Leben als Christ

Christsein schafft eh keiner

Rezension von Eric Sollberger
18. Juni 2026 — 7 Min Lesedauer

Christsein schafft eh keiner – wenn dir gelegentlich eine ähnliche Aussage oder ein Seufzer über diese Tatsache über die Lippen geht, dann ist dieses Buch für dich geschrieben worden. Um es anders auszudrücken: Das Leben als Christ wird in der Bibel als Wettlauf beschrieben. Fühlt es sich für dich eher wie ein zermürbender Hindernislauf an? Dann hat der Autor dieses Buchs eine gute Botschaft für dich: Das muss nicht so sein!

Der lange Untertitel lässt dann erahnen, wer der Autor ist: Entweder handelt es sich um einen Puritaner oder um Kevin DeYoung. Da das Buch im englischen Original erst im Jahr 2023 erschien, bleibt uns nur die zweite Option offen. Kevin DeYoung ist Pastor und Professor für Systematische Theologie am Reformed Theological Seminary in Charlotte (USA) und hat schon mehr als 25 Bücher geschrieben. Dies ist umso bemerkenswerter, als er und seine Frau Trisha zusammen neun Kinder großziehen.

Die Not

Nachdem DeYoung sein Buch The Hole in Our Holiness publiziert hatte, war er oft zum Thema Heiligung auf Konferenzen unterwegs. Vor allem das Kapitel 5 schien die Menschen zu bewegen. Die Themen darin könnten folgendermaßen zusammengefasst werden: „Es ist möglich, Gott zu gefallen und gottesfürchtig zu leben“ (S. 113). Mit dem aktuellen Buch versucht DeYoung, diese These zu entfalten und die Not anzusprechen, die dahintersteckt. Im ersten Kapitel verweist er darin auf das Gleichnis von den anvertrauten Talenten, welches Jesus in Matthäus 25,14–30 erzählt. Sowohl der erste Knecht mit fünf Talenten als auch der zweite mit zwei Talenten hatten damit gehandelt und die Talente verdoppelt. Beide erhalten von ihrem Meister exakt das gleiche Lob: „Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn!“ (Verse 21 und 23). Ist das nicht wunderbar? Kannst du dir vorstellen, dass der Herr dein Leben als Christ heute so beurteilen würde? Wenn nicht, dann nimm die biblische Medizin, welche dieses Buch anbietet.

Der Weg dazwischen

Vielleicht läuten jetzt bei dir die Alarmglocken. Bleiben wir nicht bis zum Ende hier auf Erden Sünder, die völlig von der Gnade Gottes abhängig sind? Natürlich! Das bedeutet aber nicht, dass „alles, was wir in unserem Leben hinbekommen, … voller Sünde ist“ (S. 21) und dass Scheitern der Normalzustand sein muss. Es gilt – und das ist wieder eine Stärke von DeYoung – die Balance zu halten oder den Weg zwischen den Extremen zu finden. Am Ende des ersten Kapitels beschreibt er diesen Mittelweg mit verschiedenen Aussagen. Hier eine Kostprobe: „Es stimmt, wir werden hier auf der Erde nie vollkommen und sündlos sein. Aber wir sind in der Lage, das wahrhaft Gute und Gott Wohlgefällige zu tun“ (S. 29).

Wahrer oder vollkommener Gehorsam

In Kapitel 2 erläutert der Autor die Grundlagen für Heilsgewissheit, denn darin zeigt sich oftmals die Problematik. In einer Frage ausgedrückt: Darf man als Christ zuversichtlich sein, das Endziel zu erreichen? Der 1. Johannesbrief gibt uns gemäß DeYoung drei Merkmale, die alle im Leben eines Christen vorhanden sein müssen. Kurz zusammengefasst (und ein wenig vereinfacht) finden wir sie auf Seite 37: „Liebe Jesus, liebe seine Gebote und liebe deinen Nächsten.“ Wenn wir diese drei Früchte in unserem Leben sehen, dürfen wir zuversichtlich sein, dass wir Kinder Gottes sind. Doch gerade selbstkritische Christen werden einwenden: Meine Liebe zu Christus, zu seinen Geboten und zu meinem Nächsten ist äußerst mangelhaft. Wir sind doch nie in der Lage, Gott und unseren Nächsten von ganzem Herzen zu lieben! Das stimmt grundsätzlich, setzt aber voraus, dass nur eine vollkommene Liebe und ein fehlerloser Gehorsam vor Gott akzeptabel sind. DeYoung argumentiert hingegen überzeugend, dass gerade Johannes in seinem ersten Brief davon ausgeht, „dass es Menschen gibt, die Gott wirklich lieben und seinen Geboten gehorchen“ (S. 43; siehe z.B. 1Joh 5,2). Nachdem er auch das Westminster Bekenntnis dahingehend zitiert hat, fasst er zusammen: „Die guten Werke der Gläubigen können wahrhaft gut sein, auch wenn sie in einem unvollkommenen Zustand vollbracht werden“ (S. 45).

