Die große evangelikale Verwischung
Im Jahr 2024 jährte sich zum vierzigsten Mal die Veröffentlichung von Francis Schaeffers letztem Buch, Die große Anpassung: Der Zeitgeist und die Evangelikalen.[1] Als das englische Original 1984 erschien, hatte er nur noch wenige Monate zu leben.
Der Titel klingt alarmierend, und genau das war Schaeffers Absicht. Dieselben theologischen Verschiebungen und Fehlentwicklungen, die er als junger Mann beobachtet hatte, bedrohten nun den Evangelikalismus. Einstmals bibeltreue Gemeinden standen in der Gefahr, sich von der Bibel abzuwenden, was ihm sehr naheging. Kurz gesagt: Das Buch war das Werk eines sterbenden, verzweifelten Mannes und sollte auch als ein solches gelesen werden.
Was mich jedoch vorrangig interessiert, ist nicht so sehr der Inhalt des Buches (so entscheidend dieser auch sein mag), sondern das ihm zugrunde liegende Prinzip. In den 1980er-Jahren propagierte der moderne Westen – dessen Denkvoraussetzungen und Zukunft Schaeffer so prophetisch skizziert hatte – Vorstellungen über Geschlecht und Sexualität, die der Bibel zuwiderliefen. Das war für ihn keine Überraschung, wusste er doch schließlich besser als die meisten anderen, dass dies angesichts der kulturellen Ablehnung des Christentums zwangsläufig geschehen musste.
Was er auch wusste, war, dass die Kirche hinsichtlich der Autorität des Wortes Gottes – ihres wichtigsten Grundprinzips – niemals Kompromisse eingehen durfte. Dafür war Schaeffer sein ganzes Leben lang eingetreten. Menschliche Vorstellungen, davon war er überzeugt, müssen der Offenbarung Gottes in der Bibel stets untergeordnet werden.
Warum aber diese Dringlichkeit?
Ich glaube, nur wenigen ist bekannt, dass der Verleger Anfang 1984, speziell anlässlich der Veröffentlichung der englischen Ausgabe von Die große Anpassung, eine Reihe von Vorträgen an fünf oder sechs der führenden evangelikalen Universitäten in den USA organisierte. Schaeffers Hoffnung war, durch seinen persönlichen Auftritt ein stärkeres Bekenntnis zur Autorität der Bibel bei der jüngeren Generation zu fördern. Von denjenigen, die ihn zehn Jahre zuvor auf dem Lausanner Kongress gehört hatten, war er enttäuscht. Damals hatte er erklärt:
„Im Gegensatz zur vorherigen Generation ist das Kennzeichen unserer Generation, dass diese Generation nicht glaubt, dass es Wahrheit in irgendeiner Form gibt. Alles ist relativ. Wahrheit als Wahrheit gibt es nicht. Die Frage ist klar: Ist die Bibel wahre Wahrheit und unfehlbar in Bezug auf die Dinge, über die sie spricht, und zwar auch wenn sie über historische Ereignisse und den Kosmos spricht, oder ist die Bibel nur in einem gewissen Sinne Offenbarung, nämlich wenn sie religiöse Themen berührt? … Es nützt nichts, dass der Evangelikalismus scheinbar wächst und wächst, wenn zur selben Zeit nennenswerte Teile des Evangelikalismus in Bezug auf die Bibel – die den Kern des Evangelikalismus ausmacht – keine klare Linie mehr haben. Es nützt nichts, größere Zahlen zu haben, wenn das Ganze auf einer Täuschung beruht.“[2]
Trotz seiner Warnungen hatten sich die Verschiebungen bis 1984 weiter fortgesetzt. Vielleicht würde die jüngere Generation aufmerksamer sein. Sein Gesundheitszustand, der bereits durch eine Krebserkrankung beeinträchtigt war, verschlechterte sich jedoch rasch. Er starb am 15. Mai 1984 in Rochester, Minnesota.[3] Diejenigen, die ihn in diesen letzten Monaten hörten, sagten, es sei gewesen, als spräche eine Stimme aus dem Grab zu ihnen.
