Die Autorität der Bibel im Laufe der Kirchengeschichte
Die alleinige Autorität der Schrift (sola scriptura)
„Erstens sollst du wissen, daß die heilige Schrift ein solches Buch ist, das die Weisheit aller anderen Bücher zur Narrheit macht, weil keines vom ewigen Leben lehrt als dieses allein.“[1] So formulierte es Martin Luther (1483–1546), der protestantische Reformator. Die Schrift allein (sola scriptura) sagt uns unfehlbar, wie wir gerettet werden können (sola fide) und wie wir leben sollen. Folglich ist die kanonische Schrift die ausreichende „Regel“ des Glaubens und des Lebens. Die Schrift ist auch die norma normans („die normierende Norm“), die über allen menschlichen Meinungen, Glaubensbekenntnissen, Traditionen und auch den Natur‑„Wissenschaften“ steht. Die Schrift wird von keinem dieser Bereiche „normiert“.
Der göttliche Autor der Schrift
Gott ist der Autor der Heiligen Schrift. Die Autorität der Schrift entspringt der Autorität Gottes: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet“ (2Tim 3,16–17). Die menschlichen Autoren der Schrift, die von ihren Begabungen Gebrauch machten, waren inspiriert vom Heiligen Geist: „Denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet“ (2Petr 1,21).
Der Mittelpunkt der Schrift
Jesus Christus, der Sohn Gottes, bildet den Mittelpunkt der Heiligen Schrift und verleiht ihr ihre Autorität. Er forderte seine Jünger auf, die Schriften zu erforschen, die von ihm Zeugnis geben und in denen sie das ewige Leben finden (vgl. Joh 5,39). Er zitierte die Schrift, als er dem Teufel widerstand (vgl. Mt 4,1–11). Er lehrte die Wahrhaftigkeit bzw. Zuverlässigkeit der Schrift: „Bis Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Buchstabe noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist“ (Mt 5,18).
Die „Wahrhaftigkeit“ der Schrift
Augustinus (354–431) spielte eine entscheidende Rolle bei der Formulierung der zentralen Lehre der Kirche, wonach die Heilige Schrift das „wahrhaftige“ bzw. unfehlbare, geoffenbarte, geschriebene Wort Gottes ist. In seinen Tagen musste er sich mit Kritikern auseinandersetzen, die Fragen zu angeblichen Unstimmigkeiten in den Evangelien aufwarfen. Als Antwort darauf verfasste Augustinus das Werk De consensu evangelistarum (dt. „Über die Übereinstimmung der Evangelisten“), in dem er erläuterte, wie die angeblichen Unstimmigkeiten aufgelöst werden konnten.
Martin Luther erklärte, dass er in seiner Haltung, seinen Glauben allein dem Wort Gottes zu unterwerfen, der Sichtweise von Augustinus folge: „Und [ich] folge hierin dem Exempel St. Augustins, der unter anderen der erste und gar allein ist, der unvoreingenommen durch aller Väter und Heiligen Bücher will allein der heiligen Schrift unterworfen sein.“[2] Luther zitierte zustimmend einen Brief, in dem Augustinus die Wahrhaftigkeit der Heiligen Schrift verteidigte:
„Denn höchst verderblich scheint mir der Glaube, es befinde sich in jenen heiligen Büchern eine Lüge, d.h. jene Männer, durch die die Heilige Schrift verfaßt und uns überliefert worden ist, hätten in ihren Schriften gelogen. … Denn gibt man einmal bei dieser obersten Glaubensquelle eine Dienstlüge zu, so kann man schließlich bei jedem, auch dem geringsten Teile dieser Bücher, wenn er irgend jemandem Schwierigkeiten in bezug auf die Glaubens- oder Sittenlehre bereitet, sich auf Plan oder Absicht des lügenden Verfassers berufen.“[3]
In einem Brief an Hieronymus legte Augustinus dar, wie Christen vorgehen sollten, wenn sie in der Heiligen Schrift auf einen vermeintlichen Irrtum stießen:
„Denn ich gestehe deiner Liebe: nur den Büchern der Heiligen Schrift, die als kanonisch anerkannt sind, habe ich gelernt, eine solche Ehrfurcht zu erweisen, daß ich felsenfest glaube, keiner ihrer Verfasser sei bei der Abfassung in einem Irrtum gewesen. Und wenn ich in ihnen auf eine Stelle stoße, die mir mit der Wahrheit nicht übereinzustimmen scheint, so zweifle ich keinen Augenblick, daß entweder die Abschrift fehlerhaft ist oder daß der Übersetzer den Gedanken des Originals nicht genau ausgedrückt hat oder daß ich die Sache nicht verstanden habe.“[4]
Augustinus’ Leitlinien wurden zu wesentlichen Bestandteilen der „Textkritik“ – also der Bestrebung, den Ursprungstext der Heiligen Schrift zu rekonstruieren.