Besonders wertvoll für mich war das Kapitel 6, dessen Titel lautet „Die Bergpredigt – Weg zur Verzweiflung?“ In Diskussionen mit Christen, die den sogenannten dritten Gebrauch des Gesetzes (das Gesetz als Lebensregel für Christen) ablehnen, wurde mir immer wieder gesagt, dass die Botschaft der Bergpredigt uns zur Verzweiflung treiben soll, sodass wir dann unsere Zuflucht bei Christus suchen. Nachdem DeYoung die Bergpredigt in den Kontext des Matthäusevangeliums eingebettet hat, zeigt er aber auf, dass wir hier nicht zwischen diesen Alternativen wählen müssen. Jesus hatte nicht die Absicht, ein Reich zu verkünden, „in das niemand eintreten kann, einen Weg der Nachfolge aufzuzeigen, den niemand gehen kann, und Gebote zu formulieren, die niemand wirklich halten kann“ (S. 104). Es gibt eben einen Unterschied zwischen wahrem und vollkommenem Gehorsam. „Wahrer Gehorsam ist als Lebensweise möglich, bedeutet aber nicht, dass man niemals sündigt und immer das Richtige tut, also vollkommen gehorsam ist“ (S. 107). Ist das nicht Balsam für unsere Seelen?

Die Kultivierung eines schlechten Gewissens

Bekanntlich eignen sich die Themen Stille Zeit und Zeugnisgeben hervorragend, um in Christen ein schlechtes Gewissen zu wecken. Wer würde schon von sich behaupten, dass er darin vollkommen ist? DeYoung zeigt nun im Kapitel 3 seelsorgerlich auf, dass tatsächlich Entwicklungspotential besteht, dies aber kein Grund ist, ständig mit schlechtem Gewissen zu leben. Nehmen wir das Zeugnisgeben als Beispiel. Haben wir nicht alle schon in Predigten gehört, wie einige Menschen scheinbar ohne Menschenfurcht ständig das Evangelium bezeugen? Und klar, wir sollten das Evangelium weitergeben. DeYoung gibt aber zu Recht zu bedenken: „So sehr wir die persönliche Evangelisation auch betonen mögen …, so gibt es nur wenige Verse, die wir anführen können, um ihre Bedeutung zu unterstreichen“ (S. 59). Sogar den Missionsbefehl können wir nicht einfach unbesehen auf uns beziehen, enthält er doch Anweisungen, die nicht direkt jeden Gläubigen adressieren, sondern sich in erster Linie an die Apostel und dann erweitert an die Gemeinde richten (z.B. der Taufbefehl oder der Auftrag, in alle Welt hinauszugehen). Wir müssen nicht „alle extrovertiert wortgewandt [sein] und jedes Gespräch auf das Evangelium lenken können“ (S. 62). Sorgfältig zeigt DeYoung den Unterschied zwischen wahrem und vollkommenem Gehorsam und behandelt dies dann in den Kapiteln 4 und 5 auch für die Bereiche Geld und Kollektivschuld. Sehr hilfreich!

Ein ruhiges Leben

Kannst du dir vorstellen, dass ein ruhiges Leben Gott gefallen könnte? In 1. Timotheus 2,1–2 stellt uns Paulus dies als Ziel vor unsere Augen. Genau das möchte DeYoung auch uns westlichen Christen in den letzten zwei Kapiteln weitergeben. Hier einige Zitate: „Wenn die Bibel beschreibt, wie Christen sein sollten, dann nennt sie Charaktereigenschaften und Wesenszüge, nicht To-do-Listen“ (S. 119). „Es ist wichtiger, an seinem Charakter zu arbeiten, als die Welt zu verändern“ (S. 120). Und wir wissen alle: Das braucht Zeit, denn Wachstum lässt sich nicht erzwingen. Hier noch ein letztes Zitat, um die Besprechung abzurunden:

„Das gewöhnliche Leben ist gleichzeitig auch etwas Außergewöhnliches. Wir erweisen der Gemeinde keinen Dienst, wenn wir Menschen glauben lassen, dass zu heiraten, Kinder zu bekommen, verheiratet zu bleiben, Kinder in die Gemeinde zu bringen, ihnen den Glauben zu lehren, Schuhe zu kaufen und sie zu mutigen und liebevollen Christen zu erziehen etwas anderes als radikale Nachfolge ist.“ (S.131)

Durch das ganze Buch hindurch erklingt der Ruf des Meisters: „Recht so, du guter und treuer Knecht!“ DeYoung hat mich ermutigt und mich wieder neu daran erinnert, dass die Bibel uns Gott nicht nur als Richter vorstellt, sondern auch als liebenden Vater. Das müssen wir uns immer wieder neu zu Herzen nehmen.

Buch

Kevin DeYoung, Christsein schafft eh keiner: Warum Jesus nachzufolgen nicht bedeutet, die Welt zu retten, auf alles eine Antwort zu haben, sich mit geistlichem Stillstand abzufinden oder ständig ein schlechtes Gewissen zu haben, Bad Oeynhausen: Verbum Medien, 2026, 144 Seiten, 11,90 EUR.
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