Du meine Seele, singe wohlauf und singe schön

Zum 350. Todestag von Paul Gerhardt

Artikel von Dirk Störmer
27. Mai 2026 — 8 Min Lesedauer

Am 27. Mai 2026 jährt sich der Todestag von Paul Gerhardt zum 350. Mal. Wie Luther oder Bonhoeffer gehört Gerhardt – jedenfalls im deutschsprachigen Raum – zu den bekanntesten und meistzitierten evangelischen Persönlichkeiten. Denkmäler, Gedenktafeln, Gemälde und Briefmarken erinnern an ihn. Nach ihm sind Straßen, Schulen, Chöre, Gemeinden, Stifte und Preise benannt und sogar ein Wanderweg, ein Asteroid und eine Apotheke. Vor allem aber tragen zahlreiche Kirchen seinen Namen. Mitunter kommt die Verehrung von Paul Gerhardt einer „protestantischen Heiligsprechung“ nahe, bei der nicht viel zum „Sankt Gerhardt“ fehlt. Der bescheidene Paul Gerhardt selbst hätte sich dergleichen sicherlich verbeten.

Ein Leben für das lutherische Bekenntnis

Am 12. März 1607 in Gräfenhainichen geboren, wuchs Gerhardt unter Bedingungen auf, die ihm ab 1622 den Besuch einer weiterführenden Schule in Grimma und ab 1628 das Studium der Theologie an der Universität Wittenberg ermöglichten. Dort prägte ihn die lutherische Orthodoxie, an der er zeitlebens festhielt. Nach dem Studium arbeitete er als Hauslehrer in Berlin und trat 1651 seine erste Pfarrstelle in Mittenwalde an. 1652 heiratete er Anna Maria Berthold, mit der er fünf Kinder bekam, von denen vier im Kindesalter starben. Nur der Sohn Paul Friedrich überlebte seine Eltern.

1657 an die Berliner Nikolaikirche gewechselt, geriet Gerhardt mitten in die konfessionellen Spannungen, die aus der Zugehörigkeit der brandenburgischen Kurfürsten zur reformierten Konfession resultierten. Als ein stark von der lutherischen Orthodoxie geprägter Theologe verweigerte Gerhardt 1666 zusammen mit anderen lutherischen Theologen die Unterschrift unter ein Toleranzedikt, das der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. zur Beilegung des Konfessionsstreites 1664 erlassen hatte. Die Verweigerer verloren ihre Anstellungen, wobei die Bürger, der Berliner Magistrat und die Landstände in der Mark Brandenburg die Wiederanstellung des inzwischen aufgrund seiner Lieder sehr bekannten und beliebten Paul Gerhardt forderten. Als der Kurfürst nach anfänglicher Weigerung 1667 die Wiederanstellung tatsächlich vornahm, verzichtete Gerhardt bewusst darauf, was ihm den endgültigen Verlust seiner Anstellung einbrachte.

Nachdem 1668 seine Frau gestorben war, wechselte Gerhardt 1669 ins damals kursächsische Lübben und trat dort seine letzte Pfarrstelle an, die er bis zu seinem Ableben 1676 innehatte. In seinen letzten Zeilen war sich Gerhardt sicher, dass er vom Glauben an Jesus zum Schauen Jesu gelangen würde. Paul Gerhardt wurde in der Lübbener Nikolaikirche beigesetzt, die 1930 in Paul-Gerhardt-Kirche umbenannt wurde.

Die Zeitlosigkeit der Lieder und ihre moderne Infragestellung

Die große Bekanntheit Gerhardts wäre heute sicher nicht mehr vorhanden, wäre er lediglich ein lutherischer Theologe gewesen, der eisern an seiner Prägung und Überzeugung festgehalten hat. Tatsächlich ist die Nachhaltigkeit seiner großen Bekanntheit allein auf sein dichterisches Schaffen zurückzuführen. Es ist nicht der Theologe, sondern der ausgesprochen beliebte Liederdichter, dessen 350. Todestag in diesem Jahr mit zahlreichen kirchlichen und anderen Veranstaltungen und Aktionen gedacht wird.

