Bibel und Theologie

Sollten Christen, die mit Sünde ringen, auf das Abendmahl verzichten?

Artikel von Sean DeMars
5. Juni 2026 — 8 Min Lesedauer

Wie man das Abendmahl nicht einschränkt

Die Gemeinde kam nach vorn, um von Brot und Wein zu nehmen, aber ich blieb sitzen. Während andere Gemeindemitglieder das Abendmahl entgegennahmen, fühlte ich mich wie gelähmt, als meine Sünden der vergangenen Woche wie ein Film vor meinem inneren Auge abliefen.

Kurz zuvor hatte unser Pastor gesagt, dass wir vom Abendmahl fernbleiben sollten, wenn es ungeklärte Sünden in unserem Leben gäbe. Da ich die Warnung meines Pastors ernstnehmen wollte, blieb ich also sitzen und prüfte mein Herz, ob ich das Abendmahl empfangen sollte oder ob ich so unwürdig war, dass dies Gottes Gericht nach sich ziehen würde (vgl. 1Kor 11,29). In diesem Moment kam mir der Tisch weniger wie ein Fest der Gnade vor, sondern vielmehr wie eine Prüfung, von der ich nicht sicher war, ob ich sie bestehen könnte.

In reformierten Gemeinden ist es üblich, den Abendmahlstisch abzugrenzen. Da das Abendmahl für Gläubige ist, warnen wir zu Recht all jene davor, vom Brot und Wein zu nehmen, die ihren Glauben noch nicht bekannt haben. In manchen Gemeinden geht diese Abgrenzung noch weiter und der Tisch wird für die Gläubigen zu einem Ort der ängstlichen Selbstbefragung. Wenn das Abendmahl angekündigt wird, senken sich ehrfürchtig die Köpfe und eine stille innere Befragung beginnt: Habe ich diese Woche in irgendeiner Weise gesündigt? Bin ich würdig genug, um zum Tisch der Gnade zu kommen? Soll ich am Abendmahl teilnehmen? Viele Christen prüfen sich auf diese Weise, weil ihnen das von wohlmeinenden Pastoren beigebracht wurde, die aufrichtig besorgt sind, dass Gemeindemitglieder unberechtigterweise das Brot essen und vom Kelch des Herrn trinken (vgl. 1Kor 11,27).

Wenden wir aber Paulus‘ Lehre in 1. Korinther 11,17–34 richtig an, wenn wir Christen vor dem Abendmahl dazu aufrufen, sich einer Selbstprüfung zu unterziehen, oder wenn wir sie dazu ermutigen, auf das Abendmahl zu verzichten, wenn sie ein beladenes Gewissen haben? Hatte Paulus diese Art von Selbstprüfung im Sinn?

Paulus ruft zur Einheit in der ganzen Gemeinde auf

Nein, das hatte er nicht. Als Paulus die Gemeinde in Korinth dafür tadelt, dass sie unwürdig essen und trinken (vgl. 1Kor 11,29), fordert er sie nicht zu einer bloßen Bestandsaufnahme ihrer eigenen Sünden auf, sondern dazu, ihr gemeinsames Leben als Gemeinde zu hinterfragen.

Die vorherigen Verse machen das deutlich. Beim Abendmahl nahmen manche Gläubige ihr eigenes Mahl vorweg (vgl. 1Kor 11,21), sodass der eine hungrig blieb (vgl. 1Kor 11,21) und die, die nichts hatten, beschämt wurden (vgl. 1Kor 11,22). Das Abendmahl war zu einer öffentlichen Zurschaustellung einer gespaltenen Gemeinde geworden, die die Einheit untergrub, die sie eigentlich verkünden sollte.

