Strenger ist nicht gleich heiliger
„Wir feiern Halloween eigentlich nicht.“
Wir kennen alle das Gefühl, wenn jemand beiläufig erwähnt, dass es in seiner Familie die Regel gibt, auf etwas zu verzichten, was wir selbst ganz selbstverständlich genießen.
„Wir essen keine Milchprodukte.“
„Wir haben keinen Fernseher.“
„Wir tragen keine kurzen Hosen.“
„Wir geben für so etwas kein Geld aus.“
„Wir verzichten auf Samenöle.“
„Unsere Kinder dürfen diese Buchreihe nicht lesen.“
Und plötzlich, fast unwillkürlich, überdenken wir unsere eigene Haltung. Wenn das Gewissen anderer Menschen sie zu einem strengeren Maßstab führt als uns, steigt eine leise Frage in uns auf: Mache ich damit etwas falsch?
Es scheint, als müsste sich nicht die strengere, sondern die großzügigere Position in ihrer Existenz rechtfertigen. Selbst wenn wir uns all die Gründe vor Augen führen, weswegen wir zu dem Schluss gekommen sind, mit gutem Gewissen etwas tun zu können und bekräftigen: „Ja, das ist für uns erlaubt“, können wir uns dennoch angegriffen fühlen.
Warum fühlt sich der schwierigere Weg intuitiv heiliger an? Warum nehmen viele von uns instinktiv an, dass Verzicht wahrscheinlich die Gott wohlgefälligere Option ist?
Nicht anrühren, nicht kosten, nicht berühren
Kolosser 2 warnt uns davor, dass strenger Verzicht nur den Anschein von gutem Verhalten erwecken kann:
„Wenn ihr nun mit Christus den Grundsätzen der Welt gestorben seid, weshalb lasst ihr euch Satzungen auferlegen, als ob ihr noch in der Welt lebtet? ,Rühre das nicht an, koste jenes nicht, betaste dies nicht!‘ – was doch alles durch den Gebrauch der Vernichtung anheim fällt – [Gebote] nach den Weisungen und Lehren der Menschen, die freilich einen Schein von Weisheit haben in selbst gewähltem Gottesdienst und Demut und Kasteiung des Leibes, [und doch] wertlos sind und zur Befriedigung des Fleisches dienen.“ (Kol 2,20–23)
„Rühre das nicht an, koste jenes nicht, betaste dies nicht“ spricht einen der ältesten menschlichen Impulse an: den Glauben, dass wir das Fleisch durch immer strengere Regeln zügeln können. Seit Jahrtausenden erkennen Menschen, dass Vergnügen und Gefahr nah beieinander liegen. Die Antwort? Mehr und strengere Regeln.
Kein Fernsehen ist sicherer als ein bisschen Fernsehen. Kein Feiertag ist sicherer als ein dankbarer, bewusst eingehaltener Feiertag. Keine Kohlenhydrate sind sicherer als Nahrung mit Dankbarkeit zu genießen. Vergnügen im Ehebett gilt als fragwürdig. Ein neues Sofa ist zweifelhaft. Musik mit Bass klingt vielleicht ein wenig zu gut.
Wir stimmen vielleicht nicht mit jedem dieser konkreten Bedenken überein, doch insbesondere Frauen neigen dazu, sich an die Frauen in ihrem Umfeld anzupassen. Wir beeinflussen einander – im Großen und Kleinen, von Erziehungsentscheidungen bis zu den Zutaten in unseren Vorratskammern. Aber den Einflüssen unserer Bekanntschaften liegt eine natürliche Neigung zugrunde, die wir uns genauer anschauen sollten. Wir alle tragen eine alte Erinnerung in uns: Unsere erste Mutter nahm das, worauf sie eigentlich hätte verzichten sollen. Sie aß von dem, wovon sie sich hätte fernhalten sollen – und die Folgen waren verheerend.
Evas Erbsünde
Die Bibel stellt klar: Manche Art von Verzicht ist nicht nur weise, sondern erforderlich. Manche Handlungen sind stets verboten – Pornografie, Trunkenheit, bewusstseinsverändernde Freizeitdrogen. Manche Vergnügungen sind von Natur aus verdreht und müssen vermieden werden.