Warum hat Schaeffer trotz dieser extremen Umstände all diese Mühen auf sich genommen? Warum schrieb er ein kontroverses Buch und reiste dann wenige Wochen vor seinem Tod kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten? Die Schlusssätze seines Vorworts geben Aufschluss: „Abschließend möchte ich erklären, dass die Aussage, die ich in diesem Buch mache, möglicherweise die wichtigste Aussage ist, die ich je niedergeschrieben habe.“[4]
Schaeffer übertreibt hier vielleicht etwas, denn zweifellos waren seine Beobachtungen zu den Denkvoraussetzungen der wachsenden Ablehnung der biblischen Ethik im Westen sein wichtigstes Vermächtnis. Was jedoch die unmittelbaren Folgen der gesellschaftlichen Ablehnung der Existenz Gottes und seiner Offenbarung betrifft, war das Buch von entscheidender Bedeutung. Es war eine Warnung zur rechten Zeit.
Der Hintergrund
Wir müssen jedoch mit dem größeren Ganzen beginnen.
Als sich Schaeffer Anfang der 1930er-Jahre auf seine Ordination in der Presbyterianischen Kirche vorbereitete, hatte der Liberalismus der alten Schule die theologischen Seminare bereits erobert. Princeton war nicht mehr länger eine Bastion protestantischer Orthodoxie. Die Größen der Vergangenheit – wie die beiden Hodges und B.B. Warfield – waren nicht mehr da, und die Gegenoffensive, die J. Gresham Machen (einer der wichtigsten Einflüsse auf Schaeffer) kurz zuvor zu starten versucht hatte, war gescheitert. Für seine Mühen war er seines Amtes enthoben und 1936 entlassen worden. Da die Kirche damals immer noch eine Stimme war, die gesellschaftliches Gewicht hatte, sorgte Machens Ausschluss für Schlagzeilen. Schaeffer hebt dies hervor, um die Schnelligkeit zu betonen, mit der sich die amerikanische Gesellschaft veränderte. Der begrenzte Respekt, den gewöhnliche Menschen für die alten Werte (z.B. die Heiligkeit der Ehe und das ungeborene Leben) hatten, war immer noch spürbar. Innerhalb nur eines Jahrzehnts wurde dies jedoch beiseitegefegt. Die alten Spielregeln galten nicht mehr: Die sogenannte sexuelle Befreiung hatte begonnen.
Interessanterweise macht Schaeffer die bibeltreuen Gemeinden selbst für diesen moralischen Verfall verantwortlich. Warum? Weil die Verantwortlichen, nichts unternommen hatten, um es zu verhindern, obwohl sie wussten, dass dies geschehen würde. Er sagt:
„Eben diese Umwälzung [die in den protestantischen Mainline-Kirchen von 1900 bis 1936 stattfand] legte die Grundlage für die kulturellen, sozialen, moralischen, gesetzlichen und staatlichen Veränderungen, die bis in unsere Gegenwart hineinreichen. Ohne diese Strömung in den Denominationen hätten die Veränderungen der letzten fünfzig Jahre in unserer Gesellschaft meiner Überzeugung nach doch sehr andersartige Ergebnisse hervorgebracht, als wir sie jetzt haben. Als sich die Reformationskirchen in ihrer Ansicht änderten, wurde der Konsens der Reformation untergraben.“[5]
Nach 1936 begannen die Mainline-Denominationen stark an Mitgliedern zu verlieren. Warum sollte man in die Kirche gehen, wenn man dort nur moralische Plattitüden geboten bekam? Die bibeltreuen Denominationen hingegen erlebten einen Aufschwung. Ein unverhohlenes Bekenntnis zum Evangelium und zur historischen Zuverlässigkeit der Bibel erwies sich als attraktiv. Das *Time-*Magazin brachte sogar eine Titelgeschichte über dieses neue Phänomen: eine evangelikale Mehrheit in der amerikanischen Nation!
Es war jedoch nichts so, wie es schien. Das Gemeindewachstum hatte ein trügerisches Gefühl der Sicherheit hervorgerufen. Als Schaeffer 1966 auf dem Billy-Graham-Kongress in Berlin sprach, versuchte er, darauf einzugehen.[6] Der Druck seitens der Liberalen hatte sich, wenn überhaupt, noch verstärkt: Der Modernismus war zum Existentialismus geworden und der Existentialismus zur Postmoderne. Die Täuschungen waren subtiler, aber gefährlicher. Den neuen Theologen zufolge konnten Aussagen der Bibel geistlich bedeutsam sein, auch wenn sie faktisch falsch waren. Jesus sei vielleicht nicht wirklich von den Toten auferstanden, aber das spiele keine Rolle: Als Konzept büße seine „Auferstehung“ nichts von ihrer geistlichen Kraft ein. Schaeffer nannte dies „die existentiale Methode“, die er für mächtig genug hielt, die Zivilisation, wie wir sie kennen, zu zerstören. Diese theologische Verschiebung sollte zu einer dauerhaften Bedrohung werden.
