Die Trinität ist keine Nebensache
Gavin Ortlund im Gespräch mit Fred Sanders
„Es gibt nichts, woran die evangelikale Kirche in Nordamerika leidet, das eine gute Dosis trinitarischer Theologie – sofern sie in die Blutbahn des Leibes Christi aufgenommen wird – nicht heilen könnte.“ So schreibt Kevin Vanhoozer in seinem Empfehlungstext zu Fred Sanders’ Buch The Deep Things of God: How the Trinity Changes Everything (dt. Die tiefen Dinge Gottes: Wie die Trinität alles verändert). Stimmt das? Wenn ja, wie sieht das in der Praxis aus?
Um den praktischen Auswirkungen der Trinitätslehre auf den Grund zu gehen, habe ich mich mit Fred Sanders ausgetauscht, der als Professor am Torrey Honors Institute der Biola University lehrt. Als profilierter trinitarischer Theologe hat Sanders neben The Deep Things of God auch The Image of the Immanent Trinity: Rahner’s Rule and the Theological Interpretation of Scripture (dt. „Das Bild der immanenten Trinität“) verfasst und Jesus in Trinitarian Perspective: An Introductory Christology (dt. „Jesus aus trinitarischer Perspektive: Eine einführende Christologie“) mit herausgegeben.
Gavin Ortlund: In The Deep Things of God schreiben Sie, dass Evangelikale die Dreieinigkeit eher als gegeben voraussetzen, statt sie wirklich ins Zentrum ihrer Lehre und Anbetung zu stellen. Warum wird sie so oft zur Nebensache?
Fred Sanders: Evangelikale sind Menschen des Wortes; sie ziehen es vor, so nah wie möglich an der Sprache der Heiligen Schrift zu bleiben. Die Lehre der Dreieinigkeit ist zwar zutiefst biblisch, aber sie gehört nicht zu den Lehren, die Gott uns in der Schrift „fix und fertig“ geliefert hat. Wir finden dort nicht die systematischen Schlüsselbegriffe – Dreieinigkeit, Person, Wesen, Beziehung, ja nicht einmal das Wort „drei“, wenn wir es ganz genau nehmen. Es gibt auch kein Kapitel von Paulus nach dem Motto: „Was aber die göttliche Natur und die drei Personen betrifft, liebe Brüder, so will ich euch nicht im Unklaren lassen.“ Man kann jahrelang solide biblische Predigten hören, ohne ein einziges Mal das Wort „Dreieinigkeit“ zu hören. Trotzdem vernimmt man dabei ständig den eigentlichen Inhalt der Lehre: die Einheit Gottes, die Gottheit Christi, die Unterscheidung zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist und so weiter.
Selbst wenn all diese Puzzleteile vorhanden sind, kann dennoch etwas fehlen: Oft mangelt es am Verständnis für das große Ganze – an der Fähigkeit, zu erkennen, wie die einzelnen Teile der biblischen Offenbarung ineinandergreifen, um uns Gott in seiner Selbstoffenbarung als Vater, Sohn und Heiliger Geist zu zeigen. Wann immer wir die großen Zusammenhänge der biblischen Botschaft in den Blick nehmen oder tief in das Evangelium eintauchen, stoßen wir unweigerlich auf das trinitarische Fundament.
Ortlund: Inwiefern kann ein tieferes Verständnis der Dreieinigkeit unsere Anbetung und unser geistliches Leben bereichern?
Sanders: In jeder Hinsicht! Die Trinitätslehre wirklich zu verstehen, kann wie ein Katalysator auf alle Bereiche des christlichen Denkens und Lebens wirken. Was wir oft als Nachteil dieser Lehre empfinden – ihre enorme Komplexität und ihre schiere, überwältigende Größe –, erweist sich schnell als ihr größter Vorteil, sobald man erst einmal einen Zugang zu ihr gefunden hat. Sie ist eine Lehre, die das gesamte Gefüge des christlichen Glaubens und Lebens durchdringt.
Das Erste, was sich durch ein tieferes Verständnis der Dreieinigkeit verändert, ist unser Zugang zur Heiligen Schrift. Wer diese Lehre ernst nimmt, wird fast augenblicklich feststellen, wie sich die eigene Bibellese vertieft, da eine Schriftstelle nach der anderen plötzlich in neuem Licht erstrahlt.