In 1. Korinther 10,16–17 schreibt Paulus, dass wir, die Vielen, ein Leib sind, denn es ist ein Brot. Das Abendmahl zeigt, dass Gott durch den gebrochenen Leib und das vergossene Blut Christi ein vielfältiges Volk zu einer einzigen, erlösten Gemeinschaft vereint hat. Wenn wir als Gemeinde zum Tisch kommen, gedenken wir nicht nur individuell an Christus, sondern wir haben gemeinsam Anteil an seinem Leib. Das Abendmahl bezeugt, dass das Evangelium eine Familie schafft und keine Zusammenkunft isolierter geistlicher Konsumenten.

Wenn also Paulus sagt, dass ein jeder sich prüfen soll (vgl. 1Kor 11,28), dann hatte er laut Mark Taylor keine „reine Selbstbeurteilung, wie dieser Vers oft verstanden wird“ im Sinn. Taylor fährt fort, indem er schreibt: „Paulus’ Perspektive ist gemeinschaftlich. Sich selbst zu prüfen bedeutet, die eigene … Art und Weise zu prüfen, wie man mit anderen Gemeindemitgliedern umgeht.“

Paulus fordert die Korinther auf, ihre Beziehungen innerhalb der Gemeinde zu prüfen. Verachtet ihr euren Bruder? Spaltet ihr, was Christus zusammengeführt hat? Feiert ihr das Abendmahl auf eine Weise, die die Einheit der Gemeinde untergräbt?

I. Howard Marshall schreibt: „Seine Warnung war nicht an diejenigen gerichtet, die ein unwürdiges Leben führten und sich nach Vergebung sehnten, sondern an diejenigen, die durch ihr Verhalten beim Abendmahl das verhöhnten, was eigentlich das Heiligste und Feierlichste hätte sein sollen.“ Das Problem in Korinth waren nicht die ungeklärten, privaten Sünden, sondern das gemeinschaftliche Verhalten, das im Widerspruch zum Evangelium stand.

Faktische Exkommunikation vermeiden

Vielen Christen wurde beigebracht, vom Abendmahlstisch fernzubleiben, wenn sie mit dem Ablegen von Sünden wie Begierde, Geiz und Eifersucht kämpfen. Im Neuen Testament ist dieses Fernbleiben jedoch kein Akt persönlicher Frömmigkeit. Stattdessen ist es eine Folge einer noch nicht wiederhergestellten Beziehung oder einer formellen Disziplinierungsmaßnahme innerhalb der Gemeinde.

In 1. Korinther 5,11–13 fordert Paulus die Gemeinde auf, nicht mit jemandem zu essen, der sich zwar Bruder nennt, aber nicht zur Umkehr bereit ist. Essen umfasst hier natürlich auch das Abendmahl. In ähnlicher Weise lehrt Jesus, dass die Unbußfertigen von der Gemeinde als Außenstehende und nicht länger als vollwertige Mitglieder behandelt werden sollen (vgl. Mt 18,17).

In 2. Thessalonicher 3,14–15 ruft Paulus die Gemeinde erneut auf, nicht mit denjenigen Gemeinschaft zu haben, die in Ungehorsam leben. Wie das Wort „exkommunizieren“ bereits andeutet, sollte derjenige von der Gemeinde ausgeschlossen werden, der im Widerspruch zu seinem Glaubensbekenntnis lebte.

Was aber ist, wenn ein Christ erkennt, dass er an genau jenen gemeinschaftlichen Sünden beteiligt ist, die Paulus in Korinth verurteilt – nämlich, wenn er Vorurteile hat, einen Bruder oder eine Schwester verachtet oder zur Spaltung innerhalb der Gemeinde beiträgt? In diesem Fall ruft der Text zu Umkehr auf, die die Gemeinschaft wiederherstellt.

Pastoren sollten Gemeindemitglieder auffordern, ihre Beziehungen mit ihren Geschwistern innerhalb der Gemeinde zu prüfen und – soweit es in ihrer Macht steht – den Frieden mit ihren Brüdern und Schwestern zu suchen (vgl. Röm 12,18). Wenn sie dies jedoch getan haben, sollten wir sie einladen, zum Tisch zu kommen.