Auf seinem Sterbebett schüttete er ein letztes Mal sein Herz aus. Er befürchtete, der Evangelikalismus sei im Begriff, den Fehler des frühen 20. Jahrhunderts zu wiederholen.
Worin bestand dieser? Er hatte mit den Umwälzungen in den Denominationen zu tun, genauer gesagt mit der Abkehr vom Prinzip der biblischen Autorität. Wie er es in Lausanne formulierte: „Ist die Bibel wahre Wahrheit und unfehlbar in Bezug auf die Dinge, über die sie spricht, und zwar auch wenn sie über historische Ereignisse und den Kosmos spricht, oder ist die Bibel nur in einem gewissen Sinne Offenbarung, nämlich wenn sie religiöse Themen berührt?“[7]
Diese Frage führt uns ganz natürlich zur „großen evangelikalen Verwischung”.
Die Verwischung
Angesichts der Art, wie Schaeffer seine Frage formulierte (und der Tatsache, dass er vor rund 2.700 Teilnehmern und Gästen aus über 150 Nationen sprach), sah er sich genötigt, seine Botschaft kurz und prägnant zu halten. In gewisser Weise bediente er sich einer Kurzform: Mit der Formulierung „über historische Ereignisse und den Kosmos“ bezog er sich in erster Linie auf 1. Mose 1–3 (was den Anwesenden klar gewesen sein dürfte). Es war seine Art, zu sagen, dass nicht nur seine eigenen Schriften auf der grundlegenden Realität einer Schöpfung und eines Sündenfalls in Zeit und Raum beruhten, sondern diese im Einklang standen mit denen des Alten und Neuen Testaments sowie den historischen Glaubensbekenntnissen der Kirche. Bis zum späten 19. Jahrhundert hatte keine Kirche gezögert, die traditionelle Sichtweise zu lehren: Adam und Eva waren zwei individuelle Menschen wie wir selbst (homo sapiens, geschaffen „nach dem Bild Gottes“); sie waren die Stammeltern der Menschheit; sie wurden durch einen einzigartigen Schöpfungsakt als endliche und moralische Wesen ohne Sünde oder einen angeborenen Makel geschaffen; erst nachdem sie versucht und verführt worden waren, wurde die tatsächliche Realität des Bösen, des Leides sowie des physischen Todes Teil ihrer Erfahrung.
Dass Schaeffer stehende Ovationen erhielt, ist bemerkenswert. Er hätte kaum deutlicher sein können: „Dies ist heute eine Frage des Bibelverständnisses. Die Wasserscheide der evangelikalen Welt besteht da, wo man von der Bibel überzeugt ist oder nicht.“[8]
Der Elefant im Raum
Worüber niemand sprach, war natürlich das Thema Evolution. Seit 1859 – dem Jahr, in dem Darwins Die Entstehung der Arten erschienen war – hatte sich ein neuer wissenschaftlicher Konsens herausgebildet. Was auch immer Darwin selbst über Gott dachte: Man ging allgemein davon aus, dass ein übernatürlicher Schöpfer nicht mehr notwendig und der biblische Schöpfungsbericht lediglich ein Mythos sei. In Wahrheit habe man es mit einem rein physikalischen Phänomen zu tun (später als „Urknall“ bezeichnet), woraus sich das Leben dann allein als Ergebnis physikalischer und chemischer Prozesse entwickelte. Schließlich entstanden die Menschen durch natürliche Selektion, die auf zufällige Mutationen einwirkte.
Ich bezeichne das als „den Elefanten im Raum“, weil ich glaube, dass Schaeffers Zuhörer nicht wirklich begriffen haben, wie radikal er eigentlich war. Einerseits gefiel ihnen, was er über Apologetik sagte. Seine Kritik an der modernen Philosophie erinnerte sie an den Apostel Paulus. Hatte Paulus nicht dieselbe Art von Logik in Athen und auch in seinem Römerbrief verwendet? Wenn Menschen sich von Gottes geoffenbarter Wahrheit abwenden, wirken ihre Alternativen am Ende lächerlich.[9] Schaeffers kurze Skizzen des westlichen Denkens – vom Rationalismus der Aufklärung zum existentialistischen Irrationalismus usw. – verdeutlichten dies. An der Art und Weise, wie humanistische Ideen im Westen implodiert waren (und dabei dem Leben der Menschen viel Schaden zufügten), konnten seine Zuhörer erkennen, dass der wissenschaftliche Materialismus eine Sackgasse war. Schaeffers Ansatz war aufregend und bewegend: Er erhielt sogar stehende Ovationen.[10]
Andererseits klang Schaeffer unangenehm fortschrittskritisch. Mussten die Evangelikalen wirklich so an der Unfehlbarkeit der Bibel festhalten? Forderte er sie nicht dazu auf, den Kopf in den Sand zu stecken? Hatte sich die Evolutionstheorie nicht als wissenschaftlich wahr erwiesen? (Natürlich gab es noch andere wissenschaftliche Bedenken, aber exemplarisch muss 1. Mose 1–3 hier vorerst genügen.)
