Kunst und Glaube
Mit Kunst und Glaube ist das ja so eine Sache. In zeitgenössischer großer Kunst spielt der Glaube oft keine tragende Rolle. Großer Glaube dagegen geht oft mit einem dekorativen, oberflächlichen Verständnis von Kunst einher. Oder Kunst und Glaube sehen sich gar gleich gegenseitig als verzichtbar an. Makoto Fujimura begeht in seinem Buch Kunst und Glaube: Eine Theologie des kreativen Schaffens den Versuch, sowohl die Kunst als auch den christlichen Glauben in gebührender Tiefe zu betrachten und in einen existentiellen Zusammenhang zu bringen.
Der aus Japan stammende bildende Künstler lebt und arbeitet in New York und hat dort seinen Platz als renommierter Gestalter und kultureller Denker gefunden. Um in seine Welt einzutauchen, im Folgenden nun einige Kerngedankengänge, die sich durch sein Buch ziehen.
Der große Schöpfer, die Fülle der Schöpfung und seine Geschöpfe
In der Schöpfung bringt Gott seine überschwängliche Fülle zum Ausdruck. Und das nicht, weil er es nötig hat, sondern aus großzügiger Liebe und Hingabe. Er schafft den Menschen, nicht weil er ihn braucht, sondern weil er es will – obwohl er sich selbst genügt. Und er schuf ihn in seinem Ebenbild. Folglich gab er Adam im Garten Eden bereits den Auftrag, kreativ tätig zu werden, indem er die Tiere benennen sollte.
Fujimura spannt den Bogen von der Schöpfung über das Leid und den Zerbruch der Welt zur notwendigen Erlösung durch Jesus Christus und schließlich zur neuen Schöpfung, die hier auf Erden schon beginnt.
Sein Verständnis von Kunst fußt auf der menschlichen Ebenbildlichkeit Gottes, dem Schöpfer. Wir sind also dazu geschaffen, kreativ zu sein. Zu einem Schaffen, das nicht zweckorientiert ist, sondern aus der Fülle schöpft. Dazu brauchen wir Gott als Quelle und Ziel der Schönheit. Die in uns hineingelegte Phantasie ist auch entscheidend für unseren Glauben. Wenn Glaube bedeutet, zu sehen, was man noch nicht sieht, ist die Phantasie dafür unverzichtbar.
Doch durch den Sündenfall wurden die Menschen nicht nur aus dem Garten Eden vertrieben, sondern auch die gute Gabe der Kreativität und Phantasie wurde verzerrt. Sie wird nun auch fehlgeleitet eingesetzt, zum Beispiel um Götzen und goldene Kälber zu kreieren. Letztendlich steht dann das Ego des Menschen im Zentrum der Kunst.
Eine Gott wohlgefällige Kreativität dagegen bringt Licht in die Finsternis der Welt. Fujimura versteht Kunst als hingegebene Wertschätzung des Lebens, die beziehungsorientiert ist – ganz im Sinne Adams, der die Tiere benennt. Der Akt des Schaffens, der uns alle betrifft, ist letztendlich Fürsorge und Liebe, die nicht nur durchdacht, sondern gelebt werden soll. Als ein Beispiel dafür betrachtet er die Bibel, das Wort Gottes. Sie ist Gottes Liebesbrief, mit dem er um das Vertrauen seiner zukünftigen Braut wirbt. Statt trockener Texte und Checklisten beinhaltet sie Poesie, Lieder und bildstarke Gleichnisse. Dadurch sehen wir, dass umwerbende Liebe auch immer zu Kreativität und Schönheit führt.
Durch Leid und Zerbruch zum Neuen
Eine grundlegende Rolle kommt Leid und Zerbruch zu – sowohl im (christlichen) Leben als auch im Prozess des Schaffens. Dazu entfaltet Fujimura die japanische Handwerkskunst des „Kintsugi“ als anschauliche Analogie. Bei diesem aufwendigen künstlerischen Prozess werden zerbrochene Gefäße nicht nur repariert, sondern mithilfe kostbarer Materialien wie Gold zu etwas eigenständig Neuem geformt. Aus dem Zerbruch entsteht etwas wertvolleres Neues. Die Wunden, die Jesus nach der Auferstehung noch trägt, werden zum Zeichen seiner Hingabe als endgültiges Opfer und dem Sieg über den Tod durch die Auferstehung.
Für Fujimura spielen die Tränen, die Jesus weinte, als sein Freund Lazarus starb, eine Schlüsselrolle beim Erkennen und Verstehen des christlichen Glaubens und des schöpferischen Akts. Anhand der biblischen Geschichte aus dem Johannesevangelium rund um Lazarus richtet er den Blick auf Maria und Marta. Sowohl Marias aufopferungsvolle, eher rational geprägte Gastfreundschaft als auch Martas hingebungsvolle, scheinbar verschwenderische Hinwendung zu Jesus zeigen eindrücklich, wie aus Lazarus’ Tod – und der anschließenden Auferweckung durch Jesus – etwas Neues entsteht. In diesem Fall bereitet Lazarus’ Geschichte sogar thematisch den Weg für Jesu Leiden und Auferstehung.
