequent auf ein theologisches Fundament, das die Souveränität Gottes, die christliche Heiligung und die Vergänglichkeit des christlichen Lebens in dieser Welt betonte.
Aus dieser Studie ergeben sich zwei Schlussfolgerungen für die Calvin-Forschung. Erstens: Wie wir gesehen haben, berücksichtigen Gelehrte, die argumentieren, Calvins Lehre vom Widerstand habe sich im Laufe seines Lebens weiterentwickelt, nur unzureichend jene Quellenbelege, die auf eine starke Kontinuität zwischen der Institutio und seinen späteren Schriften (wie den Daniel-Vorlesungen sowie seinen späteren Predigten und Briefen) hindeuten. Anstatt diese Kontinuität im Blick zu behalten, fokussieren sich einige Historiker auf den historischen Kontext und schreiben den Belegen aus den Primärquellen möglicherweise eine Schlussfolgerung zu, die sie auf der Grundlage ihrer Fachkenntnis eben dieses historischen Kontexts ziehen. Zweitens: Die in diesem Artikel zitierten Historiker betonen in ihrer Betrachtungsweise der Geschichte des modernen politischen Denkens eine grundlegende Kontinuität (im Gegensatz zu einer Sichtweise, die ebenso viele Konflikte und Widersprüche wie Kontinuitäten sieht). Ein einflussreicher Historiker betrachtet Locke mehr oder weniger als einen calvinistischen politischen Denker, und die Arbeit eines anderen geht davon aus, dass es eine einzige reformierte politische Tradition gab, die mit Johannes Calvin begann und in der Amerikanischen Revolution gipfelte.[82] Unabhängig davon, inwieweit es korrekt ist, das moderne oder reformierte politische Denken als eine einzige, einheitliche Tradition zu betrachten, die sich im Laufe der Zeit entwickelte, legt dieser Artikel nahe, dass zumindest die Einbeziehung Calvins in diese Tradition einige Schwierigkeiten mit sich bringt. Dies gilt insbesondere für die Entwicklung moderner Widerstandstheorien.
1 Vgl. John T. McNeill, The History and Character of Calvinism, New York: Oxford University Press, 1954, S. 244.
2 Vgl. ebd., S. 245; Bruce Gordon, Calvin, New Haven: Yale University Press, 2009, S. 308.
3 Vgl. McNeill, History and Character of Calvinism, S. 245; Gordon, Calvin, S. 307.
4 Vgl. Gordon, Calvin, S. 306.
5 Vgl. Gordon, S. 309–311.
6 Vgl. McNeill, History and Character of Calvinism, S. 244; Gordon, Calvin, S. 309.
7 Vgl. Gordon, Calvin, S. 311.
8 Vgl. Gordon, Calvin, S. 312; Willem Nijenhuis, „The Limits of Disobedience in Calvin’s Latest Known Sermons: The Development of His Ideas on the Right of Resistance“, in: Ecclesia Reformata: Studies on the Reformation, Bd. 2, Leiden: Brill, 1994, S. 83.
9 Johannes Calvin, Institutio, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 6. Aufl., 1997 [1559], IV,20.26, S. 1053; Calvin stützt sich in seiner Argumentation auf Dan 2,21.37–38, Dan 4,14.22, Dan 5,18–19.
10 Calvin, Institutio, IV,20.25, S. 1052. An anderer Stelle schreibt Calvin: „Wir aber sollen uns unterdessen nachdrücklich hüten, diese Autorität der Obrigkeit, die mit verehrungswürdiger Majestät erfüllt ist und die Gott durch die ernstesten Gebote bekräftigt hat, zu verachten oder zu schänden – selbst wenn sie bei ganz unwürdigen Menschen liegt und bei solchen, die sie durch ihre Bosheit, soviel an ihnen ist, mit Schmutz bewerfen!“ (ebd., IV,30.31, S. 1056).
11 Calvin, Institutio, IV,20.25, S. 1052.
12 Vgl. Calvin, Institutio, IV,20.29, S. 1055.
13 Vgl. Calvin, Institutio, IV,20.23, S. 1051.
14 Calvin, Institutio, IV,20.31, S. 1056.
15 Calvin, Institutio, III,10.6, S. 470.
16 Calvin, Institutio, IV,20.30, S. 1056.
17 Calvin, Institutio, IV,20.30, S. 1055.
18 Vgl. Calvin, Institutio, IV,20.32, S. 1056–1057.
19 Calvin, Institutio, I,17.1, S. 113.
20 Calvin, Institutio, I,17.6, S. 117; vgl. ebd., I,17.6–8, S. 117–119.
21 Calvin, Institutio, III,9.4, S. 464.
22 Calvin, Institutio, III,10.1, S. 467.
23 Vgl. Calvin, Institutio, III,10.1–2, S. 467–468.
24 Calvin, Institutio, III,9.1, S. 462.
25 Calvin, Institutio, III,9.6, S. 466.
26 Vgl. Ralph Hancock, „Luther and Calvin“, in: Kenneth L. Deutsch and Joseph R. Fornieri (Hrsg.), An Invitation to Political Thought, Boston: Cengage Learning, 2008, S. 178; Quentin
Skinner, The Foundations of Modern Political Thought, Bd. 2, Cambridge: Cambridge University Press, 1978, S. 220; Sarah Morgan Smith und Mark David Hall, „Whose Rebellion?