Dabei wird sicher auch an den glücklichen Umstand erinnert, dass Gerhardt 1643 auf den Kantor der Berliner Nikolaikirche Johann Crüger traf, der als Komponist Texte von Gerhardt vertonte und als Gesangbuchherausgeber Lieder von Gerhardt veröffentlichte. Auch Crügers Nachfolger Johann Georg Ebeling vertonte als Komponist Gerhardts Texte und veröffentlichte Dichtungen von Gerhardt. Die Verbindung der großartigen Texte von Gerhardt mit den großartigen Liedkompositionen von Crüger und von Ebeling ist einer der Gründe für den enormen Erfolg der Lieder von Paul Gerhardt. Ein anderer Grund für diesen Erfolg ist die Lebensnähe der Liedtexte, die stark geprägt wurden von Gerhardts Durchleiden des Dreißigjährigen Krieges, der Pest und der hohen Kindersterblichkeit. Die Realität des Leidens wird in den Werken Paul Gerhardts nicht verleugnet, sondern findet einen die Jahrhunderte überdauernden, sprachmächtigen Ausdruck. Nicht zuletzt aber ist der enorme Erfolg der Lieder auf ihre in Sprache gegossene Glaubenstiefe, auf die häufig genutzte Gebetsform und auf die in ihnen vorfindlichen Bibelparaphrasen zurückzuführen. Paul Gerhardts Texte „atmen“ Gottes Wort.

Trotz allem nachhaltigen Erfolg der Lieder werden sie in der Gegenwart infragegestellt. Manchmal bezieht sich diese Ablehnung lediglich auf die alte Musik. Ist diese Kritik konstruktiv, werden kreativ neue Kompositionen für die Originaltexte geschaffen, was durchaus bereichernd sein kann. Die Ablehnung geht aber oftmals über die Musik hinaus und bezieht sich auf die Liedtexte selbst. Manche Gemeinden möchten den Gottesdienstbesuchern die Texte wegen ihrer partiellen Unverständlichkeit nicht mehr zumuten. Offenbar halten sie es nicht mehr für möglich und sehen auch keine Aufgabe darin, Unverständliches zu erklären.

Die Ablehnung der Liedtexte hat noch eine andere Ursache: In manchen Gemeinden entsprechen die Verse nicht mehr den dortigen Kriterien für eine gendergerechte und rassismusfreie Sprache. Man ist deshalb bestrebt, die Texte von vermeintlich patriarchalen und kolonialen Lasten zu befreien – sie also zu säubern. Dabei scheut man sich nicht davor, die Inhalte sprachlich und theologisch ins Gegenteil zu verdrehen.

Gotteslob zwischen tiefer Demut und moderner Umdeutung

Wie das im Ergebnis aussehen kann, konnte man exemplarisch bereits 2020 auf einem Liedblatt lesen, das im Gottesdienst einer „hippen“ Berliner Kirchengemeinde verteilt wurde:

Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön der, welcher alle Dinge zu Dienst und Willen stehn. Ich will die Weisheit droben hier preisen auf der Erd; ich will sie herzlich loben, solang ich leben werd. … Ja, ich bin nicht zu wenig, zu rühmen ihren Ruhm. In ihrem [der Weisheit] großen Garten bin ich ein blühend’ Blum. Bin Spiegelbild und Schatten der einen großen Kraft, die durch mich lebt und atmet und neues Leben schafft.[1]

Die menschliche Hybris und die diversitätsideologische Färbung dieses Textes stehen in starkem Kontrast zur Demutstheologie und zur eindeutigen Gottidentifizierbarkeit des 1653 entstandenen Originaltextes, wie er in zahlreichen Gesangsbüchern abgedruckt ist:

Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön dem, welchen alle Dinge zu Dienst und Willen stehn. Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd; ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd. … Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen seinen Ruhm; der Herr allein ist König, ich eine welke Blum. Jedoch weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt, ist’s billig, dass ich mehre sein Lob vor aller Welt.