Doch selbst diese Sünden verfälschen Dinge, die eigentlich von Gott geschaffen sind. Sexuelle Unmoral verdreht die Lust, die Gott innerhalb der Ehe gebietet. Manche Substanzen sind sündhaft, wenn sie als Freizeitspaß verwendet werden, aber durchaus gerechtfertigt, wenn sie als Schmerzmittel bei schweren Krankheiten oder am Sterbebett eingesetzt werden.
Paulus geht sogar so weit zu sagen: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird“ (1Tim 4,4–5). Brot. Bücher. Wein. Musik.
Aber Paulus erkennt auch an, dass manche Christen die von Gott geschaffenen Freuden nicht mit gutem Gewissen genießen können – sei es, weil ihre Begierden vereinnahmend geworden sind, oder weil ihre Freiheit ihren Nächsten schaden würde. Paulus richtet die folgenden Worte an die Korinther: „Es ist mir alles erlaubt – aber es ist nicht alles nützlich! Es ist mir alles erlaubt – aber es erbaut nicht alles! Niemand suche das Seine, sondern jeder das des anderen“ (1Kor 10,23–24).
An die Römer schreibt er: „Es ist zwar alles rein, aber es ist demjenigen schädlich, der es mit Anstoß isst“ (Röm 14,20).
Manchmal – der Heiligung oder Liebe willen – ist Verzicht der einzig treue Weg.
Verzicht für alle sichtbar
Doch im Zeitalter der sozialen Medien bleibt Verzicht selten Privatsache. Entscheidungen, die man früher nur mit seinen engsten Freunden teilte, werden jetzt vor einem Publikum von hunderten oder tausenden Menschen angekündigt. Die Grenzen zwischen Handlungen aus Überzeugung und öffentlicher Zurschaustellung verschwimmen.
Und öffentlicher Verzicht führt zu neuen Versuchungen – sowohl für den, der verzichtet, als auch für den, der die Beobachterrolle einnimmt. Stolz kann sich subtil mit Prinzipien vermischen. Jene, die beobachten, können unnötigen Druck oder Verwirrung empfinden.
Die Bibel teilt unsere Neigung zum Verzicht nicht. Stattdessen gibt sie ein weitaus großzügigeres Gebot: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut – tut alles zur Ehre Gottes!“ (1Kor 10,31).
Gott wird nicht dadurch verherrlicht, dass wir jede Freude mit eiserner Selbstkontrolle unterdrücken. „Schmeckt und seht, wie freundlich der HERR ist“ (Ps 34,9) ist ein echtes Gebot. Wir können schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, wenn wir die Dinge genießen, die er zu unserem Vergnügen geschaffen hat. Dankbare Freude kann Gott in hohem Maße ehren.
Geschützt durch heilige Freude
Als Töchter des Königs müssen wir uns an eine wichtige Wahrheit über Evas Versagen erinnern. Sie aß tatsächlich von der verbotenen Frucht, aber hinter dieser Sünde der Zügellosigkeit steckte die Sünde des Verzichts.
Bevor sie die Frucht nahm, hörte sie auf, Gott als den Gott des überreichen „Ja“ zu preisen. Sie glaubte den Worten der Schlange, die Gott als einen Gott des Verzichts beschrieb. Erst dann nahm sie im Garten von der Frucht, die den Tod bringen würde. Ihre Sünde war zuerst eine Sünde des Verzichts. Sie verzichtete darauf, zu schmecken und zu sehen, wie freundlich der Herr war. Sie verzichtete darauf, die reichen Gaben ihres Schöpfers zu genießen und die Gemeinschaft mit ihm als das größte Vergnügen zu erachten. Erst dann sündigte sie, indem sie von der Frucht aß.
Können wir also die von Gott geschaffenen Freuden richtig wahrnehmen? Können wir sie als kleine Hinweise auf Gottes Herrlichkeit annehmen, die in der Welt verstreut sind, um unsere Bedürfnisse zu stillen, uns kleine Freuden zu schenken und uns Wahrheiten über denjenigen zuzuflüstern, der sie geschaffen hat? Können wir sie so genießen, wie sie genossen werden sollen?
Das ist die Aufgabe des Gläubigen: nicht nur auf die Freuden schauen, die Gott schenkt, sondern über sie hinauszuschauen – wie C.S. Lewis bemerkte. Durch sie erkennen wir noch mehr von unserem Geber.