Jesu Tränen sind – wie die Schöpfung – überschwänglich, verschwenderisch und kostbar und entscheidenderweise nicht notwendig oder „nützlich“. Sie sind der Ausdruck von Hingabe aus Liebe. Durch sie dürfen wir schon jetzt an der neuen Schöpfung aktiv teilhaben.
Intuition und Vorstellungskraft als Bausteine der Erkenntnis
Fujimura beschreibt die heutige westliche, industriell geprägte Welt – und auch christliche Gemeinden – als sehr analytisch und zweckorientiert. So liegt seiner Meinung nach der Fokus darauf, die Wahrheit und auch das Evangelium rational zu verstehen und zu erklären – wobei Erfahrung und Intuition zu kurz kommen. Hier ist für ihn die Kunst ein entscheidender Weg, um zur umfassenden Erkenntnis Gottes zu gelangen. Deshalb ruft er dazu auf, ausufernde Diskussionen zu meiden und sich stattdessen am Schaffen zu beteiligen, um so auf die Quelle der Kreativität und Phantasie hinzuweisen.
Der Weg zur Erkenntnis besteht so nicht ausschließlich aus rationalem Verstehen, sondern auch darin, selbst schöpferisch tätig zu werden. So schließt die Kunst die Lücke zwischen Begreifen und Erleben. Anschaulich wird dies bei einem fasziniertem Staunen. Das Staunen hat dabei immer einen Aspekt des nicht Verstehens, der über den menschlichen Horizont hinaus geht.
Fujimura ermutigt dazu, das Evangelium nicht als Ware zu betrachten, die man verkaufen kann, sondern als die wertvollste Gabe. Dieses Geschenk steht in keinerlei Zusammenhang mit eigenen Anstrengungen und lehrt uns, dass wir von Gott abhängig sind und es darum geht, diese Gabe anzunehmen.
Als aktiv Schaffende die Kultur prägen
Auch wenn die zeitgenössische Kultur einem verunreinigten Fluss gleicht, gilt es für Christen, durch die wahre Quelle der Phantasie und Kreativität den Boden der Kultur zu pflegen. Fujimura sieht unsere Aufgabe als Christen darin, durch die Frucht des Geistes positiv in Kultur und Welt hineinzuwirken und dadurch anzufangen, die neue Schöpfung bereits real werden zu lassen. Er prägt dazu den Begriff der Kulturpflege als konstruktive Alternative zum Kulturkampf. Als Christen sind wir erdacht und berufen dazu, Mit-Schaffende von Gottes neuer Schöpfung zu werden.
Gedanken zum Buch
Das Buch Kunst und Glaube: Eine Theologie des kreativen Schaffens ist eine hoffnungsvolle Entdeckungsreise durch Glauben, Kunst und Kultur. Dies gelingt Makoto Fujimura mit einer Vielzahl an biblischen Bildern und Geschichten und eindrücklichen Metaphern aus der japanischen Handwerkskunst. Neben Gedanken von Künstlern verschiedener Disziplinen und Epochen, Theologen und Philosophen, bezieht er auch tiefgreifende persönliche Erlebnisse mit ein, wie sein unmittelbares Erleben des 11. September 2001 in New York.
Die Schreibweise des Buchs ist weniger streng argumentativ als vielmehr eine Betrachtung und Reflexion seiner Erfahrungen und Erkenntnisse. So spiegelt sein Schreibstil wider, was auch seine abstrakten Gemälde auszeichnet, die durch die Verarbeitung ausgewählter Materialien in einem zeitintensiven, vielschichtigen Prozess entstehen und zum längeren Betrachten einladen.
Sein theologisches Verständnis ist stark von einer Theologie der neuen Schöpfung geprägt. Teilweise entsteht der Eindruck, dass seine Theologie des Schaffens über das Ziel hinausschießt, indem Kunst und der schöpferische Prozess beinahe selbst zu etwas Heiligem werden und das menschliche Mitwirken an der neuen Schöpfung essentiell erscheint. Gleichzeitig nimmt er aber auch immer wieder mögliche Kritik an seinen Gedanken bereits selbst vorweg und geht auf diese ein.
Wie bei dem Besuch einer guten Ausstellung oder dem Erleben einer künstlerischen Darbietung muss man dieses Buch erst mal auf sich wirken lassen, ohne direkt nach dem „Nutzen“ zu suchen. Man muss sich darauf einlassen, mit auf die Reise eines Schaffenden genommen zu werden, wobei christlicher Glaube und praktizierte Kunst zu einer faszinierenden Symbiose verschmelzen. Mit seinem gedanklich fordernden und inspirierenden Buch arbeitet Fujimura heraus, dass Kunst nicht dekorativ und gefällig ist, sondern hinterfragt, klagt, Reibung erzeugt, verändert und nie an der Oberfläche bleibt. Und uns schließlich auffordert, zuversichtlich und mutig aus der Fülle des Schöpfers heraus selbst zu Schaffenden zu werden.
Buch
Makoto Fujimura, Kunst und Glaube: Eine Theologie des kreativen Schaffens, Lüdenscheid: Fontis 2026, 240 Seiten, 24,90 €.