Was bedeutet es, dass Jesus in den Himmel aufgefahren ist?

Artikel von J.I. Packer
13. Mai 2026 — 7 Min Lesedauer

Das Apostolische Glaubensbekenntnis

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Was mitHimmel“ gemeint ist

Das Wort „aufgefahren“ erinnert an Jesu Worte „Ich fahre auf“ (vgl. Joh 20,17; Joh 6,62). Auch die Formulierung „in den Himmel“ spiegelt die Worte der Engel aus dem Bericht der Himmelfahrt wider: „der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist“ (Apg 1,11). Doch was genau ist dieser „Himmel“? Ist damit der sichtbare Himmel oder der Weltraum gemeint? Behauptet das Glaubensbekenntnis etwa, dass Jesus der erste Astronaut war? Nein. Sowohl das Glaubensbekenntnis als auch die Bibel weisen auf etwas anderes hin.

In der Bibel hat das Wort „Himmel“ drei Bedeutungen:

  1. Das unendliche, in sich selbst gründende Leben Gottes. In diesem Sinne wohnte Gott schon immer „im Himmel“, auch als es noch keine Erde gab.
  2. Die Gemeinschaft von Engeln und Menschen mit Gott, indem sie an seinem Leben teilhaben – sei es als Vorgeschmack in der Gegenwart oder in der kommenden Fülle. In diesem Sinne liegen der Lohn, der Schatz und das Erbe eines Christen „im Himmel“; der Begriff dient hier als Kurzform für unsere endgültige Hoffnung.
  3. Das Firmament, das uns durch seine Weite mehr als alles andere an Unendlichkeit erinnert. Es ist ein Sinnbild in Raum und Zeit für Gottes ewiges Leben, so wie der Regenbogen ein Sinnbild seines ewigen Bundes ist (vgl. 1Mose 9,8–17).

Die Bibel und das Glaubensbekenntnis verkünden, dass Jesus bei seiner Himmelfahrt – vierzig Tage nach seiner Auferstehung – auf eine neue und bedeutsame Weise in den Himmel (im Sinne der zweiten Bedeutung) eingegangen ist: Seither „sitzt er zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters“ und herrscht über alle Dinge im Namen seines Vaters und mit dessen Allmacht zum bleibenden Wohl seines Volkes. „Zur Rechten Gottes“ beschreibt dabei keinen räumlichen Ort in einem Palast, sondern ein königliches Amt (vgl. Apg 2,33 ff.; Röm 8,34; Eph 1,20 ff.; Hebr 1,3.13; 10,12 ff.; 12,2). Jesus ist es, „der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel“ (das heißt, er kehrte in sein vorinkarniertes Leben zurück, das durch nichts Geschaffenes begrenzt ist), „damit er alles erfülle“ (um seine königliche Macht überall wirksam zu machen; vgl. Eph 4,10). „Aufgefahren“ ist ein Bildwort, das seine Erhöhung zu einem Zustand höchster Würde und Macht ausdrückt.

Die Himmelfahrt

Was sich bei der Himmelfahrt ereignete, war also nicht, dass Jesus zum Raumfahrer wurde. Vielmehr erhielten seine Jünger ein Zeichen, genau wie bei der Verklärung. C.S. Lewis drückte es so aus: „Die Zuschauer berichten, sie hätten zunächst eine kurze vertikale Bewegung gesehen, dann ein vages Leuchten (was hier vermutlich mit der ‚Wolke‘ gemeint ist …) und dann nichts mehr“.[1] Jesu endgültiger Abschied aus dem Blickfeld der Menschen – um zu herrschen, bis er wiederkehrt – wurde den Jüngern vor Augen geführt, indem er im dritten Sinne des Wortes „in den Himmel“ aufstieg. Das sollte uns nicht befremden. Der Rückzug musste auf irgendeine Weise geschehen. Nach oben, unten oder zur Seite zu gehen, nicht mehr zu erscheinen oder plötzlich zu verschwinden, waren die einzigen Möglichkeiten. Welche davon symbolisiert am klarsten, dass Jesus fortan in Herrlichkeit regiert? Die Antwort liegt auf der Hand. Die Botschaft der Himmelfahrt lautet also: „Jesus, der Retter, herrscht!“

Unsere Herzen im Himmel

In einer ausgelaugten Welt, in der angesehene Philosophen den Freitod als beste Option für den Menschen empfahlen, hinterließ der unerschütterliche, überschwängliche Optimismus der ersten Christen einen gewaltigen Eindruck. Sie fühlten sich dem Leben überlegen, egal wie sehr die Welt auch auf ihnen zu lasten schien. (Das ist auch heute noch so, wenn Christen „christlich“ genug sind, dies zu zeigen!) Drei Gewissheiten waren und sind das Geheimnis dieser Haltung.

