Auf die Belohnung sehen

Buchauszug von R. C. Sproul
19. Mai 2026 — 8 Min Lesedauer

Der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt über Mose:

„Durch den Glauben wollte Mose, als er groß geworden war, nicht mehr Sohn der Tochter Pharaos heißen, sondern wollte viel lieber mit dem Volk Gottes zusammen misshandelt werden, als einen flüchtigen Genuss der Sünde zu haben, und hielt die Schmach Christi für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens; denn er sah auf die Belohnung.“ (Hebr 11,24–26)

In dieser kurzen Beschreibung erzählt der Autor von der radikalen, lebensverändernden Entscheidung, die Mose traf. Worauf stützen wir unsere Entscheidungen? An welchen Werten orientieren wir uns, um zu beschließen, welchen Weg wir einschlagen? Mose musste eindeutig eine Entscheidung treffen, und zwar eine Entscheidung zwischen Dingen, die einander ausschließen. Um sich für das eine zu entscheiden, musste er das andere aufgeben. Um in die eine Richtung zu gehen, musste er die andere Richtung hinter sich lassen. Als er im Haus des Pharaos aufwuchs, hatte er die Reichtümer des Palastes, ausgezeichnete Bildung, eine hohe Stellung und andere Privilegien genossen. Er hatte ein Leben in Saus und Braus vor sich. Doch dann kam er an einen Wendepunkt in seinem Leben, an dem er beschloss, sich nicht auf den Schätzen des Pharaos auszuruhen. Stattdessen wollte er „viel lieber mit dem Volk Gottes zusammen misshandelt werden“.

Wann traf er diese Entscheidung? Als er sah, wie einer seiner Landsleute von einem Sklaventreiber auf brutale Weise zusammengeschlagen wurde: Er erhob sich und verteidigte den Mann. Als er dabei den Ägypter tötete, hatte er eine Linie überschritten – und von diesem Moment an gab es kein Zurück mehr. Er entschied sich für das Exil, zog in die Wüste Midians und lebte in bitterer Armut, statt den „flüchtigen Genuss der Sünde zu haben“.

Flüchtiges Glück

Keine Sünde hat jemals einen Menschen wirklich glücklich gemacht. Sünde kann schlichtweg nicht glücklich machen. Sie kann nur Genuss bereiten. Wenn wir nun flüchtigen Genuss mit wahrem Glück verwechseln, sind wir der Verführung durch den Feind schutzlos ausgeliefert. Der Genuss der Sünde ist jedoch nur von kurzer Dauer. Er vergeht schnell. Mose musste sich also entscheiden zwischen der Gegenwart und der Ewigkeit, dem flüchtigen Genuss der Sünde und der Schmach Christi, die nie ihren Wert verliert. Ich stelle mir vor, wie Menschen Mose in der Wüste begegneten, wo er irgendwie über die Runden zu kommen versuchte, und ihn fragten: „Du hast doch mal am Hof des Pharaos gelebt, oder? Was machst du denn jetzt hier?“ Er hätte auf diese Frage geantwortet: „Ich lebe im Glauben.“ Wie es im Hebräerbrief heißt: „[Er] hielt die Schmach Christi für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens; denn er sah auf die Belohnung.“

Während meines Theologiestudiums wurde ich angefragt, eine Predigt in der Kapelle des Studienzentrums zu halten. So predigte ich über das Thema „Sünde“. Auf die Predigt gab es zwei gegensätzliche Reaktionen: Da waren zum einen meine Studienkollegen, die sich über die Predigt freuten. Zum anderen gab es eine Gruppe von Professoren, die völlig entrüstet war. Einer von ihnen setzte mich unter Druck und beschuldigte mich, die Bibel verdreht zu haben! Ich wollte die Heilige Schrift natürlich keinesfalls verdrehen und wandte mich gleich an einen anderen Professor, dessen Meinung ich vertraute: „Mir wurde gerade gesagt, ich habe die Schrift verdreht. Stimmt das?“ Ich war so aufgewühlt, dass ich vor Angst zitterte. Aber der Professor strahlte über das ganze Gesicht und sagte mir: „Du bist sehr gesegnet!“ Ich fühlte mich aber nicht sehr gesegnet und sagte ihm das auch, doch er antwortete: „Verstehst du nicht? Was du verkündet hast, war das ungeschminkte Wort Gottes, und damit hast du in ein Wespennest gestochen. Die Menschen hassen dich um Christi willen. Du hast gerade die Schmach Christi geschmeckt! Das ist der größte Schatz, den du je haben kannst.“ Der Unterschied zwischen meinem Professor und mir war, dass er das tatsächlich glaubte. Ich nicht. Ich wollte einfach nur davonlaufen. Ich war nur ein Anfänger; er hingegen verstand die Dinge Gottes, so wie Mose es auch tat.