Im Jahr 1521 bezog Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms Stellung zur Autorität der Heiligen Schrift (sola scriptura). Er stellte die Autorität der römisch-katholischen Kirche direkt infrage:
„Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder einen klaren Grund wiederlegt werde – denn allein dem Papst oder den Konzilien glaube ich nicht; es steht fest, daß sie häufig geirrt und sich auch selbst widersprochen haben –, so bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte überwunden. Und da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“[5]
Luther glaubte an die Genügsamkeit der Heiligen Schrift und daran, dass die „unfehlbare Schrift“ die „unfehlbare Schrift“ auslegen sollte.
Johannes Calvin (1509–1564), ein weiterer protestantischer Reformator, bekräftigte ebenfalls das sola scriptura-Prinzip und die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift. Er erklärte, dass es zwar gute Gründe dafür gibt, die darlegen, dass die Bibel das geoffenbarte Wort Gottes ist, Christen jedoch schlussendlich aufgrund des inneren Zeugnisses des Heiligen Geistes zu dieser Überzeugung gelangen. Calvin wies darauf hin, dass der Heilige Geist die Schrift unserem begrenzten Verständnis anpasst. Er forderte Pastoren dazu auf, ihre Predigten auf das Wort Gottes zu konzentrieren: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch, bis es scheidet sowohl Seele als auch Geist, sowohl Mark als auch Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens“ (Hebr 4,12). Auch der Reformator William Tyndale (1494–1536) zitierte Hebräer 4,12, als er seine englische Übersetzung der Bibel heimlich nach England schickte.
Nicht nur die protestantischen Reformatoren folgten dem Standpunkt von Augustinus über die „Wahrhaftigkeit“ der Heiligen Schrift, sondern oft auch römisch-katholische Theologen dieser Zeit. Als Erasmus (1466–1536) – ein römisch-katholischer Humanist und Herausgeber eines griechischen Neuen Testaments (1516) – die Vermutung äußerte, Matthäus habe möglicherweise einen Fehler begangen, indem er einen Namen durch einen anderen ersetzte (Jesaja statt Jeremia), tadelte ihn der römisch-katholische Johannes Eck sanft und verwies im Anschluss auf Augustinus:
„Höre doch, lieber Erasmus: Glaubst Du etwa, dass irgendein Christ geduldig ertragen würde, wenn man ihm sagt, die Evangelisten hätten in ihren Evangelien Fehler gemacht? Wenn die Autorität der Heiligen Schrift an dieser Stelle wankend ist, kann dann irgendeine andere Stelle frei von dem Verdacht des Irrtums sein? Eine Schlussfolgerung, die der hl. Augustinus aus einer eleganten Argumentationskette gezogen hat.“[6]
Für Eck stellte schon ein einziges falsch platziertes Wort einen Fehler dar und untergrub die Autorität der Schrift.
Die Autorität der Schrift und die Tradition
Auf dem Konzil von Trient (1545–1563) legte die römisch-katholische Kirche ihre Lehren und Praktiken fest. Die Heilige Schrift und die Tradition, so das Konzil, seien gleichwertige Quellen der Offenbarung. Es legte zudem fest, dass die lateinische Vulgata des Hieronymus die „authentische“ Bibelübersetzung sei.
Im Jahr 1588 – dem Jahr, in dem die „römisch-katholische“ spanische Armada mit Truppen heranrückte, um in England einzufallen – veröffentlichte William Whitaker (1547–1595), ein anglikanischer Professor am St. John’s College der Cambridge University, seine Disputations on Scripture. In diesem Band kritisierte er die Argumente zur biblischen Autorität, die von Kardinal Robert Bellarmin (1542–1621), einem versierten Apologeten, vertreten wurden.
(1) Während Bellarmin behauptete, wir müssten der Heiligen Schrift die „Tradition“ hinzufügen, um vollständig zu verstehen, wie unsere Erlösung zustande kommt, entgegnete Whitaker, dass die Bibel „genugsam“ sei, um uns alles zu vermitteln, was wir zum „Glauben und Leben“ wissen müssen. Wir benötigen in dieser Hinsicht keine „Tradition“.
