Gemeinde

Wenn ein Pastor gehen muss

Lektionen zum Schutz der Gemeinde

Artikel von Luke Mitchell
22. Juni 2026 — 5 Min Lesedauer

In seinem Buch Gemeinsames Leben schreibt Dietrich Bonhoeffer treffend: „Nichts kann barmherziger sein als die harte Zurechtweisung, die den Bruder vom Wege der Sünde zurückruft. Es ist ein Dienst der Barmherzigkeit, ein letztes Angebot echter Gemeinschaft.“[1]

Wir neigen dazu, die Barmherzigkeitsdienste einer Gemeinde hochzuhalten und zu würdigen, wenn sie dem entsprechen, was wir in erster Linie mit dem Begriff Barmherzigkeit assoziieren – Fürsorgeprogramme für die Armen, Hilfsangebote für Menschen in zerbrochenen Lebensumständen oder Fürbittegebete für strauchelnde Geschwister. Die Bibel lehrt jedoch, dass Barmherzigkeit Hand in Hand geht mit Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit bilden keinen Gegensatz. Das sehen wir im Fall der Gemeindezucht: Jesus lehrte, dass ihr Zweck darin besteht, einen vom Weg abgekommenen Bruder zurückzugewinnen (vgl. Mt 18,15–20). In ähnlicher Weise schrieb Paulus an die Gemeinde in Korinth über den Mann, der mit der Frau seines Vaters lebte. Die Gemeinde sollte diesen Mann aus der Gemeinschaft ausschließen, „damit der Geist gerettet werde am Tag des Herrn Jesus“ (1Kor 5,5). Auch wenn Gemeindezucht schmerzhaft ist, so ist sie doch barmherzig. Denn ihr Ziel ist es, zu retten.

In meiner Gemeinde wurde kürzlich Gemeindezucht ausgeübt, indem einer unserer Pastoren aufgrund anhaltender charakterlicher Mängel seines Amtes enthoben wurde. Alle unsere Ältesten schätzten diesen Bruder zutiefst und sind nach wie vor dankbar für den Großteil seines zehnjährigen Dienstes in unserer Gemeinde.

Dennoch war es so, dass sich im Verhalten dieses Bruders ein wiederkehrendes Muster von Zorn, Streitlust und Nörgelei abzeichnete, was sich auf unsere gesamte Gemeinde auswirkte. Mehrere Älteste sprachen diese Probleme im persönlichen Gespräch bei ihm an. Da sich sein Verhalten nicht änderte, wurde die Situation schließlich offiziell vor den gesamten Ältestenkreis gebracht. Wir beschlossen einstimmig, dass er sein Amt als Pastor niederlegen müsse. Unser Wunsch war es, dass der Bruder Mitglied unserer Gemeinde bleibt, da wir sein geistliches Wohl im Blick hatten und davon überzeugt waren, dass unsere Gemeinde der beste Ort für seine Wiederherstellung sei. Leider war er mit unserer Entscheidung nicht einverstanden und entschied sich, die Gemeinde zu verlassen.

Sicherlich haben wir die Situation nicht perfekt gemeistert, aber trotz allem hat der Herr unsere Gemeinde vor Zwietracht und Spaltung bewahrt.

Die Fragen, mit denen wir uns während des gesamten Prozesses auseinandersetzen mussten, waren schwer: Ab wann disqualifizieren charakterliche Mängel jemanden für das Pastorenamt? Alle Christen – selbst Pastoren – haben bisweilen mit Zorn, Bitterkeit und Stolz zu kämpfen. Wo verläuft die Grenze zwischen akzeptablen Unvollkommenheiten und einer Sünde, die zur Disqualifikation führt?

Auch wenn jede Situation einzigartig ist und viel geistliches Urteilsvermögen verlangt, sind hier drei Lektionen, die ich durch die Erlebnisse in unserer Gemeinde gelernt habe.