Ein Beispiel dafür ist die biblische Lehre über Jesus. Das Neue Testament betont nicht einfach nur die Gottheit Christi, sondern immer wieder explizit seine Sohnschaft. Wenn man die Dreieinigkeit beim Bibellesen nur vage oder beiläufig im Hinterkopf hat, gibt man sich allzu leicht mit dem Gedanken zufrieden, dass Jesus eben „Gott“ ist. Doch mit einem schärferen trinitarischen Fokus erkennt man: Jesus ist nicht einfach Gott, sondern Gott der Sohn. Seine Beziehung zum Vater – über den er fast ununterbrochen sprach – entfaltet dadurch eine ganz neue Wucht.
Ohne eine klar formulierte Trinitätslehre können Evangelikale die schlechte Angewohnheit entwickeln, Jesus das gesamte Wirken Gottes zuzuschreiben: ihn als den Schöpfer, den Erlöser, den heiligmachenden Gast in uns, den Sprecher der alttestamentlichen Gottesworte und so weiter zu betrachten. Da das Wirken der Dreieinigkeit nach außen hin ungeteilt ist, lässt sich zwar immer eine Begründung finden, warum diese Aussagen wahr sind. Oft sind sie jedoch eher Symptome einer Vatervergessenheit und einer Vernachlässigung des Geistes als Zeichen einer gesunden Christuszentrierung. Ohne ein solides trinitarisches Fundament können sie zu handfesten Irrtümern führen – etwa zu der wirren Vorstellung, Jesus sei mein himmlischer Vater oder er würde mich als seinen Sohn annehmen. Mit der Dreieinigkeit als Grundlage rücken all diese Einzelaspekte an ihren rechten Platz und ergeben plötzlich Sinn.
Ortlund: Sollte unser Gebet den drei Personen Gottes einzeln gelten oder richten wir es an den dreieinigen Gott in seiner Einheit? Oder ist beides richtig?
Sanders: Beides ist möglich, doch sollten wir vor allem zu Gott dem Vater beten, im Namen des Sohnes und in der Kraft des Heiligen Geistes. Zu lernen, im Gebet solche trinitarischen Akzente zu setzen, sollte als Einladung verstanden werden, tiefer in das biblische Lebens- und Denkmuster einzutauchen – es ist keine Bekehrung zu etwas völlig Neuem.
In jeder Gemeinde gibt es Menschen, die auf unterschiedlichen Stufen stehen, was ihr Verständnis des trinitarischen Gebets angeht – das führt manchmal zu skurrilen Momenten. Wir alle haben schon Gebete gehört, die mit „Himmlischer Vater“ beginnen, nur um zwei Sätze später zu sagen: „Danke, dass du für uns am Kreuz gestorben bist.“ Oder Gebete, die mit „Lieber Jesus“ anfangen und dann fortfahren: „Danke, dass du deinen Sohn gesandt hast, um uns zu retten.“ Was ist da los? Wahrscheinlich keine handfesten Häresien (im ersten Fall Patripassianismus, im zweiten eine Art Jesus-Modalismus). Vermutlich war die betende Person gedanklich erst bei der einen Person der Dreieinigkeit und ist Sekunden später mit ihrer Aufmerksamkeit zur nächsten gesprungen, ohne den Übergang explizit auszuformulieren oder das Gebet grammatikalisch anzupassen. Wer in der Gemeinde theologisch sattelfester ist, dem sträuben sich dabei vielleicht die Nackenhaare. Ich bezweifle jedoch, dass die betende Person durch einen einfachen Theologietest fallen würde, wenn man sie mitten im Gebet stoppen und prüfen würde (bitte nicht tun!).
Was das Gebet zum Sohn und zum Heiligen Geist angeht, so ist das ebenfalls gut und richtig. Dennoch empfiehlt es sich, der biblischen Gewichtung zu folgen: Das Neue Testament lehrt uns, den Vater durch den Sohn und im Heiligen Geist anzurufen. Grundsätzlich gilt: Man kann zu jeder Person beten, die Gott ist. Man hat also drei Möglichkeiten – oder vier, wenn man den Begriff „Gott“ eher allgemein verwendet, ohne dabei im Geist bewusste trinitarische Unterscheidungen zu treffen.
Ortlund: Nehmen wir an, wir erklären das Evangelium einem postmodernen Menschen, der alles Absolute oder Transzendente ablehnt. Inwiefern ist die Dreieinigkeit hier eine Hilfe für die Verkündigung?