(2) Während Bellarmin behauptete, die lateinische Vulgata des Hieronymus sei die „authentische“ Version der Bibel, entgegnete Whitaker, dass die Bibel in den inspirierten „ursprünglichen“ griechischen und hebräischen Texten unfehlbar ist.
Zuvor hatte bereits Martin Luther die Ansicht vertreten, dass viele römisch-katholische Theologen den christlichen Glauben falsch auslegten, weil sie kein Griechisch beherrschten. Er war dankbar für die jüngste Wiederbelebung dieser Sprache. In den Jahren 1394–1395 hatte Manuel Chrysoloras aus Byzanz begonnen, die Kenntnis des Griechischen in Florenz wieder einzuführen.
Luther schrieb:
„Darum ist es auch ein törichtes Vorhaben gewesen, daß man die Schrift hat kennenlernen wollen durch die Auslegungen der Väter und durch Lesen vieler Bücher und Erläuterungen. Man hätte sich stattdessen auf die Sprachen verlegen sollen. Denn die lieben Väter haben, weil sie ohne Sprachen gewesen sind, zuweilen mit vielen Worten an einem Spruch gearbeitet und ihn doch nur eben so im nachhinein abgeschätzt und halb geraten, halb verfehlt. … Denn was die Sonne gegenüber dem Schatten ist, das ist die Sprache gegenüber allen Erklärungen der Väter. Nun geziemt es den Christen, die heilige Schrift zu gebrauchen als ihr eigenes, einziges Buch.“[7]
Whitaker fuhr mit seiner Kritik fort:
(3) Während Bellarmine der Ansicht war, dass die lateinische Vulgata-Edition der Bibel unfehlbar sei, entgegnete Whitaker:
„Die lateinische Vulgata ist ganz sicher und ganz offensichtlich verfälscht. Und die Verfälschungen, von denen ich spreche, sind keine beiläufigen oder geringfügigen oder gewöhnlichen Fehler, wie sie die Nachlässigkeit von Abschreibern in Büchern oft hervorbringt, sondern bedeutende Fehler, die tief im Text selbst verwurzelt und nicht akzeptabel sind. Daraus ergibt sich das gewichtigste Argument gegen die Autorität dieser Edition.“[8]
Im Gegensatz dazu enthielten die Originalmanuskripte der Bibel keine Fehler:
„Sie [die Verfasser der Heiligen Schrift] schrieben, wie sie vom Heiligen Geist bewegt wurden, wie Petrus es uns in 2. Petrus 1,21 sagt. Die ganze Heilige Schrift ist zudem von Gott inspiriert, wie Paulus ausdrücklich in 2. Timotheus 3,16 schreibt. Da also niemand behaupten kann, dem Heiligen Geist könne irgendeine Schwäche widerfahren, folgt daraus, dass die heiligen Verfasser in keiner Hinsicht getäuscht werden oder sich irren konnten. Hier gebührt es uns also, so gewissenhaft zu sein, dass wir nicht zulassen, dass sich ein solcher Fehler in der Schrift finden lässt. Denn was auch immer Erasmus denken mag, es ist eine stichhaltige Antwort, die Augustinus dem Hieronymus gibt: ‚Wenn auch nur der kleinste Irrtum in der Schrift zugelassen wird, wird die gesamte Autorität der Schrift sogleich entkräftet und zerstört.‘“[9]
Die Übersetzer der King-James-Bibel (1611) schätzten Whitakers Lehre über die Autorität der Schrift. Ebenso schlossen sich viele protestantische Theologen seiner Darstellung der Unfehlbarkeit der Schrift an. Christen vom europäischen Festland betrachteten die Heilige Schrift oft als Autorität für ihr Verständnis von Glauben und Leben sowie für weltliche Angelegenheiten.