Die Grundzüge der Verwischung zeichneten sich bereits ab. Schritt eins: Der biblische Schöpfungsbericht steht im Widerspruch zur Wissenschaft. Schritt zwei: Eine Anpassung der Textbedeutung wird als notwendig erachtet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich die neue Lehrmeinung der theistischen Evolution bereits weit verbreitet. Nur „Fundamentalisten“ waren anderer Meinung.
Nur wenige schienen das Ausmaß dessen zu begreifen, was geschah. Die meisten geistlichen Leiter ignorierten die Probleme und predigten weiterhin „den Schöpfungsbericht“, als wäre nichts geschehen. Es sei immer noch möglich, so meinten sie, den „Schöpfung-Sünde-Erlösung“-Rahmen aufrechtzuerhalten, auch wenn die Details etwas verschwammen. Diese Unschärfe war notwendig: Über „Design“ in der Schöpfung,[11] die Natur der Menschheit in ihren Anfängen oder die Tatsache, dass der Tod durch den Sündenfall in die Welt kam, durfte nichts allzu Eindeutiges gesagt werden. Die Details mussten vage bleiben. Das war Schritt drei.
Der Tod des Menschen und der Sündenfall
Was waren das für Details? Das Hauptproblem war der Tod des Menschen. Wenn Adam und Eva nicht die ersten Menschen auf dem Planeten waren und die Vorläufer des Menschen im Laufe des Evolutionsprozesses ständig starben, wann trat dann das Gesetz der Sünde und des Todes in Kraft, von dem das Neue Testament spricht?[12] Heißt es in 1. Mose 1–3 nicht ausdrücklich, dass auf die Sünde des Menschen der Tod folgen würde? Und ist das Neue Testament diesbezüglich nicht ebenso eindeutig?[13]
Persönlich augenöffnend war für mich mein Kontakt zu Denis Alexander um die Jahrtausendwende.[14] Um 1996 herum, als meine Frau und ich nach Cambridge zogen, erhielt ich eine Kopie eines seiner jüngsten Vorträge. Das brachte mich in direkten Kontakt mit Ideen und Vorstellungen, von denen ich gehofft hatte, ihnen innerhalb des Evangelikalismus niemals zu begegnen. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass die Maßstäbe inzwischen so weit wie möglich verschoben worden waren: Der Tod des Menschen war nicht länger eine Folge des Sündenfalls, sondern ging diesem voraus (was auch immer das in diesem neuen Szenario bedeuten mochte).[15] Mit anderen Worten: Der Tod war für den Menschen ebenso „natürlich“ wie für Tiere und Pflanzen, schlichtweg eine Tatsache des auf Kohlenstoff basierenden Lebens.
Das einzige Zugeständnis an den Schöpfungsbericht schien die Behauptung zu sein, dass der gesamte Prozess auf geheimnisvolle Weise unter Gottes Vorsehung stand und von ihm geleitet wurde.
Mir wurde schlagartig klar, wie ernst die Sache ist. Wenn der Tod des Menschen nichts mit der Sündhaftigkeit der Menschheit zu tun hat, was hat Jesus dann am Kreuz getan? Ja, er diente als stellvertretendes Sühneopfer für die Schuld der Menschen, aber hat er durch seine leibliche Auferstehung (nach der Tragödie des leiblichen Todes) nicht auch den Tod besiegt? Das war es doch, woran die Kirche immer geglaubt hat!
Wenn der Tod des Menschen keine Folge des Sündenfalls ist, wie kann er dann am Kreuz besiegt werden?