Ein Christ, der eine zerbrochene Beziehung zu einem Bruder oder einer Schwester hat, kann freiwillig auf das Abendmahl verzichten, bis er eine Gelegenheit hatte, sich zu versöhnen (vgl. Mt 5,23–24). Diese Enthaltung sollte jedoch nicht zu lange dauern. Gottes Volk prüft sich idealerweise selbst und sinnt die ganze Woche über das Kreuz nach – und zwar in den Tagen und nicht erst in den Minuten, bevor es zum Tisch kommt. Durch Gottes Gnade gibt dies einem Christen Zeit, Versöhnung zu suchen und Vergebung zu gewähren, bevor der Gottesdienst am Sonntag beginnt.

Aus diesen Gründen sollten nur Ungläubige und diejenigen, die unter formeller Gemeindisziplin stehen, vom Abendmahl ausgeschlossen werden. Ein freiwilliger Verzicht wegen einer zerbrochenen Beziehung sollte selten vorkommen. Eine Enthaltung wegen einer negativen Selbsteinschätzung der eigenen Frömmigkeit sollte komplett vermieden werden. Das ist faktische Selbst-Exkommunikation und nicht das, was Paulus empfiehlt. Er sagt den Korinthern nicht, dass sie so lange vom Abendmahl fernbleiben sollen, bis sie sich rein fühlen. Stattdessen sagt er ihnen, dass sie aufhören sollen, einander zu verachten, und sie dann auf eine Weise, die das Evangelium wahrhaftig verkündet, gemeinsam essen sollen (vgl. 1Kor 11,33).

Komm zum Tisch der Gnade

Paulus’ Ziel in 1. Korinther 11 war es keineswegs, einen Raum voller Menschen zu schaffen, die sich nur mit sich selbst beschäftigen und in sich gekehrt sind. Im Gegenteil: Der Abendmahlstisch ist genau der Ort, zu dem Gläubige kommen sollen, wenn sie mit persönlichen Sünden zu kämpfen haben.

Wir sollten unseren Gemeindemitgliedern sagen, dass sie hungrig kommen sollen, um sich an Christus zu laben und sich an seine Barmherzigkeit zu erinnern, wenn sie von sündhaften Begierden belastet sind. Wenn sie sich unwürdig fühlen, sollen sie kommen und sich daran erinnern, dass niemand würdig ist, mit Gott Gemeinschaft zu haben, als nur durch das Werk Christi am Kreuz.

Das Abendmahl ist Christi Geschenk an Sünder, die Gnade brauchen, und keine schmerzhafte Bestrafung für diejenigen, deren Woche nicht perfekt verlaufen ist. Die wichtigste Voraussetzung für die Teilnahme am Abendmahl ist die Vereinigung mit Christus und die Bereitschaft, in Einheit mit seinem Volk zu leben.

Liebe Pastoren, wenn wir das Abendmahl in erster Linie als einen Moment der privaten Selbstprüfung darstellen, bringen wir unsere Herde ungewollt dazu, sich selbst von einem der wichtigsten Gnadenmittel Gottes auszuschließen. Unsere Gemeinde muss jedoch wissen, dass Jesus die Schwachen an seinem Tisch willkommen heißt. Das Abendmahl ist nicht für Ungläubige bestimmt, sondern für diejenigen, die gegen die Sünde kämpfen. Am Tisch stärkt Jesus die Schwachen durch die Erinnerung an sein Blut, das zur Vergebung der Sünden vergossen wurde (vgl. Mt 26,28). Er stärkt sie, während sie sich am Brot seines Leibes laben.

Hören wir also auf, den Gläubigen zu sagen, dass sie vom Abendmahl fernbleiben sollen. Wir sollten ihnen stattdessen zeigen, dass der Weg der Umkehr darin besteht, sich von der Uneinigkeit abzuwenden und am Abendmahl teilzunehmen. Lieber Pastor, lass den Tisch das sein, was die Bibel über ihn sagt: Gnade für Sünder in Not.