Lamb of the Free
Wenn es darum geht, das richtige Verständnis von unserer Erlösung zu gewinnen, legen viele Evangelikale den Schwerpunkt auf die Lehre von der stellvertretenden Sühne. Die meisten erkennen in der Heiligen Schrift einige Belege dafür, dass Jesus stellvertretend die Strafe auf sich nimmt, die Sünder verdienen, um für sie Sühne zu leisten. Dies ergibt sich nicht nur aus eindeutigen Hinweisen im Neuen Testament, sondern auch aus der Art und Weise, wie das alttestamentliche Opfersystem eine Vorschattung des Todes Jesu darstellte: Ein Tier nimmt stellvertretend die Strafe auf sich, die die Sünder verdienen, um für sie zu sühnen.
Andrew Remington Rillera, Assistenzprofessor für Biblische Studien und Theologie an der King’s University in Edmonton (Alberta, Kanada) widerspricht diesem Verständnis entschieden. In seinem Buch Lamb of the Free: Recovering the Varied Sacrificial Understandings of Jesus’s Death argumentiert er, dass der Sühnegedanke eine gänzlich unbiblische Vorstellung sei.
Seine eigene Sühneopfervorstellung kommt dem Verständnis des Erlösungswerks Christi als Rekapitulation, wie es Irenäus beschrieb, am nächsten, obwohl viele Theologen glauben, dass diese Sichtweise mit der Sühnetheologie vereinbar sei (siehe die Arbeiten von McNall und McKnight). Rillera sieht dies anders. Er argumentiert, dass der Gedanke der stellvertretenden Sühne dem alttestamentlichen Opfersystem fremd sei (Kap. 1–4) und auch im Neuen Testament nicht gestützt werde (Kap. 5–8).
Auch wenn ich Rilleras Argumentation gegen die traditionelle Sühnetheologie insgesamt nicht überzeugend finde, möchte ich zunächst denjenigen Aspekt hervorheben, den ich am aussagekräftigsten fand: die Betonung unserer Vereinigung mit Christus in seinem Tod und seiner Auferstehung. Auf die reichen Segnungen dieser Vereinigung sollte regelmäßig hingewiesen werden, und ich bin dankbar, dass er dies in seinem Buch getan hat. Die Tatsache, dass wir mit Christus vereint sind, ist mir dadurch noch kostbarer geworden.
Bezüglich seiner Hauptthese werde ich mich im Folgenden auf drei seiner wichtigsten Argumente gegen die Sühnetheologie konzentrieren.
Behauptung Nr. 1: Beim Opfern geht es nicht um den Tod
Rillera beginnt seine Argumentation mit der Behauptung: „In der Tora gibt es kein Opfer in Form eines ‚stellvertretenden Todes‘“ (S. 10).
Er stützt sich dabei auf die Vorstellung, dass es bei den alttestamentlichen Opfern darum gegangen sei, ein Tier darzubringen, aber nicht dessen Tod herbeizuführen, und dass deshalb im 3. Mosebuch „der Tod des Opfertieres als ‚Nicht-Töten‘ verstanden wird“ (S. 17, Hervorhebung im Original). Wenn dies zuträfe, ginge es bei den Opfern im Alten Testament nicht darum, dass ein Tier anstelle des Opfernden stirbt; das Opferritual sei dann auch keine Vorschattung des Todes Jesu am Kreuz.
Um zu zeigen, dass es bei den alttestamentlichen Opfern nicht um den Tod geht, argumentiert Rillera unter anderem, dass „dem Tod des Tieres – seiner Schlachtung – an keiner Bibelstelle eine rituelle oder theologische Bedeutung beigemessen wird“ (S. 20). Zur Untermauerung dieser Behauptung weist er darauf hin, dass die Opfertexte offenbar nicht die Schlachtung des Tieres betonen, sondern vielmehr Handlungen, die mit dem Altar verbunden sind und vom Priester vollzogen werden, wie das Verbrennen des Fleisches und das Darbringen des Blutes. Für ihn deutet dies darauf hin, dass die Schlachtung selbst unbedeutend sei.