Unsere verkehrte Welt

Der Autor des Hebräerbriefes führt dann ein Beispiel des Glaubens nach dem anderen an:

„Durch den Glauben verließ er Ägypten und fürchtete nicht den Zorn des Königs; denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn. Durch den Glauben vollzog er das Passa und das Besprengen mit Blut, auf dass der Verderber ihre Erstgeburt nicht anrühre. Durch den Glauben gingen sie durchs Rote Meer wie über trockenes Land; das versuchten die Ägypter auch und ertranken. Durch den Glauben fielen die Mauern Jerichos, als Israel sieben Tage um sie herum gezogen war. Durch den Glauben kam die Hure Rahab nicht mit den Ungehorsamen um, weil sie die Kundschafter in Frieden aufgenommen hatte. Und was soll ich noch mehr sagen? Die Zeit würde mir zu kurz, wenn ich erzählen sollte von Gideon und Barak und Simson und Jeftah und David und Samuel und den Propheten. Diese haben durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, des Feuers Kraft gelöscht, sind der Schärfe des Schwerts entronnen, aus der Schwachheit zu Kräften gekommen, sind stark geworden im Kampf und haben fremde Heere in die Flucht geschlagen. Frauen haben ihre Toten durch Auferstehung wiederbekommen. Andere aber sind gemartert worden und haben die Freilassung nicht angenommen, auf dass sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten. Wieder andere haben Spott und Geißelung erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis. Sie sind gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet worden; sie sind umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Misshandlung erlitten. Sie, deren die Welt nicht wert war, sind umhergeirrt in Wüsten, auf Bergen, in Höhlen und Klüften der Erde.“ (Hebr 11,27–38)

Wir leben in einer Welt, die auf den Kopf gestellt ist: Knechte reiten auf Rossen und Fürsten gehen zu Fuß wie Knechte (vgl. Pred 10,7). In den Augen der Welt waren die in Hebräer 11 aufgezählten Menschen nichts wert. Sie wurden zersägt, gesteinigt und gequält, lebten in Wüsten, auf Bergen und in Höhlen. Und als wäre das nicht genug, erlebten sie die Erfüllung von Gottes Verheißung nicht: „Diese alle haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht die Verheißung erlangt, weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat: dass sie nicht ohne uns vollendet würden“ (Hebr 11,39–40). Der Autor sagt hier, dass diese Gläubigen auf uns warten mussten. Stell dir vor, Gott hätte sein Erlösungswerk vor 50, vor 30 oder vor 10 Jahren beendet. Wie viele von uns hätten das Reich Gottes verpasst? Aber um unseretwillen durchlebten unsere Vorfahren diese Schrecken – und das sollten wir uns oft bewusst machen. Wir haben uns von der Geschichte der Bibel und der Kirchengeschichte abgeschnitten. Wir wissen die Dinge nicht zu schätzen, für die Gläubige vor uns mit ihrem Leben, ihrem Eigentum und ihrer Gesundheit bezahlt haben. Wenn ich an den hohen Preis denke, den die Wiederentdeckung des Evangeliums im Zuge der Reformation des 16. Jahrhunderts kostete, und an die halbherzige Art und Weise, in der wir im 21. Jahrhundert mit den gleichen Themen umgehen, stockt mir der Atem. Entweder verstehen wir die Schönheit des Evangeliums nicht oder wir haben keine Ahnung von der Geschichte des Volkes Gottes. Das Blut unserer Väter schreit heute förmlich aus dem Boden zu uns, weil wir nicht bereit sind, die gleichen Opfer zu bringen, die sie für uns gebracht haben, und Gott wird eine Kirche, die aus Feiglingen besteht, nicht ehren. Wenn die Kirche jemals die triumphierende Kirche sein soll, muss sie zuerst die kämpfende Kirche sein. Die Kirche muss bereit sein, in einen geistlichen Krieg zu treten, der uns das Leben kosten könnte. Wenn wir die Kirchengeschichte betrachten, sehen wir, dass das Evangelium in jenen Epochen am klarsten und hellsten erstrahlte, in denen die Verfechter des Glaubens die meiste Zeit im Gefängnis verbrachten. Wir hingegen genießen die Annehmlichkeiten dieser Welt so sehr, dass sie uns wichtiger sind, als so zu leben wie Pilger und Fremde auf dieser Welt. Es gibt eine Schlussbemerkung zur Aufzählung der Glaubenshelden in Hebräer 11, die allerdings am Anfang des nächsten Kapitels steht. Ich frage mich immer, wie ein Kapitel mit dem Wort „darum“ anfangen kann, da es ja offensichtlich zum vorher Gesagten gehört – aber so ist es nun einmal in Hebräer 12. Hier ist also die Schlussfolgerung zu unserem Nutzen:

„Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (Hebr 12,1–2a)

Weiterlesen

Dieser Auszug stammt aus Was ist Glaube? von R.C. Sproul (S. 40–46). Das Buch kann hier bestellt werden.