Bibel und Theologie

Nobody’s perfect

Über einen, der es ist

Artikel von Brandon Crowe
9. Juni 2026 — 5 Min Lesedauer

„Niemand ist perfekt.“ Das ist ein bekannter Spruch, der sich einfach richtig anfühlt. Wir alle kennen unsere Fehler und Grenzen nur zu gut und zögern meistens nicht lange, diese Redewendung als Entschuldigung für uns selbst zu nutzen.

Doch die Bibel präsentiert uns eine Ausnahme von dieser Regel. Vielleicht hast du diesen Satz auch schon einmal gehört: „Es gab nur einen einzigen vollkommenen Menschen.“ Dieser Mensch ist Jesus Christus.

Es ist tatsächlich wahr, dass Jesus der einzige vollkommene Mensch ist, der je gelebt hat. Aber wo und wie lehrt die Bibel das eigentlich? Interessanterweise gibt es sogar Texte, die sagen, dass Jesus vollkommen wurde. Lass uns die Vollkommenheit von Jesus einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Der vollkommene Sohn Gottes

Bevor wir ganz gezielt über das vollkommene menschliche Leben von Jesus sprechen, müssen wir uns klarmachen, dass er eine ewige, göttliche Person ist. Er ist der ewige Sohn Gottes (vgl. Joh 1,1). Er existiert von Ewigkeit her in all der Vollkommenheit, die das Wesen Gottes ausmacht. Er ist „unendlich, ewig und unveränderbar in seinem Sein, in Weisheit, Kraft, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit“ (Kleiner Westminster Katechismus 4).

Jesus ist also schon aufgrund seiner göttlichen Sohnschaft vollkommen und völlig frei von Sünde.

Der vollkommene Mensch

Wenn wir jedoch über das vollkommene Leben von Jesus sprechen, meinen wir – im Gegensatz zu seiner göttlichen Sohnschaft – sein Menschsein in der Fleischwerdung, also die Vollkommenheit seiner menschlichen Natur. Das kann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden.

Erstens war Jesus nicht in die Sünde Adams eingeschlossen. Das wird in Texten wie Römer 5,12–21 deutlich. In Adam haben zwar „alle gesündigt“, aber Jesus bildet hier den entscheidenden Gegenpol. Während eine einzige Sünde zur Verurteilung für alle Menschen führte, die in Adam sind, führt eine einzige gerechte Tat zur Rechtfertigung für alle Menschen, die in Christus sind (vgl. Röm 5,18–19).

Wenn alle Menschen durch Adam gesündigt haben, Christus aber Gerechtigkeit und Leben bringt, dann kann Jesus nicht zu jenen „allen“ gehört haben, die in Adam gesündigt haben. Die Gerechtigkeit, die er uns schenkt, ergibt sich aus seiner einzigartigen Stellung als Bundesoberhaupt und als völlig gerechter Stellvertreter. Das stimmt mit der Botschaft des Engels Gabriel an Maria überein, dass das Kind, das sie gebären würde, heilig, der Sohn Gottes sein würde (vgl. Lk 1,35).

All das bedeutet, dass Jesus keine gefallene Natur hatte, die zur Sünde neigte. Er hat eine ungefallene, sündlose menschliche Natur und ist vollkommen gerecht.

Zweitens lebte Jesus ein vollkommen gehorsames menschliches Leben. Auch das hängt eng mit Adam zusammen. Adams Ungehorsam führte zur Verurteilung, aber das Neue Testament stellt uns Jesus als den zweiten und letzten Adam vor – als einen Stellvertreter, dessen Gehorsam den Ungehorsam des ersten Adams wieder rückgängig macht.

Neben der Stelle in Römer 5 zeigt uns auch der Bericht über die Versuchung im Markusevangelium Jesus als den neuen Adam, der angesichts der Versuchung gehorsam bleibt. Das ist vermutlich auch der Grund, warum dort die wilden Tiere erwähnt werden, was an den Garten Eden erinnert (vgl. Mk 1,12–13).

Ähnlich verhält es sich im Lukasevangelium: Direkt nach Jesu Taufe folgt ein Stammbaum, der Jesus bis zu Adam zurückverfolgt, woraufhin Jesus in der Wüste gehorsam bleibt (vgl. Lk 3–4). Auch hier wird sein Gehorsam direkt mit seiner Identität als neuer Adam verknüpft.

Paulus greift das Thema ebenfalls in 1. Korinther 15 auf. Jesus ist der letzte Adam, durch den die Auferstehung der Toten kommt (vgl. 1Kor 15,21–22.45). Seine Auferstehung war die Bestätigung seines ungerechten Todes: Weil er sündlos war, war es ein Unrecht, ihn als Kriminellen hinzurichten. Dass er zu neuem Leben erwachte, demonstriert seinen vollkommenen Gehorsam (vgl. 1Tim 3,16) und ist ein Hinweis auf die Rechtschaffenheit seines gesamten Lebens (vgl. Hebr 2,14–18).

Drittens: Wenn der Hebräerbrief davon spricht, dass Jesus vollkommen gemacht wurde (vgl. Hebr 2,10; 5,9; 7,28), müssen wir das im Kontext der Heilsgeschichte verstehen und nicht als eine Veränderung seines Charakters. Als ewiger Sohn Gottes ist Jesus ohne Sünde, und auch in seinem irdischen Leben hat er nie gesündigt. Wenn er also „vollkommen gemacht“ wurde, dann bezieht sich das auf seine vollendete Rolle als der endgültige, vollkommene Priester. Er gewährt uns einen viel größeren Zugang zu Gott als alle Priester vor ihm (vgl. Hebr 5,7–10; 6,19–20; 9,11–14; 10,5–14).

Jesus konnte das endgültige Opfer darbringen, weil er der ewige Sohn Gottes ist, der ewig lebt durch die Kraft eines unzerstörbaren Lebens (vgl. Hebr 7,15–28). Seine Auferstehung und der Zugang, den er uns zu Gott verschafft, setzen die Vollkommenheit seines eigenen Opfers und damit die Vollkommenheit seines irdischen Lebens voraus.

Fazit

Da keiner von uns vollkommen ist, ist es wirklich eine großartige Nachricht, dass Jesus es ist. Er ist der zweite und letzte Adam: Sein vollkommener Gehorsam bildet die Grundlage für unsere Rechtfertigung, die wir durch den Glauben empfangen. In ihm finden wir das ewige Leben (vgl. Joh 1,4; 20,31). Er ist nicht bloß ein Mensch; er ist der ewige Sohn Gottes. Dennoch ist er ein wahrer Mensch – der Gottmensch, der für uns getan hat, was wir selbst niemals tun könnten.

Als der vollkommene Priester ist Jesus der einzige Mittler, der uns einen vollkommenen Zugang zu Gott verschafft (vgl. Hebr 10,14). „So lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe!“ (Hebr 4,16).