Doch schon bei einer flüchtigen Lektüre der zentralen Opfertexte in 3. Mose 1–7 erkennt man ein interessantes Muster: Dort wird regelmäßig bestimmt, dass die Schlachtung des Tieres „vor dem HERRN“ oder „vor dem Zelt“, in dem er wohnt, stattzufinden hat (vgl. 3Mose 1,5.11; 3,8.13; 4,4.15.24; 6,25). 3. Mose 17,3–4 führt dies weiter aus und betont, dass das Tier vor dem Herrn geschlachtet werden muss, damit es als ihm dargebracht gilt.
Kurz gesagt: Wenn es nicht vor dem Herrn geschlachtet wird, ist es auch nicht für den Herrn geschlachtet. Das Tier kann nicht an einem Ort geschlachtet und an einem anderen geopfert werden. Schlachten und Opfern gehören zusammen. Deshalb ist „der Tod des Tieres – sein Schlachten“ – nicht unbedeutend, sondern von zentraler Bedeutung bei seiner Opferung.
Behauptung Nr. 2: Beim Sühneopfer geht es nur um Reinigung
Unter Gelehrten herrscht Einigkeit darüber, dass eine der wenigen Bibelstellen, in denen das Sühnopfer erklärt wird, 3. Mose 17,11 ist: „Das Leben des Leibes ist im Blut, und ich selbst habe es euch auf den Altar gegeben, um Sühne [kipper] für euer Leben zu erwirken, denn das Blut ist es, das Sühne [kipper] erwirkt durch das Leben“ (eigene Übersetzung).
Doch wie Rillera anmerkt, streiten Gelehrte darüber, ob das hebräische Wort kipper – üblicherweise mit „Sühne leisten“ übersetzt – sich hier auf Lösegeld oder Reinigung oder eine Kombination aus beidem bezieht (S. 122). Rillera bevorzugt die Übersetzung „reinigen“ (oder „dekontaminieren“, wie er es nennt), während mir eine Kombination aus beidem am geeignetsten erscheint.
Lösegeld
Wir beginnen mit dem Begriff „Lösegeld“, der sich in der Bibel auf eine Zahlung bezieht, die schuldige Menschen von einer Strafe – oft dem Tod – befreit, die sie andernfalls verbüßen müssten (vgl. 2Mose 21,30; 30,12). Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen verstehen den Begriff kipper in 3. Mose 17,11 als „Lösegeld“ (siehe Levine, S. 115; Milgrom, S. 707–708; Moffitt, S. 263–264). Der Grund dafür ist, dass der genaue Ausdruck „[kipper] für eure Seelen bewirken“ in 3. Mose 17,11 nur an zwei weiteren Stellen vorkommt, an denen kipper jeweils im Sinne von „Lösegeld“ verwendet wird (vgl. 2Mose 30,15; 4Mose 31,50).
Daraufhin argumentiert Rillera, dass es im Kontext von 2. Mose 30,15 und 4. Mose 31,50 um Geld gehe, in 3. Mose 17,11 jedoch nicht. Seine Schlussfolgerung: Fehlt der monetäre Aspekt, kann es sich nicht um Lösegeld handeln.
Dabei übersieht er jedoch die Tatsache, dass Lösegeld in der Bibel nicht auf Geld beschränkt ist. Ein Lösegeld kann die Hingabe eines Lebewesens anstelle eines anderen sein, wenn beispielsweise eine Volksgruppe als „Lösegeld … für dich … und Völker für dein Leben“ hingegeben wird (Jes 43,3–4). Die Frage lautet also nicht: „Handelt es sich um einen monetären Kontext?“, sondern: „Handelt es sich um einen Lösegeld-Kontext?“
Bezüglich Sünde und schwerer Unreinheit, die ein Sühneopfer erfordern, lautet die Antwort: „Ja, hier handelt es sich um einen Lösegeld-Kontext.“ Denn Sünde und schwere Unreinheit weisen eine wichtige Gemeinsamkeit auf: Beide stellen eine Gefahr dar.
Sünde ist offensichtlich eine Gefahr, weil Sünder von Gott bestraft werden und Lösegeld zahlen müssen. Aber auch schwere Unreinheit (wie Aussatz) stellt eine Gefahr dar und erfordert Lösegeld, da sie nicht nur Menschen, sondern auch heilige Gegenstände verunreinigt (vgl. 3Mose 16,16). Diese Unreinheit führt zum Tod, wenn mit ihr nicht richtig umgegangen wird (vgl. 3Mose 15,31). In beiden Fällen, bei Sünde und Unreinheit, ist der Opfernde in Gefahr. Damit ist klar, dass hier ein Lösegeld-Kontext vorliegt.
