Ist der Mensch von Natur aus gut?
Die Vorstellung, dass der Mensch von Natur aus im Grunde gut sei, erinnert an die alte pelagianische Irrlehre, die behauptete, dass Adams Sünde nur Adam selbst betraf. Nach dieser Ansicht blieb die menschliche Natur durch den Sündenfall Adams unbeeinträchtigt. Die Heilige Schrift lehrt jedoch etwas anderes und macht deutlich, dass Adams Sünde all seine natürlichen Nachkommen in Mitleidenschaft gezogen hat (vgl. Röm 5,12–14). Von Natur aus sind Menschen „Kinder des Zorns“ (Eph 2,3). Dies ist der theologische Kerngedanke hinter dem Begriff der völligen Verderbtheit (Total Depravity) – dem „T“ im TULIP-Akronym der reformatorischen Gnadenlehre. Mit anderen Worten: Die Sünde hat uns alle (mit Ausnahme von Jesus) an Herz, Verstand, Körper und Seele verdorben. Diese Lehre zieht sich durch das gesamte Alte und Neue Testament (vgl. 1Mose 6,5; Ps 14,1–3; 143,2; Pred 7,20; Jes 64,6; Mk 7,18–23; Röm 1,21–32; 3,10–18.23; 8,5–8; Gal 4,3; Eph 2,1–3; 4,17–19; Tit 3,3).
Das kann unter Christen zu Verwirrung führen, weil die Bibel auch lehrt, dass der Mensch von Gott nach seinem Ebenbild geschaffen wurde (vgl. 1Mose 1,26–27), und Gott alles, was er geschaffen hat, als gut bezeichnet (vgl. Vers 31). Wenn also alles, was Gott geschaffen hat, gut ist, und wenn Gott die menschliche Natur geschaffen hat, muss die menschliche Natur dann nicht zwangsläufig gut sein? Ja. In ihrer ursprünglichen Erschaffung war die menschliche Natur gut. Ein Teil der menschlichen Natur ist jedoch der freie Wille. Die ersten Menschen hatten die Verantwortung, ihren geschaffenen Willen perfekt mit Gottes Willen in Einklang zu bringen – ihm zu gehorchen. Stattdessen gehorchten sie Gott nicht. Wie Satan stellten sie ihren Willen dem Willen Gottes entgegen und brachten Sünde und Elend in die Welt und in ihre eigene Natur. Mit anderen Worten: Sie sündigten. Als sie dies taten, wurde die menschliche Natur verzerrt und verdorben. Da Gleiches stets Gleiches hervorbringt, werden heute alle Menschen mit einer verdorbenen und gefallenen menschlichen Natur geboren. Menschen werden jetzt als Sklaven der Sünde geboren.
Aus diesem Grund ist auch die Behauptung, „jeder sündigt halt ein bisschen“, falsch. Wir neigen dazu, uns mit anderen Menschen zu vergleichen, und ziehen für diesen Vergleich gerne die absoluten Negativbeispiele heran. Wir vergleichen uns gerne mit Menschen wie Adolf Hitler, Joseph Stalin oder Mao Zedong. Es ist ein Leichtes, sich selbst in einem guten Licht zu sehen, wenn der Maßstab bloß lautet, nicht Millionen von Menschen ermordet zu haben. Doch dies ist nicht der Maßstab, mit dem das Wort Gottes Sünde misst. Der Maßstab ist Gottes Wille, und die Anforderung lautet: vollkommener Gehorsam gegenüber seinem Willen. „Denn wer das ganze Gesetz hält, sich aber in einem verfehlt, der ist in allem schuldig geworden“ (Jak 2,10; vgl. Gal 3,10). Die Frage ist nicht: Hast du heute darauf verzichtet, Millionen zu ermorden? Die Frage ist: Hast du heute den „Herrn, deinen Gott, … mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken“ vollkommen geliebt? Hast du deinen „Nächsten ... wie dich selbst“ vollkommen geliebt (Mt 22,37–39)? Wie oft hast du darin versagt, dies in vollkommener Weise zu tun? War es nur ein bisschen? Nein. Wir versagen darin sehr oft, und das bedeutet, dass wir viel sündigen. Genau deshalb brauchen wir die vollkommene Gerechtigkeit Jesu Christi. Er ist der Einzige, der das Gesetz jemals vollkommen erfüllt hat.