1. Charakterfragen sind keine Nebensache

Bei den Voraussetzungen für Älteste neigen wir dazu, „Kleinigkeiten“ wie Sanftmut und Gastfreundschaft als nebensächlich zu betrachten. Im Alltag zählen oft andere Dinge, etwa Führungsqualitäten oder Organisationstalent. Wer hat da schon die Zeit, sich um den Charakter eines Ältesten Gedanken zu machen?

Nun, Gott hat die Zeit – und er will, dass wir sie uns auch nehmen. In 1. Timotheus 3,1–7 zählt Paulus vierzehn Voraussetzungen für das Ältestenamt auf, von denen sich dreizehn auf den Charakter beziehen. Dasselbe gilt für Titus 1,5–9. Für Paulus wiegt der Charakter offensichtlich deutlich schwerer als das bloße Können.

Ein vorbildhafter Charakter ist für einen Ältesten kein nettes Extra, sondern unverzichtbar für seinen Dienst. Als Hirten der Herde Gottes sind wir dazu berufen, den Schafen ein Vorbild zu sein und ihnen genau die Fürsorge vorzuleben, die der oberste Hirte für sie hat (vgl. 1Petr 5,1–4).

2. Führe schwierige Gespräche frühzeitig

Niemand hat Freude daran, einen Gemeindeleiter zur Rede zu stellen (vor allem dann nicht, wenn es um dessen Charakter geht). Die Versuchung ist groß, die Situation eine Weile auf sich beruhen zu lassen, in der Hoffnung, dass sich alles von selbst regelt. Gott kann natürlich alles tun, was er sich vorgenommen hat – und ist weitaus gütiger, als wir es verdienen –, aber wir sollten keine wundersamen Veränderungen erwarten, wenn wir uns nicht treu an die Gebote der Bibel halten. Gott hat uns dazu berufen, einander zur Rechenschaft zu ziehen und Sünde anzusprechen (vgl. Mt 18,15), anstatt passiv auf Veränderung zu warten.

Wenn Bedenken hinsichtlich des Charakters eines Mitältesten aufkommen, solltest du ihn darauf ansprechen. Ein frühzeitiges Gespräch bietet die Chance, dass die Sache unter vier Augen bleibt, der Bruder umkehrt und du ihn zurückgewinnst. Als Älteste einer Ortsgemeinde müssen wir eine Kultur anstreben, in der es ganz normal ist, dass wir einander korrigieren und uns gegenseitig an unserem Leben teilhaben lassen. Solche Gespräche schützen uns vor uns selbst.

3. Die Sache zu ignorieren, ist lieblos

Wenn sich ein Muster der Sünde verfestigt und keine Veränderung zu sehen ist, fühlt es sich oft einfacher an, die Augen davor zu verschließen. Aber das ist nicht liebevoll. Im Gegenteil: Es ist lieblos gegenüber dem betroffenen Bruder, denn es signalisiert ihm, seine Sünde sei gar kein Problem. Es ist lieblos gegenüber den anderen Ältesten, die unter dieser Zerrüttung leiden müssen. Und es ist lieblos gegenüber der Gemeinde. Die Mitglieder sollen sich an ihren Ältesten ein Beispiel nehmen – doch nun folgen sie einem Mann, dessen Lebensstil nicht als Vorbild taugt.

Worauf es ankommt

Vorwürfe gegen einen Ältesten dürfen niemals auf die leichte Schulter genommen werden. Wenn ein Bruder jedoch in Sünde lebt, fordert uns die Schrift eindeutig zum Handeln auf – nicht nur um seinetwillen, sondern auch zum Schutz der Gemeinde (vgl. 1Tim 5,19–21). Das gilt sowohl für die großen Skandale als auch für Verhaltensweisen, die der hohen Berufung widersprechen, die wir als Unterhirten Christi erhalten haben. All das muss uns auch dazu bringen, unser eigenes Leben zu hinterfragen und uns neu auf unsere Berufung auszurichten. Mein Gebet ist, dass wir alle eines Tages wie Paulus voller Gewissheit sagen können: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt“ (2Tim 4,7).


1 Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, Gütersloh: Chr. Kaiser, 1993, S. 90.