Der Begriff kipper in 3. Mose 17,11 wird daher zu Recht im Sinne eines Lösegeldes verstanden. Anstelle des Lebensblutes des Opfernden wird das Lebensblut des getöteten Tieres als Lösegeldbezahlung dargebracht. Das bedeutet, dass hier alle Sühneopfer-Elemente vorhanden sind: Das Tier erleidet den Tod, den der Opfernde verdient hat (Strafe), anstelle des Opfernden (Stellvertreter), um den Opfernden mit Gott zu versöhnen (Sühne).
Reinigung
Wie sieht es mit dem Aspekt der Reinigung aus? Hier besteht eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Sünde und schwerer Unreinheit, die ein Opfer erfordern: Beide verunreinigen.
Schwere Unreinheit verunreinigt offensichtlich, da der Opfernde gereinigt werden muss. Ebenso verunreinigt aber auch Sünde den Sünder und erfordert dessen Reinigung: „Denn an diesem Tag wird für euch Sühnung erwirkt, um euch zu reinigen; von allen euren Sünden sollt ihr gereinigt werden vor dem HERRN“ (3Mose 16,30).
Kurz gesagt: Sünde und schwere Unreinheit stellen eine Gefahr dar (erfordern ein Lösegeld) und verunreinigen (erfordern Reinigung).
Dieses doppelte Problem benötigt auch eine doppelte Lösung: Lösegeld und Reinigung. Das Opfer kann beides bewirken, da Blut eine doppelte Funktion hat: Es ist sowohl das ultimative Lösegeld (vgl. 3Mose 17,11) als auch das ultimative Reinigungsmittel (vgl. 3Mose 8,15).
Wenn die Sünde im Mittelpunkt steht, tritt die Lösegeldfunktion in den Vordergrund, und dem Opfernden wird „vergeben“ (vgl. 3Mose 4,20.26.31). Wenn die Unreinheit im Mittelpunkt steht, tritt die Reinigungsfunktion in den Vordergrund, und der Opfernde wird „rein“ gemacht (vgl. 3Mose 12,7; 14,20). Doch sowohl Lösegeld als auch Reinigung kommen in jedem Kontext vor, weil beides notwendig ist und Blut beides bewirkt.
Im Zusammenhang mit Sühneopfern bezieht sich kipper auf ein „reinigendes Lösegeld“ und eine „durch Lösegeld bewirkte Reinigung“. Aufgrund dieses Lösegeld-Aspekts steht die stellvertretende Sühne im Zentrum des Sühneopfers.
Behauptung Nr. 3: Wenn der Tod Jesu partizipatorische Bedeutung hat, kann er nicht stellvertretend sein
Rillera argumentiert, dass die neutestamentlichen Autoren den Tod Jesu als ein „partizipatorisches Phänomen“ verstünden, an dem Gläubige „erfahrungsmäßig teilhaben sollen“. Das würden beispielsweise Verse nahelegen, in denen davon die Rede ist, dass wir „unser Kreuz auf uns nehmen“ und Jesus nachfolgen sollen (vgl. Mk 8,34) oder dass wir durch den Glauben mit Christus in seinem Tod vereint sind (vgl. Röm 6,3–8) (S. 7).
Rillera behauptet dann, wenn dies zuträfe, könne der Tod Jesu kein stellvertretendes Phänomen sein, da sich (laut Rillera) Teilhabe und Stellvertretung per Definition gegenseitig ausschlössen.
Selbst wenn wir zugestehen, dass sich die Vorstellungen von Teilhabe und Stellvertretung gegenseitig ausschließen (was ich bezweifle), geht das Buch von einer problematischen Annahme aus: Wenn die Bibel geistliche Realitäten beschreibe, könne sie keine unterschiedlichen Vorstellungen oder Bilder verwenden, die sich gegenseitig ausschließen.