Die Zugeständnisse, die die theistische Evolution macht, sind radikal und weitreichend. Zunächst widersprechen sie der historischen Lehre der Kirche. Was die Sache jedoch doppelt problematisch macht, ist, dass die Theorie selbst zunehmend unglaubwürdig klingt. Warum? Weil das, was theistische Evolution überhaupt „notwendig“ macht (nämlich die Tatsache der Evolution, die früher so überzeugend schien), weit weniger sicher ist als ursprünglich angenommen. Die Evolution wird heute stärker infrage gestellt als jemals zuvor seit 1859. Es ist keineswegs so, dass die Evolutionisten die neo-darwinistische Formel aufgegeben hätten, aber das Modell sieht sich nun starkem Gegenwind ausgesetzt. An erster Stelle stehen dabei die wissenschaftlichen Entdeckungen der letzten siebzig Jahre, insbesondere der Durchbruch von Crick und Watson zur Doppelhelix im Jahr 1953. Diese haben „harte Fakten“ ans Licht gebracht, die unüberwindbare Probleme für die Evolutionstheorie aufwerfen. Es ist heute bekannt, dass die Komplexität in der mikroskopischen Welt so groß ist, dass rein physikalische Erklärungen absurd erscheinen – etwas, worüber wir in den kommenden Jahren noch mehr hören werden. An dieser Stelle verdient diese Anekdote über Richard Dawkins Beachtung, der in einem Interview die Frage nach dem Beginn des Lebens folgendermaßen beantwortete: „Niemand weiß, wie es begann!“[16] Aber ging es Darwin nicht genau darum, den Ursprung des Lebens zu erklären? Angesichts einer derartigen Lücke in der Theorie fragt man sich, warum die Experten so überzeugt von ihr sind.
Schaeffer hingegen war nie überzeugt von der Evolutionstheorie. Er räumte ein, dass es in 1. Mose Stellen gibt, die weniger eindeutig sind als andere, und riet dazu, in solchen Fällen nicht dogmatisch zu sein. Seine einfache Regel lautete, das zu bekräftigen, was die Bibel lehrt, und nicht auf dem zu beharren, was sie nicht lehrt. (Er wies beispielsweise häufig darauf hin, dass das Wort „Tag“ in 1. Mose 1, rein sprachlich gesehen, mehrere Bedeutungen als ausschließlich einen 24-Stunden-Tag zulässt.) Er sagte das jedoch nie, um der Frage auszuweichen, und schloss auch die Möglichkeit einer Schöpfung in sechs 24-Stunden-Tagen nie aus. Er zog es vor, in einigen Fragen agnostisch zu bleiben, und sich gegenüber der Wissenschaft eine gesunde Skepsis zu bewahren. Eine öffentliche Debatte, die er um 1982 in London führte, lässt daran keinen Zweifel.[17] Ende der 1960er-Jahre hatte ich von einem jungen promovierten Wissenschaftler namens Arthur Jones gehört, der Ende der 1960er-Jahre an der University of Birmingham an einer anti-darwinistischen Dissertation arbeitete.[18] Ich nahm Kontakt zu ihm auf und ermutigte ihn, sich weiterhin zu diesem Thema zu äußern. Unterdessen wurden auch Mitglieder des Victoria Institute (das 1865 von Evangelikalen gegründet wurde, um die Wahrheiten der Bibel zu verteidigen, Anm. d. Red.), allesamt überzeugte Evolutionisten, auf diesen eigenwilligen Biologen aufmerksam.[19] Sie organisierten eine Debatte mit ihm und baten Schaeffer, die anti-evolutionäre Sichtweise theologisch zu verteidigen, während Arthur sich mit der naturwissenschaftlichen Seite befasste. Die Debatte verlief freundschaftlich und war in gewissem Maße aufschlussreich, verdeutlichte jedoch sehr gut die Verwischung. Alle bestanden darauf, dass die darwinistische Wissenschaft Vorrang vor den biblischen Berichten haben müsse.[20] Anstatt unseren Vorgängern aus dem 16. Jahrhundert zu folgen und jede „parallele Autorität“ (zur Bibel) abzulehnen, schienen sie sich der Ironie der ganzen Sache überhaupt nicht bewusst zu sein: Die theistische Evolution entscheidet sich, zu leugnen, dass der Tod des Menschen eine Folge des Sündenfalles ist – was jedoch die Bibel in ihrer Gesamtheit ausdrücklich lehrt.
Eines der Opfer dieses Schwindels war die Apologetik. Als es den Evangelikalen peinlich wurde, sich auf den Schöpfungsbericht zu berufen, machten sie es sich selbst schwer, eine angemessene Antwort auf den philosophischen Materialismus zu finden.[21] Stattdessen zogen sie sich auf scheinbar sichereren biblischen Boden zurück, nämlich auf die leibliche Auferstehung Christi. Dies würde die Lücke füllen, die die Wissenschaft hinsichtlich „physikalischer Beweise“ für eine übernatürliche Realität hinterlassen hatte. Die Natur konnte diese nicht liefern, die laut ihrer Wissenschaft schlichtweg ein Produkt des Zufalls war.
