Christ oder „in Christus“?
Über unsere Identität als Gläubige
„Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jedem geistlichen Segen in den himmlischen [Regionen] in Christus, wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, damit wir heilig und tadellos vor ihm seien in Liebe. Er hat uns vorherbestimmt zur Sohnschaft für sich selbst durch Jesus Christus, nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade, mit der er uns begnadigt hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Übertretungen nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns überströmend widerfahren ließ in aller Weisheit und Einsicht. Er hat uns das Geheimnis seines Willens bekannt gemacht, entsprechend dem [Ratschluss], den er nach seinem Wohlgefallen gefasst hat in ihm, zur Ausführung in der Fülle der Zeiten: alles unter einem Haupt zusammenzufassen in dem Christus, sowohl was im Himmel als auch was auf Erden ist – in ihm, in welchem wir auch ein Erbteil erlangt haben, die wir vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens, damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit dienten, die wir zuvor auf den Christus gehofft haben. In ihm seid auch ihr, nachdem ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Errettung, gehört habt – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, der das Unterpfand unseres Erbes ist bis zur Erlösung des Eigentums, zum Lob seiner Herrlichkeit.“ (Eph 1,3–14)
Wie bezeichnest du dich, wenn du nach deinem Glauben gefragt wirst? Sagst du vielleicht: „Ich bin Presbyterianer“, „Ich bin Baptist“ oder „Ich bin Anglikaner“? Oder antwortest du schlichtweg: „Ich bin Christ“?
Den meisten von uns ist wohl gar nicht klar, dass die Gläubigen zur Zeit des Neuen Testaments auf diese Frage niemals mit „Wir sind Christen“ geantwortet hätten. Tatsächlich taucht das Wort „Christ“ nur dreimal im Neuen Testament auf. Die Jünger wurden zuerst in Antiochia „Christen“ genannt (Apg 11,26). Später scheint König Agrippa das Wort geradezu verächtlich auszuspucken, als er den Apostel Paulus fragt: „Es fehlt nicht viel, und du überredest mich, dass ich ein Christ werde!“ (Apg 26,28). In seinem ersten Brief schreibt Simon Petrus schließlich davon, dass jemand „als Christ“ leidet (1Petr 4,16).
In diesen drei Kontexten wurde der Begriff „Christ“ höchstwahrscheinlich abwertend gebraucht – im Grunde als Schimpfwort, das sich die Feinde des Evangeliums ausgedacht hatten. Ganz ähnlich erging es im 17. Jahrhundert den „Puritanern“. Womöglich schwang damals dieselbe Verachtung mit, die manche heute in das Wort „Fundamentalist“ legen. Dies sind „Hassbegriffe“. Wenn „Christ“ also ursprünglich derart negativ besetzt war, wundert es kaum, dass Lukas in der Apostelgeschichte lieber von „Jüngern“ spricht (dafür gibt es weit über zwanzig Belege, z.B. in Apg 6,1). Ab und zu nennt er die Gläubigen auch Anhänger „des Weges“ (vgl. Apg 9,2; 22,4; 24,14), weil sie eben demjenigen folgten, der von sich selbst sagte: „Ich bin der Weg“ (Joh 14,6).
Aber wenn man Paulus gefragt hätte: „Wie siehst du dich selbst?“, wäre seine Antwort wahrscheinlich keine der oben genannten gewesen. Stattdessen hätte er gesagt: „Ich bin ein Mensch in Christus.“
Ich weiß noch, wie ich als Teenager 2. Korinther 12,1–10 las – jenen Abschnitt, in dem Paulus von den außergewöhnlichen Offenbarungen spricht, die er empfangen hatte, und von dem Dorn im Fleisch, der ihn vor Hochmut bewahren sollte. Zu Beginn der Passage sagt er, dass er einen „Menschen in Christus“ kannte, der außergewöhnliche Offenbarungen von Gottes Wunder und Gnade hatte, so außergewöhnlich, dass er es für nicht angemessen hielt, sie anderen zu beschreiben. Ich erinnere mich, dass ich mich fragte: „Wer ist dieser anonyme ‚Mensch in Christus‘, von dem Paulus spricht?“ Nur langsam dämmerte mir: Paulus spricht über sich selbst! Das ist seine grundlegende Selbstbezeichnung, weil sie sein tiefstes Selbstverständnis auf den Punkt bringt. Er ist „ein Mensch in Christus“.
Präge dir den Ausdruck „in Christus“ und seine Abwandlungen (wie „in ihm“) einmal richtig gut ein. Dann blättere mal durch die rund sechzig Seiten deiner Bibel, auf denen die dreizehn Paulusbriefe stehen. Du wirst den Ausdruck „in Christus“ oder eine Variante davon über achtzig Mal finden. Nimmt man ähnliche Formulierungen wie „im Herrn“ (oder „im Herrn Jesus“) dazu, verdoppelt sich diese Zahl sogar fast.
Wenn dir das bisher nie aufgefallen ist, wirst du dich vermutlich wundern, wie oft Paulus diese Ausdrücke benutzt, und dich fragen, warum du sie immer überlesen hast. Und doch ist es möglich, die Briefe des Paulus jahrelang, ja sogar jahrzehntelang zu lesen, ohne die Bedeutung dieses kleinen präpositionalen Ausdrucks zu bemerken – obwohl sie ganz offensichtlich seine absolut wichtigste Beschreibung dafür ist, was es bedeutet, ein Christ zu sein. Wenn du Christus gehörst, dann ist das deine wahre, tiefste Identität an jedem einzelnen Tag deines Lebens: Du bist eine Person „in Christus“.
Ein Neutestamentler hat einmal treffend bemerkt, dass im Film Der Pate das Wort „Mafia“ kein einziges Mal fällt – und doch ist sie die unausgesprochene Grundvoraussetzung der gesamten Handlung.[1] Ganz ähnlich verhält es sich bei Paulus: Selbst wenn die genaue Formulierung „in Christus“ einmal nicht fällt, schwingt sie inhaltlich immer als Fundament für alles mit, was der Apostel über das Leben als Christ zu sagen hat. Mehr noch: Dieser Gedanke ist der Schlüssel zur Lösung vieler theologischer Probleme und Konflikte, die einzelne Gläubige oder auch ganze Gemeinden umtreiben.
Das Neue Testament liefert keine abstrakte Definition, was „in Christus“ bedeutet. Man begreift es am besten, indem man über verschiedene Bibelstellen nachdenkt, die dieses Konzept ganz praktisch beschreiben. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, uns mit der Bedeutung des „In-Christus-sein“ vertraut zu machen. Und kaum ein Text eignet sich als Einstieg dafür besser als das erste Kapitel des Epheserbriefs.
1 Constantine R. Campbell, Paul and Union with Christ: An Exegetical and Theological Study, Zondervan 2012, S. 24 Fn. 4.