Sanders: Manchmal bringen postmoderne Überzeugungen eine ganz eigene Stärke mit sich: Menschen, die nicht an Absolutes glauben, haben oft einen Blick für Details – für das Besondere, das Sperrige und das Eigensinnige. Davon fühlen sie sich angezogen. Für jemanden, der so denkt, hat die Trinitätslehre den Vorteil, dass sie fremdartig klingt (was, wohlgemerkt, etwas Gutes ist). Sie klingt nicht nach „Gott im Allgemeinen“ oder nach einem selbsterklärenden Theismus. Sie klingt aber auch nicht beliebig genug, um als einer jener uferlosen Polytheismen durchzugehen, die für alles, was man anbeten möchte, einen mythologischen Platz bereithalten. Im Dialog mit einem postmodernen Gegenüber würde ich genau diese schiere Eigenwilligkeit des trinitarischen Monotheismus betonen.
Es besteht die Chance, dass sie denken: „Das ist seltsam – aber es ist so seltsam wie das echte Leben. Vielleicht ist es ja tatsächlich wahr.“ Bevor C. S. Lewis Christ wurde, fühlte er sich von genau diesem Aspekt angesprochen. In Pardon, ich bin Christ schrieb er:
„Das ist einer der Gründe, weshalb ich dem Christentum glaube. Es ist eine Religion, die man sich nicht hätte ausdenken können. Würde uns der christliche Glaube ein Weltbild vermitteln, das genau unseren Erwartungen entspricht, so würde ich ihn für menschliche Erfindung halten. Tatsächlich aber gehört er zu den Dingen, die man nicht hätte erfinden können.“[1]
Das wäre also ein guter Einstieg, um weitere Anknüpfungspunkte zu finden. Letztlich müssen alle, die Christus bekennen und zugleich absolute Wahrheiten leugnen, eine Frage klären: Wie passt das mit der Herrschaft Christi über alle Dinge zusammen?
Ortlund: Was können Evangelikale von unseren Freunden aus der Ostkirche über die Trinität lernen? Wo ist im Hinblick auf ihre Lehre über die Dreieinigkeit theologische Vorsicht geboten?
Sanders: Wenn Evangelikale unter einer gewissen Scheu leiden, sich ausdrücklich zur Trinität zu bekennen, kann die Lektüre ostkirchlicher Schriften oder der Besuch eines orthodoxen Gottesdienstes wie ein heilsamer Schock wirken. Was man dort liest oder hört, ist das genaue Gegenteil von Verlegenheit. Tatsächlich begegnet einem dort die außerbiblische Fachterminologie der voll entfalteten Lehre in einer so demonstrativen Pracht, wie man sie sich kaum vorstellen kann. Man hört Gebete wie: „Ehre sei der heiligen, wesensgleichen, lebensspendenden und unteilbaren Dreieinigkeit“ oder „der allerheiligsten und gepriesenen Dreifaltigkeit, eins in drei und drei in eins, ungeteilt und unteilbar“. Nimmt man dann noch die ganze Atmosphäre aus Weihrauch und liturgischen Gesängen hinzu, gewinnt man definitiv den Eindruck eines bewussten Eintauchens in diese Lehre. Ich würde dort nicht dauerhaft hingehen, aber als Gegenmittel zur trinitarischen Zurückhaltung ist es eine höchst belebende Kur.
Die entscheidenden Unterschiede zwischen Protestanten und der Ostkirche liegen woanders, und zwar in ganz offensichtlichen Punkten: in der Lehre von der Autorität der Schrift sowie der Errettung allein aus Gnade durch den Glauben allein. Diese reformatorischen Grundpfeiler sind unverrückbar. In Bezug auf die Trinität besteht hingegen eine so wunderbare und tiefgreifende Übereinstimmung, dass ich am liebsten ein ökumenisches Fest rund um diese Lehre feiern würde.
Literaturhinweise
- Michael Reeves, Fasziniert: Staunen über den dreieinigen Gott
- Fred Sanders, The Deep Things of God (dt. „Die tiefen Dinge Gottes“)
- Robert Letham, The Holy Trinity (dt. „Die Heilige Dreieinigkeit“)
- Athanasius, Über die Menschwerdung des Wortes Gottes
- Athanasius, Letters on the Holy Spirit (dt. „Briefe über den Heiligen Geist“)
- Gregor von Nazianz, Five Theological Orations (dt. „Fünf theologische Reden“)