Diese Annahme ist nicht haltbar. Wenn Paulus beispielsweise über die Erlösung eines Gläubigen schreibt, verwendet er hin und wieder das Bild der Adoption (vgl. Gal 4,5) und manchmal das Bild der Auferstehung (vgl. Kol 2,13). Diese Bilder schließen sich per Definition gegenseitig aus: Bei dem einen geht es um eine lebende Person, die adoptiert wird, bei dem anderen um einen Toten, der zum Leben erweckt wird.
Warum tut Paulus das? Weil die Erlösung einen solchen Reichtum in sich birgt, der am besten anhand unterschiedlicher Bilder vermittelt wird, selbst wenn diese in logischem Widerspruch zueinander stehen. Wenn Paulus sich entscheidet, uns die Erlösung so zu erklären, kann er sicherlich ebenso verfahren, wenn er die Ereignisse beschreibt, die zur Erlösung führen.
Dieses Argument hat erhebliche Bedeutung für einen Text wie Römer 5,7–8, wo Paulus argumentiert: „Nun stirbt kaum jemand für einen Gerechten; für einen Wohltäter entschließt sich vielleicht jemand zu sterben. Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“
Rillera räumt ein, dass Vers 7 vom stellvertretenden Tod spricht, behauptet jedoch, dass dies nicht für Vers 8 gelten könne. Warum? Weil Paulus in Römer 6 eine partizipatorische Sprache verwende, um den Tod Jesu zu beschreiben, und Rillera annimmt, dass für Paulus der Tod Jesu nicht gleichzeitig stellvertretende und partizipatorische Bedeutung haben könne, da beide Vorstellungen sich gegenseitig ausschlössen.
Wie oben dargelegt, trifft diese Annahme jedoch nicht zu, wobei die einfachste Erklärung die wahrscheinlichste bleibt: In den Versen 7 und 8 ist jeweils vom stellvertretenden Tod die Rede.
„Nun stirbt kaum jemand für [= anstelle von] einen Gerechten; für [= anstelle von] einen Wohltäter entschließt sich vielleicht jemand zu sterben. Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für [= anstelle von] uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“
Paulus ist hier eindeutig: Jesus stirbt stellvertretend für alle Sünder. Ebenso eindeutig sagt er, dass der Tod Christi die Sünder mit Gott versöhnt (vgl. Vers 10) und dass es sich damit um stellvertretende Sühne handelt. Und da Paulus im Römerbrief betont, dass die Sünde den Tod zur Folge hat (vgl. Röm 1,32; 5,12–21; 6,23; 7,5.11), kann man klar schlussfolgern: Indem Jesus anstelle der Sünder den Tod erleidet, trägt er ihre Strafe.
In Römer 5,7–8 wird die Lehre der stellvertretenden Sühne vollständig entfaltet: Jesus trägt als ihr Stellvertreter die Strafe, die Sünder verdienen, und versöhnt sie auf diese Weise mit Gott.
Von größter Bedeutung
In einer ausführlichen Rezension gehe ich auf die meisten anderen Argumente des Buches ein und erörtere verschiedene Beweggründe, die Rillera nennt und die ihn dazu veranlasst haben, ein Buch gegen die traditionelle Sühnetheologie zu schreiben.
In diesem kurzen Artikel hoffe ich aufgezeigt zu haben, dass die Bibel drei der Hauptthesen des Buches nicht stützt und dass die relevanten Bibelstellen bestätigen, dass die stellvertretende Sühne zur Erklärung des alttestamentlichen Opfers und des Todes Jesu zentrale Bedeutung für uns hat. Entgegen der Argumentation in Lamb of the Free ist das stellvertretende Sühneopfer eine sehr biblische Vorstellung.
Warum ist das wichtig? Paulus fasst im Korintherbrief das Evangelium zusammen und beginnt wie folgt: „Denn ich habe euch zuallererst das überliefert, was ich auch empfangen habe, nämlich dass Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften“ (1Kor 15,3). Wenn der Tod Christi für unsere Sünden der Ausgangspunkt des Evangeliums ist, dann ist es in der Tat von größter Bedeutung, dies richtig zu verstehen.
Buch
Andrew Remington Rillera, Lamb of the Free: Recovering the Varied Sacrificial Understandings of Jesus's Death, Eugene: Cascade Books, 2024, 356 Seiten, ca. 40 €.