Die Schrift und „Bibelkritik“
Im 17. Jahrhundert glaubten einige Christen an die Unfehlbarkeit der ihnen vorliegenden biblischen Texte bzw. Manuskripte. Eine Reihe von Gelehrten war jedoch anderer Meinung. Sie widmeten sich der Critica Sacra, dem Versuch, die „ursprünglichen“ Texte der Heiligen Schrift anhand erhaltener Dokumente zu rekonstruieren. In seiner Histoire du Vieux Testament (1678) beschrieb Richard Simon, der oft als „Vater der Bibelkritik“ bezeichnet wird, dieses Vorhaben wie folgt:
„Niemand kann bezweifeln, dass die in der Heiligen Schrift enthaltenen Wahrheiten unfehlbar sind und göttliche Autorität besitzen, da sie unmittelbar von Gott stammen, der sich dabei des Dienstes von Menschen als seiner Übersetzer bediente. … Da jedoch Menschen die Hüter der Heiligen Schriften wie auch anderer Bücher waren und die ersten Originale verloren gegangen sind, war es gewissermaßen unvermeidlich, dass es zu einer Reihe von Veränderungen kam, die sowohl auf den Verlauf der Zeit als auch auf die Nachlässigkeit der Abschreiber zurückzuführen sind. Aus diesem Grund empfiehlt der hl. Augustinus vor allem jenen, die die Heilige Schrift studieren wollen, sich der Kritik der Bibel zu widmen und die Fehler in ihren Abschriften zu korrigieren.“[10]
Nachdem Simon die „Textkritik“ beschrieben hatte, ging er dazu über, sich für die „Bibelkritik“ auszusprechen. Er bestritt, dass Moses den Pentateuch in seiner Gesamtheit verfasst hat, und wies darauf hin, dass inspirierte „öffentliche Schreiber“ Passagen in den Pentateuch eingefügt hätten, die nicht von Mose stammten. Er behauptete, sein Ansatz sei eine Antwort auf die Kritik an der Autorität der Bibel, die Baruch Spinoza in seinem höchst umstrittenen Tractatus theologico-Politicus (1670) vorgebracht hatte. Die Regierung ordnete an, die 1.300 Exemplare von Simons Buch zu verbrennen.
Während der sogenannten „Aufklärung“ (1680–1799) schlugen verschiedene Formen der Bibelkritik, die der traditionellen Auffassung von der Autorität der Heiligen Schrift entgegenstanden, in europäischen Ländern wie Deutschland, Frankreich und England tiefe Wurzeln.
Trotz heftiger Kritik an der Bibel durch englische Deisten im 18. Jahrhundert blieb die orthodoxe Sichtweise der Autorität der Heiligen Schrift in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den englischen Protestanten die allgemein vertretene Meinung. In seinen posthum erschienenen Letters of an Enquiring Spirit (1841) veröffentlichte Samuel Taylor Coleridge – ein scharfer Kritiker biblischer Unfehlbarkeit – einen skeptischen Bericht zu diesem Thema:
„Ich habe häufig an den Treffen der British and Foreign Bible Society teilgenommen, wo ich Redner aller Denominationen gehört habe … und dennoch habe ich immer wieder dieselbe Lehre gehört – dass die Bibel nicht so betrachtet oder erörtert werden könne, wie dies bei anderen guten Büchern geschieht oder geschehen kann … Darüber hinaus gründeten ihre Hauptargumente auf der Auffassung, die Bibel sei durchweg von einer Allwissenheit diktiert worden und daher in allen ihren Teilen unfehlbar wahr und verbindlich, und die Männer, deren Namen den verschiedenen Büchern oder Kapiteln vorangestellt sind, seien in Wirklichkeit nichts anderes als verschiedene Federn in der Hand ein und desselben Verfassers, und ihre Worte seien die Worte Gottes.“[11]
In den 1880er-Jahren beklagten Charles Spurgeon (1834–1892) und J.C. Ryle (1816–1900), der Bischof von Liverpool, die Tatsache, dass viele Engländer ihren Glauben an die Autorität der Heiligen Schrift aufgaben. Sie waren beeinflusst von Coleridges Kritik, Charles Darwins Evolutionstheorie (die den biblischen Schöpfungsbericht als falsch abschrieb), der Bibelkritik und Ähnlichem. Eine Reihe amerikanischer Zeitungen kommentierte denselben Vertrauensverlust in die biblische Autorität, der sich in den Vereinigten Staaten insbesondere zwischen den Jahren 1880 und 1900 vollzog. Im Jahr 1881 veröffentlichten A.A. Hodge und B.B. Warfield vom Princeton Theological Seminary den einflussreichen Artikel „Inspiration“. Sie bekräftigten, dass die Lehre von der Unfehlbarkeit der Bibel der zentralen Tradition westlicher Kirchen entspricht.