Reformed Resistance Theory in America: Part 1“, in: David W. Hall (Hrsg.), Tributes to John Calvin: A Celebration of His Quincentenary, Phillipsburg: Presbyterian & Reformed, 2010, S. 173; John Witte Jr., „Calvin the Lawyer“, in: Tributes to John Calvin, S. 47. Eine Sichtweise, die stärker mit der in diesem Artikel dargelegten übereinstimmt, findet sich bei David Hall, der feststellt: „Einige Theologen behaupten, Widersprüche zwischen Calvins frühem Denken in der Institutio und seinen späteren Kommentaren und Predigten zum Thema Widerstand zu erkennen, [jedoch] lässt eine Betrachtung seines Kommentars zu Daniel 6,22–24 keine radikale Diskontinuität erkennen“ (David W. Hall, Calvin in the Public Square: Liberal Democracies, Rights, and Civil Liberties, Phillipsburg: Presbyterian & Reformed, 2009, S. 87).
27 John Calvin, A Commentary on Daniel, Edinburgh: Banner of Truth, 1986, S. 382.
28 Calvin, A Commentary on Daniel, S. 382.
29 Calvin, Institutio, IV,20.32, S. 1057 (Hervorhebung hinzugefügt).
30 John Calvin, Commentaries on the Catholic Epistles, Grand Rapids: Eerdmans, 1948, S. 87.
31 Einer der wenigen patriotischen Geistlichen während der Amerikanischen Revolution (einer Zeit, in der die Bibel überall zur Rechtfertigung von Volkswiderstand herangezogen wurde), der das Beispiel Daniels des Ungehorsams gegenüber König Darius anführte, war David Jones aus Philadelphia. Es ist bemerkenswert und bezeichnend, dass selbst in diesem Einzelfall das Beispiel Daniels nicht dazu diente, zu behaupten, es gäbe ein Recht auf oder eine Pflicht zum Volkswiderstand; stattdessen argumentierte Jones, dass der Christ durch die Heilige Schrift nicht zu „unbegrenzter Unterwerfung“ unter die staatliche Obrigkeit verpflichtet ist; vgl. James P. Byrd, Sacred Scripture, Sacred War: The Bible and the American Revolution, New York: Oxford University Press, 2013, S. 126–127.
32 Calvin, Commentary on Daniel, S. 220.
33 Calvin, Commentary on Daniel, S. 222.
34 Calvin, Commentary on Daniel, S.222.
35 Calvin, Commentary on Daniel, S. lxiv–lxv.
36 Calvin, Commentary on Daniel, S. lxv.
37 Calvin, Commentary on Daniel, S. lxx.
38 William R. Stevenson, „Calvin and Political Issues“, in: Donald K. McKim (Hrsg.), The Cambridge Companion to John Calvin, Cambridge: Cambridge University Press, 2004, S. 185.
39 Hancock, „Luther and Calvin“, S. 178.
40 Duncan B. Forrester, „Martin Luther and John Calvin“, in: Leo Strauss und Joseph Cropsey (Hrsg.), History of Political Thought, Chicago: Chicago University Press, 3. Aufl., 1987, S. 341.
41 Vgl. Nijenhuis, „Limits of Disobedience“, S. 77.
42 „Gott ist für uns ein Gott der Rettung, und GOTT, der Herr, hat Auswege aus dem Tod“ (Ps 68,21).
43 John Calvin, John Calvin: Tracts and Letters, Bd. 7, Edinburgh: Banner of Truth, 2009, S. 19.
44 Calvin, Commentary on Daniel, S. 223.
45 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 52.
46 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 49–50.
47 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 51.
48 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 55.
49 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 52.
50 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 81–82; vgl. ebd., S. 52 u. 86.
51 Nijenhuis, „The Limits of Obedience“, S. 84–85.
52 Ebd., S. 85. Nijenhuis behauptet, die Verschwörung von Amboise sei das Ereignis gewesen, das Calvins Gesinnungswandel in diese Richtung bewirkt habe. Wie jedoch Nijenhuis selbst einräumt, deuten die Belege darauf hin, dass Calvin in seinen Predigten zu 1. Mose 14 tatsächlich mit seiner Position in der Institutio übereinstimmte, da er in den Predigten zu 1. Mose erklärte, Privatpersonen müssten dazu bereit sein, Verfolgung zu erleiden.
53 John Calvin, Genesis, Edinburgh: Banner of Truth, 1975, S. 383.
54 Calvin, Genesis, S. 383.
55 Vgl. John Calvin, Genesis, S. 385.
56 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 95.
57 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 85.
58 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 104.
59 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 107.
60 Vgl. Gordon, Calvin, S. 307–309.
61 Zum Beispiel schrieb Calvin im November 1560 an Bullinger: „Über den König von Navarra gehen verschiedene Gerüchte um. Ich gehe davon aus, dass er, da er sah, dass er sich mit so vielen Truppen hätte messen müssen, den Rückzug angetreten hat“ (Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 145).
62 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 147.
63 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 151.
64 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 148.
65 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 152.
66 Vgl. Nijenhuis, „Limits and Obedience“, S. 90–94.
67 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 91–93.
68 Andrew Muttitt, „John Calvin, 2 Samuel 2:8–32 and Resistance to Civil Government: Supreme
Equivocation or Mastery of Contextual Exegesis?“, in: KOERS: Bulletin for Christian Scholarship 82/2, 2017, online unter: https://doi.org/10.19108/KOERS.82.2.2352 (Stand: 23.04.2026).
69 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 286.
70 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 176.
71 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 187–188.
72 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 204.
73 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 271.
74 Vgl. Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 298.
75 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 299.
76 Vgl. Gordon, Calvin, S. 322; Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 299–300.
77 Vgl. Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 295Fn1.
78 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 296.
79 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 317.
80 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 307–308.
81 Calvin, Tracts and Letters, Bd. 7, S. 302.
82 Vgl. Skinner, The Foundations of Modern Political Thought, Bd. 2; Mark David Hall, Roger Sherman and the Creation of the American Republic, New York: Oxford University Press, 2013, S. 13–31.