Was Glaube und Kultur einander zu sagen haben
Christen neigen im Hinblick auf Kultur typischerweise entweder dazu, sich in eine christliche Blase zurückzuziehen, den „heiligen“ Kampf nach außen zu führen oder so kulturrelevant zu werden, dass eine Auseinandersetzung mit dem Konsum oder der Schöpfung von Kultur nicht mehr stattfindet. Daniel Strange, Autor des Buchs Was Glaube und Kultur einander zu sagen haben, setzt sich mit diesem Thema auseinander. Seine Ausarbeitung über die Beziehung zwischen Glaube und Kultur beginnt er mit der These „Denn du kannst der Kultur nicht entkommen. Aber du kannst dich mit der Kultur auseinandersetzen“ (S. 20) und untermauert dadurch sein Anliegen, Christen etwas an die Hand zu geben, das ihnen in einer Welt „voller Geschichten“ Orientierung gibt.
Was ist Kultur?
Strange beginnt ganz vorn: Was ist Kultur? Er zeigt auf, dass Kultur alle Aktivitäten umfasst, die Menschen Ordnung, Identität und Bedeutung verleihen. Die Identitätsfrage wird durch Geschichten geprägt, die Menschen sich (bewusst oder unbewusst) erzählen, um im Blick auf die Welt Bedeutung zum Ausdruck zu bringen. Weil Kultur unser Leben so allumfassend prägt, stellt sich nicht die Frage, ob wir uns als Christen damit beschäftigen sollten, während wir in der Welt leben, aber nicht von ihr sind (vgl. Joh 17,16).
Im zweiten Kapitel zeigt Strange die Geschichte der Kultur auf. Sie beginnt bei Gott, der die Menschen nach seinem Ebenbild schuf und ihnen einen kulturellen Auftrag gab, nämlich die Welt zu verwalten und zu gestalten. Durch den Sündenfall wurde der Mensch zum Kulturzerstörer. „Falsche Geschichten“ beherrschen seitdem die Menschen und geben ihnen falsche Identitäten. Erst in Jesus Christus kommt es zu einer neuen Schöpfung und damit zu einer „besseren“ Geschichte, die Menschen wieder zu ihrer Bestimmung zurückführt.
Im dritten Kapitel erklärt Strange die Aussage „Kultur als Geschichte“ ausführlicher. Er zeigt auf, wie Menschen die wahrnehmbare Realität Gottes durch kreative Versuche unterdrücken oder durch Götzen ersetzen. Als Christen ist es unsere Aufgabe, diese Täuschungen aufzudecken – nicht zuletzt in unserem eigenen Leben.
Kultur in der Praxis
Damit kommt Strange im nächsten Kapitel zu der Frage, die sicherlich viele Leser beschäftigt: „Darf ich das?“ Hier geht es primär um den Konsum von Kultur, aber auch darum, welche Art von Kultur Christen selbst erschaffen sollten. Der Autor fordert dazu auf, Kultur anhand eines „Gesundheitschecks“ zu prüfen, und nennt verschiedene Messinstrumente und Leitlinien.
In den nächsten beiden Kapiteln beschäftigt sich Strange mit seinem Hauptanliegen: Wie können wir das Evangelium (die „bessere Geschichte“) mit der heutigen Kultur in Beziehung bringen? Seinen Ansatz nennt er „Konfrontieren und Verbinden“ – das Evangelium als subversive Erfüllung der Kultur. Anhand des Beispiels von Paulus in Athen zeigt er, wie der Apostel die Hoffnung seiner Zuhörer aufgriff, sie mit ihren falschen Annahmen konfrontierte und schließlich die bessere Geschichte präsentierte.
Am Ende seines Buchs fordert Strange die Leser dazu auf, sich selbst mit ihrer Kultur auseinanderzusetzen. In vier praktischen Schritten (Eintreten, Erkunden, Enthüllen und Evangelisieren) zeigt er auf, wie auch „einfache“ Christen mit der Kultur umgehen können, in der sie leben und die ihnen begegnet.
Im Anhang werden drei Fallbeispiele von Studenten vorgestellt, die sich anhand des subversiven Ansatzes mit ausgewählten kulturellen Trends auseinandersetzen.
Ein relevantes Thema
Daniel Strange beschäftigt sich mit einem relevanten Thema für Jünger Jesu. Es ist richtig, dass wir zwar in der Welt leben, aber nicht von ihr sind. Der Kampf um das richtige Maß im Umgang mit der Welt ist so alt wie das Christentum. Christen jeder Generation müssen sich den Fragen der Kultur ihrer Zeit stellen. Antworten, die Generationen vor uns gegeben haben, können hilfreich sein, doch oft fehlt ihnen der Bezug zur Gegenwart.
Insofern bin ich dankbar, dass es dieses Buch gibt. Strange zeigt Prinzipien auf, die auch für kommende Generationen hilfreich sind. Es wäre zu kurz gegriffen, dieses Buch auf die Frage zu reduzieren: „Was darf ich mir anschauen, was soll ich hören oder lesen?“ Zwar geht er auf diese Fragen ein und gibt hilfreiche Werkzeuge an die Hand, doch er überlässt es dem geistlichen Urteilsvermögen jedes Einzelnen, richtig zu urteilen. Es kann sein, dass manche Leser mehr Einordnung erwartet hätten, doch Stranges Hauptanliegen ist es, Kultur richtig zu verstehen und eine gesunde Beziehung zu ihr zu entwickeln – vor allem im Hinblick auf den Auftrag der Gläubigen, das Evangelium als verbindende, aber auch konfrontative Botschaft weiterzugeben. Christen sollten nicht nur auf Kultur reagieren, sondern sie auch gestalten. Strange ermutigt dazu, selbst (bessere) Kultur zu schaffen und dieses Feld nicht „den anderen“ zu überlassen.
Strange bemüht sich, seine Ansätze in sehr einfachen und zugänglichen Worten zu erklären – und das gelingt ihm. Die Abschnitte lesen sich flüssig. Er verwendet immer wieder Beispiele, die es erleichtern, wesentliche Aussagen zu erfassen, ohne dabei zu überladen. Erwähnenswert ist, wie sorgfältig Strange seine Gedanken aufbaut und entwickelt. Als Leser kann man gut folgen. Ich bin dankbar, dass das Buch mit weniger als 200 Seiten auskommt. So bleibt es einer breiten Leserschaft zugänglich.
Fazit
Auch wenn Strange nicht alle Fragen beantwortet, die man mit diesem Thema verbindet, leistet dieses Buch für Jünger Jesu einen wertvollen Beitrag zu einem gesunden Umgang mit Kultur. Manche Grabenkämpfe unter Christen könnten nach der Lektüre ruhiger werden, auch wenn das wohl nicht die Absicht des Autors war. Es ist ein empfehlenswertes und hilfreiches Buch, das Theologie, Theorie und Praxis gut verbindet.
Buch
Daniel Strange, Was Glaube und Kultur einander zu sagen haben, Waldems: 3L, 2025, 200 Seiten, 18,50 €. Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.