Im Vergleich dazu akzeptierte Schaeffer den Schöpfungsbericht als seinen Ausgangspunkt. Er berief sich auf ihn als seine Vorannahme und zeigte auf dieser Grundlage auf, dass der Materialismus zu viel beweist: Einerseits liefert er Antworten auf physikalische Fragen (über Luftfahrt, medizinische Infektionen usw.), und zwar gute; andererseits erklärt er jedoch genau jenen Geist weg, der diese wissenschaftlichen Antworten überhaupt erst hervorgebracht hat. Das kann nicht richtig sein. Wenn unsere materialistische Sichtweise der Wissenschaft uns dazu führt, unsere eigene Menschlichkeit zu leugnen, beginnt das Bild der Realität, das uns bleibt, wie eine Selbstzerstörungsmaschine auszusehen. Das war der Grund, warum die Existentialisten so endeten, wie sie es taten.[22] Sie mussten einräumen, dass auch Erkenntnis relativ ist – nur konnten sie so nicht leben. Daher rührt die (Anziehungs-)Kraft von Schaeffers Apologetik. Im Wesentlichen drehte er das Argument auf den Kopf. Wenn alles an der menschlichen Erfahrung so aussieht, als stehe ein Design und eine Absicht dahinter, dann deshalb, weil es designt und beabsichtigt ist. Es zeugt von einer anderen Art von Realität, einer Realität, die zu unserem Personsein „passt“, nämlich einem Universum, das von dem personalen Gott der Bibel geschaffen wurde. Personalität und Natur sind real und erkennbar. Erkenntnis und Wissen funktionieren, auch wenn sie niemals ausschöpfend sind. Die Realität ist kein schlechter Scherz. Die Fakten sprechen für sich. Die Belege sprechen gegen den materialistischen Albtraum, der (im Glauben) annimmt, Dinge würden von allein ins Dasein springen. Tatsächlich wird der Humanismus durch seine eigene Waffe besiegt. Die Wissenschaft gehört Gott.
Schlussfolgerung
Es ist Zeit, zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren.
Schaeffers letztes Buch war ein verzweifelter Versuch, den Evangelikalismus vor dem Untergang zu bewahren. Er hatte gesehen, wozu theologische Verschiebungen und Fehlentwicklungen in der Kirche führen, wenn man sich ihnen nicht entgegenstellt. Ganze Denominationen waren gescheitert, weil sie es versäumt hatten, die Autorität der Schrift aufrechtzuerhalten. In seinen letzten Monaten hatte er das Gefühl, er müsse seine Stimme erheben. Eine desaströse Anpassung bahnte sich an, und ihm wurde klar, dass jemand Alarm schlagen musste. Hatte er recht? Die Zeit wird es zeigen.
Was ich hinsichtlich des Buches zu verdeutlichen versucht habe, ist die Rolle, die die Evolutionstheorie hinter den Kulissen spielte. Auch wenn Schaeffer den Ausdruck selbst nicht verwendete, war es ganz klar diese Frage, die er im Sinn hatte. In Lausanne hatte er 1974 die Frage aufgeworfen, ob die Bibel wahre Wahrheit ist, „auch wenn sie über historische Ereignisse und den Kosmos spricht“. Worum es Schaeffer hier ganz zentral ging, war die Tatsache, dass der Tod des Menschen eine Folge des Sündenfalls ist. Dieses Thema zieht sich konsequent durch seine Schriften. Noch einmal: Er hat es vielleicht nicht umfassend in Bezug auf die Evolutionstheorie ausbuchstabiert, aber für diejenigen, die mit ihm zusammenarbeiteten, war dieser Zusammenhang offensichtlich.
Die Ergänzung meinerseits betrifft den Stellenwert der theistischen Evolution innerhalb des Evangelikalismus. Die Tatsache, dass bibeltreue Gemeinden ein hohes Maß an Ambiguität und Unklarheit akzeptieren, wenn es um Adam und Eva, den Garten Eden oder die Erbsünde geht, ist keine Nebensache. Auch wenn man nachvollziehen kann, dass sich Befürworter der theistischen Evolution durch das Gewicht der wissenschaftlichen Meinung zu dieser Haltung genötigt fühlen, untermauert dies nur Schaeffers Argument: Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte sollte sich die Kirche aktuellen intellektuellen Moden unterwerfen. Ganz egal, wie die Statistiken stehen und wie plausibel sie auch erscheinen mögen, ist dies notwendigerweise ein falscher Schritt – und zwar prinzipiell.
