Maria und die unbefleckte Empfängnis
Schwierige Fragen erfordern komplexe Antworten. „Wurde Maria ohne Sünde geboren?“ ist keine schwierige Frage, und deshalb ist die Antwort ziemlich einfach: Nein. Punkt. Die Bibel ist unmissverständlich: „Es ist keiner gerecht, auch nicht einer“ (Röm 3,10). Maria bildet da keine Ausnahme. Später argumentiert Paulus, dass „durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen hingelangt ist, weil sie alle gesündigt haben“ (Röm 5,12).
Wenn es nur um die Bibel ginge, wäre dieser Artikel an dieser Stelle fertig. Da sich die römisch-katholische Kirche jedoch nicht der Heiligen Schrift als oberster Autorität verpflichtet sieht, fällt ihre Antwort völlig anders aus.
Am 8. Dezember jeden Jahres wird die Feier der unbefleckten Empfängnis Mariens begangen. Zu diesem Anlass besinnt sich die römisch-katholische Kirche auf den Glauben, dass Maria selbst vor der Erbsünde bewahrt wurde. Diese Ansicht war jahrhundertelang Teil der römisch-katholischen Lehre und Andachtspraktiken, aber erst 1854 wurde die unbefleckte Empfängnis von Papst Pius IX. offiziell als Dogma verkündet. Dadurch wurde sie zu einem verbindlichen und unwiderruflichen Glauben der römisch-katholischen Kirche. Hier ist die genaue Formulierung dieses Dogmas, das in der päpstlichen Bulle Ineffabilis Deus enthalten ist [1]:
„Wir erklären, verkünden und definieren … Die Lehre, daß die allerseligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis auf Grund einer besonderen Gnade und Auszeichnung vonseiten des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers der ganzen Menschheit, von jeder Makel der Erbsünde bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und muß deshalb von allen Gläubigen fest und unabänderlich geglaubt werden.“
Doch so absolut und feierlich diese Worte auch klingen – aus biblischer Perspektive ist das marianische Dogma schwer nachzuvollziehen. In der Bibel findet sich nicht einmal der kleinste Hinweis für diese Lehre. Wie kann eine solche Ansicht zu einem Dogma erhoben werden, wenn das Wort Gottes dazu schweigt?
Es ist immer interessant zu beobachten, wie die römisch-katholische Theologie für die unbefleckte Empfängnis Mariens argumentiert, indem sie versucht, eine Verbindung zur biblischen Lehre herzustellen. Ein wichtiges Ereignis in dieser Hinsicht war eine Ansprache von Papst Franziskus am 8. Dezember 2016. In seiner Rede argumentierte der Papst, dass Jesus „nicht bereits erwachsen und stark“ kam, „sondern den ganzen Weg eines Menschen zurückgelegt“ hat. „Er ist in allem uns gleich geworden, … außer der Sünde.“ Aus diesem Grund wählte er Maria, „das einzige Geschöpf ohne Sünde, unbefleckt“. Er wies darauf hin, dass der Engel, wenn er von Maria spricht, sie als „voll der Gnade“ bezeichnet. Dies deutete der Papst so, dass von Anfang an „kein Raum für die Sünde“ in ihr gewesen sei. Anschließend sagte er: „Und wenn wir uns an sie wenden, bekennen auch wir diese Schönheit: wir rufen sie an als die, die ‚voll der Gnade‘ ist, ohne Schatten des Bösen.“
Die Bibelstelle, auf die sich der Papst bezieht, ist Lukas 1,28, wo Maria vom Engel Gabriel als „Begnadete“ angesprochen wird. Die Vulgata, die lateinische Bibelübersetzung aus dem späten 4. Jahrhundert, übersetzt diesen Ausdruck als „gratia plena“ („voll der Gnade“), und öffnet damit Tür und Tor für alle möglichen Missverständnisse – als ob Maria die Fülle der Gnade in sich selbst besäße. Aus dieser Übersetzung wurde geschlussfolgert, sie sei so voller Gnade gewesen, dass sie ohne Erbsünde empfangen worden sein müsse.
Es gibt jedoch keinen Hinweis im Text, dass Maria „voller“ Gnade und daher „frei“ von Sünde sei. „Begnadet“ zu sein bedeutet, dass sie eine unwürdige Empfängerin von Gottes Gnade ist, genau wie wir alle. Dies wird durch die Tatsache untermauert, dass sie Gott ihren „Retter“ nennt (Lk 1,47). Sie sieht sich also selbst als bedürftig für Gottes Erlösung, genau wie der Rest der Menschheit. Es gibt keine innewohnende Gnade in ihr, die unabhängig von Gottes göttlicher Gunst und seiner Gegenwart existiert.
Es scheint also, dass das Argument für die unbefleckte Empfängnis Mariens auf einer fehlerhaften Übersetzung dieser Passage beruht. Dies führt zu einer unplausiblen Lehre, die tief in die Anthropologie und die Soteriologie eingreift und die Kernlehren des biblischen Evangeliums erschüttert. Die klare Lehre der Schrift ist: „Alle haben gesündigt und verfehlen die Herrlichkeit, die sie vor Gott haben sollten“ (Röm 3,23). Es gibt keinen Hinweis auf eine Sonderregelung für irgendjemanden. Maria wurde nicht dadurch gerettet, dass sie vor der Sünde „bewahrt“ wurde. Sie war eine Sünderin wie jeder andere Mensch. Ihre Sünde wurde durch den Sohn gesühnt, weil sie Teil der gefallenen Menschheit war, die Adams Sünde geerbt hatte. Jesus ist der neue Adam, ohne Sünde geboren, um Adams sündige Nachkommen, einschließlich Maria, zu retten.
Die Tatsache, dass sich die römisch-katholische Kirche voll und ganz der unbefleckten Empfängnis Mariens verschrieben hat, stellt für all jene, die ihren Glauben auf das stützen wollen, was die Bibel lehrt, immer noch ein ernstes Fragezeichen dar. Der römische Katholizismus, der in seiner hoch entwickelten Mariologie einen besonders deutlichen Ausdruck findet, basiert eben nicht auf der Schrift allein. Er befindet sich auf einem Weg, auf dem Frömmigkeitsformen und Traditionen das letzte Wort haben können – über der Bibel und im Widerspruch zu ihr.
1 Anton Rohrbasser (Hrsg.), Heilslehre der Kirche: Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin und H.Th. Conus, Freiburg/Schweiz: Paulusverlag, 1953, S. 306–325.