Ein Vergleich der beiden Texte macht die Verdrehung ins Gegenteil deutlich. Der gesäuberte Text widerspricht diametral der Theologie des Originaltextes und deutet dessen Bildsprache radikal um. Im Originaltext wird Psalm 146 paraphrasiert, während im gesäuberten Text der Psalm ignoriert wird. Paul Gerhardt nimmt in seinem Text die Aussage aus dem Psalm ernst, dass der Herr König ist, und setzt diesem König das schwache Ich als eine welke Blume gegenüber.

Mit diesem starken Bildkontrast drückt er die ganze Abhängigkeit des Geschöpfes gegenüber dem Schöpfer, des Gotteskindes gegenüber dem Vater, des sündigen und mithin todgeweihten Menschen – also der welken Blume – gegenüber dem allein rettenden König aus. Das Ich weiß in seiner Demut, dass es nicht zum Rühmen und Loben taugt. Seine Fähigkeit, Gottes Ruhm zu rühmen, leidet an seiner eigenen Unrühmlichkeit.

Das Ich kennt aber ein Jedoch. Das schwache Ich steht nämlich nicht allein, sondern gehört gen Zion, also zum Volk Gottes des Alten und des Neuen Bundes. Damit hat es Zugang zum Zelt – was alttestamentlich die Stiftshütte bzw. den Tempel meint und neutestamentlich auf die Gemeinde hindeutet. Darum ist es billig, also erlaubt und möglich, dass das schwache Ich doch zum Lob Gottes beiträgt, und zwar vor aller Welt. Durch das Blut Christi gehört das schwache Ich zur Blutgemeinde Jesu. Paul Gerhardt beschreibt hier das Wunder der Zugehörigkeit eines jeden Geretteten zum Volk Gottes – zur Gemeinde. Durch diese Zugehörigkeit partizipiert das schwache Ich am gemeinschaftsverstärkten Gotteslob.

In dem gesäuberten Text redet hingegen ein ganz anderes Ich als bei Paul Gerhardt. Aus dem demütigen Ach ich bin viel zu wenig wird ein trotziges Ja, ich bin nicht zu wenig. Aus dem Lob für den maskulinen, personellen und identifizierbaren Herren wird das Lob für die feminine, unpersönliche und religionsunabhängige Weisheit. Aus der welken Blume, die für die Gnadenbedürftigkeit des Menschen steht, wird eine blühende Blume – ein Symbol dafür, dass der Mensch keiner Gnade mehr bedarf, weil er sie scheinbar nicht mehr nötig hat.

Das Gotteslob vor aller Welt wurde postkolonialistisch aus dem Text gestrichen, da man es in seiner jüdisch-christlichen Begrenzung für rassistisch hält. Auch der König fliegt kurzerhand raus, weil das royalistische Bild vermeintlich demokratiefeindlich sei und Geschlechterstereotypen reproduziere. Gott darf demnach kein König mehr sein, obwohl er genau dies in dem Psalmtext, den Gerhardt paraphrasiert, ausdrücklich und auf ewig ist.

Im 18. Jahrhundert wurden schon einmal die Texte von Paul Gerhardt gesäubert – damals im Geiste der Aufklärung. Die schlimm entstellten Texte konnten sich langfristig zum Glück nicht durchsetzen. Es ist zu wünschen und zu hoffen, dass sich auch in der Gegenwart die von zeitgeistiger Ideologie geprägten Liedtextsäuberungen nicht durchsetzen, sondern die Texte von Paul Gerhardt auch nach dessen 350. Todestag im Original gesungen werden: Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön.


1 Esther Schmid, „Du meine Seele, singe“, 1988.