In Deutschland lehnten Bibelkritiker und Theologen von David Friedrich Strauß (1808–1874) bis Adolf von Harnack (1851–1930) die orthodoxe Auffassung von der Unfehlbarkeit der Bibel ab. Im Gegensatz dazu bekräftigte Papst Leo XIII. im Jahr 1893 in der Enzyklika Providentissimus Deus das Bekenntnis der römisch-katholischen Kirche zur Unfehlbarkeit der Bibel. Der Papst untermauerte seine Lehre mit einem Zitat von Augustinus.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs (1914) erkannten viele säkularisierte Europäer die Heilige Schrift nicht mehr als bedeutende Autorität an. Thomas Huxley, einer der eifrigsten Verfechter Darwins, wies darauf hin, dass die Ablösung des geoffenbarten Wissens durch das naturwissenschaftliche Wissen ein dominierendes Merkmal des intellektuellen Lebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts hatte der atheistische Naturalismus eine hegemoniale Kontrolle über die Lehrpläne vieler Universitäten sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa erlangt.
Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) gab die römisch-katholische Kirche ihr früheres Bekenntnis zur Irrtumslosigkeit der Bibel auf und erklärte, die Bibel sei zwar in Glaubens- und Lebensfragen unfehlbar, jedoch nicht unbedingt in historischen und wissenschaftlichen Belangen. In evangelikalen Kreisen kam es zu einem ähnlichen Phänomen, bei dem einige Theologen die Autorität der biblischen Wahrhaftigkeit auf Glaubens- und Lebensfragen beschränkten, nicht jedoch auf Geschichte und Wissenschaft.
Eine Reihe führender Historiker behauptete, der Glaube an die Irrtumslosigkeit der Bibel sei eine abwegige Lehrinnovation der Fundamentalisten. Viele Evangelikale waren jedoch anderer Meinung. Sie entgegneten, dass die Bibel selbst die Unfehlbarkeit der Schrift lehrt und diese Auffassung der zentralen Tradition der westlichen Kirchen entspricht. Wie Augustinus, Martin Luther und Johannes Calvin glaubten sie nicht nur, dass die Schrift das Wort Gottes ist, sondern sie auch eine Richtschnur für Glauben und Leben sowie für Geschichte und Wissenschaft darstelle. Sie stimmten mit J.I. Packer überein, dass Gemeindemitglieder nach dem Hören einer Predigt sagen können sollten: „Ich habe in der Predigt gehört, was die Bibel sagt.“ Sie stimmten mit Luther überein, dass Psalm 1 ein Verständnis davon vermittelt, was das gesegnete Leben ist: Es ist das Nachsinnen über das Gesetz Gottes. Und sie stimmten auch mit dem Westminster-Katechismus überein, dass ihr Hauptziel im Leben darin bestehen sollte, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.
Weiterführende Literatur
- D.A. Carson (Hrsg.), The Enduring Authority of the Christian Scriptures, Grand Rapids: Eerdmans, 2016.
- John D. Woodbridge, Biblical Authority: Infallibility and Inerrancy in the Christian Tradition, Grand Rapids: Zondervan, 2015.
1 Martin Luther, „Vorrede zum ersten Band der Wittemberger Ausgabe der deutschen Schriften Luthers (1539)“, in: Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling (Hrsg.), Martin Luther: Ausgewählte Schriften, Bd. 1, Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1982, S. 8.
2 Ebd., S. 7–8.
3 Aurelius Augustinus, „Brief an Hieronymus (Nr. 28)“, in: BKV, 1. Reihe, Bd. 29–30, München: J. Kösel, 1917, S. 72.
4 Aurelius Augustinus, „Brief an Hieronimus (Nr. 82)“, in: BKV, 1. Reihe, Bd. 29–30, München: J. Kösel, 1917, S. 292.
5 Martin Luther, „Rede auf dem Reichstag zu Worms“, in: Martin Luther: Ausgewählte Schriften, Bd. 1, S. 269.
6 Johann Maier von Eck, „Letter to Erasmus (796)“, in: The Collected Works of Erasmus, Bd. 5, Toronto: University of Toronto Press, 1979, S. 289–290.
7 Martin Luther, „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen (1524)“, in: Martin Luther: Ausgewählte Schriften, Bd. 5, S. 58.
8 William Whitaker, A Disputation on Holy Scripture, against the Papists, especially Bellarmine and Stapleton, Cambridge: Cambridge University Press, 1849, S. 162.
9 Whitaker, A Disputation on Holy Scripture, S. 37.
10 Richard Simon, A Critical History of the Old Testament, London: Walter Davis, 1682, S. 1–2.
11 Samuel Taylor Coleridge, Confessions of an Inquiring Spirit, London: Edward Moxon, 1853, S. 83–84.