Tatsächlich hat diese Verwischung von 1. Mose 1–3 der Kirche im Laufe des letzten Jahrhunderts mehr geschadet als irgendein anderer Faktor. Zum einen hat sie ihr Verständnis und ihre Freude an der Wahrheit getrübt. Zum anderen hat sie ihre Fähigkeit untergraben, der Lüge entgegenzutreten. Nun, da diese Verwischung abgelöst wurde von der Leugnung der Tatsache, dass der Tod des Menschen eine Folge des Sündenfalls ist, ist zum Schaden auch noch der Spott dazugekommen. Es beginnt beunruhigend danach auszusehen, als hätten wir es mit einem anderen Evangelium zu tun.
Vor diesem Hintergrund drängt sich eine abschließende Frage auf: Was sollte die Haltung der Kirche zu dieser Form der theistischen Evolution sein? Wenn es darum geht, klare Grenzen zu ziehen, ist dies natürlich ein heikles Thema, das sorgsam und mit Bedacht gehandhabt werden sollte. Einerseits müssen die Grundlagen des Glaubens gewahrt bleiben, andererseits muss die menschliche Neigung berücksichtigt werden, Debatten mit Härte und Bitterkeit zu führen. (Schaeffers Beitrag dazu war sein kleines Buch Das Kennzeichen eines Christen, das viele als sein bestes ansehen; es unterstreicht das biblische Gebot, dass bei Kontroversen über wichtige Lehrfragen – inmitten von ernsthaften Meinungsverschiedenheiten – Liebe der ultimative Test für geistliche Integrität ist.)
Was sich innerhalb der ursprünglichen christlichen Studentenbewegung im Vereinigten Königreich ereignete, dient als lehrreiches Beispiel. Die heutige UCCF (Universities and Colleges Christian Fellowship) entstand, als unter dem Druck liberaler Ideen – hauptsächlich hinsichtlich des stellvertretenden Todes Christi – einige das Gefühl hatten, das Evangelium werde verwässert. Die beiden Seiten diskutierten ihre Meinungsverschiedenheiten und eine Spaltung wurde unvermeidlich. Im Jahr 1910 spaltete sich der konservative Flügel ab und gründete die UCCF. Interessanterweise verlor die SCM (Student Christian Movement), obwohl sie zum Zeitpunkt der Spaltung der größere Teil war, stetig an Mitgliedern und Einfluss, löste sich schließlich auf und verschwand.
Um theologische Verschiebungen (und Verwischungen?) nicht ungehindert fortschreiten zu lassen, griff die UCCF auf ein Glaubensbekenntnis zurück, das Redner bei offiziellen Zusammenkünften (und natürlich alle Amtsträger) unterzeichnen mussten. Abgesehen von der Sache mit der Verwischung, funktionierte die Strategie gut. Vielleicht ist es genau das, was nun in Bezug auf die Lehre vom Sündenfall geschehen muss. Eine einfache Erklärung dieser Art wäre sicherlich nicht schwer zu formulieren. Angesichts der aktuellen Diskussionen über Verwischungen und Verfälschungen würde sie zu größerer Klarheit beitragen. Noch wichtiger ist, dass sie das evangelikale Schiff davor bewahren könnte, an den Riffen dessen zu zerschellen, was manche als einen Mythos bezeichnet haben – möglicherweise den verdrehtesten aller Zeiten.[24] Im Laufe ihrer Geschichte hatte die Kirche nur ein einziges verlässliches Mittel, um zwischen „Mythen und Fantasien“ und (wie Schaeffer es nannte) „wahrer Wahrheit“ zu unterscheiden – das Wort Gottes!
Das ist der Grund dafür, warum Schaeffer Die große Anpassung überhaupt schrieb.
1 Vgl. Francis A. Schaeffer, Die große Anpassung: Der Zeitgeist und die Evangelikalen, Bielefeld: CLV, 4. Aufl., 2022. Für ein hilfreiches Interview über das Buch und Francis Schaeffer im Allgemeinen vgl. „Francis Schaeffer & Ranald Macaulay Part I“, YouTube, 02.06.2022, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=5wviNr2CwL8 (Stand: 31.03.2026); „Francis Schaeffer & Ranald Macaulay Part II“, YouTube, 14.06.2022, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=WEsvoOHSN6o (Stand: 31.03.2026).
2 Francis Schaeffer, „Francis Schaeffer at International Congress of World Evangelism, Lausanne, Switzerland, July 1974“, YouTube, 29.20.2011, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=wMYEH435os0&t=20s (Stand: 31.03.2026).