Die erste Gewissheit betrifft Gottes Welt: Christus herrscht wirklich über sie. Er hat einen entscheidenden Sieg über die dunklen Mächte errungen, die sie zuvor beherrschten, und die Offenbarung dieser Tatsache ist nur noch eine Frage der Zeit. Gottes Kampf gegen Satan gleicht nun einem Schachspiel, dessen Ausgang bereits feststeht, bei dem der unterlegene Spieler aber noch nicht aufgegeben hat. Oder er gleicht der letzten Phase eines Krieges: Die Gegenangriffe des besiegten Feindes sind zwar heftig und zahlreich, können aber keinen Erfolg mehr haben; in der Strategie des Siegers werden sie nur noch als bloße „Aufräumarbeiten“ gewertet. Man könnte sich wünschen, dass unsere Zeitrechnung „n. Chr.“ (anno Domini – im Jahr des Herrn), die ihrer Absicht nach mit Jesu Geburt beginnt (wenn auch vermutlich einige Jahre zu spät angesetzt), stattdessen ab dem Jahr von Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt berechnet worden wäre. Denn in jenem Moment wurde Jesu Herrschaft zu der kosmischen Tatsache, die sie heute ist.

Die zweite Gewissheit betrifft den Christus Gottes: Unser regierender Herr tritt für uns ein (vgl. Röm 8,34; Hebr 7,25). Er tut dies in dem Sinne, dass er „vor dem Angesicht Gottes“ als unser „Fürsprecher“ erscheint (Hebr 9,24; 1Joh 2,1), um sicherzustellen, dass wir „Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe“ (Hebr 4,16) und so bis zum Ende in der Liebe Gottes bewahrt bleiben (vgl. die Zusicherung des guten Hirten in Joh 10,27–29). „Eintreten“ beschreibt hier keinen demütigen Bittsteller, der auf Almosen hofft. Vielmehr ist es das Eingreifen dessen, der das souveräne Recht und die Macht hat, im Interesse eines anderen Anliegen vorzubringen und zu handeln. Die Gegenwart und das Leben unseres Herrn im Himmel als thronender Priesterkönig – sozusagen unsere Sühne in Person – sind bereits sein „Eintreten“. Allein seine Anwesenheit dort garantiert uns die ganze Fülle der Gnade und auch die kommende Herrlichkeit.

Eine einprägsame Melodie aus dem 18. Jahrhundert drückt diese Gewissheit in Worten aus, die das Herz höher schlagen lassen:

„Liebe hat dich sterben lassen;
darauf baue ich mein Vertrauen.
Mein Heiland hat mich geliebt, warum, weiß ich nicht;
doch dies habe ich verstanden:
So eng sind wir verbunden, dass er nicht in der Herrlichkeit sein wird und mich zurücklässt.“ (eigene Übersetzung)

Die dritte Gewissheit bezieht sich auf Gottes Volk. Es handelt sich dabei sowohl um eine von Gott geschenkte Erfahrung als auch um eine von Gott gelehrte Erkenntnis: Christen genießen bereits hier und jetzt ein verborgenes Leben in Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn, das nichts – nicht einmal der Tod selbst – antasten kann. Es ist das bereits begonnene Leben der kommenden Welt, das Leben des Himmels, das wir hier auf Erden schon schmecken dürfen. Die Erklärung für diese Erfahrung, die alle Kinder Gottes in gewissem Maße kennen, lautet: Gläubige haben den Tod tatsächlich bereits durchschritten (nicht als physisches, sondern als persönliches und geistliches Ereignis) und sind in das ewige Leben eingetreten, das jenseits davon liegt. „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott“ (Kol 3,3; vgl. auch Kol 2,12; Röm 6,3–4). „Gott … hat … auch uns, die wir tot waren, … mit dem Christus lebendig gemacht … und hat uns mitauferweckt und mitversetzt in die himmlischen [Regionen] in Christus Jesus“ (Eph 2,4 ff.).

Das Gebet zum Himmelfahrtstag im anglikanischen Gebetsbuch (Book of Common Prayer) enthält die Bitte: „Gewähre uns … dass wir, wie wir glauben, dass dein eingeborener Sohn, unser Herr Jesus Christus, in den Himmel aufgefahren ist, so auch mit Herz und Sinn dorthin auffahren und beständig bei ihm wohnen mögen“ (eigene Übersetzung). Mögen wir durch die Kraft dieser drei Gewissheiten befähigt werden, genau das zu tun.


1 C.S. Lewis, Wunder: möglich – wahrscheinlich – undenkbar?, Basel und Gießen: Brunnen, 2. Taschenbuchaufl., 1991, S. 181.