3 In Anlehnung an Psalm 84,8 waren seine letzten Worte: „[Sie schreiten] von Kraft zu Kraft, [erscheinen vor Gott in Zion].“
4 Schaeffer, Die große Anpassung, S. 18.
5 Ebd., S. 41 (Hervorhebung hinzugefügt).
6 Das geht aus einem Brief von Edith Schaeffer hervor (persönlicher Brief im Besitz des Autors). Ein Freund von mir, Michael Cassidy, war bei Schaeffers Workshop anwesend und von dem, was er hörte, so beeindruckt, dass er versuchte, den Zeitplan so umzuorganisieren, dass Schaeffer vor der gesamten Konferenz sprechen konnte.
7 Schaeffer, „Francis Schaeffer at International Congress of World Evangelism, Lausanne, Switzerland, July 1974“.
8 Schaeffer, Die große Anpassung, S. 60.
9 „Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden“ (Röm 1,22).
10 Derweil verkauften sich seine Bücher hinter den Kulissen zu Tausenden (was bis heute so geblieben ist).
11 Ich erhielt sogar eine kurze Nachricht von einem früheren Generalsekretär der UCCF (Universities and Colleges Christian Fellowship), Oliver Barclay, in der er mich dringlich bat, mich beim Thema Design vorsichtiger zu äußern. Er und andere Generalsekretäre, die ich kannte, gingen ganz selbstverständlich von theistischer Evolution aus.
12 Vgl. 1Kor 15,26.
13 Vgl. z.B. Röm 5,12.
14 Denis Alexander ist ein renommierter Genetiker und Gründer des Faraday Institute for Science and Religion.
15 Vgl. Ranald Macaulay, „Rescuing Darwin or Wrecking the Faith”, Evangelicals Now, 01.11.2008, online unter: https://www.e-n.org.uk/features/2008-11-rescuing-darwin-or-wrecking-the-faith/ (Stand: 31.03.2026); Ranald Macaulay, „An Intrinsic or Extrinsic Image of God“, Evangelicals Now, 01.10.2014, online unter: https://www.e-n.org.uk/features/2014-10-intrinsic-or-extrinsic-image/ (Stand: 31.03.2026).
16 Online unter: https://docs.google.com/document/d/1xmb0lqHddbejrnNYhZ39b2CsdtAOsJHz/edit (Stand: 31.03.2026).
17 Dieser Absatz entstammt dem Buch He Still Speaks (2020), das das Vermächtnis von Francis und Edith Schaeffer würdigt (S. 19). Weitere Informationen über das Buch sind zu beziehen über: www.labri.org.
18 „Lowenstein sagte ihm, er würde es niemals zulassen, dass ein Evolutionsgegner in seinem Fachbereich forscht. Dennoch erlaubte er Arthur, Forschung zu betreiben und seinen Doktorgrad zu erwerben, womöglich in der Hoffnung, die Dozenten könnten die Zeit nutzen, um Arthur davon zu überzeugen, dass die Evolution wahr ist“ (private E-Mail, 04.11.2020).
19 Das Victoria Institute existiert heute unter dem Namen „Life and Thought“.
20 Auf eine meiner Fragen gaben einige zu, sie seien sich hinsichtlich der leiblichen Auferstehung nicht sicher.
21 Am Rande sei bemerkt, dass sie auch Paulus’ Argument in Römer 1,16–32 übersahen.
22 Man denke in diesem Zusammenhang an das Theater des Absurden.
23 „Nachdem wir eine Stunde gesprochen hatten, fragte ich Rollo unverblümt: ‚Stellt die SCM das Sühneblut Christi in den Mittelpunkt?‘ Er zögerte und sagte dann: ‚Nun, wir erkennen es an, aber es steht nicht unbedingt im Mittelpunkt.‘ Dan Dick und ich erklärten daraufhin, dass dies für uns in der CICCU (Cambridge Inter-Collegiate Christian Union) die Sache erledige. Wir könnten niemals einer Organisation beitreten, die das Sühneblut Jesu Christi nicht ins Zentrum rückt; und so trennten sich unsere Wege“ (online unter: https://www.roger-pearse.com/weblog/2013/09/05/miscellania-some-snippets-about-the-ciccu-and-the-scm-from-google-books/ [Stand: 31.03.2026]).
24 Vgl. James Le Fanu, Why Us? How Science Rediscovered the Mystery of Ourselves, New York: Harper, 2009, S. 261–262.